Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 36 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064385--19439-3084577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
wm ME WAHRHEIT Seite 3 Warum will man die schon durch ihren Glauben in dieselbe Front mit den auf dem Katholikentag vertretenen Kreisen gewiesenen österreichischen Juden als „die Juden" außerhalb einer Bewegung stellen, die Religion und Patriotismus auf ihre Fahne geschrieben hat? Das Judentum geht nicht betteln. Das Judentum hat ärgere Stürme bestanden. Es bangt nicht um seinen Fortbestand. Es sorgt sich vielmehr um etwas ganz anderes. Es bangt um den Erfolg derer, die aus den abschreckenden Beispielen der Vergangenheit wie der unmittelbaren Gegenwart nichts lernen wollen und durch Abstoßen der natürlich Verbündeten sich selbst das Grab schaufeln. An sie richtet sich dieser offene Brief auf die Gefahr hin, daß auch er zu denen gehören wird, die ihn, den es angeht, „nicht erreichten". Den Katholikentag aber begrüßen wir in der Hoffnung und mit dem Wunsch, er möge dazu beitragen, Oesterreich, der Welt und — uns Juden den Frieden zu bringen. Nicht nur im Zeichen der Befreiung Wiens aus ernster Gefahr tagt dieser Kongreß von Bekenne™ der Religion der Liebe. Noch eine andere geschichtliche Erinnerung ruft er wach. Im Jahre 1267 fand hier in Wien jene größte Wiener Kirchenversammlung statt, auf der beschlossen wurde, den Juden Oesterreichs den gelben Schandfleck anzuheften. 666 Jahre sind darüber verstrichen. Der Bibelleser kennt die Bedeutung dieser Zahl 666 aus der Offenbarung Johannes. Es ist der Zahlenwert der griechischen Buchstaben von „Kaiser Nero". In diesen 666 Jahren haben wir Juden Oesterreichs die Zeiten des gelben Flecks überwunden und Oesterreich von Cäsarenwahn sich freigehalten. Der Wiener Katholikentag 1933 ist in schicksalsvoller Stunde dazu berufen, nicht nur uns österreichische Juden, sondern das ganze Oester- Dieses bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Speisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! reich vor schwerster Gefahr zu bewahren, vor den Zeiten Neros, die ja der Kirche in unauslöschlicher Erinnerung bleiben und vor der Barbarei des Judenflecks. Das uns gemeinsam Heilige Buch mahnt uns in diesen Wochen wieder: „Siehe, ich lege euch vor den Segen und den Fluch." Wählet den Segen! —d. Philantropie oder Politik? Die auf dem Prager Zionistenkongreß abgeführte Generaldebatte mußte uneingeweihten Zuhörern den Eindruck verschaffen, daß sich im nächsten Moment die Mitglieder sämtlicher Parteien gegenseiiig um den Hals fallen und unter Tränen und Küssen alle Feindschaft begrabend den zionistischen Gruß „Schalom!'' aus einer gedankenlos gemurmelten Floskel zu einem von positivem. Willen zur Versöhnung und Verbrüderung erfüllten aufrichtigen Friedensbekenntnis emporheben würden. Denn es gab kaum einen Redner, der nicht der Mahnung Ausdruck gegeben haue, die wichtigste Forderung der Stunde sei das Begraben der Streitaxt zwischen den Fraktionen, >a sogar di.' Auflösung der Parteien, da die verderbliche Spaltung des zionistischen Lagers und die daraus resultierende Reibung zwischen den einzelnen Teilen eine — Assimilation an die parlamentarischen Formen der anderen Völker sei . . . Der Eingeweihte wußte freilich, daß während dieser im Plenum von allen Seiten ausgesprochenen Appelle zur Einigkeit draußen in den Wandelgängen die eifrigsten Bemühungen entfaltet wurden, um die Debatten im Saale überhaupt zu ermöglichen, und daß trotz dieser Anstrengungen der Führer eine dreißigstündige Lahmlegung des Kongresses durch den Haß zwischen der Linken und der Rechten nicht vermieden werden konnte, ja der ganze Kongreß vor der unmittelbaren Gefahr gänzlicher Sprengung stand. Woher dieser Gegensatz zwischen Plenum und Couloirs? Meinten etwa die Redner ihre Aufforderungen zur Abrüstung der Parteien nicht aufrichtig? War ihre Friedenssehnsucht erheuchelt und ihr versönliches Lippenbekenntnis zu Eintracht und Geschlossenheit nicht Ausdruck ihrer tatsächlichen Ueberzeugung von dem, was nottat? Nichts wäre ungerechter als ein solches Urteil. Man darf es den Leuten ohne weiteres zubilligen, daß sie von dem, was sie sagten, innerlich durchdrungen waren und es mit ihren Abrüstungsvorschlägen bitter ernst meinten. Wenn z. B. ein Arbeiterparteiler die Unwürdigkeit des Parteihaders mit beredten- Worten geißelte, tat er es in der aufrichtigen Hoffnung, die — Revisionisten zur Auflösung ihrer Partei überreden zu können. Und wenn ein Revisionist zur Einigkeit mahnte, erwartete er von seinen Worten nicht minder vertrauensvoll den Uebergang der — Arbeiter aus dem sozialistischen Lager ins faschistische des Herrn Jabotinsky oder Großmann. Kein Zweifel: die allgemeine Friedenssehnsucht war reell, aber jeder hielt es für die selbstverständliche Voraussetzung des Friedens, daß die — anderen Ruhe geben. Alle ersehnten ehelich dasselbe Ziel, aber jeder wollte den übrigen auf dem Wege dahin höflich den Vortritt lassen. Und