Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-09-08 · Heft 36 (8.9.1933) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 36 (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064385--19438-3084576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 DIE WAHRHEIT LEOPOLD f I i * Wiii iil i\: MASSCHUHE nur VII. BUR6ÖASSE £ g Alle Länder Europas sind bis an die Decke vollgestopft mit sozialem Zündstoff. In allen Ländern liegen Giftgase aufgespeichert in unvorstellbaren Mengen. In allen Ländern blüht die Technik des Mordens. Man rüstet. Man baut Luftflotten, erfindet neue Mordgewehre. Jeder fürchtet jeden. Jeder weiß es. Jeder ahnt das Ende. Aber jeder hütet sich, davon zu reden, und wer davon reden wollte, der würde gelyncht werden, und die einen würden ihm die Grabrede halten: „Er war ein Verräter'', und die anderen: .,Er war ein D u m m k o p f. Was ist zu tun? Buddha lächelt aus seligem Nirwana: „Schweige. Kehre dich ab. Leben ist eine Krankheit, und der Tod die Erlösung". Der Wiener Katholikentag 1933. s! < i In schicksalsschwerer Stunde begrüßt das Judentum Oesterreichs die hochansehnliche Versammlung, die der Feier der Befreiung Wiens vor 250 Jahren gewidmet ist. Wir begrüßen in dieser Veranstaltung eine achtunggebietende Kundgebung der Religion, für deren Beurteilung dem gläubigen Juden ein Ausspruch unseres Größten nach Mose maßgebend ist Dieser andere Mose, Mose Maimonidos, er, der nicht unter christlicher Herrschaft lebte und somit ungezwungen und unbefangen sich äußern durfte, sieht im Christentum einen Wegbereiter zu den Zeiten des Messias. „Die Christen", so schreibt er, „glauben und bekennen wie wir, daß die Thora göttlichen Ursprungs und durch unseren Lehrer Mose offenbart worden ist. Sie haben die Werte der Heiligen Schrift und das Gesetz der Wahrheit über die Erde verbreitet." Aber auch aus dem deutschen Ghetto-Judentum vor 200 Jahren läßt sich in gleichem Sinne die Stimme eines Spruchbefugten vernehmen, der unter den religiösen Eiferern seiner Zeit in vorderster Reihe stand. Rabbi Jtakob Emden in Altona erklärt freimütig: „Der Stifter des Christentums hat der Welt eine doppelte Wohltat erwiesen. Auf der einen Seite hat er mit aller Kraft die Lehre Moses befestigt und ihre ewige Verbindlichkeit mit Nachdruck betont. Auf der anderen haben die Heiden ihm viel zu danken, indem er sie vom Götzendienste befreite, sie zu den sieben Gesetzen der Noachiden — das heißt zum Naturrecht und den Grundgeboten der Menschlichkeit — verpflichtete und ihnen eine Sittenlehre gab, die strenger als das Gesetz Moses ist." Und der wegen seiner furchtlosen Offenheit Bekannte bekennt weiter: „Die christliche Kirche unserer Zeit kann als ein Verband zur Ehre Gottes bezeichnet werden, der den Zweck hat, in der ganzen Welt zu verkünden, daß es Einen Gott gibt, der Herr über Himmel und Erde ist. Deshalb hat dieser Verband Bestand, weil seine Mitglieder dem wahren Gott und seiner Lehre Ehre erweisen und seinen Ruhm unter den Völkern verbreiten, die ihn nicht kennen. Der Lohn für diesen edlen Willen wird nicht ausbleiben.*' Die hier so im Geiste und in der Sprache Israels über Christentum und Kirche schreiben, standen auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit. Sie kannten die Geschichte ihres Volkes, wußten von den Leiden, die das Judentum von seiner Tochter gar oft zu erdulden hatte. Doch tröstete sie die Erinnerung an so manchen erleuchteten Kirchenfürsteh, der, wie ja dieser Tage wieder Papst Pius XI. uns allen zu Dank und Freude, das Judentum öffentlich geehrt und seine bedrängten Bekenner machtvoll beschützt hatte. Vor allem erhob sie der Stolz darüber, daß die Worte der Offenbarung in fast