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Die Wahrheit · 1933-09-08 · Heft 36 (8.9.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 36 (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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preis dieser Nummer 40 Groseben Jüdische Die tDanrneif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgememde Wien todaktion^ - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 49. Jahrgang Wien, 8. September 1933 Nummer 36 Theodor Lessing: Vermächtnis an Deutschland. Den nachfolgenden Artikel hat der von braunen Bestien hinRemeuchelte große Denker unmittelbar vor seinem Tode verfaßt, so daß er gewissermaßen als geistiges Vermächtnis an Deutschland und Europa angesprochen werden kann. Wir haben im deutschen Lande hundertmal gesagt und gesungen: „Wer die Wahrheit kennt und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht"'. Wir haben in Reden zum Volke Luthers Worte gehört: „Aergernis hin, Aergernis her, die Wahrheit muß gesagt sein." Seit sechs Monaten habe ich kein Wort so oft zu hören bekommen, wie das bald flehentlich, bald drohentlich gesprochene: „Reden Sie nicht! Schreiben Sie nicht!'' Von allen Vorgängen der deutschen Geschichte (und da ich ein Deutscher bin, so fühle ich mich als ein Teil dieser Geschichte), von keinem öffentlichen, keinem privaten Begegnis höre ich je ohne die Warnung: „Machen Sie keinen Gebrauch davon." Ich habe denn auch mit keiner Silbe je öffentlich geredet über Bekenntnisse, Berichte, Tatsachen aus Deutschland, durch deren Erwähnung ich anderen hätte schaden können. Ich habe alles, was ich schrieb, gewissenhaft durchdacht. Habe auch mit der Möglichkeit meines eigenen Irrens gerechnet. Ja, ich habe in Betracht gezogen, daß meine ganze Einstellung zu eng, zu subjektiv, daß mein ganzes Lebenswerk ein Irrtum sein kann. Wahrheit kann niemand versprechen; jeder aber soll versuchen, wahrhaftig zu sein. Es liegt auf der Hand, daß ein Schriftsteller, der trübe oder illegale Absichten verfolgt, der etwa dem Vaterland schaden oder Verrat üben wollte, das nicht eben mit steter Preisgabe seiner ganzen Person tun wird," wo doch in diesem würdelosen Zeitalter anonymer Hetzerei und Wühlerei jedem zehntausend Wege der Heimlichkeit täglich zur Verfügung stehen. Darum habe ich niemals ein Wort geschrieben ohneNamensn e n n u n g. Nie, ohne klar und offen, mit ganzer Person für das Gesagte einzutreten. Irre ich, dann hoffe ich, belehrt zu werden. Ich weiß, daß jedes Ding hundert Seiten hat, und daß der Weiseste der ist, der auch mit den Augen seiner Feinde zu sehen, auch mit den Gedanken seiner Gegner zu denken vermag. Und so bin ich gewiß nicht unbelehrbar. Aber: Was heute mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit geschieht, das verstehe ich nicht und sehe darin weder Sinn noch Notwendigkeit! Die Menschen in Deutschland leben und reden wider ihre Ueberzeugung. Sie sind offenkundig so verschüchtert, so in Schrecken gehalten, so zermürbt, daß selbst die klarsten Tatbestände wenn nicht abgeleugnet, so doch schöngefärbt oder totgeschwiegen oder nur insgeheim von Ohr zu Ohr weitergegeben werden. Wer aber einfach ausspricht, was ist, der bekommt nicht nur die Rache und den Haß der Herrschenden zu spüren, sondern, was noch schlimmer ist, die Wut und den Verrat der Verängsteten. Dieses Verhalten aber wird mit allen möglichen Scheingründen schöngelogen. Feigheit heißt Diplomatie, Knechtschaffenheit Opportunität, bewußte Lüge wird als erlaubte Vorsicht hingestellt. Man schwört Eide mit Vorbehalt. Man tut immer genau das Gegenteil von dem, was man verspricht. Man „tarnt"' und nennt das „große Politik". Die wenigen aber, die liebersterben, denn als Sklaven leben wollen, werden dem Volk als Verderber hingestellt. Jedem redlichen Wort wird die Gesinnung unterstellt und zugetraut, daß es das Vaterland verraten wolle. „Sie gefallen sich in ihrer Armut, schmücken mit feiger Weisheit ihre Ketten aus, und Tugend nennt man, sie mit Anstand tragen." So charakterisierte Schiller die Gemütslage der unter Schreckensherrschaft stehenden Völker. Jeder, der nicht zum gegenwärtigen Weltzustand Ja sagt, der nicht in den Machtwechselzufällen sogenannter Weltgeschichte Fügungen des Schicksals und herrliche Ideale sieht, ja schließlich jeder, der überhaupt kritisiert, der denkt und seine Gedanken äußert, ist ein Staatsfeind und Verräter an der Zeit und ihren Ideen. Die Masse glaubt es. „Sei im Besitze und du wohnst im Recht, und gläubig wird's die Menge dir bewahren."' Wir sind, deutsche Emigranten, unter vielen Leiden und mit schweren Opfern in die Fremde gegangen, haben Heim und Haus verloren und keinerlei Existenzmittel, auch nicht