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Die Wahrheit · 1933-08-25 · Heft 34 (25.8.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 34 (25.8.1933)
Date
1933-08-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Das neue Gesieht des Antisemitismus ist uns allen nur zu gut bekannt Es ist eine Fratze, die uns insbesondere aus dem „Dritten Reich" mit widerlichem Hohngrinsen entgegenstarrt. Dieses Gesicht kennt keine Milde, kein Erbarmen, es d i ktie rt. Die Zeit, da noch diskutiert wurde, ist wohl endgültig vorüber. Sie liegt noch gar nicht lange zurück, und dennoch glaubt man, daß uns Ewigkeiten von ihr trennen. In diese Zeit führt uns eine Broschüre zurück, die vor kurzem im Verlag des Verbandes der israelitischen Humanitätsvereine B'nai B'rith erschienen ist und aus der ausgezeichneten Feder des Bibliothekars unserer Gemeinde, Reg.-Rat Dr. Bernhard W a c h s t e i n, stammt. Sie beschäftigt sich in eingehender Weise mit zwei Diskussionsschriften über die Judenfrage („Der Jude ist schuld?" und „Klärung"), die noch im vorigen Jahre herauskamen und an denen sich Juden und Judengegner beteiligten. Die Arbeiten dieser Autoren, insbesondere die der antisemitischen Mitarbeiter an den beiden Werken werden kritisch unter die Lupe genommen und in einer Art behandelt, die für jeden Rezensenten als mustergültig bezeichnet werden darf. Dr. Wachstein ist für diese interessante Arbeit besonders prädestiniert; er kennt das einschlägige Schrifttum wie wenig andere und diese Erfahrenheit merkt man aus jeder Zeile seiner vorzüglichen Broschüre. Die Methode, die er bei seiner recht schwierigen Aufgabe anwendete, läßt sich am besten durch Wiedergabe einer Partie aus der Broschüre illustrieren; wir veröffentlichen im folgenden die Auseinandersetzung Dr. W a c h s t e i n s mit einem Aufsatz Theodor L e s s i n g s „Die Uniösbarkeit der Judenfrage", der in dem Sammelwerke „Der Jude ist schuld? erschienen ist: Im ersten und zweiten Kapitel zählt Lessing die Widersprüche in der Judenfrage und die bisher unternommenen unzureichenden Versuche zu deren Lösung auf. Er zählt deren vier, trotzdem sich die Reihe noch fortsetzen ließe. Ich erwähne den ersten Punkt, dem nach meiner Meinung prinzipielle Bedeutung zukommt: Der als Jude Geborene soll zwei Nationen zugleich zugehören. Er soll nicht nur Jude, sondern auch Deutscher, Franzose etc. sein. Kehrt sich aber die eine Nation wider die andere, so gerät der Jude vor ein Entweder-Oder. Ich glaube, daß diese Frage auch an andere Völker, von welchen Teile in anderen Staaten leben, gestellt werden könnte. Bei einem Kriege beispielsweise zwischen Deutschland und Amerika müßte die Frage an Deutschland, soferne der Krieg nicht aufgedrungen wird, gestellt werden, wie es gegen seine Volksgenossen Krieg führen könne, und wiederum an die Deutschen in Amerika, wie sie in einen Krieg gegen ihre Volksgenossen ziehen können. Man sage nicht, daß die Juden in einer größeren Zahl von Ländern vertreten sind, da ja die Problematik durch die Quantität nicht berührt wird. Belangvoller erscheint die schon oft diskutierte Frage, ob ein bewußter Jude auch als Deutscher, Franzose etc. empfinden könne. Ich will nicht darauf hinweisen, daß für jeden gerechten und wohlwollenden Beurteiler diese Frage schon lange als gelöst erscheinen muß. Aber diese Frage ist, rein logisch betrachtet, zunächst keine jüdische Frage, sondern die Frage nach den Grenzen menschlicher Kapazität. Die Frage kann verschiedentlich gestellt werden, so z. B.: Kann ein Mensch von wissenschaftlichen oder künstlerischen Interessen erfüllt sein und noch etwas für Familie, Nation, Vaterland, Menschheit übrig haben? In welchem Maße kommt das eine oder andere Gefühl zum Ausdrucke? Ganz besonders drängt sich die