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Die Wahrheit · 1933-09-08 · Heft 36 (8.9.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 36 (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT I I Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht. — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Krügerlielin, nM raalzgasse 7 Tel. A 48*77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. Den Juden ist die Phikntropliie seitdem so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sie auch in den finsteren Zeiten übten, in denen sie von der Politik ausgeschlossen waren. Und es zeigte sich, daß das Judentum dadurch erhalten geblieben ist Wo ist also jetzt die zwingende Begründung, fortan der Politik vor der Philantrophie den Vorzug zu geben? Schon liegt ein abschreckendes Beispiel vor, wohin die Ausschaltung der Menschlichkeit aus der jüdischen Politik führt. Der Prager Zionistenkongreß war belastet durch den Schatten eines Toten, eines in Tel Awiw ermordeten Juden. Es ist kein Zufall, sondern ein unendlich bedeutungsvolles Zeichen, daß der Kongreß in dem Moment seine Arbeit unterbrechen mußte, da sich der Argwohn gegen jüdische Täter verdichtete. Die Versammlung stand unter dem unabwendbaren Eindruck, wie lächerlich eine Weiterberatung über die Zukunft des Judentums erscheint, wenn Juden aus rein politischen Gründen die Waffen gegeneinander erheben. Philantrophie ohne Politik hat das Judentum gerettet, Politik ohne Menschenliebe müßte es in jenen Abgrund schleudern, in dem bisher alle Machtpolitiker der Weltgeschichte den Untergang gefunden haben. Der Zionistenkongreß geschlossen. Nach Htägigen Beratungen wurde der XVIII. Zionistenkongreß am Montag beendet. Man kann wahrlich nicht sagen, daß er das gehalten hat, was er versprach, es war, nehmt alles nur in allem, ein trauriges Bild innerer Zerrissenheit, das er der jüdischen wie der nichtjüdischen Welt bot Es erfolgte auf dieser Tagung, die zusammentrat in einer Zeit höchster Judennot. keine Lösung der vielen schweren Probleme, die heute die Judenhcit bedrücken, es wurde kein Ausweg gezeigt aus der Bedrängnis, die heute die Judenhedt beherrscht. Dafür wurde um so mehr gestritten, gestritten in einer Weise, die wahrlich dem Judentum nicht Ehre macht In der letzten Kongreßwoche merkte die Außenwelt, deren Interesse am Kongneß infolge der Häufung der auf demselben vorgefallenen widerlichen Szenen am Schlüsse merklich abnahm, wohl nichts mehr von dem heftigen Streite der Parteien. Bin geschickte Regie hatte diesen Streit in die Couloirs verlegt, während im Sitzungssaal die anerkannt inhaltsleere Generaldebatte abgeführt wurde. Man spürte in dieser Zeit so recht die fürchterliche Tragweite jener verruchten Tat welche mit einem kaltblütig vorbereiteten Pistolenschuß nicht nur Palästina im wichtigsten Moment den tüchtigen Führer raubte, sondern auch gleichzeitig dem Zionismus die Sympathie der Mandatarmacht verscherzte und schließlich auch noch den Kongreß lahmlegtet Dazu kam noch die spezielle Tragik, daß gerade zur Zeit des Kongresses die Prozeß-Situation in Palästina nicht über alle Zweifel hinaus geklärt war. Wohl lagen Nachrichten vor. welche einen hohen Grad der Wahrscheinlichkeit für die Schuld der verhafteten Revisionisten Gewähr leisten, wohl gibt es Material, welches das Bestehen einer Terroristen-Organisation in Palästina wahrscheinlich macht, und wohl ist schließlich dem ruchlosen Mord eine revisionistische Hetzpropaganda vorangegangen, die alles erklärlich macht, dennoch aber hat das Gericht noch nicht gesprochen, und dennoch kann man nicht sagen, daß alles bewiesen ist was noch so wahrscheinlich aussieht. (Achi Meürs Notizen z. B„ die sich auf die Ermordung Dr. Arlosoroffs beziehen und die für die Polizei die