die bescheidensten, retten können. Vielesterben dahin, manche enden durch Selbstmord. Der Fall, daß ein Mann wie ich, von über sechzig Jahren, noch einmal seine ganze Existenz umzustellen und von vorne zu beginnen vermag, ist angesichts der vielen furchtbaren Einzelschicksale noch ein Glücksfall. Wir sind gehetztes Freiwild; aber nicht für das Bewußtsein unserer Brüder. In den deutschen Köpfen spukt die Vorstellung, daß wir ein beneidenswertes Emigrantenleben führen, daß wir deutsches Volksvermögen ins Ausland verschleppt haben, und nun gefahrlos die Wahrheit suchen, indes die minder Glücklichen schweigen müssen. „Ja, Sie haben es gut. Sie haben es leicht, mutig zu sein." Wie viele, viele Male habe ich dies ahnungslose Gerede angehört von Männern und Frauen, die es wahrlich tausendmal leichter hätten als wir, aus Deutschland herauszukommen, wenn sie das nur wollten und wenn sie nicht, wie es doch in der Tat der Fall ist, bereit wären, a 1 s geduldete Bürger zweiten Ranges in Deutschland zu bleiben, wenn ihnen nur der Schacher nicht versagt, nicht das Geschäft und die Sinnesfreude verkürzt wird, dieser einzige Lebensinhalt, davon sie wissen. Eben diese Männer und Frauen (dieser Vorwurf richtet sich in erster Linie gegen die deutschen Juden) würden ihre Verteidiger, ihre Opferwilligen preisgeben, wenn das Vaterland darin nur eine loyale und korrekte Gesinnung ehren möchte. Sie verknechten sich so sehr an die öffentliche Meinung, daß, wenn der „Antisemitismus" Mode wird, sie Antisemiten sind und wenn Heldentod Mode wird, so sterben sie Heldentod. Es ist eine erstaunliche Zähigkeit der Selbstpreisgabe. Aus welchen Beweggründen denn kämpfen wir Deutsche im Ausland gegen die Knechtschaft? Aus dem Stolz und aus dem Gram unseres Deutschtums. Soll ich, aus einer Scholle geboren, aui der meine Vorgeschlechter Jahrhunderte lang für die Heimat wirkten, mir plötzlich von brüllen* den Horden sagen lassen, was deutsche Heimat sei? Soll ich, der nichts bis zur Vollendung und Meisterschaft gebracht hat, als deutsches Denken in deutscher Sprache, mich von ganz barbarischen oder halb gebildeten braunen Junge» belehren lassen, was deutsche Seele sei und deutscher Geist? Was uns angeschieht, das empört uns nicht als Juden, wenigstens nicht nur als Juden, sondern eben auch als Deutsche. Spräche und wirkte aus den deutschen Juden und aus ihren Verschweige- und Demutskünsten wirklich eine nationale Verbundenheit mit deutscher Seele, dann müßten sie doppelt und dreifach entrüstet sein: fremdrassig, parasitär und volksfremd genannt zu werden. Sie müßten sagen: „Was deutsch ist, das können wir nicht bei euch lernen. Weil wir es sin d. Weil es die Seele ist, die wir in uns tragen.'" Aber gerade dieses Kuschen und Sich-ankleben ist so undeutsch wie möglich. Schlimmeres, Schwereres ist zu beklagen: das unbegreifliche Verstummen aller, auf die wir als Vorbilder geblickt haben und deren Wort Weltgeltung hatte. Alfred K e r r schreibt in einem Klageliede: „Mein teurer Gerhart Hauptmann, mit dem ich seit dreißig Jahren innig verbunden bin, weiß von meinem Schicksal, kennt seine Ungerechtigkeit, und hat mir nicht einmal eine Postkarte zugesandt." Ach, von wie vielen deutschen Männern und Frauen, die durch Jahrzehnte mir von Verbundenheit und Gemeinschaft, Verehrung und Liebe gesprochen haben, könnte ich das Gleiche sagen! Mehr als das: wo immer ich alten Freunden half, da war selbst der Dank noch voller Angst und Untreue. Man flehte aus Deutschland um Hilfe für einen verdienten Gelehrten. Die Zettungen berichteten, er sei seit Monaten in einem preußischen Gefängnis, er sei mißhandelt worden, sei dem Wahnsinn nahe. Ich wünschte zu helfen und verwies öffentlich auf dies Verbrechen am Geist. Er wurde freigelassen. Keine Zeile des Dankes kam, wohl aber eine öffentliche Abschüttelung meiner Hilfe: Ja, man habe ihn zwar fünf Monate ins Gefängnis gesteckt. Er habe auch an den Nerven gelitten, das komme von den Verletzungen, die er als Kriegsteilnehmer für Deutschland davongetragen habe. Aber er müsse vor der Welt bezeugen, daß er mustergültig und völlig korrekt behandelt worden sei. Er sei weder je schlecht behandelt worden, noch habe er in deutschen Gefängnissen je etwas von schlechter Behandlung bemerkt. All das sei Greuelhetze der Vaterlandsfeinde. Er stehe allem politischen Denken endlos fern und beschäftige sich allein mit Studien über deutsche Lyrik. Solche Erfahrungen, immer neu wiederholt, haben mir längst die Lust genommen, nach der „Wahrheit"' zu forschen. Ich kenne sie nicht. Ich weiß nur, daß die Menschen heute lügen und belogen werden. Und daß sie dies so haben wollen.

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