allen Sprachen der Welt verbreitet werden, daß die Psalmen ihres großen Königs ertönen an all den unzälüigen Stätten, an denen in den Formen des alten jüdischen Priestertums dem Gotte Abrahams, Isäks und Jakobs gedient wird. Und heute wissen wir, was freilich der große Maimonides noch nicht wissen konnte und Rabbi Jakob Emden wohl kaum ahnte, daß die gepriesensten Lehrer der Kirche, daß Albertus Magnus und ganz besonders Thomas von A-quino sich in entscheidenden Punkten auf jüdische Meister, vor allem eben auf Maimonides, stützen und ausdrücklich berufen. Deutlich spricht jedenfalls aus den Worten jener beiden geistigen Führer ihres Volkes die selbstlose Freude der Mutter, die ihre Tochter Triumphe feiern sieht, auch wenn diese zuweilen über die Mutter selbst zu triumphieren scheint Und welches Gewicht diese beiden Stimmen in jüdischen Kreisen noch heute besitzen, ergibt sich schon daraus, daß Worte aus ihrer Feder in das Gebetbuch der Synagoge Eingang gefunden haben. So ist auch unsere Freude darüber, daß aus allen zivilisierten Ländern Gottgläubige zu einem solchen Fest in Wien zusammenströmen, durchaus selbstlos. Und sie wäre auch ungetrübt, wenn, ja wenn — sich nicht auch in unserem Oesterreich der Himmel mit für uns Juden recht bedenklichen Wolken getrübt hätte, Wolken, heraufbeschworen von einer Seite, die gerade den katholischen Standpunkt in ständiger Wiederholung mit einem Nachdruck betont, dessen Notwendigkeit in der gegenwärtigen politischen Konstellation nicht immer so recht ersichtlich ist. Daß wir es nur rundheraus sagen: Man erklärt diese Taktik aus einer judenfeindlichen Gesinnung gewisser tonangebender Kreise und findet eine solche Annahme durch Maßnahmen auf dem Verwaltungsgebiete bestätigt, die man als Einleitung zu weiteren und noch einschneidenderen Schritten gegen die Juden deuten will. Krasser ist freilich noch eine andere Tonart des Antisemitismus, die sich vorläufig nur in Zeitungsstimmen der heute bei uns herrschenden Partei kundgibt. Der Partei, deren großer Führer Seipel bei aller Offenheit seiner Judenpolitik doch auf einem Judenkongreß in Wien eine mit stürmi- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmiihlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern schem Beifall begleitete Festrede hielt, der vor allem in seinem Programm des Ständestaates für die Juden, wenn man schon ihrem zahlenmäßigen Ueberwiegen in den freien Berufen entgegenwirken will, die Eröffnung anderer ihnen bisher versperrter Berufszweige vorgesehen hat Wozu diese amtliche Oeffentlichkeit statt persönlicher Offenheit, mit der sich, abseits vom Kuhhandel der Parteien, zwischen wirklich Berufenen auf der Grundlage des Gemeinsamen im Gottesglauben leichter, als es scheinen will, ein ehrliches Konkordat zunächst der Herzen erzielen ließe? Eine Concordia, durch die nach dem bekannten Worte auch kleine Dinge — wie etwa unser liebes Oesterreich — groß werden könnten! Mit einem Schlage wäre dann auch das ärgste und stärkste Hindernis beseitigt, das friedlicher Verständigung zwischen Christen und Juden im Wege steht Für alles Mögliche macht man „d i e Juden*' verantwortlich, was irgendein schnoddriger Skribent vom Stapel läßt, den findige Schnüffelei biographisch mit irgendeiner lose mit dem Judentum verbundenen Instanz in Beziehung setzt, alles das wird „den Juden" angekreidet. Als wäre — ja, wenn sie es wäre — die Judenschaft wie die Kirche organisiert und daher eine Haftbarkeit auch nur im entferntesten gerecht zu nennen. So aber verfährt man mit den Juden, wie mau es seit 1900 Jahren mit den Pharisäern beliebt. Sieben Arten von Pharisäern unterscheidet eine Talmudstelle. Darunter Scheinheilige und Heuchler, die