Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 35 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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BtE WAHRHEIT Seite 3 den deutschen Juden angetan worden ist, gegen die systematische Politik ihrer staatsbürgerlichen, ökonomischen und sozialen Entrechtung, gegen ihre gesellschaftliche und menschliche Diffamierung und gegen die Behinderung ihrer religiösen Lebensformen durch das Verbot der Schechita. Die mit allen Machtmitteln des Staates durchgeführte Entrechtung der Juden Deutschlands, in diesem Maße einzigartig und unvorhersehbar im zwanzigsten Jahrhundert, stellen eine neue furchtbare Erscheinungsform der Jahrhunderte alten Judenfrage dar. - Die Ueberzeugung voji der Wahrheit der zionistischen Lösung der Judenfrage und der Kampf der Zionisten für die Verwirklichung des zionistischen Ideals kann jedoch niemals mit der Bereitschaft verknüpft sein, zu irgendwelchem Verzicht auf die volle Gleichberechtigung und die Sicherung der Lebensrechte der jüdischen Gemeinschaften in den verschiedenen Ländern. Daher hält es der 18. Kongreß als seine Pflicht, zu erklären, daß die Zionisten der ganzen Welt nicht ruhen werden, bis die Entrechtung und Entwürdigung der Juden Deutschlands ein Ende nehmen wird. Abgesehen davon, daß die Geschehnisse in Deutschland einen der wertvollsten Bestandteile des jüdischen Volkes und der zivilisierten Menschheit in seiner Existenzmöglichkeit zu vernichten drohen, bedeutet die. Erschütterung der Daseins-Möglichkeiten der jüdischen Gemeinschaft eines Landes die Gefährdung der Existenz aller anderen jüdischen Gemeinschaften der Welt. Es ist daher die selbstverständlichste Pflicht der Selbsterhaltung des jüdischen Volkes, den Kampf gegen die Entrechtung der deutschen Judenheit als die gemeinsame Sache des gesamten Volkes zu führen. Aus dieser Erkenntnis heraus hält es der 18. Zionistenkorigreß für notwendig, neben dem Protest gegen die Geschehnisse folgende Forderungen, zu erheben: 1. Der Kongreß erachtet es als Pflicht der gesamten zivilisierten Welt, vor allem auch des Völkerbundes, dem jüdischen Volk in seinem Kampf um die Wiedererlangung um die Rechte der Juden in Deutschland zu helfen. Der Kongreß erwartet von den Völkern und Regierungen, daß sie alle Maßnahmen ergreifen werden, um den Juden Deutschlands die Einwanderung und Schaffung von Existenzmöglichkeiten zu erleichtern. 2. Der Kongreß erachtet es als die Pflicht der Mandatarmacht, die Tore Palästinas für die größtmögliche Einwanderung deutscher Juden zu öffnen, ihre Ansiedlung zu erleichtern und alles zu tun, damit das jüdische Nationalheim, dessen Errichtung der Hauptinhalt des Mandates ist, im schnellsten Tempo und im größten Umfang aufgebaut wird, um so eine unerschütterliche Existenzgrundlage für das jüdische Volk zu schaffen, dessen Dasein seit Jahrhunderten nicht so gefährdet war wie heute. 