Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 33 (18.8.1933)
- Date
- 1933-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT I 1 Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit Öffentlichkeitsrecht. — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Hrflaerhelm, II., Malzgasse? Dr. Tel. A4S-0-77 Internat Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. dessen weiterhin glaubt, sein Heil zu finden in den Versuchen, in einer bürgerlichen Gesellschaft, die keinen Platz mehr für ihn hat, Fuß zu fassen, der •wird das auf eigene Gefahr tun müssen. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß hartnäckige Selbstmörder nur in den seltensten Fällen von ihrem Vorhaben abzubringen sind. Ich komme noch auf das Interesse zu sprechen, das die Regierungen der Asylländer an der Mitarbeit bei einer produktiven Hilfsaktion haben müssen. Wenn diese nämlich unterbleibt, erwächst die geschilderte Gefahr einer Mißstimmung mit ausgeprägt faschistischer Tendenz, die Gefahr des Anwachsens radikal nationalsozialistisch erStrömungen. Was eine solche politische Tendenz für ein Land bedeutet, hat Deutschland soeben bewiesen. Nichts anderes als das Henausschleudern der Politik und der Wirtschaft aus dem demokratischen Gleichgewicht, falsch verstandenes Nationalgefühl, Fremdenhaß, politische Reaktion, wirtschaftliches Chaos, Freude an mangelhaft durchdachten phrasenhaften Parteiparolen, Sieg der Gefühle, und nicht immer der edelsten, über den Verstand. Es gilt für jedes Land, eine solche Gefahr rechtzeitig abzuwehren. Einzelheiten der Durchführung können in diesem engen Rahmen nicht besprochen werden. Es sollte sich aber für die Siedlung oder eine analoge Aktion eine Form finden lassen, die eine Benachteiligung der Wirtschaft des Asyllandes ausschließt. Man streite nicht über Einzelheiten meines als Beispiel gedachten Vorschlages, sondern erfasse den grundlegenden Gedanken, diskutiere ihn und führe ihn zu einer helfenden Tat! KONKURS II KANTOR Die Zukunft der deutsehen Juden. Von Georg Bernhard, Paris. 1. In Deutschland wird es auf mindestens viele Jahrzehnte keine Lebensmöglichkeit für Juden mehr geben. 2. Wenn man selbst annimmt, daß Palästina während der nächsten 5 bis 7 Jahre in der Lage sein wird, etwa 150.000 deutsche Juden aufzunehmen, so bleibt noch immer eine Emigrationsnotwendigkeit für etwa 300.000 Menschen, von denen ich 50.000 bereits im Ausland schätze. 3. Um diese Emigration so zu lenken und zu verteilen, daß sie nicht den willkürlich gewählten Aufenthaltsländern zur Last fallen, sondern ihre geistigen und physischen Kräfte nach ihren Bedürfnissen und zu ihrem Wohle nützen, halte ich eine internationale Aktion der Kulturwelt für notwendig. 4. Die Staaten dieser Kulturwelt müssen ohnehin schon so bald wie möglich zu einer internationalen Konferenz sich zusammenfinden, um zu verhindern, daß die deutschen Juden des Restes ihres Vermögens beraubt, über die Grenzen der fremden Länder gejagt werden und daß die Last, sie zu ernähren und zu bekleiden, diesen Staaten anheimfällt. Es muß dafür gesorgt werden, daß die jüdischen Vermögen nach dem Stand der Steuererklärungen vom Jahre 1932 in das Ausland transferiert werden können, um dort dem Aufbau jüdischer Unternehmungen zum Wohle der Empfangsstaaten zu dienen. 