Hauptunterlage für die Erhebung der Anklage gegen ihn bildeten, sollen nach seiner Darstellung nur die Aufzeichnung zahlreicher Gerüchte beinhalten, die damals in Palästina im Umlauf waren.) Das war die tragische Unsicherheit, in welche die ganze Atmosphäre des Kongresses in der vergangenen Woche getaucht war. Viele Tage und Nächte verbrachte der vcm Aktions-Comitee zum Studium der Schuldfrage und zur Verfassung einer Erklärung an den Kongreß eingesetzte Sechser-Ausschuß mit der Stilisierung dieser Erklärung. Immer wieder wurde mitgeteilt, daß eine Formel gefunden sei. immer wieder wurde sie verworfen. Fast schien es schon, als ob die ganze Angelegenheit nicht mehr vor das Plenum kommen und nur im Schöße des Aktions-Comitees entschieden werden würde, zumal es bekannt worden war. daß die Linke von ihrer oft erhobenen Forderung nach Eliminierung der Revisionisten abgekommen war. Endlich, nachdem die Generaldebatte unter der klugen Regie des tüchtigen Vorsitzenden M c t z k i n unter Dach und Fach gebracht worden war, wurde folgende Resolution vorgelegt: „Da der Präsident des Aktions-Comitees dem Kongreß berichtete, daß Beschuldigungen erhoben worden sind, wonach in Erez Israel Personen oder ein Personenkreis existieren, die sich zur Zionistischen Organisation zählen und die die Anwendung von Gewaltmitteln zu politischen Zwecken propagieren und da solche Tendenzen im Widerspruch stehen zu den Grundprinzipien jüdischer Moral und eine Gefahr bilden für den Aufbau Ere* Israels, beschließt der Kongreß, daß das neue Aktions-Comitee in seiner ersten Sitzung eine Kommission ernennen soll, die in Palästina eine umfassende und gründliche Untersuchung hinsichtlich aller Tatsachen durchführen soll, die im Kagers Selchwaren-Restaurant Selchwaren aus der Fabrik Elsen & Hönigsber streng orth. "TW (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel - Schiffsctral) Wien II., PraterslraBe 33, Telephon R-47-4-49 MenO von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Zusammenhang stehen mit den erwähnten Beschuldigungen. Die Kommission soll das Ergebnis ihrer Untersuchungen und ihre Empfehlungen dem Aktions-Comitee unterbreiten, welches bevollmächtigt wird, alle Maßnahmen 2ti treffen, die in wirksamer Weise dazu dienen können, diesen Tendenzen, falls ihr Vorhandensein bewiesen werden sollte, ein Ende zu machen und Elemente aus der zionistischen Bewegung zu entfernen, die die Schuld oder Verantwortung für solche Tendenzen tragen.'" Jabotin sky ergriff nun zum ersten (und letzten) Mal auf diesem Kongresse das Wort. Er legte eine Resolution vor. in der die Existenz einer revisionistischen Tenorgruppe in Abrede gestellt wird. Die Debatte gestaltete sich stellenweise sehr stürmisch und endete mit einer glatten Niederlage der Revisionisten, denn mit 197 gegen 62 Stimmen wurde die Mehrheits- Resolution angenommen. Der tote Arlosoroff wird dadurch Palästina nicht wiedergegeben ... Während dieser schwierigen Beratungen in den Couloirs, ging, wie gesagt, die Generaldebatte vor sich. Sie daueirte• sechs Tage! Wenn auch diese zeitliche Ausdehnung auf die geheimen Verhandlungen zurückzu- MÖBEL Moderne KOchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" führen war und nicht zuletzt den (übrigens erreichten) Zweck verfolgte, die im Zusammenhange mit diesen Verhandlungen gespannte und erregte Atmosphäre zu bereinigen, so ist es doch unglaublich, daß ein Kongreß, der einmal in zwei Jahren zusammentritt, eine ganze Woche einer Generaldebatte widmet. Wenn diese wenigstens einen besonderen Schwung gehabt hätte, aber davon kann keine Rede sein, im Gegenteil, die Aussprache war geradezu inhaltsleer. Wir wollen hierüber die in dieser Hinsicht sicherlich objektive „Stimme" urteilen lassen, die dazu folgendes schrieb: „Die Vorgänge im