Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 35 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT! 1 Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Kragerneim, II., Malzgasse 7 Tel. A 48 0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. Angeklagten keinen Einspruch, dagegen verweigerte er die Zustimmung zur Freilassung von Achi Meir, da er beabsichtigt, gegen diesen die Anklage wegen Mitschuld an der Ermordung Arlosoroffs zu erheben. Die Verhandlung wurde sodann auf den 1. September vertagt. * Am 24. August wurden die Vernehmungen in der Strafuntersuchung gegen Stavsky, Rosenblatt und Achi Meir wegen der Ermordung Dr. Arlosoroffs fortgesetzt. Zu Beginn der Verhandlung verkündete der Staatsanwalt, daß er auf Grund der jüngsten Erhebungen die Anklage gegen Jehuda Minz zurückziehe. Der Staatsanwalt verlas sodann die Anklage gegen Achi Meir, der beschuldigt wird, mit Stavsky und Rosenblatt den Mord vorbereitet und diese zur Tat angestiftet zu haben. Hierauf wurden dem neuen Angeklagten Achi Meir die von den früher einvernommenen Zeugen gemachten Aussagen, nämlich die Aussagen Dr. Alotins vom Hadassah-Spital, der Dr. Arlosoroff vor seinem Tod behandelt hatte, Frau Arlosoroffs und des Leiters der Kriminalpolizei Hauptmann Rice vorgelesen. Nachdem wurde die Verhandlung vertagt Sensationelle Enthüllungen. Die Fortsetzung der Vernehmungen führte am 25. August zu sensationellen Enthüllungen über die Vorgeschichte des Mordes an Dr. Arlosoroff. Der Arbeiter Moses Cohen, der, des Diebstahls beschuldigt, gleichzeitig mit Rosenblatt im Jerusalemer Untersuchungsgefängnis war und dessen Zelle teilte, sagte vor dem Jaffaer Gericht aus, Rosenblatt habe ihm gegenüber ein Geständnis des Mordesabgelegt. Cohen erklärte, er habe Rosenblatts Vertrauen gewonnen, indem er sich als Revisionist ausgab. Rosenblatt habe zu ihm gesagt: Ich habe Arlosoroff auspolitischen Gründen erschossen. Stavsky war an dem Mord beteiligt, jedoch nicht Minz. Hätte Frau Arlosoroff gewußt, daß ich der Mörder ihres Gatten bin, so hätte sie mir nicht in die Augen geschaut. In größter Erregung und mit erhobener Stimme erklärten Rosenblatt und Stavsky bei dieser Aussage, der Zeuge lüge. Mordbeschluß auf einer Sitzung des revisionistischen Rates? Außerordentliches Aufsehen erregte die Verlesung von Auszügen aus Briefen und Anmerkungen Abba Achi Meirs und von Teilen seines Tagebuches. Aus einer der Aufzeichnungen ging hervor, daß an einem Sonntag abends in Petach Tikwah eine Sitzung des revisionistischen Rates stattfand. Ein Teil der Teilnehmer war für die Ermordung Dr. Arlosoroffs. Der Tel Awiwer Revisionistenführer Dr. Weinschall beantragte, daß man mit der Ausführung des Mordes bis nach dem Kongreß warten solle, und verließ, als sein Antrag nicht angenommen wurde, die Versammlung. In einer zweiten Aufzeichnung heißt es, am Samstag abends sei eine Gesellschaft im Hause Achi Meirs zusammengekommen, und bei dieser Gelegenheit habe es einen „großen Sieg" gegeben. Die Worte „großer Sieg" sind auch im Text unter Anführungszeichen gesetzt. Eine andere Bemerkung besagt, „der Freund Englands, der das Brot des Machthabers esse", sei von der Hand eines Unbekannten gefallen. In einem Abschnitt wird von Achi Meir der Unterschied zwischen einem politischen und einem nichtpolitischen Verbrechen eingehend erörtert, wobei Achi Meir erklärt, der politische Mord stelle sowohl für den Täter, wie für andere einen positiven A k t dar. Was in Nürnberg geschah. „La Tribüne Juive" hat über die letzte Judenverfolgung in Nürnberg von einer Quelle, die das Blatt als absolut zuverlässig bezeichnet den nachstehenden Bericht erhalten: „Einen Tag, nachdem Reichskanzler Hitler in Nürnberg gewesen ist, setzte die Inhaftierung von 400 angesehenen Nürnberger Juden ein. Morgens um 4 Uhr wurden die ahnungslosen Bürger aus den Betten geholt, andere wurden von S. A.