5. Die jüdischen Juristen aller Kulturnationen der Welt sollten so bald wie möglich darüber beraten, in welcher Weise durch den Völkerbund eine internationale Instanz geschaffen werden kann, vor der es den deutschen Juden möglich ist, ihre Schadenansprüche geltend machen zu können, die für sie und ihre Kinder durch die rechtswidrigen Handlungen der deutschen Regierung (Enteignung, offener und geheimer Boykott, Untergrabung jeder Lebensmöglichkeit für Unternehmer, Arbeiter, Angestellte und Freiberufler) entstanden sind. Es handelt sich hier um eine die gesamte Kulturwelt angehende zivilisatorische Angelegenheit, aber gleichzeitig um eine Frage von allerhöchster materieller Wichtigkeit für alle Staaten, die sich an der Aufnahme deutscher Juden beteiligen. Das Biblische Fremdenrecht. Wir bieten unseren Lesern die Uebersetzung eines im Päpstlichen Blatte „I1 Cittadino nuovo" (Nr. 152) erschienenen Artikels aus der Feder e.nes hervorragenden Mitgliedes der Päpstlichen Partei, des Commandatore Remo Renato Petitto. Advokaten am Kassations-Gerichtsheie in Rom. worin der Hirtenbrief der deutschen Bischöfe dem neuen deutschen Fremdenrechte gegenübergestellt wird. D. Red. Der gemeinsame Hirtenbrief, den die deutschen Bischöfe vom Grabe des heiligen Bonifacius an die deutschen Katholiken gerichtet haben, hat einen mächtigen Widerhall auch in Kreisen gefunden, die dem katholischen Leben ferne stehen. Schon die Encs'kliken des Heiligen Vaters haben in allen Kreisen das lebhafteste Echo gefunden wegen ihrer klaren und hohen Auffassung der Beziehungen zwischen den Menschen. Auch die würdigsten Vertreter der nichtkatholischen Denker und Erzieher haben des öfteren ihre Bewunderung für solche Worte des Papstes öffentlich ausgesprochen. Denn auch außerhalb der katholischen Interessensphäre schwanken und verschwinden so manche ehrwürdige Institutionen. Die ganze Menschheit sucht neue Fundamente und jedes Individuum erfährt eine neue Wertschätzung, was eine Gärung und ein Schwanken hervorruft, welches — wie die deutschen Eischöfe sagen — sich stürmisch scuar bis ins eklesiastische Leben fortpflanzt. Remerkenswerte Ansichten bieten hierbei die Beziehungen zu den „Fremden", die in einem Lande leben und ganz im besonderen die zu den Juden — wenn diese als ..Fremde" betrachtet werden, auch wenn sie Bürger des Staates sind, in dem sie leben. Ein durch seine friedliche Propaganda auch uns Katholiken bekannter Bibel-Popularisator. Ing. Joseph Lazarus (aus Fiume), sagte mir m bezug auf die heutigen Vorgänge in Deutschland folgendes: Das ..Fremdenrecht" ist bereits 3000 Jahre lang in der Kulturgeschichte der Menschheit verankert und zwar durch sechs Verse der Heiligen Schrift. Diese sind: „Dasselbe Recht soll gelten für den Der Vorstand der SüDOflCOCr Jüdischen neologen Hniinsüemeind€ sucht einen (OBERKANTOR¬ STELLVERTRETER) — der zugleich Schochet Ubodek und als Chordirigent zu wirken befähigt ist Offerte, mit den entsprechenden Beilagen über die persönlichen Verhältnisse und bisherige Dienstleistung sind bis 25. August 1. J. an die jüdische Kultusgemeinde in Subotica einzusenden. Gehalt nach Übereinkommen. Subotica, am 9. August 1933.! Vorstand der Suboticaer jüdischen neologen Gemeinde Dieser Rückfall in die Barbarei jeder Kultur, die mit derSinaitischen imWiderspruch steht, wurde wohl verstanden vom Erzbischof von Paris, vom katholischen Erzbischof von Birmingham, vom Bischof von Nizza, von Monsignore Tyndall aus Bradfort und von so vielen anderen katholischen Priestern Frankreichs und Englands, welche gegen die Entrechtung der Juden in Deutschland protestiert haben, da darin ein gefährlicher Präzedenzfall — für alle — gesehen werden kann. Folgerichtig haben die deutschen Bischöfe gesagt: „Jeder Mißbrauch der Staatsgewalt führt zum Ruin derselben. Jedes Unrecht, welches die Staatsgewalt vollführt, rächt sich sowohl an derselben, wie auch an der ganzen Nation." Aus diesem Gefühl der universellen Gerechtigkeit, die so oft durch die hohen Worte des Papstes proklamiert wurde, lasen auch die Juden mit