Plenum, der größte Teil der Generaldebattie» begegneten Gleichgültigkeit, die Antwort der Exekutive — an früheren Kongressen der dramatische Höhepunkt — gestaltete sich, sieht man von den trefflichen Ausführungen der Exekutivmitglieder Locker und Brodetsky und der abgeklärten Redeweise des Präsidenten Sokolow ab. zu einer recht zahmen Affäre. Nichts von jener Spannung zu spüren, mit der man dem Schlußwort eines Weizmann entgegenzitterte, nichts von jener Vibration im Saale, die fühlbar war, wenn jene zentrale Figur auf der Tribüne erschien. Das Fehlen Weizmanns und Arlosoroffs stempelten diesen Kongreß zu einer parlamentarischen Tribüne ohne Brennpunkt. Infolge der weiteren Tatsache, daß auch Jabotinsky in die Generaldebatte nicht eingegriffen hatte, ermangelte diese des Schwunges früherer Jahre." Die eigentlichen Arbeiten des Kongresses wurden infolge der Arlosoroff-Affäre erst in den letzten drei Tagen erledigt. Die Kommissionen arbeiteten mit Volldampf und waren in der Lage, in den letzten 48 Stunden die Berichte sämtlicher Ausschüsse und Kommissionen dem Plenum vorzulegen. Es wurden unter anderem folgende Beschlüsse gefaßt: Alle zionistischen Institutionen sollen hebräisch korrespondieren, alle zionistischen Beamten im Laufe eines Jahres hebräisch lernen, ferner soll die Exekutive die Möglichkeit der Gründung einer hebräischen Tageszeitung in der Diaspora untersuchen. Außenpolitische Sonderverhandlungen mit Regierungen und dem Völkerbund dürfen nur mit Genehmigung der Exekutive geführt werden. Dieser Beschluß richtet sich in der Hauptsache gegen die Revisionisten, die einen ständigen Vertreter beim Völkerbund hatten und oft die Aktionen der Exekutive durchkreuzten. Die Gebeine Herzls sollen nach Palästina überführt werden. Ueberdies wurden mehrere Resolutionen, die die Palästina-Emigration — hauptsächlich der deutschen Juden — betreffen, vom Kongreß angenommen, bedeutsame Maßnahmen aber nicht getroffen. Buchstäblich bis zur letzten Minute wurde um di« Zusammensetzung der Exekutive gestritten. Es war selbstverständlich, daß der Name Weizmann im Mittelpunkt der Diskussionen stand, denn die meisten Gruppen waren von der Notwendigkeit überzeugt, daß nur eine ganz große Führerpersönlichkeit vom Range Weizmanns in der Lage wäre, die Organisation aus ihrer heutigen Zerrissenheit und dem Gewirr der Bruderkämpfe herauszuführen. Es wurden Verhandlungen mit dem früheren Präsidenten, der bezeichnenderweise dem ganzen Kongresse nicht beiwohnte, geführt, seitens der Linken, seitens der Mitte, seitens verschiedener maßgebender zionistischer Persönlichkeiten. Eine Zeitlang schien es schon wahrscheinlich, daß Weizmann kommen und als Kandidat auftreten werde. Aber er stellte zu schwere Bedingungen. Er machte in Zermatt, wohin er sich schmollend zurückgezogen hatte, den Unterhändlern der Arbeiterpartei Ben Gurion und Sprinzak gegenüber seine eventuelle Einwilligung, an die Spitze der Organisation zu treten, davon abhängig, daß er selbst die Exekutive nominiere und daß die N i c h t z i o n i s t e n in der Leitung der Jewish Agency weiterh i n auf Grund des betreifenden Fifty-Fifty-Äbkommens, als dessen Vater er sich betrachtet, verbleiben. Während bezüglich der ersten Forderung ein Kompromiß möglich gewesen wäre, konnte die Delegation auf die zweite Forderung im Hinblick darauf nicht eingehen, daß damals noch alle Parteien des Kongresses einschließlich der Arbeiterpartei „unbedingt" den Standpunkt einnahmen, daß die Zahl der Nichtzionisten in der Agency-Leitung herabgesetzt werden muß. So mußte man wieder auf den alten braven Sokolow zurückgreifen, der an die Spitze einer Exekutive berufen wurde, die sich auf eine sogenannte kleine Koalition stützt, bestehend aus Vertretern der Arbeiterpartei, der Radikalen und