Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 34 (25.8.1933)
- Date
- 1933-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Die Vertreter des Misraehi brachten einen anders formulierten Antrag zu dem Gegenstand ein. Sie forderten, daß die Untersuchung aui die Prüiung des Konflikts zwischen Linken und Revisionisten beschränkt werde. Dieser auch von den Revisionisten unterstützte Antrag wurde jedoch abgelehnt. Die Revisionisten nahmen zum Antrag der Arbeiterpartei eine verschiedene Stellung ein. Während die Anhänger der Großman-Richtung eine Vertagung der Untersuchung befürworteten, bestand der Vertreter der Jabotinsky-Richtung, Schechtmann, aui ihre sofortige Durchführung, verlangte aber, daß ihr ein allgemeinerer Charakter gegeben werde und daß sie sich auch auf die Prüfung der von den Revisionisten gegen die Arbeiterpartei erhobenen Beschuldigungen erstrecken soll. Mit den Stimmen der Linken, der Allgemeinen Zionisten und der Radikalen, gegen die der Großman-Revisionisten und bei Stimmenenthaltung der Jabotinsky-Revisionisten und der Misraehi wurde aber der Antrag der Arbeiterpartei angenommen, woraufhin Schechtmann namens der Revisionisten erkärte, diese brächten der Untersuchungskommission kein Vertrauen entgegen. Sie würden ihr keinerlei Material zur Verfügung stellen und ihre Entscheidung nicht anerkennen, weil das Aktions-Comitee die Kompetenzen der Kommission einseitig auf die Untersuchung der von der Arbeiterpartei gegen die Revisionisten erhobenen Anschuldigungen beschränkt habe. Sehr bezeichnend ist auch ein Beschluß des Aktions-Comitees, daß im Verhandlungssaale Uniformen nicht getragen werden dürfen. Das Verbot ist darauf zurückzuführen, daß die Jugendorganisationen der Revisionisten Braunhemden trägt, was in den Kreisen der Delegierten verständlicherweise vielfach Mißfallen erregt hat. * Die von so viel Parteileidenschaft zerklüftete Tagung des Aktions-Comitees ist wahrlich kein gutes Omen für den Kongreß, der zur Stunde, da diese Zeilen erscheinen, schon mitten in seinen schwierigen Beratungen hält, über die wir natürlich noch ausführlich berichten werden. Hoffentlich werden, daß muß jeder Jude wünschen, die Herren in Prag sich des Ernstes der Situation noch bewußt werden und der große Kongreß ein besseres Bild bieten, als man es von seinem kleinen Vorläufer gewann. Das Weltgewissen. Anläßlich des „Deutschen Tages' fand in Detroit eine Massenversammlung von Deutsch-Amerikanern statt, die sich e i nmütig gegen Unterscheidungen nach Rasse oder Bekenntnis innerhalb des amerikanischen Deutschtums aussprach. Die Versammlung nahm eine in diesem Sinne gehaltene Resolution an, die vom Präsidenten des „Unabhängigen Bürgerbundes", John M. Bischoff, eingebracht worden war und in der es unter anderem heißt: Welche politischen Strömungen immer unser teures Vaterland jenseits des Ozeans beherrschen mögen, wir Detroiter deutscher Herkunft stehen politisch geschlossen hinter Präsident Roosevelt und bekennen uns zu den allgemeinen Grundsätzen der Demokratie. Wir Amerikaner deutscher Abstammung wünschen die religiösen und Rassenkonflikte der alten Heimat in keiner Weise widerzuspiegeln. Wir wollen in keinem Augenblick unsere deutschen Ideale vergessen. Die deutschen Gesellschaften von Detroit werden heute ebenso wie früher ihre Mitgliedschaft ohne Unterschied Protestanten, Katholiken und Juden, Slawen, Semiten und Magyaren gewähren. * In Luciensteig (Schweiz) fand der zweite Teil der Sommertagung des Internationalen Studentenwerks, deren erster Teil merkwürdigerweise in Deutschland abgehalten wurde, statt. Es wurde beschlossen, eine umfangreiche Hilfsaktion zugunsten der aus Deutschland ausgewanderten jüdischen Studenten einzuleiten, die sich insbesondere auf