Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 33 (18.8.1933)
- Date
- 1933-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Mordaffäre Arlosoroff. Aus Jerusalem wird-berichtet: Es sind nunmehr zw ei Monate seit der Verhaftung Stavskys, der von der Polizei und der Witwe Dr. Arlosoroffs des Mordes an Dr. Arlosoroff verdächtigt wird, verstrichen, ohne daß es zu einer Anklage gekommen ist. Die Untersuchung zieht immer weitere Kreise, da die Polizei behauptet, einer vom extremen Flügel der zionistisch-revisionistischen Organisation gebildeten Terrorgruppe auf die Spur gekommen zu sein. In Verfolg dieser Spur wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Aufregung, welche der Mordfall unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas hervorgerufen hatte und die zur Zeit der Wahlen zum Zionistenkongreß aufs höchste gestiegen war, hat einer ruhigeren Auffassung Platz gemacht Immerhin ist zu sagen, daß die polizeilichen Maßnahmen in der Angelegenheit nicht mit allzuviel Vertrauen verfolgt werden. Ist doch festzustellen, daß im Verlaufe des letzten Jahres in dem kleinen Lande acht Mordfälie vorgekommen sind, ohne daß diese Fälle ihre Aufklärung gefunden hätten. Am 9. August wurde die Zeugenvernehmung im Verfahren gegen Stavsky, Rosenblatt und Minz, die der Teilnahme an der Ermordung Dr. Arlosoroffs beschuldigt sind, wieder aufgenommen. Tiefen Eindruck machte die Aussage der Witwe des Ermordeten, Frau Sima Arlosoroff, die auf Befragen des Staatsanwalts Shitrit die Angeklagten Stavsky und Rosenblatt mit voller Ueberzeugung als die Mörder Dr. Arlosoroffs bezeichnete. Wie die Warschauer Tageszeitung „Moment" mitteilt, hat der englische Konsul in Warschau dem Vater des Abraham Stavsky die Erteilung eines Palästina-Visums verweigert. Stavskys Vater, der ein Mittelstandseinwanderungszertifikat besitzt, hat sein Geschäft in Brest-Litowsk liquidiert und ist mit seinem Reisegepäck in Warschau eingetroffen. Der „Moment" behauptet, daß ausschließlich der Umstand, daß der Bewerber der Vater Abraham Stavskys ist, für die Verweigerung des Visums maßgebend war. Die „Protokolle der Weisen von Zlon eine bewußte Irre* führung. Der Oberrabbiner von Stockholm, Dr. Marcus Ehrenpreis, veröffentlicht folgende Erklärung: „Der Eiserne Besen", „Der Eidgenosse" und „Das Schweizerbanner" haben auf Grund der vom Hammerverlag im Jahre 1933 neu herausgegebenen „Die Zionistischen Protokolle" die Behauptung verbreitet, ich hätte deren Echtheit bestätigt Diese Behauptung ist unwahr. Verfasser, Herausgeber und Verbreiter ziehe ich wegen Verleumdung zur Verantwortung. Als Miteinberufer und Mitglied des Präsidiums des 1. Zionistenkongresses, der im Jahre 1897 in Basel öffentlich tagte, erkläre ich Titel und Text der als „Zionistische Protokolle'' vom obengenannten Verlag herausgegebenen Broschüre als bewußte Irreführung des gutgläubigen Lesers. Sie haben nichts zu tun mit dem offiziellen Verhandlungsprotokoll des Zionistenkongresses. Dieses stenographische Protokoll ist seit 1897 im Druck erschienen und jedermann zugänglich. Die sogenannten „Zionistischen Protokolle" oder „Die Protokolle der Weisen von Zion" sind von Anfang bis Ende eine Fälschung, deren Inhalt sowohl mit dem Zionismus als auch mit den Grundsätzen des Judentums unvereinbar ist. Ischias, Rheuma, Gidrt 14tägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwe« fel-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebfider, Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8—6 Uhr HeflamtaU „Therm■«" L, Franz Josefekai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer MÖBEL Moderne KOchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" Wissen Sic schon, daß Sie in dieser Rubrik von nun ab viel Wissenswertes in wenigen Zeilen erfahren werden? * daß Adolf Hitler einem Interviewer der „New York Times" erklärte, seine historische Idealgestalt sei Crom well? Weiß Hitler aber auch, daß Cromwell die seit 1290 vertriebenen Juden nach England zurückführte und sie dort herzlichst willkommen hieß? * daß vor der Entscheidung über die Bestätigung von deutschen Gemeindebeamten außer der arischen Abstammung des Gewählten auch die seiner Ehefrau festzustellen ist und daß in Zweifelsfällen ein Gutachten des Sachverständigen für Rasseforschung eingeholt werden muß? » daß eine Rundverfügung besteht, wonach die Bestellung nichtarischer Rechtsanwälte für arische Mündel mit den Maßnahmen der nationalen Regierung nicht in Einklang zu bringen sei; ebenso findet es der Obmann des Gaues Kurhessen des Nationalsozialistischen Deutschen Juristenbundes mit den Grundsätzen und Richtlinien der völkischen Wiederaufbauarbeit unvereinbar, daß arische Prozeßparteien sich noch jüdischer Vertreter bedienen. * daß jüdische Händler auf den verschiedenen deutschen Jahrmärkten entweder gar keine oder nur Plätze an abgesonderten und abgelegenen Stellen erhielten, und haben Sie da noch Lust, die Leipziger Messe zu besuchen? * . daß der Stadtverordnetenvorsteher von Allenstein, Manger, bei der Budgetberatung die Einsetzung der Kosten für jüdischen Religionsunterricht mit der Begründung beanstandete, die jüdische Religion sei keine Staatsreligion, wie die beiden christlichen Bekenntnisse, sondern nur eine „unerfreuliche Sekte"? * daß alle gehörlosen jüdischen Mitglieder aus den deutschen Gehörlosenvereinen ausgeschlossen wurden; es handelt sich zum Teil um Mitglieder, die viele Jahrzehnte ihrem Verein angehört, leitende Vorstandsposten innegehabt und sich große Verdienste um den Verein erworben hatten, nun aber, im vorgerückten Alter, ihrer durch Beitragszahlung erworbenen Rechte auf laufende Monatsunterstützung verlustig gegangen sind. * daß es noch Richter in Deutschland gibt, denn das Berliner Landgericht verurteilte einen jüdischen Schneider zu drei Monaten Gefängnis, weil er öffentlich ein Abzeichen der NSDAP trug, obwohl man seine jüdische Herkunft, wie der „Völkische Beobachter" schrieb, schon von weitem erkannte. * daß jener berüchtigte Landgerichtspräsident Soelling, der ursprünglich Seligsohn hieß, nach der Taufe seinen jetzigen Namen annahm, unter Aufsehen erregenden Umständen von den Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen übertrat und sich am 1. April, dem Boykott- Tag, eifrig an der Entfernung jüdischer Richter und Anwälte aus dem Berliner Gerichtsgebäude beteiligte, nun auch „gleichgeschaltet" wurde, wodurch bewiesen wurde, daß im Dritten Reich, was nur anerkennenswert ist, Taufe und Gesinnungslumperei nichts nützt? *■ daß der bedeutendste Komponist der Gegenwart, Arnold Schönberg, und seine Gattin in Paris zum Protest gegen die Behandlung der Juden in Hitler-Deutschland zum Judentum zurückgekehrt sind? daß anfangs Oktober in Paris das erste psychoanalytische Lehrinstitut eröffnet wird, zu deren Gründern die Prinzessin Marie Bonaparte gehört; iür die Eröffnungsfeierlichkeit ist eine besondere Ehrung Professor Sigmund Freuds geplant. * daß Diensv-g (Feiertag!) abends eine von Hunderten Personen, zum überwiegenden Teil Christen, besuchte Versammlung der „Oesterreichischen Volkspartei" beim Wimberger stattfand, in der nach packenden Referaten der Frau Irene Harrand und des Herrn Dr. M. Zalman gegen den Rassenhaß, die immer wieder durch stürmischen Beifall