Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 35 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Die Erschwerung des Religionswechsels. Sehr geehrte Redaktion! Sic haben mich über die Bedeutung befragt, welche ich der jüngsten Verordnung der österreichischen Bundesregierung über die Erschwerung des Religionswechsels für das Judentum beimesse. Ich habe erfahren, daß häufig die den Austritt aus dem Judentum Anmeldenden sich der Bedeutsamkeit ihrer Handlung nicht bewußt sind. Nicht Seiten liatte ich den Eindruck, daß sie sich nicht nur in einem Gemütszustande befunden hatten, der die eigene freie Ueberzeugung ausschließt, und Motive vorlagen, die weit außerhalb des religiösen Gebiets lagen, sondern daß sie überhaupt außerstande waren, die moralische Relevanz ihres Verhaltens richtig zu beurteilen. Ich halte auch deshalb die Hinauf setzung der bestehenden Altersgrenze von 14 auf 18 Jahre für höchst wünschenswert. Es ist ungeheuer schwer, über diesen Zionistenkongreß zu berichten. Nicht nur deshalb, weil die Feder sich sträubt, die Kritik vorzubringen, die eigentlich berechtigt wäre. Denn was sich bis nun in Prag abgespielt hat, gereicht dem Judentum wahrlich nicht zu besonderer Ehre. Ge- -Aiß, das Judentum als eine Gemeinschaft des Intellekts hat ein Recht darauf, nicht blind einer Meinung zu sein, und aus diesem Rechte resultiert die verständliche Tatsache, daß es Parteien im Judentum gibt. Was aber nicht verständlich ist, das ist die Art und Weise, wie sich die zionistischen Parteien, beseelt von einer gemeinsamen Idee, buchstäblich zerfleischen, einander einen Kampf bis aufs Messer liefern in einem Augenblick, da ein wertvoller Teil der Weltiudenheit von haßsüchtigen Feinden geradezu mit Vernichtung bedroht ist. Die Kulturwelt, die diesen Ausrottungsprozeß mit Entsetzen und Abscheu verurteilt, hat für den Prager Kongreß ein großes Interesse bekundet, das beweisen nicht zuletzt die zahlreichen Presseberichterstatter, die nun in der schönen Moldaustadt weilen. Die Judenheit im besonderen erwartete von Prag eine klare Willensäußerung über die Maßnalunen, die in naher Zukunft für jene deutschen Juden getroffen werden müßten, denen Palästina eine neue Heimstätte werden soll. Diese Erwartung war eine allgemeine, sie wurde von Zionisten wie Nichtzionisten an den Tag gelegt. Denn wenn auch die in der letzten „Stimme" ausgesprochene Ansicht des Herrn Dr. Jakob Rosenthal vollkommen abwegig ist, daß nämlich „der Kongreß nunmehr auch von den nichtzionistischen Juden als einzige parlamentarische Tribüne des jüdischen Volkes anerkannt" wird, auch das nichtzionistische Judentum bewies viel Anteilnahme für den Kongreß, weil es. auch irregeführt durch die großsprecherischen Ankündigungen der zionistischen Presse, erwartete, daß er positive Leistungen auf dem Gebiete der Palästina-Hilfe für die deutschen Juden vollbringen werde. Ein abschließendes Urteil ist im Momente, da diese Zeilen geschrieben werden, nicht möglich; allein schon jetzt kann man behaupten, daß das Interesse der Kulturwelt und die Erwartung der Judenheit bitter enttäuscht wurden. Ueber die Gründe dieser Enttäuschung wird noch manches zu sagen sein, sie liegen nicht zuletzt in der Ueberspannung der Erwartungen und der von zionistischer Seite bewußt genährten Hoffnungen, die mit der traurigen Wirklichkeit in Widerspruch stehen. Vielleicht wird der Abschluß des Kongresses Erfreulicheres bringen als sein bisheriger Verlauf, der zum schwärzesten Pessimismus berechtigt. Denn was sich z. B. gerade in jenem Momente abspielte, da der Kongreß zu den deutschen Judenverfolgungen Stellung nahm, das war nicht darnach angetan, unser Ansehen in der Welt zu festigen. Gewiß, die irrsinnige Forderung der Revisionisten, daß die zionistische Bewegung die Boykottaktion gegen Deutschland unterstütze, bzw. organisiere, war abzulehnen, und es ist im Interesse der deutschen Juden gelegen, daß diese Forderung mit so großer Majorität abgelehnt wurde. Aber daß sofort nach Annahme der Mehrheits-Resolution, die mit so viel schönen Worten Die dem Judentum eigene Haltung in Gewissensfragen läßt grundsätzlich keinen Abbruch der dem Menschen auch in dieser Hinsicht von Natur aus zukommenden Rechte zu. Es bedeutet jedoch meiner Ansicht nach keine Beeinträchtigung dieser Rechte, wenn den von dieser Verordnung Betroffenen von ernster und in jeder Beziehung verläßlicher Seite die prinzipielle Bedeutung ihres Schrittes vorgehalten, bzw. die Möglichkeit