Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-08-18 · Heft 33 (18.8.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 33 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064382--19412-3084547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Seite 3 Die Jewish Agency muß in ihrem Brief zugeben, daß von den britischen Sachverständigen „alles, was dem jüdischen Siedler nützen könnte, notwendigerweise als dem arabischen Bauern schädlich, jede Einschränkung jüdischen Unternehmerwillens und Fortschritts dagegen als Schutz für den arabischen Nachbarn"' betrachtet wird. Für die „dislozierten" Araber wird von French volle Siedlungshilfe als für „Söhne des Bodens", für die jüdischen Einwanderer hingegen nur die Gewährung des Niederlassungsrechts vorgeschlagen, das Wort „Jüdisches Nationalheim" kommt im gesamten French-Bericht nicht vor und der Zinsendienst der etwa zu gewährenden Anleihe würde, wie Colonel Wedgwood im Unterhaus erklärte, hauptsächlich die jüdische Bevölkerung belasten. Sicherlich wird an alledem noch manches zugunsten der jüdischen Einwanderer modifiziert werden; doch ist zu berücksichtigen, daß die britische Regierung nicht allzu weit gehen kann, weil auch die Arabische Exekutive den French-Bericht abgelehnt hat: wegen zu großer Begünstigung der Juden nämlich! Man sieht daraus, wie der nationale Antagonismus zwischen Juden und Arabern unvermindert fortbesteht, forderte doch die Arabische Exekutive u. a. absolutes Einwanderungs- --erbot für Juden, wovon sie allerdings bei Gewährung einer Palästina-Anleihe, deren Vorteile auch den Arabern zugute kämen, möglicherweise wieder abgehen will! * Wahrlich: Nicht um den genugsam vorhandenen Pessimismus der Juden zu steigern, wird dieses Gesicht der Palästinapolitik hier gezeigt. Wir wollen alles tun, um die Stellung der bereits in Palästina befindlichen Juden zu stärken; wir wollen jedem helfen, der auf Grund seiner individuellen Verhältnisse in Palästina eine Existenz finden kann; wir wollen Dankbarkeit — nicht mit Worten, sondern mit der Tat — dafür zeigen, daß. Palästina heute vielen von uns seine Pforten öffnet; aber wir wollen uns hüten vor einer Politik der Romantik. Darin liegt keine Zerstörung von Hoffnungen, wohl aber von Illusionen. CJLIJSIIJSIBAI» fiVB- Ml BA3D13 AWSTAI/T WIEN IX., CLUS 1 US GASSE NR. 12 an der Frieden»brUcke gelegen - ~ Original RUSSlSC&eS DfimpIlMd mit Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. ^ST Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Produktive Emigrantenhilfe. Von Peter Thalheim. Aus Emisirantenkireisen wird uns folgender Artikel zur Verfügung gestellt, der unseres Wissens zum ersten Male die Frage der produktiven Einigrantenfürsorge aufrollt. Die Redaktion. Viele Tausende deutscher Juden haben unter Preisgabe ihrer bürgerlichen Existenz und unter Zurücklassung ihrer Habe aus der Heimat flüchten müssen. Mehr werden folgen, durch den langsam würgenden Wirtschaftskampf aus Deutschland verdrängt. Als Ziel ihrer Flucht wählen sie, von Ausnahmen abgesehen, die Hauptstädte der benachbarten Länder. Die Gründe hiefür sind leicht erkennbar. Ein Großteil der Emigranten war Stadtbewohner und versprach sich von dem Aufenthalt in den Zentralen der Wirtschaft und des Verkehrs einen leichteren Aufbau neuer Existenz. Die aus organisatorischen Gründen notwendige Zentralisierung der Emigrantenhilfe tat ein übriges, um die Massen der Flüchtlinge in einigen Städten zusammenzudrängen. Oesterreichs Hauptstadt hat aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nicht in dem Maße wie andere Städte den Flüchtlingsstrom auf sich gezogen. Zwar gibt es auch in Wien eine große Zahl dieser Heimatlosen; aber besonders in Paris, Prag und in den Großstädten Hollands haben sich umfangreiche Kolonien geflohener Deutscher, insbesondere deutscher Juden angesammelt. Jetzt, nachdem die meisten dieser Opfer eines ungeheuerlichen Raubüberfalls sich seit Wochen sich jetzt erweist auch für ihn selbst unübersichtlicher Betriebe in dleir Hand hält. Dabei nun ereignen sich jeden Tag neue Kuriosa. Einer davon ist das Auftreten eines christlichen Negers, Dr. Waller, eines