ja auch anderwärts nicht fehlen dürften. Diese Werkheiligkeit wurde von den anderen Sorten von Sehriftgelehrten verworfen, sie wird von allen ehrlichen Juden auf das schärfste gebrandmarkt. Und gerade diese eine Pharisäerfärbung griffen die Gegner des Judentums heraus, um den Namen Pharisäer zu einem Schimpf zu stempeln und alle Sehriftgelehrten damit zu behaften. JÜDISCHE ELTERN! Kauft SchulbQcher £ für eure Kinder nur in der > jüdischen Buchhandlung J HERMANN TUCHNER S Wien II.. ICKE Tabontraße 52 ■ ■ Lehrbücher lür alle Lehranstalten in den richtigen Auf- ■ lagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen! 5 Spesenfreie Zusendung überallhin Jj Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 5 MI So gibt es, wie gewiß unangenehme Nichtjuden, unter den Juden oder denen, die sich so nennen oder von anderen gegen ihren Willen so genannt werden, gleichfalls so manche minder ansprechende Erscheinungen. Doch jeder, will er gerecht sein, muß zugeben, daß selbst bei feinster, peinlichster Siebung auch andere Juden sich finden lassen. Und diese anderen Juden empfinden nicht nur ebenso wie der Nichtjude das Unangenehme jener unliebsamen Stammesgenossen. Sie empfinden es doppelt, weil es doch auf sie selbst übertragen, in Bausch und Bogen allen Juden zur Last gelegt wird. Warum sucht man sich nur gerade diese eine wenig anmutende Spielart von Juden heraus, um über „die Juden' generell und ausnahmslos den Stab zu brechen? Den Stamm, von dem auf einer doch etwas höheren Warte D i s r a e 1 i im englischen Parlament die noch heute und gerade heute wieder beherzigenswerten Worte gesprochen hat: „Für eine konservative Partei halte ich es für einen geradezu verhängnisvollen Fehler, die Juden zu verfolgen, eine ihrem Wesen nach konservative Rasse, die man durch solche Behandlung den Parteien der Revolution und Unordnung entgegentreibt, denen sie eine gefährliche intellektuelle Richtung verleihen. Ja, gerade als Christ werde ich nicht die fürchterliche Verantwortung auf mich laden, diejenigen auszuschließen, die der Religion angehören, in deren Schoß mein Herr und Heiland geboren wurde." "So sprach ein Judenstämmling, der bei aHein Stolz auf diese seine Herkunft ein so guter englirscher Patriot, war, daß der britische Hochadel seinem Andenken einen nichtkirchlichen Feiertag Englands gewidmet hat. Was hat Patriotismus mit Nationalität zu tun? Nach einem Worte Bismarcks sind „Berliner" und Deutsche zwei verschiedene Nationen. Welche von beiden darf sich deutsche Patrioten nennen? Oder waren der Lausitzer Wende L e s s i n g mit seinem slawischen Namen — „lesnik" Waldhüter — oder der Schotte Kant, oder der Fiäme Beethoven, oder der zum Keltoromanen. wenn nicht Semiten gestempelte Goethe mit einer Schwärze des Haares, die sich vor dem Blond so mancher Eskimos hätte verstecken müssen — waren sie, oder der Ungar Dürer, die Franzosen Prinz Eugen und Chamisso, der Däne M o 11 k e und so viele andere Fremdstämmige darum schlechte deutsche Patrioten? War der Negerenkel Dumas kein Franzose, der Grieche G r e k o kein Spanier? Warum sollte also die in ihrem Grundprinzip übernationale Kirche gerade die jüdischen Oesterreicher, die es doch an Beweisen ihres österreichschen Patriotismus nicht haben fehlen lassen, als Gegner behandeln? Anzeigen-Vertreter(-innen) bei der einschlägigen Kundschaft eingeführt, sucht „DDE WAHRHEIT" beihohen Verdienstmdglichkeiten „Die Wahrheit" ist in ständigem Aufbau begriffen,-erfreut sich wachsender Beliebtheit in jüdischen Kreisen und gewährleistet ein aussichtsreiches Arbeitsfeld. Zuschriftenerbeten an die Administration, IL, Heinestr. 13.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.