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Die Wahrheit · 1933-08-18 · Heft 33 (18.8.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 33 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische!e IMirheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — PostaparkassenkontoWien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 18. August 1933 Nummer 33 Der 18. Zionistenkongreß. Wenn eine Körperschaft, die jedes zweite Jahr zusammentritt, nicht wie die Parlamente der demokratischen Staaten um falkutative, d. h. vom Tag diktierte Geschäftsordnungen zu erledigen, sondern zwecks Erreichung eines ganz bestimmten, unverrückbaren Zieles sich zum 18. Male versammelt, dann ist ein Urteil über den Wert dieser Korporation, über ihre Fähigkeit, dem gesteckten Ziel praktisch näherzukommen, ihr Ideal zu realisieren, schon erlaubt. Der Zionismus bezweckt laut § 1 des Baseler Programms die Schaffung einer Heimstätte für die Juden in Palästina und es ist eine grausame Ironie des Schicksals, daß er diesem Ziele am nächsten war, als die Tagung des Kongresses durch den Weltkrieg jahrelang unmöglich gemacht wurde. Diese kongreßlose Zeit hat die stolzeste Frucht des Zionismus, die Balfour-Deklaration, die scheinbare Verwirklichung des programmatischen Hauptpunktes von Basel, geerntet. Seitdem hat das zionistische Weltparlament seine regelmäßige Funktion wieder aufgenommen, aber daß der Zionismus dadurch der Verwirklichung seines Strebens wesentlich näher gekommen ist, werden wohl nicht einmal seine fanatischesten Anhänger behaupten, ja diese zu allerletzt. Der Zionistenkongreß als parlamentarische Institution zeigt, trotz seiner schon charakterisierten Sonderstellung unter den Parlamenten, eine gewisse Parallelität mit der Entwicklung des allgemeinen Parlamentarismus. In der Vorkriegszeit hatten die Volksvertretungen trotz ihrem offiziellen Budgetbewilligungsrecht im großen und ganzen mehr dekorative Funktion, ihr praktischer Vorteil bestand hauptsächlich in der verhältnismäßig harmlosen Abreagierung „oben" mißliebiger politischer Strömungen. Die wirklichen geschichtlichen Entscheidungen aber waren der Geheimdiplomatie vorbehalten. Wie man weiß, hat auch Theodor HerzI die Verwirklichung seines Judenstaat-Ideals durch Anknüpfung diplomatischer Beziehungen zu den Potentaten der Erde zu erreichen gesucht. Nicht nur der türkische Sultan, der damals offiziell über Palästina herrschte, sondern auch der Papst, der deutsche Kaiser und sogar der russische Zar wurden durch mündliche Vorstellungen und schriftliche Eingaben für den Zionismus zu gewinnen versucht. Neben dieser Regsamkeit des Führers hinter den Kulissen erschien die praktische Auswirkung der Kongresse — im Gegensatz zu ihrer ideellen — bescheiden. Nach dem Weltkrieg erlebte der Parlamentarismus überall einen überraschenden Aufstieg. Die früheren Potentaten wurden abgesetzt, die Souveränität ging auf die Volksvertretungen über. Auch der Zionistenkongreß schien durch die Balfour-Deklaration endlich zu praktischer parlamentarischer Arbeit berufen. Allein der Schein trog. Mächtigere Schranken als einst in der Herrschsucht der Kaiser und Könige fand die Volkssouveränität in der durch den Weltkrieg bewirkten Zerrüttung der Weltwirtschaft. Die Volksvertretungen, trotz der scheinbar in ihre Hand gelegten Allmacht den mannigfachen Erscheinungsformen der Wirtschaftskrise gegenüber ohnmächtig, verloren das Vertrauen der enttäuschten Volksmassen, die ihre Hoffnungen immer mehr von den parlamentarischen „Schwatzbuden" auf diktaturlüsteme »Männer der Tat" übertrugen. Der Zionistenkongreß konnte niemals die Rolle einer souveränen Volksvertretung spielen, dazu fehlte ihm vor allem das souveräne Volk, das er hätte vertreten sollen. Von einer jüdischen Souveränität in Palästina war auch nach der Betrauung Englands mit der Durchführung der Balfour-Deklaration niemals die Rede. Herr im Heiligen Land blieb die Mandatarmacht, die solcherart ein konkretes Zwischenglied zwischen den abstrakten, die Weltpolitik unheilvoll beeinflussenden Faktoren und den jüdischen Aspirationen bildend, die Wut und den Ingrimm der enttäuschten Zionisten auf sich zieht, ähnlich wie in Deutschland das Bedürfnis des nicht abstrakt denkenden Volkes, seine von widrigen Verhältnissen bewirkte Enttäuschung an einem konkreten Gegner austoben zu können, zur Prägung des Schlagwortes führte: „Der Jud' ist unser Unglück!" Aus welchen Kraftquellen die eigentlichen Widerstände gegen die Realisierung der zionistischen Hoffnungen in Palästina fließen, wird erst in späteren Zeiten einmal geklärt werden können. Heute ist nur die Resultierende dieser im Verborgenen wirkenden Kräfte sichtbar und deklariert sich naiven Gemütern als „Böswilligkeit" der Mandatarmacht. England ist gewohnt, bei der Verfolgung politischer Ziele in Jahrhunderten zu denken und hat seine Interessen in allen Erdteilen zu wahren. Einer solchen Großmacht, auch auf kolonialem Gebiet bestens bewährt, kleinliche Bosheit vorzuwerfen, wenn sie eine an sich gewiß befremdliche passive Resistenz dem jüdischen Ansiedlungswerk im Heiligen Lande gegenüber leistet, zeugt von primitiver Denkungsart. Es war naiv, eine Präsidentschaftskrise im Zionismus herbeizuführen in der Annahme, es hätte genügt, wenn Herr Weizmann den Engländern ein grimmiges Gesicht geschnitten hätte, um sie zur Aenderung ihrer Taktik zu veranlassen. Schließlich hat sich Großbritannien auch von den grimmigen Mienen der. Herren Jabotinsky und Stricker nicht imponieren lassen. Nicht minder unsinnig ist es, wenn ganze Fraktionen im zionistischen Lager sich gegenseitig die Schuld an der jetzigen Misere beimessen. Es ist aber sehr zu befürchten, daß dieser Unsinn dem 18. Kongreß sein Gepräge geben wird. Während der Wiener Zionistenkongreß von der österreichischen Polizei vor den draußen tobenden Hakenkreuzterroristen geschützt werden mußte, wird die Prager Polizei vielleicht im Kongreßsaal selbst Arbeit bekommen, wenn die Gegensätze zwischen den zionistischen Parteien dort ebenso exzessiv zum Ausbruch kommen sollten wie in den Straßen polnischer Städte und in Tel Awiw... Nichts charakterisiert die Entwicklung des Zionismus so unheimlich wie der Unterschied zwischen der Situation seinerzeit in Wien und der heutigen in Prag. Damals war der Kongreß von außen bedroht, jetzt ist er es von innen ... Dieser inneren Gefährdung könnte nur der starke Kitt positiver Erfolge Paroli bieten. Wo sind diese Erfolge? In seinem Roman „Alt-Neuland" steht Herzl selbst auf dem Standpunkt, daß eine starke antisemitische Welle (also nicht die innere Werbekraft des Zionismus) die Konzentrierung der Juden aller Länder in Palästina und somit die Erfüllung des zionistischen Ideals bewirken werde. In der Nachkriegszeit hat es leider nicht an antisemitischen Wellen gefehlt, die Juden in großer Zahl aus ihrem Geburtslande hinausschwemmten. Niemals hat sich der Zionismus der Aufgabe gewachsen gezeigt, diese Emigranten zu erfassen und in „Erez Israel" anzusiedeln. Er hat sich damit begnügt, alle, die trotz den Verfolgungen sich treu und unerschüttert zur Nation bekennen, deren Sprache und Kultur sie als unverlierbaren geistigen Besitz bewahrten, als „würdelose Assimilanten" zu verhöhnen, aber ihnen Grund und Boden zur Entwicklung eines eigenen jüdischen Volkstums zur Verfügung zu stellen, war er niemals imstande. Am krassesten zeigt sich dies jetzt den deutschen Juden gegenüber. Es mangelt nicht an prahlerischen Projekten, die lächerlichsten Riesenzahlen von deutschen Juden, die in Palästina angesiedelt werden sollen, wurden laut. Da sie aber inzwischen von zionistischer Seite selbst als Symptome gewissenloser Großsprecherei gekennzeichnet wurden, erübrigt es sich, hier näher auf sie einzugehen. England hat jedenfalls mit einer Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen für Juden in Palästina geantwortet . . . Solange aber das Land, das als „Heimstätte für das jüdische Volk" ausersehen wurde, der jüdischen Einwanderung verschlossen bleibt, ist es unverantwortlich, den Keil eines eigenen jüdischen Volkstums zwischen Juden und Nichtjuden desselben Staates zu treiben. Allmählich beginnt diese Erkenntnis auch schon in zionistischen Köpfen zu reifen. So betonte der Wiener Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang in der „Neuen Freien Presse", „daß es nicht separatistische Gelüste sind, wenn Juden zu einem Zionistenkongreß zusammenkommen oder gar einen Weltkongreß anstreben zur Besprechung des Judenschicksals in der Welt, das zu denken gibt und Sorge bereitet." Herzl hat den Zionistenkongreß als oberstes Forum zur Besprechung — und Gestaltung des Judenschicksals in der Welt geschaffen. Wenn heute von zionistischer Seite die Notwendigkeit eines „Weltkongresses" neben oder gar über dem Zionistenkongreß empfunden wird, so ist auch dies ein Beweis, wie viel an Geltung der Zionistenkongreß schon eingebüßt hat. Man fühlt peinlichst den Leerlauf dieser Maschine, einst von ihrem Schöpfer zur Befreiung der Juden ins Leben gerufen, aber schon lange als ungeeignet zur Lösung dieser messianischen Aufgabe erkannt. lUiiiiiiU Mitglieder und Freunde der „Union" «nd der,Jugend-Union" treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Donnerstag, ab 728Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger II., Äusstellungastraße (Straßenbahn-Haltestelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist.

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