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Die Wahrheit · 1933-09-01 · Heft 35 (1.9.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 35 (1.9.1933)
Date
1933-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis (fieser Nummer 40 Groschen Jüdische Di« IBcHirheiT Erseneint jeden Freitag mit den , Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien *tfttDSfc ÄtJäSSS^S ':-V^VP,cW< ■>^NBR—r/^i §|SIEGELMARKEN %!R^' " \&f*Bi\jy «£*ureh^ 1 Redaktion und Administration: Wien II., Heineatraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 40. Jahrgang Wien, 1. September 1933 Nummer 35 Ansprüche und Widersprüche. Die antisemitische Sturzwelle, die seit der überraschenden Machtergreifung durch die Hitlerianer in Deutschland die Welt zu überfluten droht, hat das taktische Problem, wie die Juden diese Gefahr am besten abwehren können, aus einem theoretischen Diskussionsthema über Nacht zu einer dringenden Frage der Praxis gemacht, über die man sich je eher, desto besser entscheiden muß. Trotz dem drängenden Gebot der Stunde hat sich aber eine Klärung der Geister noch nicht ergeben. Statt daß jedes der verschiedenen jüdischen Lager aus den eigenen begangenen Fehlern lernt, wie man den üblen Folgen dieser Fehler in der Stunde höchster Gefahr vorbeugt, vergnügt man sich mit hämischen Ausfällen auf die politisch anders eingestellten Glaubensgenossen. Besonders der Prager Zionistenkongreß feiert wahre Orgien der Schadenfreude und des Hohnes gegenüber der jüdischen Emanzipationspolitik der Assimilation, die jetzt in einem der größten Staaten der Welt „kläglich Schiffbruch gelitten'" habe. Nun ist es ja leider richtig, daß sich die Behandlung und gesetzliche Qualifizierung der Juden als „Volksfremde" seitens einer Nation — besser gesagt: einer in dieser Nation zur Herrschaft gelangten radikal-völkischen Clique — in betonter Gegensätzlichkeit zu den Anschauungen vollzieht, die für die Judenemanzipation im Deutschland des 19. Jahrhunderts maßgebend waren. Aber bedeutet dieser strategische Rückschlag auch schon eine geistige Desavouierung der jetzt gewaltsam unterdrückten Prinzipien der liberalen Judenpolitik? Wäre es nützlicher gewesen, wenn sich die Westjuden nicht emanzipiert, das heißt, sich von den Bildungsquellen der europäischen Kultur ferngehalten hätten? Was würden sie dann — ich will nicht fragen: für die Welt, sondern auch nur für sich selbst Großes zu leisten imstande gewesen sein? Ist denn nicht sogar der moderne Zionismus nur möglich geworden als Schöpfung mit abendländischer Bildung vollgesogener Führer, mag auch der Drang nach „Autoemanzipation" unter den niemals assimilierten und keiner Emanzipation gewürdigten Ostjuden schon früher latent gewesen sein? Es ist gröbster Undank, wenn von zionistischer Seite der Weg, der die bisher erfolgreichsten Repräsentanten des Zionismus in die Höhe geführt hat, als der Irrweg ghettohatter Sklavengesinnung diffamiert wird. Nicht das unentwegte Festhalten an den Prinzipien des Liberalismus seitens der Juden ist durch die politische Entwicklung in Deutschland ad absurdum geführt worden, es hat sich bloß der zu geringe Eifer oder die mangelhafte Fähigkeit gerächt, auch die nichtjüdischen Mitbürger dauernd unter den Fahnen festzuhalten, unter denen ihre Ahnen im Sturmjahre 1848 für die Freiheit und Gleichheit aller, die ein Menschenantlitz tragen, ihre eigenen Bürgerrechte zu erobern ausgezogen waren. Wenn z. B. jetzt auf dem Pariser Kongreß der Zweiten Internationale eine Resolution gegen den Antisemitismus einstimmig angenommen wurde, kann man den dort versammelt gewesenen sozialdemokratischen Führern aus der ganzen Welt den Vorwurf nicht ersparen, daß sie die Abwehr des Antisemitismus durch entsprechende Aufklärung der hinter ihnen stehenden Arbeitermassen sträflich vernachlässigt haben, solange es noch Zeit gewesen wäre, zu verhindern, daß Demagogen, die einem durch Arbeitslosigkeit und sonstige Folgen der Weltwirtschaftskrise erbitterten Volke nichts anderes zu bieten hatten als rüde antisemitische Hetze, durch diese allein in die Höhe getragen werden zu schrankenloser Macht. Ebensowenig wie dieser Mißerfolg der Assimilationspolitik soll der Erfolg der jüdischnationalen „Antimimikry" geleugnet werden. Es kann nicht übersehen werden, daß die Gesetzgebung des Dritten Reiches, soweit sie sich auf die Juden bezieht, dem