Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 38-39 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 60 Groschen Doppel-Festnummer Indische ie tÜänrlie.t »' Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 mit den Veröffentlichungen der Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kttltusgemeinde Wien Minnnii|iiMiiininmiiM^ Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 20. September 1933 Nummer 38/3» Der jüdische Geist Gedenke der Tage der Vorzeit! bedenket die Jahre Von Geschlecht zu Geschlecht! Wie die Matrosenmär von der Seeschlange klingt die Erzählung Rabba bar bar Ghanas im Talmud: „Einst erhob sich eine riesige Woge, die unser Schilf zu verschlingen drohte. Ein blendender Feuerschein krönte ihr Haupt. Wir aber schlugen sie mit einem Stabe, auf dem die Worte standen: (ehjeh asciier ehjeh Joh M. Zewoauth omen omen selo) ,lch werde sein, der ich bin, der Herr der Heerscharen, amen amen sela.' Und das Meer beruhigte sich, auf spiegelglatter See fuhren wir weiter." Ein Bild unserer Zeit. Geistige Mächte, materielle Gewalten, politische Winkelzüge wollen das Schiff lein des Judentums, das Jahrtausende überdauert hat, jetzt dem Untergange weihen. Dieser moderne Judenhaß beschränkt sich nicht, wie der vergangener Zeiten, auf die geistesstumpfen, blindgierigen Massen. Vielmehr ist er allgemach zum selbstverständlichen Gemeingut der Gebildeten unter den unselbständigen Denkern geworden. Planmäßige, übermächtige Hetze umwindet ihn mit der Gloriole des Rassenstolzes. Gegen diese Wogen, deren Gipfel in der blendenden Aura giftigen Hasses schillern, gibt es nur einen Schutz. Das ist der Gottesstab des unerschütterlichen Glaubens ah den noch stets bewährten Hort unseres Volkes, dessen Siegel die Wahrheit ist. „Gedenke, Jude, der Tage der Vorzeit!" Schöpfe aus ihnen Trost! Wie oft brach aus Kratern des Hasses, die du längst erloschen wähntest, mit wilder Kraft neue Lava hervor, blühendes jüdisches Leben unter ihrem Schlamm ertötend. Aber immer nur um so strahlender erhob sich aus den Trümmern der Zerstörung der Phönix des jüdischen Geistes. — Und je bunter der Wandel der Zeiten und je Schillernder der Wechsel in Sprache und Waffen unserer Feinde, um so klarer, kräftiger, strahlender entfaltete sich in diesen Kämpfen der unlähmbare Schwung, der ewig-einheitliche, zielsichere Wille dieses jüdischen Geistes, der die todverachtende, hinreißende Begeisterung ist für den Gott" der Wahrheit und der Gerechtigkeit, die Erfüllung der Sendung unseres Volkes an die Menschheit. „Bedenket deshalb, Juden, Geschlecht für Geschlecht die Großtaten dieses jüdischen Geistes und belebet und erneuert seine Kraft in eurem Herzen mit jedem neuen Jahr!" Lichtliebend und bildüngsfreundlich ist der jüdische Geist seit den Tagen der Vorzeit. Der Geist des Griechentums führte das Denken auf die Höhen gottsuchenden Sinnes, wie in die Tiefen des menschlichen Bewußtseins, er schuf unvergängliche Normen Künstlerischen Schaffens, für Staat und bürgerliche Gesellschaft stellte er herrliche Muster auf. Und freudig begrüßte der jüdische Geist den-Segen* den der griechische Genius der Menschheit brächte. Eingedenk war er der Tage der Vorzeit, der Weisung der Väter und, bewußt der unerreichten Schönheit seiner heiligen Schriften, bekannte er sich freudig zu dem Gotte (seh Eli w'anwehii), dem „in Schönheit zu dienen" geböten ist. So verstand der jüdische Geist die neue Zeit und kunstsinnig und selbst Kunst schaffend jauchzte er begeistert dem Genius des Griechentums ein (jaft Elokim TJofeth) „Willkommen in unseren Zelten!" zu. Doch die Kehrseite des Griechentums, seine sittlichen Verirrungen, hielt Sem seinen Zelten fern. Rein blieb des Juden Haus und unberührt sein Familienleben. — Eine andere Zeit rief die Denker vor das große Rätsel der Natur vor die Aufgabe, des Weltlaufs leitende Fäden zu finden, alles nach Gesetz und Ordnung zu sichten, nach diesen Gesetzen die Natur selbst zu meistern zum Heil der