dem linken Flügel der allgemeinen Zionisten. Draußen bleiben diesmal beide revisionistischen Gruppen, die Misrachi und der rechte Flügel der Allgemeinen. In die Exekutive sind entsendet worden: Louis Lipsky (Amerika), Dr. Jacob söhn (Genf), Dr. Ruppin (Palästina), Prof. Brodetsky (London), Abg. J. Grünbaum (Warschau), Berl Locker (London). Kaplan (Palästina), Ben Gurion und Schertok (Arbeiterpartei, Palästina). Weizmann hingegen hat sich bloß bereit erklärt, die Leitung der deutschen Aktion, die auf eine Uebersiedlung deutscher Juden nach Palästina hinzielt, zu übernehmen. Dieses Ressort wurde auch vom Kongreß beschlossen und Prof. Weizmann an die Spitze dieses Ressorts berufen. Durch diese Tatsache wird Prof. Weizmann den wichtigsten Teil der Arbeiten in der zionistischen Exekutive von heute übernehmen, da es für jeden klar ist. daß die nächste Arbeitsperiode der zionistischen Exekutive zum größten Teil im Zeichen der deutschen jüdischen Emigration stehen wird. Auch das ..Führerproblem" ist also erst im letzten Momente bereinigt worden, ob die Lösung eine gute ist, bleibt abzuwarten. Aber auch in einer anderen Frage, in der sich alle Parteien des Kongresses erst sehr radikal gebärdet hatten, wurde ein Ausweg gefunden, der absolut nicht diesem ursprünglich gezeigten Radikalismus entspricht. Am 30. August, also noch zu einer Zeit, da der Zionistenkongreß mitten in seinen schleppenden Beratungen steckte, trat der Council der Jewish Agencv zusammen, der diesmal auffallend schwach beschickt war; u. a. fehlte auch der Präsident des Councils, d'Avigdor G o l d s m i d. Bekanntlich hatten die Zionisten vor Beginn des Kon-« sresses die Forderung aufgestellt, daß das bisher bestehende Fifty-Fifty-Abkommen abgeän-" d e r t d. h. die Zahl der nichtzionistischen Mitglieder der Agency vermindert werde. Diese Forderung wurdeauf zionistischer Seite allgemein erhoben, sie war, wie erwähnt mit ein Grund dafür, daß Weizmann die Uebernahme der Präsidentschaft ablehnte. Aber die Herren haben die Rechnung ohne den^ nichtzionistischen Wärt gemacht. Die Nichtzionisten drohten im Falle der Annahme dieser Forderung mit dem Austritt aus der Agency und unter dam Eindrucke dieser Konsequenz, die zu einer Verringerung der heute besonders stark benötigten finanziellen Mittel geführt hätte, wurde ein von einer paritätischen Kommission ausgearbeiteter Vorschlag angenommen. wonach das bestehende Fifty-Fifty-Abkommen als unverletzlich angesehen werden soll; so lange es aufrecht erhalten wird, sollen die Nichtzionisten Anspruch auf das volle MaB der Vertretung haben, wie es in diesem Abkommen vorgesehen ist. Außerdem wurde eine Resolution einstimmig angenommen, die folgenden vagen Wortlaut hat: „Der Council fordert die neue Exekutive auf, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um den nichtzionistischen Teil der Agency zu beleben. Bei der darauf folgenden Wahl des Präsidiums des Councils wurden d'Avigdor Goldsmid zum Präsidenten. Morris Rothenberg zum Mitvorsitzenden, Prcf. Speyer und Robert Szold zu Vizevorsitzenden gewählt Unbeschadet des Rechtes auf gleiche Vertretung in der Exekutive wurden diesmal nur drei (statt sieben) nichtzionistische Mitglieder in die gemeinsame Exekutive gewählt, und zwar die Herren Dr. Berksen, Dr. Hext er und Dr. Senator; die vier freien Plätze sollen erforderlichenfalls vereinbarungsgemäß besetzt werden. So endete auch dieser Konflikt, der schon zu einer!'abinettsfrage zu werden drohte, mit einer Niederlage der Zionisten, wie überhaupt dieser Kongreß, über den noch manches zu sagen sein wird, reich war an Niederlagen, vor allem der schweren moralischen Niederlage in den Augen der Umwelt, die ihm ehedem so großes Interesse entgegenbrachte. ■

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