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Die Wahrheit · 1933-09-20 · Heft 38-39 (20.9.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 38-39 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT LEOPOLO "MASSCHUHE nur VII. BUR8GASSE S M Und nicht genug daran, daß man des Religionsgesetzes wie einer lästigen Fessel sich entledigte. Unsere Religion selbst sollte sich dem neuen Zeitgeiste anpassen, das Judentum „freiheitlichen" Ansprüchen sich fügen. Wir verfielen in die alte Torheit isner Wanderer in der Wüste, die eben erst das Joch der Pharaonen abgestreift hatten und schon die Zucht der Religion für eines freien Mannes unwürdig erklärten, die von Ahron forderten: (Kum asseh lonu . . .) „Auf! Mache uns einen Gott, der vor uns herzieht!" Nicht einen Gott, der führt und dem man vertrauensvoll folgt, sondern der voranzieht, wohin man ihn lenkt, wie man das Kalb zu Markte treibt Ein goldenes Kalb, das sich mit jedem Wechsel der Zeit- Strömung und Volksstimmung umschmelzen, in neue Formern gießen läßt, ein Popanz, den man haben kann, wie ihn die Eintagsmode beliebt, das war ihr Gott Nicht der Gott: „Ewiger, Herr der Heerscharen, ich werde sein, der ich war und bin", der erhaben ist über Zeitströmung und Modetorheit, in dessen Augen (ki elef schonim . .) tausend Jahre wie ein flüchtiger Tag sind Dieser neue Geist war nicht der jüdische Geist, sondern schnöder Verrat am Judentum. Aber gerade „der Tanz ums goldene Kalb" wurde von unseren Gegnern gierig aufgegriffen und als „der jüdische Geist" abgestempelt. Er wurde eines der Schlagworte, die uns fast in einem Atem entgegengeschleudert werden mit dem des „jüdischen" Marxismus. Aber so gut man . weiß, daß der schon als Kind getaufte Marx seine' Abneigung gegen das Judentum in Urteilen kund tat, die beweisen, wie wenig er es kannte, und daß Marx in seinen Lehren nichtjüdische Vorläufer, wie Rodbertus, und niclitjüdische Mitarbeiter, wie Engels, hatte, ebenso bekanmit ist, daß der Tanz um das goldene Kalb am lautesten den Juden mit Vorliebe gerade von solchen Stellen vorgeworfen wird, die als Vortänzer in diesem Reigen gelten dürfen. Nicht Hinweise auf Bibel. Talmud und das jüdische Gebetbuch, die offen zu tage liegen, sollen hier davon zeugen, wie gerade dem jüdischen Geist nichts ferner liegt und feindlicher gegenübersteht als Geldgier und grobsinnlicher Genuß. Sondern weit mehr das, was das jüdische Volk zwischen den Zeilen seiner heiligen Schriften intuitiv über die Verwerflidikeit jenes Taumels um das Gold hexauslas, als die schwerste Sünde, mit der sielt die jüdische Volksseele belastet fühlte. Diese spontanen Ausbrüche der Entrüstung und der Reue, sie fallen weit schwerer ins Gewicht und reden eine weit deutlichere Sprache vom jüdischen Geiste. Man braucht nur etwa zu lesen, wie der Midrasch zu Koheleth 5, 17 bei aller Schärfe seiner Kritik an denen, die am goldenen Kalb Schuld trifft, doch diese Schuld auf diese Uebeltäter beschränkt wissen will, wie er den Frauen, die sicli dagegen wehrten, die verdiente Anerkennung zollt. Und man muß schon ein sehr schlechter Psychologe sein, um aus diesen und anderen Aeußerungen altjüdischen Volksgeistes nacht deutlich zu erkennen, wie energisch aus tiefstem Empfinden das jüdische Volk sich gegen das Unrecht wehrt, jene einmalige Entgleisung einzelner dauernd büßen zu sollen. Man zeige uns doch noch ein einziges Gebetbuch, das so, wie das jüdische, jeden Gedanken — ich sage nicht kapitalistischer Färbung, sondern selbst — an das tägliche Brot schamhaft und bescheiden in den Hintergrund stellt! Unter den vierzig Owinu malkenus, den Wünschen für das neue Jahr, steht an 21. Stelle die Bitte um Parnosso wechalkolo, um Lebensunterhalt und Schutz vor Not! Das ist jüdischer Geist. Wahrlich nicht aus jüdischem Geist geboren ist das „non ölet", „Geld, auch ruchlos ergattert, ist nicht anrüchig". Bernhard von Clairvaux schützte die Juden, weil man ohne sie an den christlichen Wucherern zugrunde ginge. Nicht ein Jude war es, der das Lied sang: „Wer sagt, daß Wucher Sünde sei, der hat kein Geld, das glaube frei!" Haben etwa im Zeichen des Judentums Cortez und Pizarro ihrem Goldhunger blühende Länder und Hochkulruren hingeopfert? Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Oder waren es etwa Juden, die die Sklavenschiffe mit ihrer armen Negerfracht vor der Ausfahrt mit dem Wasser der Taufe besprengen ließen, weil die Kirche nur Heiden aus Afrika als Menschenware auszuführen verbot? Waren es jüdische Profitmacher, die unter den Indianern hölzerne Kruzifixe aufstellten, und, sobald eines umfiel, zur Sühne dafür den ganizen Stamm versklavten? Haben jüdische Fürsten ihre Untertanen als Kanonenfutter in die Fremde verkauft und Offiziere gemaßregelt wenn sie unnützes Blutvergießen vermieden und dadurch den Landesherrn um seinen Blutsofd brachten? Hat jüdischer Geist mit Giften und allen Geißeln der Menschheit Handelspolitik getrieben? Hat jüdisches Goldfieber — und das nicht nur in Kalifornien — das Recht gebeugt und aller Menschlichkeit Hohn gesprochen? JUDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher für eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung Hermann Tuchner, SS&!SKB Lehrbücher für-alle Lehranstalten in den richtigen Auf lagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen Spesenfreie Zusendung überallhin Verzeichnisse kostenlos! Für Ausxünfte: Tel. R 41-4-20 Fern liegt es uns, die Verantwortung für alle diese Scheußlichkeiten etwa dem Christentum oder irgend einer bestimmten Rasse aufzubürden! Aber ebenso verständlich muß es sein, daß wir mit Ausschreitungen einzelner, die man uns willkürlich auf Rechnung setzt, den jüdischen Geist nicht belasten und bemakeln lassen. * * >: Um so freudiger und dankbarer hätten wir Juden es begrüßt, wenn auf dem Wiener Katholikentage, der einen so glänzenden! Verlauf genommen hat, in einer der zahlreichen Ansprachen eine Bemerkung oder auch nur eine Redewendung gefallen wäre, die wir als Ermutigung zum Ausharren in dem furchtbaren Kampf, in dem wir jetzt stehen, hätten deuten dürfen. Gilt doch dieser Kampf nicht nur unserem Dasein, nicht nur unseren Menschenrechten, sondern im Grunde einer Weltanschauung, die genau aus demselben Boden gewachsen ist, genau denselben religiösen Charakter trägt und genau gegen dieselben feindlichen Mächte sich zu behaupten hat wie die Kirche. Wußten nicht die großen Führer des deutschen Zentrums seit Windthorst und Dr. Lieber, was sie taten, wenn sie jedem Angriff auf das Judentum geharnischt entgegentraten? Erkannten sie nicht deutlich in jeder Krisis, die das Judentum zu bestehen hatte, ein Vorspiel zu einer Gefährdung ihres eigenen Glaubens? Gerade während des deutschen Katholikentages und des Jubiläums des Stephansdomes dachten wir an jenen Kanonikus Joh. Emanuel Veith, der 1840 auf der Kanzel eben dieses Domes mit dem Zeichen seines Glaubens in der hocherhobenen Rechten vor Tausenden andächtiger Wiener Katholiken die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung beschwor. Und die Festgäste aus Italien erinnerten uns an den Orientalisten- Achtung i Die vorli egende Feslnummer der „Wahr hell« Ist 16 Sellen stark. Die nächste Nummer erscheint Mittwoch, 4. Oktober (Erew Sukkoth) PeuHleton Wie ehedem der Antisemitismus bekämpft wurde. Im folgenden veröffentlichen wir wieder ein interessantes Kapitel aus der im rührigen Reinhold-Verlag (Wien IX., Löblichsasse 3) kürzlich erschienenen Monographie „Ein Volk unterwegs". In dieser lesenswerten Schrift finden sich verschiedene Briefwechsel, hauptsächlich mit Theodor H e r z 1. von dem Herausgeber Tulo Nussenblatt klug kommentiert, in denen die Probleme jener Tage behandelt werden. Eines dieser Probleme war die Bekämpfung des damals neu aufflammenden Antisemitismus: in welcher Weise man ihm entgegentreten wollte, zeigt das folgende Kapitel. Am 12. November 1880 erließen 76 namhafte deutsche Persönlichkeiten, unter denen sich die damals berühmtesten Namen befanden (Theodor Mommsen, Rudolf Gneist. Prof. Virchow usw.). eine öffentliche Erklärung gegen den Antisemitismus. Auch verschiedene von Nichtjuden verfaßte Schriften, die sich gegen den Antisemitismus wandten, erschienen. : Kaiser Friedrich III., der nur drei Monate