-Leuten auf der Straße angesprochen, geschlagen und gezwungen, an dem Marsch durch die Stadt teilzunehmen. Die Juden wurden auf den großen Exerzierplatz geführt und hier mußten sie mit den Zähnen das Gras abbeißen. Diese Prozedur unter der sengenden Hitze dauerte bis nachmittags 4 Uhr. Die unmenschlichen Gewalttätigkeiten wurden in einer Ansprache wie folgt motiviert: „Juden, die Ihr bisher nicht körperlich gearbeitet liabt. Ihr sollt nunmehr einen Vorgeschmack bekommen, wie es euch in Palästina ergehen wird.'' Unter den Arretierten befanden sich u. a. eine ganze Anzahl ausländischer Staatsangehöriger." Unbekannt war ferner noch ein Detail, das dem Pariser „Neuen Tagebuch'' von englischen Reisenden, die am Tag der Judenverfolgungen Nürnberg passierten, berichtet wird: am Abend war zur Feier des Ereignisses die Stadt Nürnberg illuminiert. In Nürnberg findet der nächste nationalsozialistische Parteitag statt Die diplomatischen Vertreter der ausländischen Mächte sind eingeladen worden, dem großen Ereignis in Nürnberg beizuwohnen. Bezeichnenderweise haben die Vertreter Englands, Frankreichs, der Vereinigten Staaten, Oesterreichs, Polens und der Tschechoslowakei diese Einladung nicht angenommen. Die doch kommen, sollten sich vorher erkundigen, ob das Festprogramm auch eine Reprise der hier geschilderten antisemitischen Volksbelustigung vorsieht. Wissen Sie schon, daß das Ersuchen um Uebermittlung einer Petition des Kongresses der amerikanischen Juden an Reichspräsidenten Hindenburg vom deutschen Gesandten in Amerika Dr. Luther abgelehnt wurde, weil man offenbar den Reichspräsidenten in seiner Unkenntnis der wahren Lage im „Dritten Reich" erhalten will? * daß eine große englische Zeitung neulich ihren Lesern die Aufgabe gestellt hat, mit einem einzigen Satz jedes der großen Völker zu charakterisieren, und daß unter den Antworten, die Deutschland betrafen, diejenige eines alten englischen Oberst prämiiert wurde, der geschrieben hatte: „Germany — the nation without gentlemen! — Deutschland, die Nation ohne Gentlemen!" daß das gleichgeschaltete „Berliner Tageblatt-' zur Abschaffung der Vivisektion jüngst folgendes schrieb: „Deutlicher als mit der Gerechtigkeit gegen dieKreatur konnten die neuen Männer nicht ihren Willen unter Beweis stellen, daß humanes Empfinden auch Eigentum der Männer, sein kann, denen es die ganze Welt absprechen will." * daß die erste Liste jener Gelehrten, Schriftsteller und Politiker, denen die Nazi die Staatsbürgerschaft im „Dritten Reich" aberkennen, was die Betroffenen kaum als Ehrenkränkung empfinden dürften, hauptsächlich jüdische Namen enthält? daß dem Professor Dr. Max Goldschmidt und dem Privatdozenten bei der Juristischen Fakultät der Universität Leipzig Dr. Martin David die Lehrbefugnis an der Universität entzogen wurde? * daß aus Gründen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung das Organ des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die „C. V.