Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 34 (25.8.1933)
- Date
- 1933-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Knltusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 25. August 1933 Nummer 34 Aktivismus". §§ Nichts ist für uns Juden schmeichelhafter als jede gelegentliche Demaskierung unserer Feinde. Die Pfefferkorn-Affäre zu Ende des Mittelalters endete bekanntlich damit, daß sich die antisemitischen Protektoren des tückischen Proselyten durch die satirischen Dunkelmännerbriefe der Erfurter Humanisten dem Gelächter der Mitwelt preisgegeben sahen. Ueber die heutigen Hakenkreuzler zu lachen, wäre verfrüht, so lange sie noch im Herzen Europas die Macht haben, die Augen jüdischer Kinder mit Tränen zu füllen, jüdische Arbeitsstätten in Leichenfelder zu verwandeln und die ganze Welt durch ihre Gemütsroheit und sadistischen Untaten zu entsetzen. Mit um so größerer Genugtuung dürfen wir aber die Tatsache registrieren, daß alles, was von dieser Seite aus geschieht, um uns Juden zu erniedrigen, sofort verblaßt angesichts der ungeheuren Erniedrigung, die jede intensivere Beleuchtung der Hakenkreuzmannen automatisch für diese selbst bedeutet. Und wenn Goethe Recht hat mit seinem Worte: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist", dann kann es gar keine höhere Steigerung unserer Eitelkeit und des begründeten Stolzes auf unseren Wert geben als jede objektive, unter der aufmerksamsten Kontrolle der ganzen Oeffentlichkeit sich vollziehende Deklarierung dessen, was jene wert sind, die mit uns nicht umgehen wollen. Man sehe sich doch die Leute an, die den Judenboykott auf ihre Fahnen geschrieben haben! Wenn der Vorsitzende in dem Prozeß gegen die Bombenleger im CafS Produktenbörse die Angeklagten als „Dumme J u ngen", als „Buben" bezeichnet, denen es an Intelligenz fehlt, so war dies noch — beschönigend gemeint, aus dem begreiflichen Bestreik heraus, die Tat dieser Jungen dem menschlichen Verständnis einigermaßen näherzubringen. Denn ganz unfaßbar wäre es, ein solches Verbrechen, wie es die Gefährdung eines dicht bewohnten Großstadtviertels durch ein feiges Bombenattentat ist, von Menschen im Vollbesitz geistiger Urteilskraft vollbracht zu wissen. Der Vorwurf der Dummheit und Unzurechnungsfähigkeit sollte in diesem Zusammenhang ohne Zweifel bis zu einem gewissen Grade versöhnend wirken. Der Staatsanwalt zeigte sich allerdings einigermaßen skeptisch gegenüber der Auffassung, daß die Attentäter sich der Folgenschwere ihres Anschlages nicht bewußt gewesen seien. Besonders dem mitangeklagten Wehrmann wollte er eine solche Naivität nicht zubilligen und wies darauf hin, daß in der jetzigen Armee nicht bloß exerziert, sondern auch Aufklärung betrieben werde. Der Staatsanwalt hat damit einen der wundesten Punkte unseres öffentlichen Lebens berührt. Die Versorgung immer breiterer Schichten mit geistiger Nahrung ist ohne Zweifel eine der schönsten Aufgaben eines Kulturstaates. Oesterreich besitzt auch ein staatliches Kontrollamt für Lebensmittel, das jede Fälschung unserer Nahrung streng ahndet — leider aber nur für die leiblichen Lebensmittel. Was auf den geistigen Nahrungsmarkt kommt, wird lange nicht so sorgsam überwacht und straflos dürfen gewissenlose Seelenverderber dem guten und echten Saatkorn, das sie vorschriftsmäßig in die Gemüter der ihnen zur Ausbildung Anvertrauten senken, eine ganz unkontrollierbare Dosis gefährlicher Giftstoffe beimengen. Gewiß wird dabei nicht jeder so weit gehen wie der famose Lehrer in Traisen, der seinen. Zöglingen Sprengstoffe zur Bekämpfung politischer Gegner verabfolgte. Die meisten Schüler müssen die Befriedigung ihrer „politischen" Instinkte nicht in, sondern hinter der Schule suchen, wie jener Mittelschüler, der die Schule schwänzte, um auch bei der Heldentat im Cafe Produktenbörse dabei gewesen zu sein. Aber man darf die traurige Tatsache nicht übersehen, daß die Infizierung der Jugend mit den gefährlichen Miasmen „politischer" Ausdünstung doch der Schule zur Last fällt. Wenn überall die studierende Jugend als Hauptträgerin der völkischen Bazillen erscheint, kann man die Jugend bildner nicht freisprechen von aller Schuld, mag diese nun in aktiver Unterstützung der verderblichen Agitation oder in passiver Duldung des Mißbrauchs der Schulräume bestehen. Da auch die Schulzimmer in Oesterreichs Kasernen von dem pädagogischen Gifte nicht verschont geblieben sind, hat man