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Die Wahrheit · 1933-09-15 · Heft 37 (15.9.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 37 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT LEOPOLD. MASSCHUHE nur VU. &UR.66ASSE »5 M voll Liebe und Güte gegen deine Mitmenschen, auch gegen die, die dir Feind sind. Wer Gott gefunden hat, der hat sich selbst geändert. Aber mit seinem gewandelten Wesen setzt er Kräfte in die Welt, die auch die Dinge ändern; das Haus wird freundlicher und lichtvoll; der Beruf erträglich; die Menschen, mit denen man zu scharfen hat fühlen den Strahl der Liebe, der auf sie trifft, und — alles wird anders. So wirkt Gott durch die ihm anhangenden Menschen auf alle Manschen und ihre Welt, sie zu seiner Welt zu machen. Versteht man nun, warum die Gottesfrage kein Gegenstand „gebildeter" theoretischer Diskussion, sondern die wichtigste aller Fragen ist? Und nun: ein Jahr des Leids liegt hinter uns, ein Jahr des Leides auch — alles spricht dafür — liegt vor uns. Du kannst die Dinge nicht ändern. Um so inniger aber fühlt wohl jeder den Wunsch, sich stark zu machen, so stark, daß er tatsächlich unerschüttert bleibt in allem Leid, das ihm selber geschieht und das seine Gemeinschaft trifft. Diese Kraft „lehrt" nicht, sondern gibt das Judentum. Und es ist ganz gewiß-, daß heute mehr als je diese Kraft gesucht wird. Wir wollen, daß unsere Häuser festlich und fröhlich sind, trotz allem. Wir wollen unsere Menschen in ungebrochener Gesundheit des Leibes und der Seele sehen, trotz allem. Wir wollen — oder doch Viele wollen: neu kennen lernen dieses Nichtgekannte, um dessentwillen sie das Schicksal traf; wollen erfahren, warum dieses ihr von ihnen selbst bisher nie beachtete Judentum mehr wert ist als alle Lebensgüter, denen sie nachstrebten. Zu allen diesen solcherart Suchenden kommt unsere höchste Festeszeit, will „Frieden schaffen in uns und ganz Israel". drohende Judenpogrome in ^Deutschland. Die deutschen Juden stehen neuerdings vor schweren Prüfungen. Wie verlautet, soll schon in den nächsten Tagen ein Horst-Wessel- Film, der von der „Volksdeutschen Filmgesellschaft" Berlin, Unter den Linden, gedreht und vom Propagandaministerium finanziert wird, durch ganz Deutschland laufen. Tendenz und Zweck dieser Aufführung gipfeln darin, den breiten Massen zu zeigen, welch schweren Kampf der Nationalsozialismus mit den Juden auszufechten hatte, die diese Bewegung mit Feuer und Schwert auszurotten versuchten. Die hier zur Aufführung gelangenden Szenen sind darauf berechnet, eine ausgesprochene Pogromstimmung zu erzeugen, die sich insbesondere in den kleineren Städten, wo nur wenig Juden wohnen, verhängnisvoll auswirken muß. Zu diesem drohenden schweren Anschlag der deutschen Regierung gegen die schon ohnedies völlig entrechteten Juden erfahren wir aus Berlin: Dieser Tage erschienen in der Grenadierstraße, die bekanntlich vorwiegend von Ostjuden bevölkert wird, Filmoparateure der „Volksdeutschen Filmgesellschaft" unter Assistenz von S. A.