Frage auf, inwieweit das Gefühl für die Familie reicht. In der Tat verlangt die katholische Kirche von den Lehrern der Religion die Ehelosigkeit. Die anderen Konfessionen verbieten die Ehe nicht. Die jüdische Religon fordert sie von jedermann, denn nur dadurch erlangt er das wahre Menschtum. Eine Meinung verlangt vom Vorbeter schon deshalb die Familie mit den ihr anhaftenden Sorgen, damit er desto inniger und eindrucksvoller die Gebete verdolmetsche. Nach dieser Mentalität geht der Weg zum sozialen Empfinden durch das eigene hindurch. Aber die jüdische Literatur, wie die Weltliteratur kennt Beispiele, wo die eigene Familie im Dienste des Rechtes und der Allgemeinheit geopfert wird. Beim gewöhnlichen Ablauf ruhen die diversen Gefühlskomplexe nicht nur friedlich beieinander, sondern erfahren auch durch einander eine gegenseitige Verstärkung. Wer könnte es bestreiten, daß die Erlebnisse des jüdischen Menschen ebenso in seiner Heimat verflochten sind wie die anderer Menschen, daß die Assoziationsketten, in denen diese Erlebnisse eingebettet sind, ebenso verlaufen, daß das Interesse an dem Wohlergehen des Staates, daß die landschaftlichen und klimatischen Einwirkungen dieselben sind, daß die Verbundenheit durch Sprache und Kultur nicht ohne Wirkung bleiben können, daß der Jude von dem Leid des nichtjüdischen Menschen getroffen wird, daß das Verhältnis zwischen Jude und Nichtjude im Wandel und Verkehr ein denkbar gutes ist. Der Streit beginnt erst, wo es um die Konkurrenz geht. Aber dies ist keine jüdische Angelegenheit. Ob es sich um einen Sitz in der Straßenbahn oder um einen Lehrstuhl an der Universität handelt, der Mitbewerber steht einem im Wege. Mit dem Unterschiede, daß, wenn der Partner ein Jude ist, alle respektiven Konkurrenten der verschiedensten Berufsarten mit dem Hilferufe „Der Jude!" angerufen werden. Wenn aber die Rassentheoretiker unter Deutschen, Franzosen etc nur Blutsverwandte sehen wollen und zu dieser Auffassung alle naiven Gutgesinnten bekehren, dann sind eben die Juden in diesem rassischen Sinne keine Deutschen, Franzosen usw. Wogegen aber die Juden Einspruch erheben müssen, das ist die Aberkennung des Begriffes Deutsche, Franzosen etc. als Vollbürger dieser Länder, gegen die Statuierung von Wirts¬ und Gastvolk. Die Vorstellungen von Gast und Wirt haben ihre zeitliche Begrenzung und können auf Jahrtausende nicht ausgedehnt werden. Keine Majorität kann beschließen, daß Wahres Falsches ist und keine Majorität kann auf Grund ihrer Vielzahl sich über Recht und Sittlichkeit hinwegsetzen. Und wo solches Unrecht geschieht, setzen sich die Täter selbst ins Unrecht. Die scheinbaren Widersprüche können demnach auch von der logischen Seite aus aufgelöst werden. Aber das Unrecht, es geschieht in einer Welt, in welcher Vernunft und Menschlichkeit als altväterliche Verirrungen angesehen weiden. Lessing mag mit seinen Worten recht haben: „Ihr wollt uns den gelben Fleck der Schande anheften. Tut es. Wir tun es selbst. Freiwillig. Wir tragen ihn als Ehrenzeichen. Weist uns aus jeder Heimat, stellt uns überall unter Ausnahmsgesetze aus Furcht vor unserem Geiste, aus Scham vor unserer Seele, entwürdigt, demütigt, kränkt, beleidigt. Aber denkt auch an eure eigene Seele." Der kleine Kongreß. Prag, 18. August. So nennt man in zionistischen Kreisen die Tagungen des Aktions-Comitees, das zwischen der zionistischen Exekutive und dem Zionistenkongreß steht und in den beiden Jahren, die während der Abhaltung eines Kongresses liegen, mehrere Male zur Beratung der aktuellsten Probleme zusammentritt. Nun hat es schon sehr lange nicht mehr getagt, das letzte Mal — o selige Zeit! — in Berlin, das damals noch keine Ahnung von einem „Dritten Reich" hatte. Jetzt sollte es wieder vor dem XVIII. Zionistenkongreß