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Die Wahrheit · 1933-08-18 · Heft 33 (18.8.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 33 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Dar French-Bericht Von Professor Dr. Arnold Abderhalden. Im Mittelpunkt der Palästina-Debatte des bevorstehenden Präger Zionistenkongresses wird der French-Bericht stehen, dessen unerwartete vorzeitige Veröffentlichung in zionistischen Kreisen wie eine Bombe gewirkt hat. Die folgende kritische Betrachtung eines genauen Kenners der Materie wird deshalb lebhaftes Interesse auslösen. D. Red. England ist, seitdem es das Mandat von Palästina übernommen hat, aus dem Konflikt zwischen den Ansprüchen der Araber und den Versprechungen an die Zionisten nie herausgekommen; die nach den blutigen Unruhen von 1929 eingesetzte Untersuchungskommission unter Sir Walter Shaw, dann der Bericht von Sir John Hope-Simpson (1930) und das 1930 vom damaligen Kolonialminister Lord Passfiel d herausgegebene Weißbuch zeigen zur Genüge die Schwierigkeit, die für England aus dem Einerseits- Anderseits der zionistischen und arabischen Wünsche in Verbindung mit der Kleinheit des Landes erwachsen. Die Juden aber sind unter dem Eindruck der immer stärker anwachsenden Judengegnerschaft immer mehr vom Boden der Realpolitik abgeglitten: Palästina wurde ihnen Glaubensartikel und romantisch verklärte Zukunftshoffnung. Vollends heute, da den Juden in Deutschland die Existenz entzogen, die Zukunft abgeschnitten erscheint, meinen viele, dort wo sie nicht sind, in Palästina, sei das Glück. Unterstützt werden sie in diesem Glauben durch die Tatsache, daß alle Länder infolge der Welt-Arbeitslosigkeit gegen jegliche Juden-Einwanderung sich abschnüren, wohingegen Palästina sich heute, nahezu als einziges Land, in einer Prosperitätsperiode befindet und daher, ebenfalls als einziges Land, eine begrenzte Anzahl Juden bestimmter Berufskategorien oder mit bestimmtem Einwanderungskapital aufzunehmen bereit ist. Es wäre verfehlt, dieses Aktivum zu verkennen oder zu verkleinern, aber es ist genau so töricht, es aufzubauschen und unerfüllbare Hoffnungen daran zu knüpfen. Gewiß: hier, wo wir sind, ist das Glück wahrlich auch nicht, für uns nicht, heute nicht, dürfen wir aber — über dem Leid und der Schwierigkeit hier — vergessen, daß Palästina nicht das Problem- und konfliktlose Schlaraffenland ist, das jeder sich erträumt, der des Treibens hienieden müde ward? Kommt zurück aus eurem Traumland und schauet die Wirklichkeit! Das Land sollte besiedelt werden; dazu brauchte man Geld; das brachten die Einwanderer; durch sie aber entstand Bodenknappheit; diese rief Wirtschaftskämpfe hervor, welche sofort den nationalen Gegensatz zwischen Arabern und Zionisten aufflammen ließen. Nur die wildeste Phantasie vermag sich auszumalen, was ohne die britischen Maschinengewehre dort sich zugetragen haben würde. England aber, das wesentlich (durch die mit der Balfour-Deklaration begonnene Palästinapolitik) die Schuld an dieser Situation trägt, hat nicht nur die Pflicht der Beschwichtigung, sondern als Mandatar des Völkerbundes auch die der Bereinigung. In welcher Weise diese jedoch vorgenommen wird und wie wenig dabei für die Hoffnungen der Zionisten herauskommt, darüber sind sich zwar die Juden in ihrer Gesamtheit nicht klar, um so klarer aber die zionistischen Zentralstellen in London und die Führer der Jewish Agency. Gerade jetzt, da alles Palästina in Rosenrot getaucht erblickt, befindet sich die zionistische Leitung in schwerstem Konflikt mit der englischen Regierung wegen eines Dokumentes, das man der Oeffentiichkeit übergeben hat. England hatte für die Zwecke der palästinensischen Landentwicklung eine Kronanleihe von 25* Millionen Pfund zur Verfügung stellen wollen. Für die Landentwiclclung selber sollte ein Plan aufgestellt werden, mit dessen Ausarbeitung LewisFrench beauftragt wurde. Die Anleihe konnte infolge der inzwischen eingetretenen Krise nicht bewilligt werden. Lewis French aber untersuchte auftragsgemäß die Möglichkeiten und erstattete einen Bericht, der nach gewissen Verzögerungen und Ergänzungen jetzt ganz unerwartet veröffentlicht wurde. Dieser Bericht hat auf die Zionisten niederschmetternd gewirkt und sie zu schärfster Stellungnahme gegen Lewis French, das britische Kolonialministerium und die ganze englische Palästinapolitik veranlaßt. Der French-Bericht und die zionistischem Proteste zeigen aber, daß weder die wirtschaftlichen Gegebenheiten noch auch die politischen Stimmungen in Palästina den Wünschen der Zionisten und den Hoffnungen der Juden entsprechen. Wenn French. für die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Aussichten schwere Befürchtungen äußert, so soll seinen. Ausführungen hier durchaus kein entscheidendes Gewicht beigelegt werden; andere Sachverständige urteilen STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: HL. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof. 3. Tor, Tel. U10-4-53 ENORME AUSWAHL DILLieSTC PREISE E PpltW i#8 l* TEPPICHE VORHÄNGE M0DELSTOITE, DECKEN MVR I.,DAHERNMARKT12-l4 entgegengesetzt wie French, und die Jewish Agency behauptet in ihrem Protestbrief an den Ministerpräsidenten, French gehe mehr von Mutmaßungen als von Tatsachen aus. Vielleicht ist das richtig, aber — und das ist es, worauf es mir hier ankommt — wovon gehen denn unsere so palästinafreudigen Juden aus? Von Tatsachen, wo sie doch Palästina gar nicht kennen? Nein, auch nur von Mutmaßungen. Von Mutmaßungen über die Wirtschaftsmöglichkeiten und von Irrtümern über die politische Atmosphäre. Denn diese ist auch in Palästina gewitterschwül und die zwischen Juden und Arabern bestehenden Spannungen können sich jeden Tag auf das Verhältnis zwischen den Zionisten und England übertragen. French weist darauf hin, daß der Boden, auf dem die Kolonien der Jewish Agency errichtet sind, dem Jüdischen Nationalfonds gehört und nach den Pachtbedingungen niemals von Nichtjuden besetzt werden darf, so daß für die englischen Darlehensgeber niemals eine Hypothek eingetragen werden kann, wodurch ferner dann auch jede Art Exekution unmöglich wird! Die schwersten Verwicklungen aber ergeben sich durch das Problem der infolge jüdischen Bodenkaufs landlos gewordenen Araber. Auch hier steht Meinung gegen Meinung. Aber es genügt doch wohl, wenn die Jewish Agency die Situation selbst so schildert, daß in den Berichten der englischen Untersuchungsbehörden „die zionistische Bewegung beschuldigt wird, die Schicksalsgesteltung des jüdischen Volkes auf Kosten der Wohlfahrt der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas zu versuchen. Eine Wolke von Verdacht wurde auf die zionistische Arbeit geworfen und die ganze Politik der Errichtung des Jüdischen Nationalheims schien moralisch vor Gericht gestellt worden zu sein." Eine Wolke von Verdacht, Wohlstand der Juden auf Kosten der nichtjüdischen Allgemeinheit, die ganze jüdische Arbeit moralisch gerichtet: das sind Vokabeln, die wir auch außerhalb Palästinas kennen. Und die darin liegende Auffassung führt auch zu den entsprechenden Maßnahmen. Feuilleton Detektiv geschickte um Kosdierfleisch. Ein New Yorker Sensationsprozeu. Es ist nicht das erste Mal, daß das amerikanische Koschergesetz Anlaß zu einer öffentlichen Auseinandersetzung und den Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit abgibt Aber es ist das erste Mal in der Geschichte der amerikanischen Juden, daß auf dem Boden dieses Gesetzes ein© Sensationsaffäre erwächst, und es ist vielleicht überhaupt das erste Mal in der modernen jüdischen Geschichte, daß die uralten Einrichtungen des Ritus auf so romantische Art und Weise mit modernstem Detektiv-Betrieb verflochten werden. Noch ist die Affäre, von der zurzeit ganz New York redet die „Branfmann-Case". nicht ganz aufgeklärt, geschweige denn zum Abschluß gelangt. Im Augenblick steht lediglich die Basis fest auf der die Anklage gegen die populärste und größte jüdische Wurstfabrik des Landes erhoben wird. Die Anklage lautet: Die Firma Branfmann habe nicht von den zuständigen Rabbinern für koscher erklärtes Fleisch ais koscher verkauft Und diese Anklage wird nun, nachdem das große Beth-Din von elf orthodoxen Rabbinern die Voruntersuchung geführt hat. dem Staatsanwalt übergeben, dar. auf Verlangen der Rabbiner, die Inhaber der Firma Branfmann — verhaftet hat. Die Grundlage des Prozesses ist diese: Das Koscher-Gesetz bezeichnet als „Verbrechen" — als eines iener Vergehen, auf die schwere, langjährige Gefängnisstrafen stehen. — den Verkauf von Koscher- Fleisch. das. nach Ansicht der zuständigen Rabbiner, diese Bezeichnung nicht verdient Die Frage ist ob von auswärts her Fleisch in eine Fabrik gebracht werden darf und ob die Produkte als koscher bezeichnet werden dürfen, obwohl die zuständigen Orts- Rabbiner