Kaiser sein sollte, nannte als Kronprinz den Antisemitismus „die Schmach des Jahrhunderts", ein Wort, das allgemein bekannt wurde. Am 14. Dezember 1890 gründeten nichtjüdische Männer in Berlin den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus". An dessen Spitze stand zuerst der berühmte Rechtsgelehrte Rudolf von Gneist. dessen Nachfolger wurden die freisinnigen Parlamentarier und Vorkämpfer für den Friedensgedanken Heinrich Riekert und Theodor Barth. Diesem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (in der Folge V. z. A. d. A. bezeichnet), dessen Geschicke seit 1909 bis heute der frühere Reichsinnenminister Dr. lng. Georg G o t h e i n leitete, gehören und gehörten Persönlichkeiten verschiedener Glaubensbekenntnisse und Parteirichtungen an. Sein Abwehrkampf wurde in Wort und Schrift geführt Sein Organ, die Abwehrblätter (zuerst unter dem Titel „Mitteilungen") sind das beste Archiv für die Geschichte des Antisemitismus und die Gegenbewegung. Es bestand bis Juli 1933. Die letzte Nummer erschien im März 1933. Schon im Frühjahr 1891 gingen auch in Oesterreich, dem zweiten Zentrum des kämpfenden Antisemitismus, nichtjüdische Männer im Namen der Freiheit, der Menschlichkeit und des Christentums daran, den Antisemitismus zu bekämpfen. Es wurde ein eigener V. z. A. d. A. für Oesterreich mit dem Sitze in Wien gegründet. Baron Arthur Gundaccar v. Suttner. der Gatte der bekannteren Bertha v. Suttner. einer geborenen Gräfin Kinsky, war der eigentliche Gründer. Ergreifend schildert Bertha v. Suttner in ihren „Memoiren", wie ihr Gatte sich entschloß, den Abwehrverein zu gründen. Es war in Wien infolge der antisemitischen Hetze zu schweren Tätlichkeiten gegen Juden gekommen, da begab sich Baron Suttner, in seinem Rechtsempfinden aufs tiefste verletzt zu seinem Freunde, dem Grafen Rudolf Hoyos. Das Gespräch war kurz. „Was gibt's, lieber Suttner. etwas sehr Dringendes?" „Ja. Gerechtigkeit für Verfolgte." ...Lassen Sie hören." Graf Rudolf Hoyos nahm den Plan, den Baron Suttner ihm vorlegte, voll Begeisterung auf; sein Freund, der bekannte Großindustrielle Baron Friedrich L e i t e n b e r g e r, und der berühmte Arzt Professor Hermann Nothnagel schloßen sich an. Diese vier Männer erschienen in der gründenden Versammlung am 14. Mai 1891 am Vortragstische. Prof. Hermann Nothnagel sagte unter anderem: „Der Antisemitismus ist eine Schmach. Sein Ursprung wurzelt in den unlautersten und häßlichsten Eigenschaften der menschlichen Natur. Sein Wesen ist die Aufhebung der Humanität und Gericlitigkeit. Seine Betätigung ist das Zerrbild des Edlen und Guten. Seine Folgen sind die sittliche Verwilderung und Verrohung. Unsere jüdischen Mitbürger sind den empörendsten Beschimpfungen, ja selbst Gewalttätigkeiten ausgesetzt. Tagtäglich sehen und erleben wir es mit Zorn und Scham". Der V. z. A. d. A. in Wien war ganz nach dem Vorbild des Berliner Vereines gebildet. Sofort traten in Wien dein Verein bedeutende Politiker. Künstler und Industrielle bei, unter anderen: Hof rat Prof. Hermann Nothnagel, Rudolf Graf Hoyos. Friedrich Baron Leitenberger, Arthur Gundaccar Baron v. Suttner, Prof. Theodor Billroth, Edmund Graf Zichy. Prof. Chrobak, Reichsratsabgeordneter Prof. Eduard Suess. Oberbaurat Baron Hasenauer, Prof. Viktor Tilgner, Prof. M. Trenkwald, Prof. Warhanek. Baurat Fellner. Arch. Hellmer, Stadtrat Karl Meißl, Abgeordneter Guido Baron Sommaruga, Magistratsrat Dr. Ferdinand Kronawetter, Baron Mundy. Heinrich v. Matt o n i, Graf Kinsky, Schriftsteller Viktor E. Zenker, Hof rat Wilhelm E x n e r. Johann Strauß. Ludwig Ganghofe r. Das erste Präsidium des Vereines bestand aus den Ehrenpräsidenten Baron Leitenberger. Prof. Nothnagel und Graf Hoyos, dem geschäftsführenden Präsidenten Baron Suttner. dem Vizepräsidenten Dr. Karl Ritter v. Kissling. Notar in Linz. Dem weiteren Ausschüsse gehörten an: Magistratsrat Kronawetter, Gen&ralmaicr Eduard Mingazzi. Prof. Suess, Prof. Wilhelm Exner. Der Verein hatte den Zweck — § 2 der Statuten — den Antisemitismus zu bekämpfen. Dieser Zweck sollte hauptsächlich durch

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