in Prag zusammentreten, und zwar bereits am 15. August. Es wurde aber erst am 17. August vom Vorsitzenden Leo M o t z k i n eröffnet. Diese Verschiebung hatte ihre Grund in — Streitigkeiten — der Kongreß beginnt gut —. die von der zionistischen Linken provoziert wurden. Die blau-weißen Arbeiterparteien haben bekanntlich bei den Kongreßwahlen einen kolossalen Sieg errungen, und zwar vornehmlich auf Kosten der Großman-Stricker-Revisionisten und der Allgemeinen Zionisten, also bezeichnenderweise gerade jener beiden zionistischen Gruppen, die in Wien tonangebend sind. Vor Beginn der Beratungen verlangte die Linke eine Anpassung des Aktions-Comitees und seiner Beschlüsse an die durch das Ergebnis der Kongreßwahlen geschaffene Lage. Technisch sollte dies dadurch geschehen, daß das Aktions-Comitee entweder durch Neuaufnahme von Vertretern der Linken erweitert wird oder daß überzählige Aktions-Comitee-Mitglieder der Großman-Richtung und eventuell der Allgemeinen Zionisten aus dem Aktions-Comitee ausscheiden. Die Vertreter der Linken stehen auf dem Standpunkt, daß das Aktions- Comitee in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht das Recht habe, den Kongreß betreffende Beschlüsse zu fassen, die über rein formelle organisatorische Angelegenheiten hinausgehen. Inzwischen hatten die Allgemeinen Zionisten durch Dr. Mossinsohn dem A.-C.-Präsidium einen Protest gegen die zunächst bis zum heutigen Tag gedachte Verschiebung des Tagungsbeginns mit der Begründung überreicht, daß eine solche Verschiebung gegen die parlamentarischen Gepflogenheiten der offiziellen zionistischen Körperschaften verstoße. Dieser Protest der Allgemeinen Zionisten, der als der erste Vorstoß dieser Gruppe gegen die durch Stärkung der Linken auf Grund des Wahlergebnisses charakterisierten neuen Verhältnisse in der Zionistischen Organisation gewertet wird, wurde in einer Sitzung des A.-C- Präsidiums behandelt, in der der Beginn der A.-C- Tagung endgültig für Donnerstag, den 17. August, nachmittags, festgesetzt wurde. Da die Forderung der Linken nach Vermehrung der A.-C.-Sitze ihrer Gruppe oder Verminderung der A.-C.-Sitze der durch den Wahlausgang geschwächten Gruppen von den anderen Parteien abgelehnt worden ist, ist in der nach solch lieblichen Präludien — „Zionistische Einigkeit!" — endlich eröffneten Sitzung des Aktions-Comitees keine Aenderung der parteimäßigen Zusammensetzung eingetreten. Als Vizepräsident des Aktions-Comitees hat sogar an Stelle von Richard Lichtheim Meir Großman fungiert. Die Tagung des Aktions-Comitees beschäftigten einige hochinteressante Probleme. Die Verhandlungen betrafen zunächst die Zusammensetzung des Kongreß-Präsidiums. Die der Arbeiterfraktion angehörenden Mitglieder des Aktions-Comitees verlangten, daß ihre Gruppe als die stärkste Partei auf dem Kongreß den Präsidenten stellen solle. Sie erklärten sich dann damit einverstanden, daß der Vorsitzende des Aktions-Comitees, Leo Motzkin, auch diesmal wieder als Präsident des Kongresses vorgeschlagen werde, jedoch knüpften sie daran die Bedingung, daß die Revisionisten im Kongreßpräsidium diesmal nicht vertreten sein sollen. Die Allgemeinen Zionisten haben darauf eine Resolution gefaßt, in der an das Aktions-Comitee der Appell gerichtet wird, einen friedlichen Verlauf des Kongresses dadurch zu sichern, daß dem Verlangen der Linken nach Ausschluß dfr Revisionisten aus dem Kongreßpräsidium nicht stattgegeben werde. Die Allgemeinen Zionisten vertreten den Standpunkt, daß die Weigerung, den Revisionisten einen Sitz im Kongreß des Präsidiums einzuräumen, in Widerspruch stehe zu den parlamentariscnen Usancen. Ein Antrag Ussischkins, das Kongreßpräsidium nicht parteimäßig, sondern aus repräsentativen Einzelpersönlichkeiten zusammenzusetzen, fand