die Aufsicht über die auswärtige SchlachtsteUe des verarbeiteten Fleisches nicht haben. Das wäre an sich ein vielleicht nur Juristen und einen kleinen Kreis von Fachleuten interessierendes Problem, wenn es sich nicht eben um — Branfmann handelte, eine Firma, von deren Bedeutung man sich in Europa keine auch nur annähernde Vorstellung machen kann. Diese Koscherwurstfabm'k nämlich, die die meisten jüdischen Kolonialwarenläden der Vereinigten Staaten kontrolliert und über 8000 eigene Restaurants. Frühstücksstuben und Delikateßgeschäfte besitzt ist dem amerikanischen Juden schlechtweg identisch gewesen mit dem Begriff „Koscher". Die Kinder wußten meist nicht daß bei ihnen zu Hause koscher gegessen, sondern nur daß „Branfmann gegessen" wurde . . . Und da nun die elf Rabbinen des Beth-Din von New York erklärt haben, dieser Branfmann habe „Trefe-Wamen" verkauft so ist die Bestürzung;, ja die Kopflosigkeit nicht nur in den orthodoxen Häusern gar nicht zu beschreiben. Es ist. als seien die Grundbegriffe des jüdischen Alltags ins Wanken geraten . . . * Zu diesem rein sachlichen Interesse an der Affäre kommt das — romantische. Vor dem Untersuchungsrichter und in der öffentlichen Beth-Din-Verhandlung hat sich herausgestellt, wie man der Firma Branfmann auf die Spur kam: durch einen Zufall. Wenn man will, dadurch, daß ein Rabbiner an einer Straßenkreuzung ein paar Minuten stehen bleiben mußte und auf dem Chauffeursitz eines Lieferwagens, der vor ihm am Verkehrsturm hielt, ein bekanntes Gesicht entdeckte. Der Rabbiner erinnerte sich, dieses Gesicht einmal bei der Ablieferung von Waren in einem jüdischen Delikatessengeschäft gesehen zu haben, und er wunderte sich nun, daß der Lieferwagen, den dieser Chauffeur führte, keine Firmenbezeichnung trug. Er ging der Sache nach und stellte fest, daß der Wagen der Firma Branfmann gehörte und offensichtlich deshalb nicht als solcher gekennzeichnet war, weil man damit Transporte ausführen wollte, von denen man nicht wissen sollte, daß sie etwas mit der Firma zu tun hatten. Der Rabbiner hat sich darauf — alle Einzelheiten der Entdeckungsgieschichte wiederzugeben, würde zu weit führen — im Hause, das gegenüber der Lagerhalle der Fabrik liegt, einquartiert und beobachtet welche Art Waren dort für die Koscharwurstfabrik abgeliefert werden. Als er glaubte, erwiesen zu haben, daß außer Transporten mit unter hiesiger Aufsicht geschächtetem Fleisch auch solche mit anderem Fleisch eingeführt werden, bestellte er zwei andere Rabbinen. die die ganze, ziemlich verzwickte Ablieferungsprozedur — echt amerikanisch! — vom Versteck aus mit einem Filmapparat aufnahmen und dann einen solchen Fleischtransport von der Lagerhalle zur Fabrik in einem Auto verfolgten. Sie kamen gerade dazu, wie drei Tonnen von auswärts eingeführtes Fleisch eingeliefert wurden! Und sie konnten weiter feststellen, daß man bei Branfmann diese Praxis schon seit längerer Zeit geübt habe. Damit war erwiesen, daß nicht das gesamte Fleisch, das unter dieser Firmenbezeichnung ins Land hinausging, wirklich unter Aufsicht der dafür garantierenden Rabbiner geschächtet worden war. daß ein beträchtlicher Teil anderwärts, im Bezirk fremder Rabbiner und also nach den strengen Begriffen des Koschergesetzes an „unkontrollierbaren Orten" geschächtet wurde. Damit war der Anlaß zur Erhebung der Klage gegeben. In dar umfassenden Untersuchung, die die Rabbiner nun vornahmen, kam zutage, daß Branfmann aus entfernten Gegenden der Vereinigten Staaten Fleisch bezogen und es für seine Würste verarbeitet hatte. Daraufhin wurde das Verbot und schließlich die Anklage vor dem Staatsanwalt ausgesprochen. Branfmann wurde verhaftet, und es entwickelt sich in diesen Tagen ein Riesennrozeß. der das ganze jüdische New York in Atem hält. Abgesehen davon, daß gerade diese Firma das größte Ansehen besaß und daß nach ihrem Verbot eine beinahe panisch zu nennende Begriffsverwirrung Platz greift interessiert der Prozeß auch über New York und die Vereinigten Staaten hinaus, vor allem deshalb, weil er das gesamte Koscherwiesen von Amerika beleuchtet. Es wird klar, zu welch unübersichtlichen Zuständen die Massenfabrikation und die Vertrustung hier geführt hat, es wird klar, wie leicht das Vertrauen von großen Massen zu täuschen ist wenn ein einziger unzuverlässiger Mensch die Fäden derart verzweigter und. wie

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