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Die Wahrheit · 1933-09-15 · Heft 37 (15.9.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 37 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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preis dieser Nummer 40 Groseben Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kttlfusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 15. September 1933 Nummer 37 Vom Befreiungsfeste zur Befestigung der Freiheit! Die Vierteljahrtausendfeier der Befreiung Wiens aus der Gefahr, von den Türken erobert und aus einem Bollwerk abendländischer Kultur in ein Ausfallstor janitscharischer Säbelherrschaft umgestaltet zu werden, ist mehr als ein rein kriegsgeschichtliches Jubiläum. Das hat auch die Regierung durch die ganze Art, in der sie das Fest arrangierte, zum Ausdruck gebracht. Es fehlte nicht an der bei solchen Anlässen üblichen Verehrungsbezeugungen vor den Herren der Türkenzeit, wie Kranzniederlegungen am Denkmal Starhembergs und Ueberreichung eines vom polnischen Staate der Gemeinde Wien gewidmeten Gemäldes, auf dem die Heldentaten der militärischen Befreiung Wiens durch Künstlerhand veranschaulicht wurden. Aber es war planmäßig dafür gesorgt, daß die Blicke der Festteilnehmer nicht in der Vergangenheit haften blieben; die demonstrative Ralliierung all dessen, was sich heute bewußt zu Oesterreich bekennt, zu diesem historischen Begriff, dessen mächtiger und reicher Kulturinhalt die Kleinheit und Armut des Staates vergessen läßt, in der jubilierenden Hauptstadt bot ein imposantes Bild lebendigster Gegenwart und Bundeskanzler Dollfuß ließ die Gelegenheit, auch Ausblicke auf die Zukunft, auf die von der Regierung geplante Neugestaltung unseres Vaterlandes zu eröffnen, nicht vorübergehen. Das war ein in der Form glücklicher Gedanke. Denn wahrscheinlich hätte eine durch das Grauen des Weltkriegs gegangene Generation die Freude über die vor 250 Jahren siegreich abgewehrte Belagerung Wiens nicht so lebendig, so unmittelbar zu empfinden vermocht, wenn nicht jeder kulturbewußte Oesterreicher unserer Zeit von dem Gefühl bedrückt würde, daß wir auch heute wieder einen schweren Abwehrkampf gegen eine hartnäckige Belagerungsschar führen müssen, die an den Toren Oesterreichs bereit steht, die kulturellen Fundamente unseres Staatswesens zu zerstören und die Zivilisation unseres Landes mit Greueln zu schänden, für die es in der Geschichte kein anderes Vorbild gibt als die Untaten der Janitscharen. Es ist erfreulich, daß der österreichische Bundeskanzler nicht nur Mittel und Wege gefunden hat, den verbrecherischen Anschlägen der Hitlerjugend ein Ende zu setzen, sondern daß er in seiner programmatischen Rede am Vorabend des Türkenbefreiungsfestes auch dem scheinbar gebändigten Nationalsozialismus, mit dessen österreichfreundlicher Abart sich Dr. Riehl als regierungsfähig deklarieren wollte, ' eine kräftige Absage erteilte. Es ist ein sympathisches Symbol, daß Dr. Dollfuß dem Hitler-Hasse gegen das Alte Testament das alttestamentarische Gebot der Nächstenliebe als Gegenparole zitierte. Es freut uns Juden, daß der Geist, in dem Oesterreich künftig regiert werden soll, Geist von unserem Geiste sein soll, daß nicht die rauhe Moral der Edda, die der Nationalsozialismus an die Stelle der Judeinbibel setzen wüßt, sondern die von Juden zuerst verkündete, von Juden unentwegt durch die vom Haß ihrer Umwelt geschändeten Jahrhunderte getragene Ethik die Verfassung Oesterreichs beseelen soll. Es wäre widersinnig, wenn just die Schöpfer und Bewahrer dieser Ethik von der humanen Tendenz des Regierungsprogrammes nicht erfaßt würden. Wenn der Bundeskanzler als die Tendenz des von ihm geplanten „Ständischen Neubaus" verkündet: „Die gemeinsame Arbeit, die die Menschen einigt", dürfen wir Juden das wohl als eine Absage an jene politische Richtung auffassen, die arbeitswillige, zu höchsten Aufgaben) menschlichen Schaffens qualifizierte Bürger von dem alle einigenden Element des gemeinsamen Wirkens ausschließt, bloß weil sie das von Dr. Dollfuß anerkannte Gebot der Nächstenliebe in anderen Glaubensformen heiligen wie er. Unser Haus brennt: allerorten sind wir mit Löschen beschäftigt; Verzweiflung in jüdischen Häusern; die jüdische Oeffentlichkeit, ihre Institutionen, ihre Menschen völlig in Anspruch genommen von der alles andere zurückdrängenden Pflicht der tätigen Hilfeleistung —; sind wir imstande, hinreichend gesammelt oder auch nur willens, die Hohen Feiertage zu