3. Der Kongreß appelliert an die Oeiientlichkeit der Welt, an alle Staaten, die ihre Solidarität mit dem Inhalt des Palästinamandats bekundet haben, und an den Völkerbund, der seine Durchführung zu überwachen hat, dem jüdischen Volke durch aktive Hilfe, vor allem in Form internationaler, politischer und finanzieller Kooperation in seinen Bemühungen um den Aufbau des Nationalheims beizustehen. Das traurige Nachspiel im Vorzimmer. Die Erregung bei der Abstimmung der Resolution war ungeheuer. Als die Majoritäts-Resolutionen angenommen wurden, machten die Revisionisten wilde Zwischenrufe, einige zogen Pfeifchen aus der Tasche und pfiffen, so daß die Ordner einschreiten mußten. Diese Erregung fand außerhalb des Kongresses in den Wandelgängen ein Nachspiel. Um Jabotinsky und seine Frau hatten sich seine Anhänger und zahlreiche Gegner versammelt, die ins Gedränge gerieten. Beide Gruppen brachten Lieder zur Absingung. Auch hier schritt Saalpolizei ein, doch erwies sie sich als zu schwach. Zwischen den einzelnen Gruppen kam es zu turbulenten Szenen, so daß ein Ueberfallskommando mit 60 Manu herbeigerufen werden mußte, das endlich dem Skandal ein Ende bereitete. * Ganz ungeklärt ist auch noch die Frage der Reorganisation der Jewish Agency. Die Zionistische Exekutive hat nach einer J. T. A.¬ Meldung dem Aktions-Comitee empfohlen, keine Aenderung des derzeit in Kraft stehenden Abkommens, das 1929 der erweiterten Jewish Agency zugrunde gelegt wurde, vorzuschlagen. Vielmehr solle ein „gentleman's agreement" mit den Nichtzionisten in der Frage der Reorganisation der Jewish Agency durch Herabsetzung der Zahl ihrer nichtzionistischen Mitglieder angestrebt werden. * Gegen einen jüdischen Weltkongreß. Das Zionistische Aktions-Comitee hat sich in einer Sitzung, die eine volle Nacht in Anspruch nahm, mit der Frage der Einberufung des Jüdischen Weltkongresses befaßt Während Dr. Stephen S. Wise, Dr. Nahum Goldmann, Leo Motzkin und Robert Stricker auf die Wichtigkeit eines jüdischen Weltkongresses hinwiesen, brachten zahlreiche Mitglieder des Aktions-Comitees die Befürchtung zum Ausdruck, daß ein jüdischer W e 11 k o ngreß eine Art Konkurrenz für den Z ionist enkongreß bilden und einzelne seiner Funktionen übernehmen könnte, was zu einem Ve.rlust des Prestiges der Zionistischen Organisation führen würde. Die Debatte über diese Angelegenheit gestaltete sich stellenweise äußerst lebhaft und stürmisch. m Der Höhepunkt des Dramas. Die Nachrichten über die sensationellen Enthüllungen in der Untersuchung gegen die mutmaßlich Schuldigen an der Ermordung Dr. Arlosoroffs wurden am 26. August auf dem Prager Zionisten- Streng rituell... wird Kunerol erzeugt,in modernen, appetitlich reinen Anlagen, die vom Publikum jederzeit besichtigt werden können. 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Nach Wiederaufnahme der Sitzung teilte Motzkin dem Kongreß mit, das Präsidium habe beschlossen, seine Entscheidung über die Zulassung der Erklärung Katzenelsons bis zum Sonntag abend zu verschieben, und werde in der Zwischenzeit auf telegraphischem und telephonischem Wege authentisches Material über den Stand der Untersuchung im Mordfaile Arlosoroif aus Palästina einfordern. Bis dahin werde keine Plenarsitzung des Kongresses einberufen werden. Diese für Sonntag abends angekündigte Plenarsitzung des Kongresses fand, da die berufenen zionistischen Instanzen bis dahin zu einer Klärung der Frage noch nicht vorgedrungen waren, nicht statt, auch Montag kam es zu keiner Sitzung. Die Beratungen des Aktionskomitees und des Kongreßpräsidiums sollen sehr stürmisch verlaufen sein, führten indessen nicht zu einem endgültigen Ergebnis. Die Sitzungen wurden erst Dienstag mit der Fortsetzung der Generaldebatte wieder aufgenommen. Auch an diesem Tag ist die mit Spannung erwartete Entscheidung über die Konsequenzen aus der furchtbaren Wendung