die Unterbringung jüdischer Studenten aus Deutschland an ausländischen Hochschulen und Gewährung von Stipendien in einzelnen Fällen erstrecken soll. Mit der Durchführung dieser Arbeiten wurde ein autonomes Exekutivkomitee betraut, an dessen Spitze James Parkes steht und dem Vertreter der Abteilungen des Internationalen Studentenwerks in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten, ferner der Vertreter des Weltverbandes jüdischer Studenten Doktor Teich, der Generalsekretär des Studentenwerks Doktor Kotschnik und der Vorsitzende des Studentenwerks Dr. Tatlow angehören. Im Zusammenhang mit der geplanten Hilfsarbeit wird sich auf Wunsch der amerikanischen Mitarbeiter des Internationalen Studentenwerks der Vorsitzende des Exekutivkomitees James Parkes im Oktober nach den Vereinigten Staaten begeben. An dem in Deutschland abgehaltenen ersten Teil der Sommertagung haben die Delegierten der jüdischen Studentenschaft nicht teilgenommen. Im Laufe der allgemeinen studentischen Fragen gewidmeten Beratungen wandten sich mehrere Delegierte, insbesondere der französische Vertreter Vallon und der englische Vertreter Arnold Forster, entschieden gegen die in Deutschland der jüdischen Studentenschaft gegenüber eingenommene Stellung. Mit Erlaubnis des holländischen Unterrichtsministers wird im nächsten Monat eine jüdische Schule mit deutscher Unterrichtssprache für die Kinder der nach Holland übersiedelten deutschen Juden im Haag eröffnet werden. Die Schule wird auf traditioneller Basis stehen und nach dem Muster der Frankfurter Hirsch-Schule organisiert sein. Der Zionistenkongreß. Unter allen Zeichen eines besonderen Ereignisses wurde am 21. August in Anwesenheit von 300 Delegierten, 200 Pressevertretern und 7000 Gästen aus aller Herren Länder der 18. Zionistenkongreß in Prag eröffnet, auf dessen Verhandlungen wir noch eingehend zurückkommen. In französischer und englischer Sprache begrüßte Präsident SokoJow die Vertreter der tschechoslowakischen Regierung, dankte der Stadt Prag für ihre herzliche Gastfreundschaft und entbot den diplomatischen Vertretern der Mächte den Gruß des Kongresses. In seiner hebräisch gehaltenen Eröffnungsansprache verwies Sokolow auf die besondere Bedeutung der diesmaligen Tagung. Es folgten zahlreiche Begrüßungsansprachen. Den zweiten Teil des Abends füllte eine ergreifende Trauerkundgebung für Dr. Arlosoroff. Die feierlich gehobene Stimmung des ersten Tages ist gleich am nächsten Tage einer starken Depression gewichen, weil die Schwierigkeiten, die schon während der Tagung des Aktions-Comitees aufgetaucht waren (Siehe den Artikel „Der kleine Kongreß' ), noch immer nicht behoben waren, so daß das vorgesehene politische Refenat Sokolows über die Lage der jüdischen Bevölkerung in der Welt verschoben werden mußte. Insbesondere die Schwierigkeiten, die sich der Bildung des Kongreßpräsidiums entgegenstellten, konnten auch am zweiten Kongreßtage nicht behoben werden, so daß die Verhandlungen nahezu stillgelegt sind. Dazu kommt noch, daß Weiz- Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rolcnkreuzgaste 3 Tel. A 45-5-37 mann zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht in Prag erschienen ist. # Das Kongreßgericht hat 396 Delegierte als zur Teilnahme am XVIII. Zionistenkongreß berechtigt anerkannt. Davon sind 318 gewählte Delegierte, 8 Mitglieder der Exekutive und 70 Mitglieder des Aktions- Comitees, von denen jedoch nur diejenigen stimmberechtigt sind, die gleichzeitig ein Mandat zum Kongreß erhalten haben. Demgemäß beträgt die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder des Kongresses 332. Auf dem 1931 abgehaltenen XVII. Kongreß gab es 254 gewählte Delegierte. Dem Revisionistenführer Wladimir Jabotinsky war die Erteilung