Inspektors beim Gesundheits- Departement der New Yorker Staatsregderung. der sich seit Jahren die Erforschung des amerikanischen Koscherwesens zur Aufgabe gemacht hat zu diesem Zweck Hebräisch lernte und nun die Rabbiner und die Richter mit seiner Kenntnis des Schulchan-Aruch verblüfft In den Straßen New Yorks bemerkt man, wie Juden überall die Goldbuchstaben „Branfmann-Waren" von ihren Ladenschaufenstern lösen, an den Straßenecken stehen Frauen beieinander und können sich nicht genug tun in Ausrufen der Empörung und Enttäuschung über Branfmann und in den Zeitungen gibt man jetzt die verschollenen Bilder wieder, die zeigen, wie Branfmann einst eine ganze Rabbinerkonferenz in seine Fabrik einlud und sie dort fürstlich bewirtete, natürlich nicht ohne selbst an der Spitz» der Tafel Platz zu nehmen und das Bild der „seine" Würstchen essenden Rabbmer zu Reklamezwecken festzuhalten. * In ernsthaft denkenden Kreisen wird dieser ganze unerquickliche Prozeß als ein Symptom dafür aufgefaßt daß es nicht angeht, jüdisch-religiöse Bedürfnisse auf amerikanische Trust-Art mit kaufmännischen Methoden zu verquicken. Die jüdischen Zeitungen sprechen von der Tragik, die in diesem Konflikt liegt, davon, daß dar jüdische Ritus sich mit diesem New York nicht verträgt daß — Kaschrus sich nicht industrialisieren läßt. Und man berichtet schein von einer in Bälde bevorstehenhen Rabbinerkonferenz, die darüber beraten wird, wie man wieder zu einem übersichtlich aufgebauten Kaschruswesen auch in Amerika zurückfindet. Man will die unglückliche Bindung, die man mit Firmen, die über riesige Fabrikbetriebe und Gebäude aus Rücksichten der Hygiene und des billigeren Betriebes eingegangen ist. nun endgültig lösen und zum alten, nicht fabriksmäßigen Kaschrus zurück. R. M a i n m a n n, New York. und Monaten an ihrem neuen Wohnort aufhalten, dürfte es ihnen klar geworden sein, daß der Aufbau einer neuen Existenz mit den größten Schwierigkeiten verbunden, wenn nicht vollkommen unmöglich ist. Die Wirtschaft der Asylländer, selbst in argen Nöten, ist nicht in der Lage, den plötzlichen Zustrom so vieler Arbeitskräfte aufzufangen und widerspruchslos zu verwerten. Ueberangebot eigener Arbeitskräfte in Warenerzeugung und Warenverteilung sind kaum übersteigbare Hindernisse. Auch ein Abweichen vom gewohnten Beruf hilft nicht. Die „guten Zeiten", da ein russischer Gardeoffizier Taxichauffeur in London oder eine abgedankte Großfürstin Modedirektrice in Paris werden konnte, sind vorbei. Die notwendige und in dankenswerter Weise so großzügig wie möglich eingesetzte Hilfsaktion mußte sich aus diesen Gründen bisher darauf beschränken, die Flüchtlinge, die nicht einmal die Mittel zur primitivsten Lebensfristung haben, vor dem Verhungern zu schützen. An eine organisierte Ueberleitung zu neuer Existenz, an eine planmäßige Arbeitsvermittlung ist gar nicht zu denken. Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rot*fikreuzgas*e 3 Tel. A45-S-37 Die Hilfsstellen mußten es jedem einzelnen überlassen, von sich aus auf gut Glück zu versuchen, einen Platz für neues Leben zu finden. In den wenigsten Fällen werden diese Versuche Erfolg haben. Zudem muß die Frage erwogen werden, wie lange es denn praktisch möglich sein wird, eine Riesenmasse von Menschen mit Almosen auszuspeisen. Wird nicht eines Tages die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Hilfe und damit der Hilfsfonds erschöpft sein? Was dann? Aus diesen Verhältnissen entsteht eine neue Tragik der Emigranten und eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die in den Asylländern einheimischen Juden, ebenso aber auch für die ausgeglichene politische Atmosphäre in den Asylländern überhaupt. Sehr viele Flüchtlinge werden nicht in der Lage sein, sich wirtschaftlich und moralisch im Rahmen des bürgerlichen Daseins zu erhalten. Das Versinken in die Unterwelt des Lumpenproletariats, die Abwanderung in die Kriminalität liegen nahe. Aus der Mentalität des Emigranten, dem die bisherige bürgerliche Existenz geraubt und dem der Aufbau einer neuen Existenz gesperrt ist, wird gewiß eine asoziale Stellung verständlich. Wird aber die Gesellschaft des Asyllandes