freier Entschlußfähigkeit durch Bestimmung einer Bedeukfrist gesichert wird. Dies meine ich alles unter der Voraussetzung, daß keine Ueberredung angewendet werden darf, jemanden zurückzuhalten, der nicht den moralischen Mut, noch die moralische Kraft besitzt, das Judenschicksial zu teilen, das seit je und insbesondere in unseren Tagen Adel des Martyriums bedeutet Dr. David Feucht w an g, Oberrabbiner der Isr. Kultusgemeinde Wien. operiert, ein Skandal losging, der zu Vergleichen mit den berüchtigten turbulenten Szenen im alten österreichischen Parlament Gelegenheit gab, das hat der so gefährdeten Sache des Judentums sicher geschadet und die beabsichtigte Wirkung der Protest-Resolution beinahe ganz aufgehoben. Dabei war dieser Zusammenstoß nur einer der vielen, die auf der Tagesordnung dieses unruhigen Kongresses stehen. Wir heben sie in diesen einleitenden Sätzen nur deshalb besonders heraus, weil es unendlich traurig ist, daß auch bei der Stellungnahme zum deutschen Judenproblem, also in der brennendsten jüdischen Frage unserer Tage, keine Einigung erzielt werden konnte und der Welt, die so was nicht verstehen wird, das beschämende Schauspiel eines heftigen Bruderkampfes geboten wurde. Die Berichterstattung über den Kongreß ist aber auch dadurch erschwert, weil sich die Dinge auf demselben fortwährend geradezu sprunghaft STEIN INDUSTRIE CARL BENEDICT Zentra le: Hl.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. LHO-4-53 ändern. Im Momente, da diese Einleitung geschrieben wird, Montag abends, tagt der Kongreß überhaupt nicht; seit 48 Stunden sind seine Beratungen mitten in der Generaldebatte unterbrochen. Grund hiefür sind aus Palästina eingetroffene Berichte, wonach die Schuld der revisionistischen Extremisten an der Ermordung Dr. Arlosoroffs durch die gerichtliche Untersuchung klar erwiesen ist. Diese furchtbare Beschuldigung, die sich auf schwer belastende Tagebuch-Aufzeichnungen des kürzlich neuerdings verhafteten palästinensischen Revisionistenführers Achi Meir stützen (wir berichten darüber an anderer Stelle), gab den erbitterten Feinden der Revisionisten, den Poale- Zionisten, Veranlassung, abermals ihre Forderung zu erheben, daß die Revisionisten aus der zionistischen Weltorganisation ausgeschlossen werden. Bei der Besetzung des Kongreß-Präsidiums konnte die Linke bekanntlich die gleiche Forderung durchsetzen, nun schickt sie sich zum Generalangriff an, von dem es zur Stunde noch nicht feststeht, ob er ihr gelingen wird. Das hängt sehr mit der Frage des künftigen Präsidenten zusammen, die noch vollkommen ungeklärt ist. Weizmann, der Vielgenannte, hat den Kongreß bis nun nicht besucht, eine ihm in den Mund gelegte Erklärung, daß er nicht zum Kongreß kommen werde, wenn nicht die Revisionisten aus der zionistischen Organsation ausgeschlossen werden, wurde von ihm gegenüber der J. T. A. weder bestätigt noch dementiert. Nach einer letzten Meldung soll Weizmann die Bedingung gestellt haben, daß er nur dann seine Wiederwahl annehme, wenn sich der Kongreß mit großer Majorität für ihn und die von ihm selbst nominierte Exekutive entscheide. Schwere Sorgen lasten also auf diesem Kongreß, über den erst ein endgültiges Urteil gefällt werden kann, wenn er vorüber ist und die jetzt, so hoch gehenden Wogen der Erregung sich geglättet haben. Im folgenden beschränken wir uns deshalb auf die Wiedergabe der markantesten Ereignisse der bisherigen Beratungen; das Schlußwort soll noch folgen. * * Die Wahl des Kougreßpräsidlunis. Der grauenvolle Verdacht, daß Arlosoroff von einein Revisionisten erschossen worden ist. ja daß geradezu ein Komplott bestanden habe, führte gleich zu Beginn der Kongreßberatungen — wohlgemerkt nach der grandiosen Eröffnungssitzung — zu der Weigerung der linken Parteien, im Präsidium mit revisionistischen Vertretern zu sitzen, solange die bei Gericht schwebende Angelegenheit der Ermordung Arlosoroffs und des Anteils der revisionistischen Propaganda an diesem Verbrechen nicht klargestellt ist. Tagelang verhandelte man zunächst, wie wir schon in unserer letzten Nummer berichteten, im Aktionskomitee über dieses Problem und kam dort zu keinem Resultat. Der Kongreß begann ohne gewähltes Präsidium unter dem Vorsitze Sokolows. Das Zentrum hatte folgenden Ausweg gefunden: Es beantragte, daß alle Parteien das Recht haben sollten, ihre Kandidaten zu nominieren, wobei kraft der Stimmenvertcilung. mit großer Wahrscheinlichkeit die Kandidaten der Revisionisten