empfangen, so zu empfangen, wie es sich einem hohen Qast gegenüber ziemt? Schwer wird es sein; aber wem es gelingt, der wird den Nutzen davon haben, den die Hinwendung auf das Ewige noch immer denen gebracht hat, die dieser Hinwendung fähig sind. Oder glaubt man, es sei ein Zufall, daß die Religion in den Kulturen aller Völker seit Jahrtausenden Herrscherstellung inne hat? Oder verkennt man noch immer das Wesen der Religion und meint, sie hätte dem Leben nichts zu geben und „könne ja doch nicht helfen"? Sie kann; aber nur dem, der von ihr sich helfen läßt. Wer aber von der Religion den rechten Gebrauch zu machen versteht, der weiß, daß sie keine lebensferne, abseitige Angelegenheit, sondern daß die Gottesfrage die unmittelbar praktischste aller Fragen ist. Sage mir dein Verhältnis zu Gott, und ich will dir sagen, wie du lebst. Ja, wir löschen alle den ungeheuren Brand, der unser Haus ergriffen hat. Damit tun wir, was überhaupt der Inhalt all unsrer Lebensfürsorge ist — auch in guten Tagen: wir suchen die Welt zu ändern, suchen einzugreifen in all das. was als Stoff und Welt außerhalb von uns selbst sich uns darbietetsuchen die. Dinge zu meistern, so daß sie zu unserem Nutzen, d. h. zur Aufrechterhaltung unseres Lebens sich uns fügen. — Daß muß der Mensch können; wer es nicht kann, geht zugrunde. Und was der Einzelne nicht kann, das muß die Gemeinschaft ihm leisten; oder vielmehr er selber leistet es durch seine Einordnung in die Gemeinschaft; noch immer gilt des Aristoteles Wort, daß der Mensch ein geselliges Tier ist; noch immer gilt das Wort der Dr. Dollfuß bekennt sich als Anhänger der alten berufsständischen Gliederung der Staatsbürger. Er hat erkannt, daß die einstige Staatsverfassung, die auf. dieser Gliederung laufgebaut war, deshalb versagt hat, weil sie nicht alle Bevölkerungsschichten umfaßt, sondern den Bauernstand vernachlässigt hatte. Aber der mittelalterliche Staat hat sich nicht nur an den Bauern versündigt. Kaiser Josef II., der die Leibeigenschaft der Bauern aufhob, hat auch den Juden ihre menschliche, ihre staatsbürgerliche Geltung verliehen. Aus dieser Tatsache müßte gerade ein Staatsmann, der wie Dr. Dollfuß aus dem Bauernstand hervorgegangen ist, die Konsequenz ziehen, den von ihm erkannten Schaden zu vermeiden und nicht neuerlich durch Vernachlässigung einer wertvollen Bevölkerungsschicht den Nutzen der von ihm geplanten Verfassungserneuerung von Haus aus in Frage stellen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Bibel, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist —: er kann nicht allein sein, kann allein nicht leben. Daß wir die Dinge zwingen: davon haben wir unser Leben. Aber kann das genügen? Wohl nicht, weil nämlich auch die Dinge uns zwingen, und zwar in doppeltem Sinne. Aeußerlich: leben heißt gewinnen und wieder verlieren; heißt Erfolg haben und Mißerfolg; heißt gesund sein und krank sein; und heißt, zum Schluß, sterben. Glück und Unglück sind immer gemischt, niemals und niemandem fehlt es an Unglück; und wie der Gewinn des Lebens, die Geburt, am Anfang, so steht sein Verlust, Tod genannt, am Ende. Die Dinge zwingen uns. Aber auch innerlich: wie das Glück uns wohl tut, so tut das Leid weh. Wo die äußere Bewegung der Dinge, der Menschen, der Umwelt sich zu unserem Unglück fügt, da trägt auch unsere Seele Leid; wir hadern mit Gott, mit dem Schicksal, geraten in Verzweiflung. Wir werden von den Dingen so beherrscht, daß wir die Herrschaft über uns verlieren. Das darf nicht sein, und das braucht nicht zu sein. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", spricht Hiob, und das bedeutet nicht, daß Gott ihn von seinen Verlusten, seiner Krankheit, seinem Schmerz erlösen, ihm wiedergeben werde, was er verloren! Kein Gott bringt die Toten zurück, die dir die Liebsten waren, als sie noch lebten. Kein Gott erlöst oder entbindet dich von der Notwendigkeit, dereinst auch selbst durch das Tor des Todes zu schreiten. Gott hat der Natur nicht ihre Gesetze gegeben, um sie dir zuliebe zu durchbrechen, und du wirst die Dinge nicht ändern. Nun, so greife nur fröhlich zu und ändere dich! Mach dich stark für das Leben, aber mach dich auch stärker als das Leben. Datin erst lebst du dieses Leben recht: stark auch im Unglück, erhaben über alle Feindschaft, bereit zur Hinnahme des dir bestimmten Schicksals. Doppelt bereit hierzu, wenn es dir um deines Judeseins willen bereitet wurde. Und Werden es Feiertage sein!

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