dieses Verständnis aufbringen wollen und können? Kaum! Für sie ist dann der Fremde, der Jude als asoziales Element Gegenstand der Abneigung und des Hasses. Einer kleineren Gruppe von Emigranten wird es vielleicht gelingen, sich dank besonderer Regsamkeit und persönlicher Beziehungen eine Position zu schaffen. Bei der jetzigen Wirtschaftslage wird eine solche Position wohl stets auf Kosten einheimischer Arbeitskräfte erreicht werden. Auch diese Konstellation ist geeignet, dem Antisemitismus, aus rein wirtschaftlichen Gründen, Nahrung zu verschaffen. Widerstand gegen den Eindringling, der dem Hausbewohner das knappe Brot streitig macht. Das eben ist die größte Tragik des jüdischen Emigrantentums. Wie die Katze — man verzeihe den Vergleich —, der rohe Burschen brennendes Papier an den Schwanz gebunden haben und die nun, in Angst fliehend, überall, wo sie hinkommt, das Feuer verbreitet, wird die Masse der jüdischen Emigranten deu Antisemitismus vielleicht in Bezirke verpflanzen, wo er bisher noch nicht bodenständig war. Die Gefahr verbreitet sich damit von den deutschen emigrierten Juden auf die in den Asylländern einheimischen Juden. Jedenfalls ist der Gedanke an diese Gefahr nicht ganz auszuschalten. Die Weltgeschichte hat bisher gezeigt, daß der Antisemitismus nicht nur keine mildernden Umstände und wohlwollende Bewertung der Ursachen gelten läßt, sondern sich in schärfster Form auch gegen Unbeteiligte richtet. Damit wird das hier angeschnittene Problem nicht nur eine Frage der emigrierten, sondern der Juden aller Länder. Wer hilft, der Gefahr vorzubeugen, hilft sich selbst, verhütet einen Angriff, der ihn morgen ebenso treffen kann, wie er heute die deutschen Juden trifft. Wieaberhelfen? Es wäre natürlich vollkommen widersinnig, in Furcht vor der Gefahr die helfende Hand von den Emigranten abzuziehen und ängstlich die Berührung mit ihnen zu meiden. Meines Erachtens muß die heute auf ein Verteilen von Almosen abgestellte Unterstützung — das soll kein absprechendes Werturteil sein — diese Unterstützung, die den Einzelnen über Wasser hält, während er sich, meist vergeblich, nach einer neuen Existenz umschaut, in eine nach kollektiven Gesichtspunkten geformte produktive Aufbaustütze umgewandelt werden. Und zwar unter positiver Mitarbeit der Emigranten selbst. Naheliegend wäre eine noch großzügigere Vorbereitung der Aufnahmefähigkeit Palästinas als Heimstätte. Das dürfte jedoch auf organisatorische Schwierigkeiten stoßen. Es muß also eine Zwischenstation geschaffen werden. Ich denke, um einmal einen praktischen Vorschlag zu machen, zunächst an F r a n k r e i c h. Es müßte möglich gemacht werden, an Stelle der unproduktiven, über kurz oder lang versiegenden Unterstützung den Willen zur Produktivität zu setzen und mit Hilfe des freiwilligen Arbeitsdienstes den Emigrantenstrom in Siedlungen abzulenken. Wie ich weiter unten darlegen werde, muß die französische Regierung an der Lösung des Problems ein so großes Interesse haben, daß sie sich durch Hergabe von Boden und Krediten an der Aktion beteiligt. Wenn die Durchführung in Frankreich selbst nicht möglich ist, dann vielleicht in den nordafrikanischen Kolonien. Man sage nicht, daß dieser Plan phantastisch sei. Er ist nicht phantastischer als die Tatsache, daß heute in Paris und in anderen Städten etwa hunderttausend Menschen rettungslos festgefahren und früher oder später völliger Verelendung und gesellschaftlicher Deklassierung ausgeliefert sind. Finanziert muß und kann der Plan werden. Ebenso wie man heute Millionen über Millionen in unproduktiver Unterstützung zerfließen läßt, wird man die gleiche Summe oder mehr, was per saldo sich wieder ausgleichen würde, in einer nutzbringenden und gefahrabwehrenden Aktion investieren. Schwieriger fast erscheint mir die Frage des Menschenmaterials. Die Ueberzahl der Flüchtlinge besteht aus Intellektuellen, aus Stadtbewohnern. Sie werden sich umstellen müssen. Ich glaube sogar, daß sich ein großer Prozentsatz von ihnen freudig umstellen wird, nachdem man sich unfreiwillig hat auf ein Bettlerdasein umstellen müssen. Wer in-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.