durchgefallen wären. Dieser geschickte Antrag des klugen Zentrums, bei welchem die Demokratie gewahrt worden wäre und die Revisionisten doch nicht gewählt worden wären, wurde durchkreuzt durch einen Schachzug der noch klügeren Misrachi, die den Revisionisten zu Hilfe sprangen. Die Misrachi beantragten nämlich die prinzipielle Abstimmung darüber, daß in traditioneller und demokratischer Weise alle Parteien im Präsidium vertreten sein sollten. Dieser Antrag zwang die Linke dazu, zu erklären, daß sie mit einer Partei, auf der offiziell eine so schwere Beschuldigung laste, nicht zusammen im Präsidium sitzen könne, und brachte überdies das Zentrum in die schwierige Situation, für oder gegen einen demokratischen Grundsatz stimmen zu müssen. Die Linken beantworteten diesen Schachzug der Misrachi mit dem Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung, auf welchen wiederum die Revisionisten mit einem Antrag auf namentliche Abstimmung antworteten, den sie bei Sokolow durchsetzten. Obwohl das Zentrum fast geschlossen auf Grund eines Fraktionsbeschlusses gegen den Uebergang zur Tagesordnung stimmte, blieb die Linke iiiicilge der Verstärkung durch die radikale Grünbaum-Gruppe mit zwei Stimmen (151 :149) in der Majorität. Der Antrag war gefallen. Hierauf wurde das Präsidium gewählt, in welchem weder Revisionisten noch die Misrachi vertreten sind. So endete dieser erste Kampf mit einem knappen Sieg der Linken. Der Kongreß konnte unter einem Präsidium, dein freilich Misrachi und Revisionisten ihr Vertrauen verweigerten, seine Verhandlungen fortsetzen. Die Referate. Während der Verhandlungen über die Frage des Präsidiums wurden im Plenum vornehmlich von den Mitgliedern der Exekutive interessante Referate gehalten. Es war eine bezeichnende Situation: während das Interesse des Kongresses mit äußerst schweren formalen Majoritätskämpfen in Anspruch genommen war, wurden Referate vorgetragen von höchster Wichtigkeit, denen natürlich nicht jene Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, die sie verdient hätten. Die Generaldebatte litt ebenfalls unter diesen Hemmungen; sie erreichte lange nicht das Niveau dessen, was auf den letzten Kongressen geboten wurde. Die deutschen Resolutionen. Der dramatische Abschluß des ersten Abschnittes war die Annahme der Resolutionen über die Lage der Juden in Deutschland. Die Majorität des Kongresses hatte sich geeinigt, zur Lage der Juden in Deutschland in der Weise Stellung zu nehmen, daß der Präsident der Organisation ein großes Referat und Dr. Ruppin ein Referat über die Hilfsmöglichkeiten für die deutschen Juden halten solle, worauf in einer ausführlichen Resolution debattenlos die Stellungnahme des Kongresses zum Ausdruck kommen sollte. Die Revisionisten brachten Resolutionen vor, die auf eine schärfere Tonart gerichtet waren: überdies wollten sit eine Debatte darüber erzwingen, sie hatten J a b otinsky als Redner vorgeschlagen, der bis jetzt bezeichnenderweise nicht gesprochen hat: die überwiegende Majorität (240 zu 43) lehnte jedoch die Revisionisten-Resolution sowie deren Debattenantrag ab und nahm mit 265 Stimmen bei Enthaltung der Revisionisten die Majoritätsresolution an, in der es u. a. heißt: Der XVIII. Zionistenkongreß, versammelt in Prag, erachtet es als seine Pflicht, in seiner ersten Willenskundgebung seine Stimme zu erheben und seiner Erschütterung über das tragische Schicksal der deutschen Juden und seiner Entrüstung über ihre Entrechtung und Entehrung Ausdruck zu geben. Nach einem Jahrhundert der Emanzipation der Juden und der Anerkennung der Gleichberechtigung eines jeden Volkes und Individuums im Rahmen des Staates ist es im gegenwärtigen Deutschland so weit gekommen, daß eine halbe Million Juden ihrer elementarsten Menschenrechte beraubt, daß durch die offizielle Sanktionierung von Rassenvorurteilen die Würde und die Ehre des jüdischen Volkes beleidigt werden und daß eine Politik und Gesetzgebung statuiert werde, deren Grundprinzipien die Existenzgrundlagen des jüdischen Volkes vernichten müßten. Der Zionistenkongreß, eingedenk der Prinzipien der Freiheit und Gleichberechtigung aller Völker, Rassen, Religionen, Weltanschauungen und Individuen und der Postulate menschlicher Gerechtigkeit, frei vom Gefühl der Feindseligkeit gegen das deutsche Volk, aber durchdrungen von der Verpflichtung zur Wahrung der Rechte des jüdischen Volkes in der Welt, erhebt feierlichen Protest gegen das ungeheuerliche Unrecht, das Der Zionistenkongreß.