so ist man sich aus lauter Höflichkeit beinahe in die Haare geraten... Es war ein Paroxysmus der Bescheidenheit: Keiner dachte daran, mit dem empfohlenen Mittel der Parteiauflösung bei sich den Anfang zu machen. Im Gegenteil es ist die paradoxe Tatsache zu buchen, daß die erbittertsten Verurteiler des zionistischen Parteiunwesens sich selbst gerade jetzt zu einer strafferen Partei-Organisierung bemüßigt fühlten. Was sich bisher im Zentrum des Kongresses unter der Firma „Allgemeine Zionisten" zusammengefunden hatte, wurde weniger von einem positiven Schlagwort geeint ials von dem negativen Motiv, sich weder der Rechten noch der Linken organisatorisch einfügen zu wollen. Es waren Leute, die, um mit einem ihrer Kongreßredner, dem Wiener Dr. Oskar Grünbaum, zu sprechen, die blau-weiße Fahne für die schönste der Welt halten und daher die Entfaltung des roten oder braunen Banners durch Zionisten als überflüssig ablehnen. Nunmehr hat sich dieser reine Puritanismus in der Flaggenfrage durch Akzeptierung von Parteistatuten zu einem positiven Gebilde zwischen rechts und links konstituiert, wahrscheinlich in der Hoffnung, auf dem Kongreß eine ebenso bedeutende Rolle spielen zu können wie das Zentrum im deutschen Reichstag vor Hitlers Machtergreifung. Dieses hat ja wirklich seine Brückenposition zwischen rechts und links zu einer wichtigen Schlüsselstellung in der deutschen Politik auszubauen vermocht; man darf aber nicht übersehen, daß es außer dem negativen Moment der Nichteingliederung in den unreligiösen Sozialismus einerseits und den stockevangelischen Konservatismus anderseits doch auch noch über einen mächtigen positiven Kitt zum eigenen Zusammenhalt verfügte: die katholische Einstellung. Bei den Allgemeinen Zionisten wird man vergeblich nach einem weltanschaulichen Idol suchen, das sie von den anderen Fraktionen trennt, sie untereinander aber dafür um so stärker aneinander bindet. Was man von dieser Seite überhaupt an weltanschaulichen Enunziationen vernahm, muß vom jüdischethischen Standpunkt mit den schwersten Bedenken quittiert werden. Vor allem die immer wieder behauptete Notwendigkeit, daß die P h i Iantropie der Politik zu weichen h a b e. Es ist grotesk, wenn ein Mann wie Sokolow sich Aussprüche wie den folgenden leistet: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es die Philanthropie allein vermocht, ein in seiner Existenz bedrohtes Volk durch Barmherzigkeit zu retten. Sie kann innerhalb eines normalen Volkes helfen, aber sie kann nicht dort Wunder schaffen, wo die Existenzgrundlage durch Heimatlosigkeit und Entrechtung zerstört ist. Es mangelt der Philanthropie die durchbrechende Gewalt eines auf einem großen historischen Ideal basierenden Volkswillens."* Wenn das irgendein Unbekannter aus der Masse gesagt hätte, dann müßte man dem Redner Unkenntnis der jüdischen Geschichte zubilligen. Ein Sokolow dürfte aber doch wissen, daß das Judentum in den Zeiten wirklicher Heimat- und Rechtlosigkeit ausschließlich durch Festhalten an seinem Sittengesetz, dessen Grundlage die Philanthropie ist, gerettet wurde, während freie Völker, die die Möglichkeit besaßen, ihre geschichtlichen Ideale mit „durchbrechender Gewalt" in die Tat umzusetzen, nach kurzer Blüte wieder untergingen. Gewiß läßt sich auf der Basis von Barmherzigkeit und Humanität keine Gewaltherrschaft im Stile des Imperium Romanum gründen. Aber wir leben noch, wir sind da, während das Imperium Romanum, das uns die Heimat genommen und jahrhundertelanger Entrechtung ausgeliefert hat, längst zu einem Schattenbilde historischer Erinnerung verblaßt ist. Soll man sagen, daß die mächtigen Geister, die dem Judentum seinen einzigartigen Weg durch die Geschichte gewiesen haben, keine Politiker gewesen sind? Kann man einem Moses, der uns aus Aegypten geleitet hat, kann man unseren Propheten die politische Qualifikation abstreiten? Gewiß ist die tagespolitische Einstellung eines Jesaja, eines Jeremias heute nur den historisch Gelehrten verständlich, trotzdem haben die beiden heute noch auch dem schlichten Herzen des Ungelehrten genug zu sagen. Was ihren Worten Geltung für alle Zeiten verschafft, ist deren ethischer Gehalt, das allen nationalistischen Eifer auch dieser Großen überstrahlende Bekenntnis zur Liebe gegenüber allen Menschen, ja sogar jeder Kreatur. War es etwa keine Politik, wenn auch eine einzigartige, nie wieder dagewesene, daß Moses sein Volk für die Eroberung Kanaans nicht militärisch vorbereitete, sondern durch Erziehung zu einem humanen Ideal, das nicht in der Verdrängung oder Unterdrückung der Andersnationalen, sondern m deren menschlicher Behandlung die Aufgabe des Eroberers sieht? Nicht durch Ausrottung der anderen, sondern durch Reinhaltung der eigenen Rasse sollten die Kinder Israels die Fortdauer ihres Stammes sichern. Den Fremden aber sollten sie gleichwohl nicht hassen, sondern lieben wie sich selbst. Kann es ein leuchtenderes Beispiel für die Möglichkeit geben, zielbewußteste nationale Politik mit höchster Menschlichkeit zu vereinigen?