-Zeitung", bis zum 2. September verboten wurde? daß das Verbot der Berliner zionistischen „Jüdischen Rundschau", das auf die von uns wie- 'dergegebene Antwort des Blattes an den „Völkischen Beobachter" wegen des Zionistenkongresses zurückzuführen war, mit sofortiger Wirkung aufgehoben wurde? daß nach einer Erklärung des Herrn Außenpolitiker Rosenberg sich die maßgebenden Kreise bereits mit der Frage der Einstellung der „Frankfurter Zeitung" befassen, weil das Blatt es gewagt hat, einer in der Schweiz erscheinenden jüdischen Korrespondenz de« Standpunkt des Auslandes gegenüber Deutschland in der Jüdenfrage zu entnehmen? daß das vor einigen Tagen veröffentlichte Verbot des Besuches des Freibades Wannsee durch Juden aufgehoben und das vor dem Freibad aufgestellte Verbotsschild entfernt worden ist? * daß es noch Richter in Deutschland gibt: Der jüdische Schuhwarenhändler Siegbert Mann aus Lorsch wurde in Worms zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er sich als Nationalsozialist ausgab und einem Geschäftsmann das unter seinem Rockkragen befestigte Abzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zeigte. * daß — so wie in Oberammergau der Christus — nun auch jeder deutsche Polizist nicht nur arische Großeltern haben muß, er soll auch arisch aussehen; dort wo alles nur Theater und Polizei ist, muß eben Theater und Polizei wenigstens mit der Anthropologie übereinstimmen. daß der Gemeinderat von Großgründlich in Franken einstimmig beschlossen hat, Juden den Zutritt in das Dorf zu verbieten; ja die Herren von Großgründlich sind „gründlich''. daß der Oberkantor des Brigittenauer Tempels Land&rer eine Berufung an den Preßburger Gemeindetempel erhalten hat? Wien, In dieser Woche weilte, wie bekannt, Lord M e 1 c h e 11, von der gelungenen Prager Makkabiade kommend, in Wien und wurde auf einem solennen Empfangsabend im Hotel Bristol, dem auch der englische Gesandte und ein Vertreter des Handelsministers beiwohnten, von den Spitzen der österreichischen Judenschaft und prominenten. Vertretern der österreichischen Finanz und Wirtschaft feierlich begrüßt. Bundeskanzler D o 11 f u ß gewährte ihm am nächsten Tage eine einstündige Audienz. Auch in der Kultusgemeinde wurde der illustre Gast herzlich empfangen. Die Ueberfülle an aus Prag und Palästina eingelangten wichtigem Material zwingt uns, über diesen interessanten Besuch erst in der nächsten Nummer zu berichten. Auch andere Berichte mußten aus dem gleichen Grunde zurückgestellt werden, so über die Eröffnung eines neuen Bethauses im Hause der Jeiteles- Stiftung im III. Bezirk und die Enthüllung einer Gedenktafel des „Bundes jüdischer Frontsoldaten" im Sirrimeringer Tempel. &ew Sa&st gegen die Judenvevfot&un&en. Die Londoner Nachrichtenagentur „Central News" verbreitet eine römische Meldung, derzufolge der Papst unter dem Eindruck der Nachrichten über die fortgesetzten Judenverfolgungen in Deutschland sich abfällig über die antisemitische Bewegung in Deutschland geäußert hätte. Papst Pius XI. erklärte, die Judenverfolgungen seien ein Armutszeugnis für die Zivilisation eines großen Volkes. Er erinnerte daran, daß Jesus, seine Familie, die Apostel und viele Heilige jüdischer Abstammung waren und daß die Bibel eine Schöpfung der Juden sei. Die arischen Völker hätten, sagte der Papst, keinen Anspruch auf Ueberlegenheit über die Semiten.