der palästinensischen Morduntersuchung nicht erfolgt. «■•■••«•■«•ai Die palästinensischen Revisionisten vor Gerieht Am 22. August wurden die 14 palästinensischen Revisionisten, die anläßlich einer Razzia vor einiger Zeit verhaftet wurden, dem Richter in Jaffa unter der Anklage vorgeführt, in den Jahren 1931, 1932 und 1933 mit dem Ziele konspiriert zu haben, aufrührerische Handlungen unter Anwendung von Gewalt und Terror zu begehen, gegen Verwaltungsbehörden der Palästina-Regierung Widerstand zu leisten, Unzufriedenheit und Unruhe unter derBevö1kerung hervorzurufen. Den Tatbestand der Verschwörung zum Aufruhr erblickt die Anklage ferner in der Veröffentlichung von Artikeln in einer illegalen Publikation „Habirjonim" und in der mündlichen und schriftlichen Aufreizung zu Ungesetzlichkeiten. Inspektor Tenenbaum von der Kriminalpolizei erklärte, er habe bei der Haussuchung in der Wohnung Achi Meirs auf dessen Schreibtisch 16 Briefe und Aufrufe gefunden, aus denen das Bestehen eines Geheimbundes, Zionim Meapechanim oder Brith Birionim, hervorgehe. In den Aufrufen werde gegen den French-Bericht und gegen die Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina protestiert und die jüdische Jugend aufgefordert, für die Freiheit Zions zu kämpfen. Ferner seien die Aufrufe gegen die Vorschläge betreffend eine jüdisch-arabische Round Table-Konferenz und gegen die Einsetzung eines Parlaments mit „Arabern, jüdischen Verrätern und der Palästina-Regierung" gerichtet. Die Polizei, erklärte Inspektor Tenenbaum weiter, habe ferner einen Dechiffrierschlüssel und einige in chiffrierter Schrift geschriebene Briefe gefunden, in denen betont wird, daß der Brith Birjonim eine Geheimorganisation bleibe und Mitglieder nur aufnehmen dürfe, wenn es sicli um verläßliche Leute von festem Charakter handelt. Aus einem von dem Beschuldigten Jewin geschriebenen Brief sei zu ersehen, daß der Revisionistenführer Jabotinsky den Ausschluß der palästinensischen Extremisten aus der revisionistischen Partei verlangt habe, falls sie nicht ihre Taktik ändern sollten. Polizeiinspektor Götter sagte aus, er habe in Achi Meirs Zimmer dessen Tagebuch und andere Dokumente gefunden, aus denen hervorgehe, daß der Brith Birjonim im Oktober 1931 die Aktion gegen die palästinensische Volkszählung, sowie die Obstruktion der Antrittsvorlesung Norman Bentwichs an der Hebräischen Universität organisiert hat. (Im Oktober 1931 waren Achi Meir und einige seiner Anhänger verhaftet worden, weil sie amtliche Aufzeichnungen betreffend die Volkszählung ausradiert hatten. Eine unter seiner Führung befindliche Anti-Volkszählungs-Organisation hat die Aufrufe verbreitet, in denen die Juden aufgefordert wurden, die Volkszählung zu boykottieren, weil sie eine Vorstufe für die Einsetzung eines Legislative Council in Palästina darstellt. Er war auch einer der Rädelsführer bei der Störung der Antrittsvorlesung Norman Bentwichs im Februar 1932.) Der Verteidiger der angeklagten Revisionisten Dr. Cohen erklärte, er beabsichtige, den Revisionistenführer Jabotinsky — dem die Behörden bekanntlich die Einreise nach Palästina verweigern — als Zeugen vorladen zu lassen. Ferner verlangte Dr. Cohen die Freilassung gegen Kaution derjenigen fünf Beschuldigten, die bisher noch nicht auf freien Fuß gesetzt wurden. Staatsanwalt Shitrit erhob gegen den Antrag des Verteidigers in bezug auf vier der