eines tschechoslowakischen Visums für die Reise zum Prager Zionistenkongreß verweigert worden. Eine revisionistische Delegation hat im tschechoslowakischen Außenamt interveniert, worauf Jabotinsky das Visum noch rechtzeitig erhalten hat, jedoch nur unter der Bedingung, daß er keinerlei Reden außerhalb des Kongresses hält. Die Pariser tschechoslowakische Gesandtschaft hat sich wegen der Verzögerung der Einreisebewilligung bei Jabotinsky formell entschuldigt und mitgeteilt, daß die anfängliche Verweigerung des Visums auf einem Mißverständnis beruhte. Wie der Jüdischen Telegraphen- Agentur von hoher amtlicher Stelle mitgeteilt wird, bestanden bezüglich der Erteilung eines Visums an Wladimir Jabotinsky Meinungsverschiedenheiten zwischen dem tschechoslowakischen Außenamt und dem Innenministerium. Das Innenministerium machte geltend, daß es bei einem von Jabotinsky vor einiger Zeit auf tschechoslowakischem Gebiet einberufenen Massenmeeting zu erheblichen Ruhestörungen gekommen sei; das Ministerium wünsche, eine Wiederholung socher Vorfälle zu vermeiden. Dagegen vertrat das Außenamt den Standpunkt, daß Jabotinsky als dem Führer einer der bedeutendsten Fraktionen des Zionistenkongresses das Visum ohne einschränkende Bedingungen erteilt werden müsse. * In den Sitzungen der Misrachi-Weltkonferenz, die dem Zionistenkongreß voranging, wurden in mehreren Referaten und einer eingehenden Diskussion die Fragen der Einberufung eines allgemeinen Kongresses der religiösen Judenheit für den Aufbau Palästinas auf traditioneller Grundlage und einer etwaigen Erweiterung der organisatorischen Basis des Misraehi über den Rahmen der Zionistischen Organisation hinaus erörtert. Rabbi Fishman machte den Vorschlag, einen religiösen Weltkongreß nach Jerusalem einzuberufen, während Rabbi Amiel und andere Redner dafür eintraten, in den Misraehi auch außerhalb der Zionistischen Organisation stehende Gruppen aufzunehmen. Die von einigen Rednern angedeutete Möglichkeit, daß der Misraehi in eine von der Zionistischen Organisation unabhängige Partei umgewandelt werden könnte, lehnte der Führer der Misrachi-Bewegung Rabbi Meir, Berlin, entschieden ab. t Li Sil i :s h \ i> KUE- UM© BADEAISSTAILT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen - A Original RUSSlSdieS DampIMd mit ■=--Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Die deutschen Zionisten sehen nicht zum Kongreß* Die Berliner zionistische „Jüdische R u n ds c h a u" besprach im Leitartikel ihrer vorletzten Nummer die Aufgaben des Prager Zionistenkongresses, der sich nach ihrer Meinung auf eine Erörterung der grundsätzlichen Bedeutung der Palästina-Idee und auf die Beschlußfassung über praktische Maßnahmen, die angesichts der Entwicklung der Lage der Juden in Deutschland erforderlich sind, beschränken, dagegen weitschweifigen Diskussionen über minderwichtige Probleme aus dem Weg gehen sollte. In dem Artikel hieß es u. a.: Niemand kann annehmen, daß die Zionisten die Ausgliederung der Juden in Deutschland freudig begrüßen; aber es ist auch nicht ihre Aufgabe, angesichts so schwerwiegender Ereignisse einen „Kampf" zu proklamieren, sondern der Sinn des Zionismus ist es, durch praktische Maßnahmen und durch ideelle Stärkung eine Erleichterung der Lage für die Juden herbeizuführen. Vielleicht ist heute noch nicht der Zeitpunkt gekommen, wo diese Aufgabe fruchtbar in Angriff genommen werden kann. Die deutschen Zionisten waren daher gegen die Abhaltung dieses Zionistenkongresses, bzw. für seine Vertagung, sie werden auch an diesem Kongreß nicht teilnehmen... Nun da der Kongreß doch nicht vertagt wurde, ist es Aufgabe der Exekutive und der Kongreßleitung, mit aller Entschlossenheit darüber zu wachen, daß der Kongreß im Bewußtsein seiner positiven