zionistischen Schlagwort vom eigenen jüdischen Volkstum und von der angeblichen Unmöglichkeit jüdischen Aufgehens in deutschem Volkstum in weitestem Ausmaß Rechnung trägt. Es fällt uns natürlich nicht ein, zu behaupten, daß die Zionisten aus ihrer nationalen Auffassung dieselben staatsbürgerlichen Konsequenzen für die deutschen Juden ziehen wollten wie Herr Hitler. Aber die Gefahr lag eben in der Prämisse und diese ist wie gesagt, jüdischnationale Prägung. Wenn also die Zionisten in ihren Kongreßreden die Assimilanten wegen ihres Mißerfolges verhöhnen, gibt es keine treffendere Revanche, als den Zionisten zu ihrem „Erfolge" in Deutschland zu gratulieren .. . Dieser Erfolg des jüdischen Nationalismus wäre vielleicht glorios, wenn er Hand in Hand mit einem Erfolg der zionistischen Palästinapolitik ginge. Leider ist aber das Gegenteil der Fall und die unerhörte Reklame, mit der die Zionisten auf ihrem Kongreß sich dem gesamten Judentum als seine einzigen Retter anpreisen, steht in groteskem Widerspruch zu der faktischen Unmöglichkeit, die Opfer der europäischen Judenverfolgungen in „Erez Israel" zu verankern. Die Ursache dieser Unmöglichkeit, vor allem die rigorose Mandatpolitik Englands, wurde in diesem Blatte bereits beleuchtet. Hier soll bloß vom Kongreß die Rede sein und die paradoxe Tatsache illustriert werden, daß der Zionismus nicht einmal in den engen Grenzen seines eigenen parlamentarischen Forums die von ihm anspruchsvoll in die Welt geschmetterten Axiome zu verwirklichen vermag. Illllllllllllllllllllllillllllllim Die Redner zitieren unentwegt das Herzl- Wort: „Wir Juden sind e i n Volk — ein V o 1 k." Eine köstliche Illustration zu dieser Behauptung bot sich auf dem im Rahmen des Kongresses abgehaltenen Parteitag der Allgemeinen Zionisten. Dort führte schon die Eröffnungsansprache zu einem — Sprachenkon- Hikt, wie ihn sonst nur Parlamente buntnationaler Staaten kennen. Der Präsident des Weltverbandes Dr. Schwarzbart-Krakau, der jiddisch sprach, wurde am Reden gehindert, weil man eine hebräische Eröffnung wünschte, und konnte erst, nachdem Doktor Mossinson diesem Wunsche Rechnung getragen hatte, weitersprechen . .. Auch der Kongreß selbst ist sehr polyglott und den einzelnen Rednern können meist nur wenige Zuhörer folgen. Schuld daran ist der auffallende Boykott derjenigen Sprache, die unter den Juden heute noch am meisten verbreitet ist: der deutschen. Wenn das eine Demonstration gegen Hitler sein soll, ist sie recht kindisch. Denn Hitler ist weder der Erfinder der deutschen Sprache noch — trotz seiner Selbstqualifikation als „Schriftsteller" — einer ihrer schöpferischen Neugestalter. Am bedauerlichsten ist es, daß auch von den vier Kongreßrednern, die im tschechoslowakischen Radio zu Worte kamen, keiner deutsch sprechen wollte. Dadurch werden die deutschen Radiohörer, die jetzt durch den reichsdeutschen Rundfunk die absurdesten Ausführungen über Juden und Judentum vorgesetzt bekommen, um die Möglichkeit gebracht, auch einmal den anderen Teil zu hören. Und vielleicht hätte sogar Herr Hitler selbst Interesse für eine solche, ihm sonst unzugängliche Informationsquelle gehabt. So muß er sich mit der Kenntnisnahme der Deutschland- Resolution des Zionistenkongresses begnügen, und wer weiß, ob er diese überhaupt liest, obwohl man sie ihm durch Annahme der mildesten Form schmackhaft zu machen versuchte. Jabotinky und seine Mannen haben über diesen Versuch sehr getobt. Die von ihnen vorgeschlagene Resolution war wesentlich schärfer. Sie möchten am liebsten Hitler und seine Braunhemden verschlingen — sollte man meinen. Aber siehe da: der Vorsitzende des Zionistenkongresses sah sich veranlaßt, ein Uniformverbot für den Saal zu erlassen, weil der Aufmarsch von Kongreßbesuchern in Braunhemden den Unwillen der übrigen Gäste erregt hätte. Wer waren diese zionistischen Braunhemden? Antwort: Die Jabotinsky-Mannen mit der scharfen Anti-Hitler-Resolution . . . uiiiüJiimiiiiiiinuif.'innimiDmmmiranmiiiiiuinmiiunifmninimnniiuHimiiiiniiF Mitglieder und Freunde der „Union"?nd der «J^^Unta*» " treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Donnerstag, ab 7:8 Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deufschberger IL, Ausstellungsstraße (Straßenbahn-Haltestelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. miiiiiiM^

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