keine genügende Mehrheit. Die Vertreter der Linken beharren vorläufig auf ihrem Entschluß, mit den Revisionisten nicht in einem Präsidium zusammensitzen zu wollen, während die Revisionisten für den Fall der Annahme des Antrages der Linken mit dem Exodus drohen. (Schließlich ist doch, wie wir in letzter Stunde erfahren, dieser Antrag durchgegangen. D. Red.). Auf Grund einer eingehenden Aussprache gelangte das zionistische Aktions-Comitee, was nur anerkennenswert ist, einmütig zu der Ansicht, daß die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Lage der Juden in einer Reihe von Ländern es notwendig mache, daß der Kongreß sich möglichst auf die Probleme einer großzügigen Einwanderung — vor allem deutscher Juden — nach Palästina konzentriere. Der Kongreß soll einen Appell an England als Mandatarmacht für Palästina und an den Völkerbund formulieren, in dem im Hinblick auf die schwierige Lage großer Teile der Judenheit politische Maßnahmen, insbesondere zur Erleichterung der Einwanderung einer möglichst großen Zahl deutscher Juden nach Palästina, gefordert werden sollen. Dieses Problem erscheint dem Aktions-Comitee von so überragender Bedeutung, daß es beabsichtigt, die Tagesordnung des Kongresses zwecks Ermöglichung einer intensiveren Behandlung des Plans einer konstruktiven Hilfsaktion zu beschneiden. Man wird ja sehen, ob sich der Kongreß an diesen ..einmütigen" Beschluß, der übrigens, wie wir an anderer Stelle berichten, auch dem Wunsche der deutschen Zionisten entspricht, halten wird. Zur Beratung der Frage einer Reorganisation der Jewish Agency hatten die Allgemeinen Zionisten eine geschlossene Sitzung einberufen. Auf Grund dieser Beratung werden die Allgemeinen Zionisten die Forderung erheben, daß das Fifty-Fifty-Prinzip bei der Zusammensetzung der Exekutive der Jewish Agency aufgehoben werde. Sowohl in der Londoner als auch in der Palästina-Exekutive soll in Zukunft den Nichtzionisten bloß ein Drittel der Sitze eingeräumt werden. Daß mit dem Fifty-Fifty-Prinzip in der Jewish Agency gebrochen werden muß, ist auch die Ansicht der übrigen Kongreßfraktionen. Wie die Vertreter der Arbeiterpartei der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilen, billigen sie den diesbezüglich von den Allgemeinen Zionisten gefaßten Beschluß und sind gleichfalls entschlossen, für eine Reform der Jewish Agency in dem Sinne, daß die Vertretung der Nichtzionisten prozentuell herabgesetzt werde, einzutreten. Noch weitergehend sind die Forderungen der R a d i k a 1 e n, die den Nichtzionisten bloß je einen Vertreter in der Londoner und in der Palästina-Exekutive zubilligen wollen. Auch die Vertreter des Misrachi erklärten der JTA, sie würden für die Aufhebung des rifty-Fifty-Abkommens stimmen. In dieser Frage sind sich also die feindlichen Brüder durchaus einig: wenn es darum geht, die Nichtzionisten. um die man sich ehemals so gerissen hat, nun, da die Herren Zionisten Morgenluft wittern, wieder hinauszuwerfen, da gibt es bei ihnen keine Parteiunterschiede. Die gab es erst wieder bei der Frage der Verantwortung für die Tätigkeit gewisser revisionistischer Gruppen. Die der Arbeiterpartei angehörenden Mitglieder des Aktions-Comitees hatten einen Antrag auf Einsetzung einer S p e z i a 1 k o m m i s s i o n gestellt, die untersuchen soll, ob die Tätigkeit gewisser revisionistischer Gruppen mit den Grundsätzen der allgemeinen zionistischen Politik in Einklang gebracht werden kann und ob ihr weiteres V e r bl e i b e n i n n e r h alb der Zionistischen Organisation zulässig erscheint. Gleichzeitig soll die Frage geprüft werden, ob und inwieweit die revisionistische Partei für Aktionen dieser Gruppen verantwortlich gemacht werden könne.

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