Verantwortung bleibt und sich nicht in eine Volksversammlung verwandelt . . . Der Kongreß müßte kurz sein und zwei große Tatsachenkomplexe in den Vordergrund schieben: das Werk in Palästina und die Judenfrage in Deutschland. Die deutschen Zionisten erwarten, daß der Kongreß in diesem Sinne verlaufen wird und daß er praktische Maßnahmen treffen wird, um dem großen Auswanderungsbedürfnis deutscher Juden nach: Palästina die Wege zu ebnen. fm „Völkischen Beobachter" widmete darauf A. R. dem Kongreß einen Artikel, in dem behauptet wird, die „Rundschau" hätte früher eine andere Haltung eingenommen, aus der man habe ersehen können, daß man sich im deutschen Zionismus der Judenherrschaft vollauf bewußt gewesen sei und über das durch den Versailler Vertrag herbeigeführte Elend in Deutschland triumphiert habe (!'/. Weiter wird erklärt, angesichts der Beschwörungen über den Verlauf des jetzigen Kongresses sei festzustellen, daß das Zentrum des weltjüdischen Boykotts gegen Deutschland sich im Schlosse des Zionistenführers Lord Melchett in London befinde. Es folgen Bemerkungen über die Amsterdamer Konferenz und deren Beschluß, eine neuerliche Konferenz zur Besprechung des Boykotts im Oktober in London abzuhalten. Zum Schluß heißt es in dem Artikel: Deutschland wird natürlich die Entwicklung der alljüdischen Tätigkeit, die in kombinierter Weise vonstatten geht (in Deutschland bescheiden, im Ausland hetzerisch), aufmerksam verfolgen. Wir sind selbstverständlich überzeugt davon, daß die offiziellen Reden auf dem Zionistenkongreß in Karlsbad nichts von den wahren Absichten verlautbaren lassen; was wirklich beschlossen wird, wird die Folge geheimer Unterredungen der Herren aus New York, Amsterdam, Paris und London sein. Die Protokolle dieser Unterredungen der Weisen von Zion werden wir wohl kaum zu Gesicht bekommen. Die Auswirkungen dieser Beschlüsse aber werden sich vermutlich doch erfassen lassen in der Haltung der Presse, in der Weltwirtschaft und in manchen anderen Dingen. Auch über diese Verhältnisse wird man in Deutschland Buch fuhren und dafür Sorge tragen, daß der Anschlag, den bestimmte jüdische Kreise unter Ausnutzung anderer Staaten aui die Lebensnotwendigkeiten der deutschen Nation vorbereiten, nicht das deutsche Volk trifft, sondern die Schuldigen an diesen Verschwörungen. Im Leitartikel ihrer letzten Nummer antwortete die „Jüdische Rundschau" auf diese Drohungen des „Völkischen Beobachter". In dem Artikel wird u. a. ausgeführt: Der Zionistenkongreß hat als solcher nichts mit der aktuellen Lage in Deutschland zu tun. Seit 1897 gab es Kongresse, er ist bereits der XVIII. seiner Art, er hat also bereits getagt, lange bevor die deutsche Judenfrage in ein akutes Stadium getreten war. Auch der erbittertste Gegner der Juden wird nicht erwarten, daß die Juden selbst die These von der jüdischen Minderwertigkeit übernehmen. ... Es ist nichts natürlicher — und muß auch vom Gegner als natürlich empfunden werden —, als wenn man sich gegen solche Charakteristik zur Wehr setzt. Es ist aber ebenso selbstverständlich, daß eine große jüdische Konferenz für das Prinzip der Gleichberechtigung der Juden eintritt. Denn diese Gleichberechtigung ist nicht nur eine materielle Frage, sondern zugleich eine Frage der Ehre und der Menschenwürde. Schließlich werden in dem Artikel die Behauptungen des „Völkischen Beobachters", daß es neben den offiziellen Beschlüssen des Kongresses noch irgend welche „wirkliche" Beschlüsse geben werde, widerlegt. Es wird darauf hingewiesen, daß der Zionismus von Anfang an auf das Oefientlichkeitsprinzip größten Wert legte, und der wohl trügerischen Hoffnung Ausdruck gegeben, daß das jede Auseinandersetzung erschwerende Mißtrauen gegen den Zionismus schwinden werde.