Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 36 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Nürnberg. Niemand hat erwartet, daß die Naziheersehau in Nürnberg irgend welchen Aufschluß über die positiven Aufgaben des Nationalsozialismus bringen werde. Dennoch ist es verwunderlich, daß diese Tagung, die mit so viel äußerlichen Pomp inszeniert wurde, auch nicht einen einzigen Gedanken zu produzieren imstande war, den man als eine Ueberleitung vom bombastischen Versammlungsgeschwätz zu nüchterner Ernsthaftigkeit ansprechen könnte. Was soll man dazu sagen, daß am gleichen Tag, da in Marienbad ein deutscher Universitätsprofessor von braunen Mordbuben tückisch liingemordet wurde und in Wien ein von Mordbuben gleicher Couleur begangenes Bombenattentat auf einen Juden seine wohl schwache gerichtliche Sühne fand, der Nationalsoziali smus als der in politische Formen gegossene gesunde Menschenverstand bezeichnet wird? Was soll man dazu sagen, daLi Hitler den Nationalsozialismus als „die kü ns tlerische Renaissance des arischen Menschen" definiert? Was dazu: „Diejenigen, denen es an innerem Verständnis fehlt, müssen durch bewußte Erziehung zum mindesten in einen scheuen Respekt versetzt werden!" Man kennt diese „bewußte Erziehung" in den Konzentrationslagern, und der „scheue Respekt'* ist sogar schon vorhanden, denn nirgends im Dritten Reich wagt sich ein lauter Widerspruch gegen Vergewaltigung. Zu dieser ganz hemmungslosen Aneinanderreihung hohler und hohlster Phrasen lädt man alle in Berlin akkreditierten Botschafter und Gesandten der Welt nach Nürnberg. Daß sich die Wände der Stadt Albrecht Dürers und Hans Sachsens nicht bogen — das allein ist das Wunder. Auch die Judenfrage wurde wiederholt berührt. In der vom bayrischen Innenminister verlesenen-Proklamation des Reichskanzlers heißt es: „Wenn der große Geschichtsforscher Mommsen das Judentum im Völkerleben als ein ,Ferment der Dekomposition' bezeichnet hat, so war diese Dekomposition in Deutschland schon sehr weit fortgeschritten. Und wie im einzelnen menschlichen Leben eine Erkrankung ein Stadium erreichen -kann, in dem eine Rettung schwer oder überhaupt nicht mehr möglich wird, so auch im Völkerleben. Wenn sich daher der Nationalsozialismus in grimmer Entschlossenheit gegen den schleichenden .Untergang des Abendlandes' zur Wehr gesetzt hat, dann allerdings getragen von der Ueberzeugung der auch heute noch nicht gänzlich zerstörten großen inneren Werte, die den europäischen Kulturvölkern zu eigen sind und die wir besonders auch in unserem deutschen Volke sehen." Den antisemitischen Löwenanteil hat man dem Propagandisten der Partei, Herrn Dr. Goebbels, überlassen, in der ganz richtigen Erkenntnis, daß die Judenhatz das schönste Schaustück im Programm der NSDAP, bedeutet. Er hat auch die Hoffnungen, die man auf ihn gesetzt hat, durchaus erfüllt: selten ist eine solche Haßrede gehalten worden — selten sind so viele Unrichtigkeiten mit dem Brustton der Ueberzeugung als „Erkenntnis" vorgetragen worden wie in dieser Rede. Hier sprach der Haß. Wenn allerdings Herr Dr. Goebbels die Dinge so darstellt, als wäre der Antisemitismus eine nationalsozialistische Erfindung, so ist das doch ein wenig zu dick aufgetragen: Antisemiten gab es auch früher schon. Von jenem Pharao angefangen, der die Juden ins Rote Meer jagte, über den assyrischen