nunmehr den grotesken Typus des „Vaterlandverteidigers" kennengelernt; der gegen Teile der von ihm zu verteidigenden Bürgerschaft einen blutigen Krieg mit Bomben und Granaten zu führen beflissen ist. Wenn die Kampagne, die jetzt in Oesterreich mit allen Mitteln der staatlichen Autorität gegen den Nationalsozialismus geführt wird, auch eine Desinfektion der bevorzugten Arena des Nationalismus, der Schulen aller Arten, mit sich bringen würde, wäre dies außerordentlich zu begrüßen. Der wahre nationale Geist könnte von systematischer Entgiftung nur gewinnen und endlich jene Seelenverderber Lügen strafen, die den Begriff des Nationalismus, einer unrühmlichen Tradition folgend, immer nur nach der negativen, destruktiven Seite zu einem Instrument unfruchtbaren Hasses ausbauten. Wie verkehrt diese Deutung ist, wie viel positive Elemente in der nationalen Begeisterung liegen, das hat die jüdische Jugend zu verschiedenen Zeiten imponierend dargetan. Als die französische Revolution die Juden Frankreichs zu Franzosen, als Moses Mendelssohn die Juden Deutschlands zu Deutschen machte, da drängten sich die eben emanzipierten Westjuden zur Wissenschaft der sie als gleichberechtigte Mitglieder aufnehmenden Völker und nahmen den nationalen Geist ihrer Heimatländer so eifrig in sich auf, daß sie bald aus Lernenden Lehrende wurden. Während der Schöngeist unter den Hohenzollern, Friedrich der Große, seinen literarisch bedeutsamen Zeitgenossen deutscher Nation, unter denen es immerhin „Kerls" wie Goethe und Schiller gab, vollständig verständnislos gegenüberstand, erschlossen die jüdischen Salons der Rahel Levin und Henriette Herz dem deutschen Volke das Verständnis für seine repräsentativen Dichter. Auch auf allen anderen ENOBNE AUSWAHL BUUflSIE »BEI« EP >p\P i#S V Aß* % TEPPKflE VMHAN6E noDEiSTorrr, Dechen NUR l,DÄBEnNPIÄRK112-M geistigen Gebieten wurden die Juden dank ihrem leidenschaftlichen Eifer, sich der ihnen neu erschlossenen nationalen Kultur zu bemächtigen, sehr bald aus Konsumenten zu Produzenten. Unübersehbar sind die schöpferischen Großtaten von Juden in Kunst und Wissenschaft. Das war positiver Nationalismus! Kann irgendein Unbefangener der nationalsozialistischen deutschen Jugend ein ähnlich rühmliches Zeugnis ausstellen? Mit Abscheu hat die gesittete Welt die Jammergestalten, die durch ihren „Aktivismus" zu repräsentativen Figuren ihrer Bewegung geworden sind, sich im Gerichtssaal feig um die Verantwortung für ihre Taten herumdrücken sehen. Kann man sich diese Jugend vorstellen, über Bücher geneigt, dem geistigen Leben ihrer Nation tiefsinnig nachspürend? Wenn diese schulstürzenden Mittelschüler und an diskreten Orten Bomben hinterlegenden Soldaten überhaupt jemals ein Buch zu ihrer Erbauung in die Hand nehmen, dann kommt nur e i n Autor in Betracht, e i n Schriftsteller, der auch dem Lesebedürfnis des Osaf im deutschen Reichskanzlerpalais ganz allein genügt: Karl May . . . Nur auf den Spuren Winnetous und Old Shatterhands gelangt man zu den Quellen, aus denen die Anregung zu Bombenattacken und ähnlichen Wildwest-Greueln in unserer Kulturstadt fließt . . . Und wenn einer der zu schweren Kerkerstrafen verurteilten Hakenkreuzler ins gleichgeschaltete Auditorium die Hoffnung flüsterte, daß man ihn bald befreien würde, verriet er auch dadurch größere Vertrautheit mit den abenteuerlichen Formen des Prärielebens als mit der europäischen Zivilisation. Und doch fehlt es auch dieser Jugend nicht an Lobhudlern. Sie sind identisch mit jenen „Führern", die angeblich von der Vorsehung zur Rettung des deutschen Volkes auserkoren sind. Diese Auserwähltheit, die natürlich nicht mittels des Stimmzettels von unten, sondern direkt von oben, durch Wotans Runen, erfolgt, verleiht ihnen in den Augen der urteilslosen, verführten Jugend eine verhängnisvolle Autorität. Untereinander schätzen sich diese „gottgewollten" Führer weniger ehrfürchtig ein. Man erfuhr dies aus gegenseitigen Beschreibungen, die der Polizei jüngst bei der Aushebung aufgespürter Nazinester in die Hand fielen. Während die braunen Oberbonzen von ihrem Anhang blinden Gehorsam und abgöttische Verehrung fordern, legen sie sich gegenseitig die respektlosesten Spitznamen bei. So figurierte einer ihrer Gottesobersten in der Liste als „S c h w e i n s k o p f". Das ist natürlich eine arge Uebertreibung. Von Kopf hat man bei diesen Herren noch nie etwas bemerkt . . . Dr. Hugo S p i e g 1 e r.