Menschheit, im Dienst der vorwärts schreitenden Kulturentfaltung. Man durchleuchtete den Weltenbau, aber man fand darin keinen Raum — für Gott. Auch Israels Söhne stellten sich in die vorderste Reihe der durch das Dunkel bahnbrechenden Geister. Doch der jüdische Geist blieb frei von Ueberheblichkeit, von den Auswüchsen der Stoffvergötterung. Ihm erschlossen sich bei jedem Fortschritte der Wissenschaft nur — immer neue Wunder Gottes. Er gedachte der Tage der Vorzeit, des Stammvaters Abraham, den die Betrach- ENOBrlE AUSWAHL BILLIGSTE PDEISE E ppP #8 l* #*' V TEPPICHE VORHÄNGE PlöBELSTOrrE, DECHEN MIR I., BAUERNMARKT 12 14 tung der Schöpfung zum Glauben an den Schöpfer, den ewig Einen und Einzigen, geleitet hatte. Ehrfarcht warder Ausg an g, Ehrfurcht die Ankunft des jüdischen Geistes. So verstand Israel (sch'nauth daur wodaur) den neuen Geist und rief (mah god'lu maassecho . . .). „Wie groß sind deine Werke, o Herr, wie tief, wie weise deine Schöpfergedanken!" Unter allen Materialisten unter den Philosophen wird man vergebens einen Juden suchen. — Abermals kam unter Sturm und Wettersbraus eine neue Zeit herauf. Die unterdrückten Volksmassen erhoben sich und zerbrachen ihr Joch. Von Menschenrechten sprach man. Die Arbeit verlor das Brandmal entwürdigenden Sklaventums. Neue Ideen änderten den Geist der Gesetze, und siehe da, Israel erkannte sogleich: „Das ist Geist von rrtemem Geiste: dieses Streben nach jener idealen auf Menschlichkeit gegründeten Gesellschaftsordnung, die mein heiliges Gesetz seit Jahrtausenden der Menschheit vor Augen hält." flau thaawaud awaudath owed) „Du sollst dem Arbeiter nicht versklaven!" (j-'gia kappecho . .) „Nur aus der Hände Fleiß sprießt wahrer Segen." Schon das Sabbatgebot aHein stellt Israel an die Spitze der Völker auf der Bahn des sozialen Fortschritts. Gerecht und großzügig menschenfreundHch ist der jüdische Geist. BltBentts«*»lllSanha,»he,l5ralbefugtes aalimttt ti* MliaBI' Hann»! kNtMfflirtU Unternehmen. Verkaufs-und VERLEIH- Zantrate (amtlicher, auch allerneuester Systeme ton elaktromedixin. 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Die Fluten der Zeiten, die andere Völker vom Schauplatz der Geschichte hinweggespült, Israel hat sie im Stauwerk seiner geschichtlichen Erfahrung und gotterleiieiueten Vcrau.ssicht weise erfaßt, ihre verwüstende Kraft gebrochen, sie m Kanäle geleitet, die am seinem eigensten Beden alte Pflanzungen neu belebten, der Väter Werk unter den Händen später Enkel neu erblühen ließen. * * * Nur einmal haben wir die Sprache der Z^-it mißverstanden und ihre Zeichen haben i;ns irregeleitet, so daß wir eine Augenbückslaune der Mode, eine Torheit des Tages für den kategorischen Imperativ des Zeitgeistes nahmen, d*m das Judentum und sein Religionsgeseiz sich zu bequemen und zu fügen habe. Kaum hatten wir die bürgerliche Freiheit erlangt, als wir im Taumel des ersten Freudenrausches auch schon daran gingen, den altehrwürdigen Bau unseres Judentums /.w demolieren. Der Zeitgeist schien gebieterisch zu fordern, daß wir unsere alten, tausendfach bewährten Ideale, die Thora, das jüdische Wissen, die heiligen Traditionen der Väter aus unserem Haus, aus unserem Herzen bannten. Jede jüdische Eigenart wnrcle abgestreift, wie eine böse Erinnern'u;;tis de^i Gedächtnis geti'gt. Die jüdische WNsenscii:t?t Würde mißachtet. Wir vergaßen das Mahr.wort unserer Alten (en loch ben cliaurin elo ini i-ch'aussek ba-Thauroh), daß, wenn w!=-_ unsere heilige Lehre, unsere jüdische Wissenschaft preisgeben, wir selbst unsere gleichberechtigte Stelrurig in der bürgerlichen Gesellschaft erschüttern, ja nicht nur unsere Gleichberechtigung, sondern selbst unsere Existenzberechigung in Frage Steffen. Von uns selbst lernten die Völker das Judentum mißachten, weil wir es diesmal verabsäumt hatten, wie unsere Väter die Erhabenheit unserer Lehre, die Reinheit unserer Religion vor Fürsten und Völkern beherzt und mutig darzutun und bis zum Aeußersten zu verfechten.