-Leuten und forderten Männer, Frauen und Kinder auf, sich auf die Straße zu begeben und in Reih und Glied zu stellen. Als aber die wie eine Herde herumgetriebenen „Darsteller" den Zweck dieser Vorgänge merkten und sich weigerten, an judenhetzerischen Szenen mitzuwirken, wurden sie durch Androhung der Verschickung ins Konzenzentrationslager und andere Gewaltmittel gefügig gemacht Gleichzeitig hatte die Filmgesellschaft eine Reihe von jüdischen Schauspielern unter dem Vorwand der Mitwirkung bei einer harmlosen „Filmoperette" engagiert, wobei es besonders auffiel, daß gerade prononziert jüdisch aussehende Künstler ausgewählt wurden. Als die Schauspieler beisammen waren, wurde ihnen, ebenfalls unter Androhung von Gewalt und Konzentrationslager aufgetragen, judenhetzerische Szenen aufzufüliren. Die in die Falle gelockten jüdischen Schauspieler mußten! sich nun zu diesem schändlichen Werk hergeben, um ihr nacktes Leben zu retten. Der Film, von dessen Aufführung man allen Ernstes eine Pogromwelle befürchtet, zeigt u. a. Juden und Jüdinnen, die die S. A. anpöbeln, beschimpfen und mit Steinen (aus präparierten Korkstücken hergestellt) bewerfen. Man hört die Juden „Rotfronf, „Nazi verrecke" und andere Schmährufe ausstoßen. Andere Szenen wiederum Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern zeigen feiste, dick ausgefressene Juden und Jüdinnen, die bei gebratenen Gänsen schmausen, während dicht nebenan ein ausgehungertes arisches Ehepaar sich mit Heringen und Kartoffeln als Abendbrot begnügen muß. Die geplante Massenaufführung des Füms soll in der kritiklosen Bevölkerung den Glauben erwecken, daß derartige Dinge sich zur Zeit, da die S. A. noch im Oppositionskampfe stand, tatsächlich zugetragen haben, und ist offenbar dazu berechnet Haß- und Rachegefühle wachzurufen und die Erregung des Volkes auf den Sied.epunkt zu steigern. Wird die Aufführung dieses Films nicht noch im letzten Augenblick zurückgestellt, so droht den Juden in Deutschland eine Gefahr, die alle bisherigen antisemitischen Aktionen noch weit in den Schatten stellen wird. jüdische elterni Kauft Schulbücher für eure Kinder Mir in der jüdischen Buchhandlung Hermann TUChltCFf TaborstV. 52KE Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen Spesenfreie Zusendung überallhin Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 haß und Menschennot" einen Kampf aufnehmen will, der „nicht nur den gepeinigten Menschen in den Kerkern und Konzentrationslagern die Erlösung, sondern dem ganzen deutschen Volke . die Rettung bringen" will. Diese Rettung wird nicht mit Umlrecht in einer planmäßigen Volksaufklärung erblickt, die der systematischen Volksverhetzung Hitlers entgegenwirken soll. Die Herausgeberin der neuen Zeitung, die Hauptmannsgattin Frau Irene Harand, eine Katholikin, hat bereits durch eine vielgelesene Broschüre bewiesen, daß sie zu solcher Aufklärungsarbeit befähigt ist. Was sie über die Notwendigkeit dieser Arbeit sagt, kann Wort für Wort bestätigt werden. Es ist leider richtig, daß die Politiker, auch solche, die sich ihr Leben lang um jüdische Stimmen bemüht haben, auf diesem Gebiete alles schuldig geblieben sind. Was an Literatur über die Judenfrage ins Volk drang, stammte meistens von Antisemiten. So diente die einseitige Beleuchtung dieses Gebiets zur Blendung des urteilslosen Publikums, das statt klare Sicht der Materie zu gewinnen, bloß den Reklamelichtern herrschsüchtiger Demagogen aufgesessen ist Es wird viel Mühe, Unerschrockenheit und Beharrlichkeit bedürfen, um den Vorsprung der Gegner aufzuholen und der skrupellosen Propaganda des Antisemitismus, von der man sich bei Lektüre einer anderen neuen Wfenbl Zeitschrift, des „Stürmer", einen Begriff machen kann, das Terrain abzugraben. Die Redaktion der „Wahrheit" wünscht der mutigen Frau und ihren christlichen Mitstreitern viel Glück, teilt aber auch ihre Meinung, daß auch die Juden selbst sich während des Kampfes, der ihrer