unterbrochen wurden, eine Resolution gegen Numerus clausus und Volksverhetzung einstimmig angenommen wurde? * daß die bekannten jüdischen Schwimmerinnen Frau Hedi Wertheimer-Bienenfeld und Fräulein Fritzi Löwy in den Kämpfen um die österreichische Schwimmeisterschaft wertvolle Siege errangen? * daß in der Krim ein jüdischer Landwirt auf einstimmigen Beschluß des Kollektivs aus der Kollektivfarm ausgeschlossen wurde, weil er für Beobachtung der Sabbatruhe im Betrieb eintrat, was als „Sabotageversuch'' aufgefaßt wurde? » daß Bialik, der sich übrigens in Wien, wo er auf der Reise zum Prager Zionistenkongreß eingetroffen war, einer geglückten Nierensteinoperation unterzog, es ablehnte, auf dem Kongreß ein Kulturreferat zu halten, da seiner Auffassung nach die zionistische Bewegung das Kulturproblem nicht ernst nimmt? „Eine deutsche Frau tanzt mit keinem Juden" Sogar dieser „geistreiche Programmpunkt'' der Nazi ist — mit Respekt zu sagen — nicht auf ihrem Mist gewachsen. Im zaristischen Petersburg gab es eine Gräfin, die bei jeder nur möglichen Gelegenheit laut zu verkünden pflegte, sie tanze mit keinem Juden. Nun war aber die wirkliche russische Intelligenz durchaus judenfreundlich (wurden doch später, nach dem Sturze des Zaren, noch vor Aufrichtung der Sowjetherrschaft, alle gesetzlichen Judenbeschränkungen quasi mit einem Federstrich beseitigt und die Juden zu den höchsten Aemtern zugelassen) und so beschloß ein jüdischer Rechtsanwalt, der Gräfin die wohlverdiente Lektion zu verabreichen. Er hatte einen Diener, der gut tanzen konnte; mit diesem verabredete der Anwalt die Maßnahmen gegen die Antisemitin und staffierte ihn zu diesem Zwecke glänzend aus. Sie sollte an einem demnächst stattfindenden Ball teilnehmen, und so gingen auch der Jude und sein Diener hin. Als der Ball seinen Höhepunkt erreichte, engagierte ein Kavalier die Gräfin. Nach einigen Runden trat der Jude vor und rief, als das Pärchen in seiner Nähe angelangt war, ganz laut im damaligen Petersburg sehr oft üblichen Befehlston: „Iwan, damoj!" (Iwan, nach Hause!) „Sejtschass, barin!" (Sofort, gnädiger Herr!) erwiderte laut, aber respektvoll der Diener, als er noch die Gräfin um die Taille hielt, ließ die (keineswegs hold) Errötende ohne Entschuldigung mitten im Saale stehen und folgte unterwürfig dem Rechtsanwalt (der in der Nähe des Ausganges sofort seinen Diener taktvoll behandelte). Die Gräfin war seither gesellschaftlich erledigt. Die Bruderhand. In Paris wurde von einer Anzahl hervorragender jüdischer und nichtjüdischer Persönlichkeiten ein Komitee zum Schutz der jüdischen Rechte in Mittel- und Osteuropa gegründet. Der Exekutive gehören der französische Unterrichtsir.inister Anatole de Monzie. die ehemaligen Minister Pierre E. Flandin und Justfri Godart, der Vizepräsident der radikalen Regierungspartei Emile Roche, der Wirtschaftsminister Raymond Patenotre. Baron Robert de Rothschild, der Präsident der AHiance Israälite Universelle Professor Sylvain Levi. der Präsident des Comite des Delegations Juives Leo M-otzkin und Henri Sliosberg an. Das Komitee hat sich die Aufgabe gestellt, Maßnahmen zum Schutz der jüdischen Bevölkerung und von Personen jüdischer Abstammung, denen Entziehung ihrer bürgerlichen oder'politischen Rechte droht, zu ergreifen: das Komitee will ferner antisemitische Propaganda bekämpfen und die wirtschaftliche Rehabilitierung der Opfer dieser Propaganda anstreben. Außerdem will das Komitee die wirtschaftliche Kooperation der iüdischen Bevölkerung Osteuropas mit Frankreich fördern. Die Bildung gleichartiger Komitees in London und New York wurde in die Wege geleitet.