Aufmerksamkeit den Hirtenbrief der deutschen Bischöfe und horchen erwartungsvoll auf das Wort aus Rom als Ergebnis der höchsten Einsicht und der unwandelbaren Menschenliebe. Remo Renato Petitto. Diesen Worten des römischen Advokaten können wir, auf Wiener Boden stehend, die Voraussage des Wiener Pater Cyrill Fischer, Franziskaner- Ordenspi'iesters. hinzufügen, der in der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" vom 6. März 1933 ankündigte, daß den nationalsozialistischen Lutheranern Preußens ihre eigene lutheranische Bibel unangenehm werden wird. (Sie enthält eben obige sechs Sinaitische Paragraphe des Biblischen Fremdenrechtes, auf denen die Welt, als Protest gegen heidnischen Barbarismus, noch vor 3000 Jahren gestellt worden ist. Welch ein Rückfall!) Eingeborenen wie für den Fremden, der unter euch wohnt." (Exodus, Kapitel 12, Vers 49.) „Wenn ein Fremder in deinem Lande wohnt, — bedrücke ihn nicht. Liebe ihn, wie dich selbst." (Leviticus, Kap. 19, Vers 33, 34.) ..Es sollen dieselben Rechte gelten so für euch wie für den Fremden. (ICH befehle es!) ICH, euer Gott." (Leviticus, Kap. 24, Vers 22.) „Es gelte dasselbe Gesetz für euch wie für den Fremden, der zwischen euch wohnt. Dies sei ein Gesetz für ewige Zeiten, für euch wie für die Nachkommen! Der Fremdling ist wie ihr selbst vor Gott." (Numeri, Kap. 15, Vers 15.) „ICH gebot eueren Richtern: Richtet mit Gerechtigkeit zwischen Jedermann von euch und seinem Stammesbruder, wie auch zwischen ihm und dem Fremdling." (Deuteronomium, Kap. 1, Vers 16.) „Gott schafft das Recht der Witwe und der Waisen und ER liebt den Fremd- 1 i n g." (Deuteronomium, Kap. 10, Vers 18.) Zu diesen Zitaten fügte Ing. Lazarus hinzu: Die Frage, warum Moses sein Volk durch die Wüste führte, anstatt es auf kürzestem Wege durch das Kulturland der Philister in das Land der Väter zurückzubringen, wo sie von den Marschstrapazen ausruhen hätten können, beantwortete der orthodoxe Rabbiner Aaron Jeruchem damit, daß Moses jede Berührung seines Volkes mit fremden Kulturen, die nicht vom Berge Sinai ausstrahlten, vermeiden wollte, we:3 jede Kultur, die nicht von den am Sinai gegebenen Gesetzen abgeleitet worden ist, — in Barbarismen endet. Hagei's Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Eisen & Hönigsber streng orth. "ttm (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel - Schiffschul) Wian II., PraterslraBe 33, Telephon R-47-4-49 Menü von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Den deutschen Glaubensbrüdern. Der Sommer neigt sich reif und früchteschwer, Und die Natur verschwendet ihre Pracht, Wie sonst erglänzt der Sterne mächtig Heer In jeder zaubervollen Sommernacht. Doch wir sind anders. Während unserm Blick Sich all die tausend Wunder breiten, Verhängt ein grausames Geschick Den ülaubensbrüdern Gram und Leiden. Entwurzelt, heimatlos gemacht, Von der Gewalt verjagt, vertrieben, Von rohem Volk verhöhnt, verlacht, Ist keine Hoffnung mehr verblieben. Ins Ungewisse sie fortzieh'n, Nicht ahnend, wo sie heut' sich betten, Mit letzter Kraft sie wandern hin, Wer wird vor'in Untergang sie retten? Verknüpft mit einem heiligen Band, In Not und Tod mit ihm verbunden, So liebten sie ihr Vaterland, Das ihnen schlägt nun selbst die Wunden. Ihr Völker auf, erwacht vom Schlaf! Graut euch nicht vor dem Weltgeschehen? Das Ungeheure euch nicht traf. Soll'n Deutschlands Juden untergehen? Nicht stumpf, untätig, eh's zu spät. Die Menschenwürde ganz vernichtet, An's Werk mit hohem Mute geht. Denn die Geschichte einst euch richtet! Den Leidgeprüften Anker seid, Laßt sie bei euch noch Hoffnung finden, Ihr Völker haltet euch bereit, Gerechtigkeit der Welt zu künden! B.