Rehabilitieirung dient nicht untätig in dem Schmollwinkel stellen dürfen. Das sei vor allem jenen jüdischen Führern ins Album geschrieben, die die „splendid Isolation der Juden" als ein „nationales" Ideal der Juden werten und bis zur höchsten Vollkommenheit ausgestalten wollen. Diese Haltung wird, wie man sieht, auf christlicher Seite absolut nicht verstanden. Wenn jetzt von Christen unter ausdrücklicher Berufung auf das Christentum und dessen moralische Forderungen gegen den Antisemitismus Front gemacht wird, dürfen wir Juden nicht abseits stehen, sondenn) wir haben die selbstverständliche Pflicht, diesen Kampf mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern und zu unterstützen. Gerechtigkeit Die deutsche Schmach ist nicht damit erschöpft, daß das Volk der Dichter und Denker einem Manne zur höchsten Macht verholten hat der den Massen zur Erlangung ihres Vertrauens nichts anderes zu bieten hatte als wüste Hetze gegen die Juden, sondern der Gipfel dieser Schmach besteht in dem Staischwieigera, mit dem die eigentlichen Repräsentanten des Deutschtums, die Großsiegelbewahrer seines literarischen und wissenschafflichien Ruhmes, die aller Kultur, aller Menschlichkeit Hohn sprechenden Auswirkungen des Hakenkreuzregimes hinnehmen. Ja, einer der Größten unter Deutschlands künstlerischen Größen, Gerhart Hauptmann, selbst schöpferischer Dichter und Schwager eines verstorbenen jüdischen Dichters, hat sich nicht entblödet an einer Feier der berüchtigten S.-A.-MaMnen Hitlers teilzunehmen, um durch diese Aeußerlichkeit den tiefen inneren Gegensatz, der zwischen einem Verweser des deutschen Geistes und dem Entgeistiger des deutschen Wesens naturgemäß bestehen muß, vergessen zu machen. Man müßte angesichts einer so schmählichen Haftung der Großen, in deren Hand nach Schillers Wort der Menschheit Würde gelegt wurde, an der deutschen Seele verzweifeln, wenn nicht in der Schar der Unberühmten Regungen jenes Pflichtgefühls der deutschen Kultur und dem allgemein menschlichen Empfinden gegenüber, das die hiezu durch ihren Rang Berufenen so traurig vermissen lassen, sichtbar würden. Nicht aus den Reihen der Arrivierten,. der Erlesenen, die jeder kennt sondern aus dem Dunkel bescheidener Bürgerlichkeit ertönt mitten in die Glaubens- und Rassenhetze unserer Tage der Protestruf „Gerechtigkeit"! Es ist dies der Titel einer neuen Wiener Wochenzeitschrift die mutig „gegen Rassen- Seltene Ehrung eines österreichischen Gelehrten. Prof. Dr. Karl Landsteiner, Mitglied des Rockefeller-Institutes für medizinische Untersuchungen in New York, erhielt von der Niederländischen Gesellschaft vom Roten Kreuz die G o Idene Medaille für seine Entdeckung der Blutgruppen. Prof. Landsteiner ist bekanntlich ein Wiener. Vor zwei Jahren erhielt er für seine im Jahre 1910 erfolgte Entdeckung der Blutgruppen den Nobel-Preis. Die lebensrettenden Bluttransfusionen, die Vaterschaftsforschung und eine Reihe anderer wichtiger medizinischer Probleme wurden durch die Entdeckung der Blutgruppen auf eine neue Grundlage gestellt. Ueberdies auch die Rasseforschung. Es stellte sich nämlich heraus, daß die von den Rasseforschern des Dritten Reiches aufgestellten Rassetheorien — ein gelinder Unsinn sind. Im heutigen Deutschland wäre allerdings der Nobelpreisträger Landsteiner, da er zufälligerweise jüdischer Abstammung ist, als Angehöriger einer „minderwertigen" Rasse wahrscheinlich im Konzentrationslager.

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