Reichskanzler Haman, von Nebukadnezar über Antiochus von Syrien bis zu den spanischen Scheiterhaufenschürern, von den russischen Pogromhelden bis zu den Fälschern im Dreyfus-Prozeß, und so weiter. Der Versuch, den Antisemitismus auch über die deutschen Grenzen hinauszutragen, scheint den Reichspropagandaminister sehr zu reizen. Daß er erklärt: Keinem Juden ist ohne Grund ein Haar gekrümmt worden! ist von der Auslandspresse besonders angemerkt worden. Das Wort ist zweifellos richtig, nur liegt der Nachdruck auf dem „ohne Grund". CJLUSIIJSIKAD Kit WJEN-, 'X„. CLUS IUSGAS SE NR aa der Friedensbracke gelegen - UN© BAJDEAIffSTAlLT 12 Original Rnsslsdies Dampfbad mit Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Ein Grund, die Zehntausende jüdischer Deutscher existenzlos zu machen und aus dem Lande zu jagen, war leicht zu finden; er lag ja schon darin, daß es sich eben um Juden handelte. Wie die „grimme Entschlossenheit*', von der die Proklamation Hitlers sprach, aussehen soll, das geht deutlich aus einem Gespräch hervor, das dieser Tage ein Mitarbeiter einer Pariser Zeitung mit dem berüchtigten bayrischen Gauführer Julius Streicher, dem Häuptling von Nürnberg, hatte, der seinerzeit den infamen Boykott gegen die Juden in Deutschland organisiert hat. Wir geben einen Teil dieser Unterhaltung wieder. Streicher: „Die Juden sind keine Rasse, ihr Blut ist ein Gemisch aller Völker." Frager: „Was wollen Sie von den Juden? Sie a u s r o 11 e n, sie verjagen?' Streicher: „Weder das eine noch das andere. Bei uns müssen die Juden wieder in Ausländer umgewandelt werden. Das heißt sie dürfen sich nicht in unser Nationalleben einmengen." Frag er: „Wie viel Juden hat man in Deutschland insultiert?" Streicher: „Meines Wissens keinen einzigen. Sie dürfen ihre Arbeit verrichten, niemand stört sie. Selbstverständlich ist es einem Juden bei uns jedoch nicht mehr erlaubt, mit einem weißen (!) Mädchen spazieren zu gehen. Tut er es dennoch, so darf es ihn nicht wundern, wenn die Mitglieder unserer Sturmabteilungen dies als eine Provokation auffassen." Frag er: „Sind judenfeindliche Gesetze in Vorbereitung?" Streicher: „Auf diesem Gebiet ist allerdings noch manches zu erwarten. Ohne Zweifel werden wir allen Juden die staatsbürgerlichen Rechte nehmen. Und zwar in dem Maße, wie es gerecht und human (!) ist. Unser Volk muß von dem schadhaften Einfluß Israels befreit werden.. ." Tapezierermeister ZERKOWITZ SPEZIALIST In Tapetcnarbeiten Werkstätte für moderne Möbel. — übernähme aller Reparaturen.!., Neutorgasse 13 Telephon U 23-8"as Werkstätie: I., Seitenstettenga&se 2 Telephon U 22-7-31 Ebenso „gerecht und human" sind wohl auch die „Prange r", in denen die Namen und Adressen der Frauen veröffentlicht werden, die sich noch immer nicht abgewöhnen konnten, bei ihren Bekanntschaften ihre eigene Wahl zu treffen. Die Oeffentlichkeit wird aufgefordert, Material über den „Rasseverrat " deutscher Frauen zu sammeln, über jene, die des „Rasseverrates" verdächtig sind, Kontrolle zu üben und sie im „Betretungsfalle" der öffentlichen Verachtung zu überliefern. An der Spitze des Kampfes gegen den Rasseverrat steht das Nürnberger Gaublatt der Nazi „Der Stürmer'*, der von dem mehrfach genannten Streicher redigiert wird, der nach dem Boykott gegen die jüdischen Geschäfte auch die Aktion des nordischen Edelmenschen gegen die „Rasseverräterinnen'' anführt. Zum Hungertod verurteilt Der Berliner Korrespondent des „Daily Expreß" meldet auf Grund von Informationen aus zuverlässiger Quelle, „daß die Deutsche Regierung die Einstellung jeglicher Unterstützung an jüdische Arbeitslose ins Auge gefaßt hat. Da es zur Zeit etwa 100.000 Arbeitslose jüdischer Konfession oder Abstammung in Deutschland gibt, wäre die Einstellung der Arbeitslosenunterstützung mit einer namhaften Ersparnis für den Staat verbunden. Gleichzeitig würde die Maßnahme den letzten vernichtenden Schlag gegen die Juden im Deutschen Reich bedeuten, die bisher schon aus ihren Stellungen in öffentlichen Aemtern und in der Privatwirtschaft hinausgedrängt worden sind. Den jüdischen Glaubensgemeinden ist es durch die nationalsozialistische Gesetzgebung verboten, Kultussteuern einzuheben. Infolgedessen verfügen die jüdischen Gemeinden über so gut wie keine Mittel, Messeausweise erhältlich: Handelskammer. N. Ost. Gewerbeverein, österr. Verkehrsbüro, Ministerialrat Dr. Raminger, Wien I.. Mölkerbastei 3 den jüdischen Arbeitslosen, wenn ihnen nun die staatliche Unterstützung entzogen wird, beizustehen. Das geplante Verbot der Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung an Juden stellt somit die deutschen Juden, insofern sie vermögenslos sind, vor die Alternative, entweder auswandern oder im Dritten Reich zu verhungern." Die Ironie der Situation, bemerkt der „Daily Expreß" zur Meldung seines Berliner Korrespondenten, liegt darin, daß jüdische Unternehmer und Arbeiter, die noch in Stellung sind, ihre vorgeschriebenen Beiträge für die Arbeits, losenversicherung leisten müssen. Teutsehe Laute aus der „Ostmark", Herr Adolf L u s e r, der Besitzer des Eckart- Verlages, versucht sich seit einiger Zeit auch als Herausgeber einer Tageszeitung. Sein erstes Blatt, „Der Adler", wurde vom Gausaf Frauenfeld in Acht und Bann getan und ging bald ein. Nun, nachdem in Oesterreich bekanntlich ein ernster, konsequenter Kampf gegen die Nazis und ihre publizistischen Herolde geführt wird, erscheint seit Monatsbeginn ein neues Blatt Lusers in gleicher Aufmachung wie die eingegangene Zeitung und ist „Ostmark" betitelt. Die neue Zeitung ist ein Organ Dr. Walter Riehls, des Führers der neugegründeten nationalsozialistischen österreichischen Staats- (sprich Tarn-)partei, und bemüht sich durch rüden Antisemitismus die Konkurrenz, das sind die „Wiener Neuesten Nachrichten", zu übertrumpfen. In der „Ostmark am Montag" vom 4. September wird im Sportteil ein für das Niveau der neuen Zeitung charakteristischer Bericht über das Wettspiel Rapid—Hakoah veröffentlicht. Es heißt da z. B.: „Die Judenmannschaft zeigte außer einigen Roheitsausfällen nichts Wesentliches"; der Torwächter der Hakoah wird geistreich „Tempelhüter" genannt; ein Hakoahspieler als „sympathischer Judenjüngling'' bezeichnet usw. Und an derartigen journalistischen Bübereien findet ein Großteil der arischen Ganz- und Halbintelligenz, die Herren Akademiker, Beamten und Angestellten, unzweifelhaft Gefallen! S p e c t a t o r. Lebensversidierangs-Gesellsdiaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 1932: Versicherungsbestand . . . S 2.728,000.000.— Prämienu. Zinsen-Einnahmen . S 179,000.000.— Garantiemittel . . S 527,000.000 — Auszahlungen an die Versicherten S 60,000.000.— Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten.