Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-08-11 · Heft 32 (11.8.1933) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 32 (11.8.1933)
Date
1933-08-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064381--19406-3084540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 D!£ WAHRHEIT Spezialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2- Beat., Tatoorstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69_ Vom Zionistenkongreß. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, enthält die Tagesordnung des 18. Zionistenkongresses, der am 21. August in Prag eröitnet werden soll, zwei Punkte von besonderer Wichtigkeit. Eine Aussprache über den Versuch, die Judenfrage in Deutschland mit zionistischen Mitteln zu lösen, und die Erörterung eines großzügigen Kolonisationsplans für deutsche Juden m Palästina sind für die am Dienstag, den 22. August, abends vorgesehene vierte Kongreßsitzung angesetzt. Ein weiterer wichtiger Punkt der Tagesordnung ist die Debatte über die wirtschaftliche Lage in Palästina, die wirtschaftlichen Probleme und Aussichten. Ferner sind in der Tagesordnung Diskussionen über die nächsten Aufgaben des Jüdischen Nationalfonds, die Ziele des Keren Hajessod und Probleme des nationalen Kapitals in Palästina im allgemeinen vorgesehen. * In einer Rundfunkansprache kündigte der Sekretär der Zionistischen Organisation Amerikas Morris Margulies an, daß die amerikanische Delegation dem bevorstehenden Zionistenkongreß ein Finanzprogramm vorlegen werde, in dem die Aufbringung von 25 Millionen Dollar zur Ansiedlung von 250.000 Juden, vorwiegend solchen deutscher Herkunft, in Palästina innerhalb der nächsten vier Jahre vorgesehen ist. Die amerikanische Judenheit, erklärte Margulies, nehme es auf sich, 8 Millionen Dollar zu diesem Fonds beizutragen. Dieser Beschluß hat in der englischen Oeffentlichkeit viel Aufmerksamkeit, die sich auch in der Stellungnahme großer Londoner Tageszeitungen zeigt, erregt „Daily Herald" schreibt, Pflicht der britischen Regierung als der vom Völkerbund mit der Errichtung des Jüdischen Nationalheims beauftragten Mandatarmacht sei es, bei der Verwirklichung jedes gesunden Projektes, das auf die Niederlassung so vieler Juden in Palästina, als das Land nur absorbieren könne, abziele, mitzuwirken. Die Regierung solle daher die Erwerbung von Boden in Palästina zwecks erfolgreicher und rascher Durchführung des Siedlungsplans in jeder Weise erleichtern. Im Gegensatz zu „Daily Herald" lehnt „Evening Standard" das Projekt als phantastisch ab. Das Heilige Land, schreibt das Blatt, könne eine so große Einwanderung unmöglich aufnehmen. Die erst kürzlich beschlossene 2 Millionen Pfund -Anleihe sei zum großen Teil zur Wiederansiedlung von Arabern, die durch jüdische Einwanderung verdrängt wurden, bestimmt. Ein anderer Vorschlag gehe auf Ausdehnung der jüdischen Siedlung auf Tr-ansjordanien hinaus. Die Zionisten führten zur Unterstützung ihrer Forderung an, daß gewisse arabische Scheiks infolge wirtschaftlicher Notlage geneigt seien, ihren Boden zu verkaufen. Die britische Ansicht, behauptet das Blatt, gehe dahin, daß Transjordanien ein rein arabisches Land sein solle. Auf Grund der Entscheidung der Zentralwahlkommission wurden der palästinensischen Arbeiterpartei 34 Mandate zum bevorstehenden 18. Zionistenkongreß zugesprochen; die Jabotinsky- Revisionisten erhielten 5, die Allgemeinen Zionisten 4, der Hapoel Hamisrachi 2 bis 3, der Misrachi 1 bis 2 Mandate, die yemenitischen Arbeiter und die Radikalen je 1 Mandat die Revisionisten der Großman-Liste haben Kein Mandat erhalten. * Die Warschauer Hauptwahlkommission für die Kongreßwahlen hat der Liga für das arbeitende Palästina 39, den Jabotinsky-Revisionisten 20. dem Misrachi 14, der Liste des zionistischen Zentralkomitees (radikale Grünbaum-Liste) 10, der Hitachduth 2 und den Großman-Revisionisten sowie der Liste Eth Livnoth je 1 Mandat zuerkannt. Eine Aenderung dieser Mandatsverteilung infolge der wenigen noch ausstehenden Teilresultate ist unwahrscheinlich. An den Kongreßwahlen in der Tschechoslowakei nahmen von 23.127 Schekelzahlern 15.214 (65,8%) teil. 5270 Stimmen und 3 Mandate entfielen auf die Liga für das arbeitende Palästina (voriger Kongreß 2 Mandate) auf den Misrachi 3823 Stimmen und 2 Mandate (früher 2), auf die Allgemeinen 3350 Stimmen und 2 Mandate (fr. 3), auf die Jabotinsky-Liste 3151 Stimmen und 1 Mandat (fr. 2), auf die radikale Liste Doktor Emil Margulies 1229 Stimmen und 1 Mandat (fr. 1). Die Großman-Liste ging mit 351 Stimmen leer aus. isdflas, Rheuma, Oidif I4tägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) ' Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, KoblensSnrebSder, Diathermie Heffiloft, Hohensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden taglich von 8-6 Uhr Heilanstalt „Thcrmla" L, Franz Joseiskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Chaim Nachman Bialik, der als Delegierter Argentiniens an dorn bevorstehenden Zionistenkongreß teilnehmen wird, erklärte vor seiner Abreise nach Prag in einem Gespräch mit dem Vertreter der hebräischen Tageszeitung „Haaretz", auf dem Kongreß müsse eine Einheitsfront von links bis rechts geschaffen werden. In diese nationale Koalition sollten die hervorragendsten Führer aller Parteien eintreten; jedem von ihnen solle ein Tätigkeitsgebiet entsprechend seinen besonderen Fähigkeiten eingeräumt werden. Bialik sprach sich gegen die Liquidierung der erweiterten Jewish Agency aus und erklärte, dafür eintreten zu wollen, daß im Gegenteil neue Kräite in die Agency einbezogen werden. Ferner sprach er sich für die Schaffung eines besonderen Kulturfonds aus und verlangte, daß den Problemen der hebräischen Kultur seitens der Zionistischen Organisation erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werde. ihren Leisten. Sie sollten mal vernünftig überlegen — so ungefähr wie gute Kaufleute — ob sie dem Kampf gegen das faschistische Deutschland nicht mehr Schaden bringen mit der üblen Ausrechnerei, daß der oder jener ein Jud sei. Oder würden diese Herrschaften am Ende gar mit der braunen Barbarei einverstanden sein, wenn es nicht auch gegen die Juden, sondern „bloß" gegen die Arbeiter ginge?" Ist das noch jüdisch? Peinliches Aufsehen erregte in der vergangenen Woche eine Erklärung, die einige angesehene jüdische Journalisten in der polnischen zionistischen Presse veröffentlicht haben. Es sind dies die Herren Rosenberg („Neues Volksblatt"), N. Neugoldberg (Mitarbeiter einiger jüdischer Zeitungen in Polen), Sch. Rosenstein (Korrespondent des „Haynt"). In der Erklärung wird festgestellt, daß W o 1 f g a n g W e i s 1 in der Pressekonferenz, die im Winter 1932 im Grand-Hotel in Lodz stattgefunden hat, wörtlich folgendes ausführte: „Wenn wir Juden ein normales Volk wären und wenn es bei uns ein Kriegsgericht gäbe, so müßten in erster Linie zwei Todesurteile gefällt werden, und zwar für Dr. Weizmann und Dr. Arlosoroff. Ich selbst würde das Todesurteil durch Hängen ausführen, ohne daß dabei meine Hand auch nur zucken würde." Glossen. Ich treffe seit einigen Jahren täglich um dieselbe Zeit einen Herrn, der gleich mir ins Büro eilt. Der Mann ist ein öffentlicher Angestellter, der während des Gehens seine Zeitung liest. Ursprünglich war es die „Oesterreichische Volkszeitung", dann, als sich der Nazirummel auf Oesterreich auszuwirken begann, die „Dötz"; als dieses Blatt verboten wurde, hatte er abwechselnd die „Neue Wiener Tageszeitung" und die „Kleine Tagespost". Nun ist der unentwegte Teutone bei den „Wiener Neuesten Nachrichten" gelandet, die ehedem großdeutsch, nuu die Interessen des Dritten Reiches publizistisch vertreten, wenn nicht auch diesem Unfug bald ein Ende gemacht wird--- * Sensationell wirkte die Mitteilung der „Arbeiter- Zeitung", daß eine Unzahl von Nazifunktionären, Nazizeitungsleuten und deren Freundinnen bis vor kurzem Freikarten für die österreichischen Bundesbahnen besaß. Diese Feststellung des sozialdemokratischen Blattes kann aber eigentlich nicht überraschen. Das Handelsministerium, dem früher die Bundesbahnen unterstanden, wa? Jahre hindurch eine Domäne der großdeutschen Partei und es kann nicht in Vergessenheit geraten sein, daß Herr Schürff völkischen Organisationen ein den Bundesbahnen gehörendes Haus in der Elisabethstraße zur Verfügung stellte. Die Eisenbahnbürokratie wurde systematisch im völkischen Sinne beeinflußt und wenn man dem Naziunfug in Oesterreich wirklich ein Ende machen will, dann muß man sich auch entschließen, in den öffentlichen Aemtern für reinen Tisch zu sorgen und die offenen und verkappten Anhänger des neuen Deutschland herauswerfen! * Der „Deutsche Turnerbund 1919" kündet bereits jetzt für September eine große Veranstaltung auf der.i Trabrennplatz an. Bekanntlich kam es im Juni nach der im Stadion abgehaltenen Sonnwendfeier des lurnerbundes an verschiedenen Stellen Wiens zu Nazi-- kundgebungen und antisemitischen Exzessen. Es wurde damals sogar die Auflösung dieser völkischen Organisation erwogen, doch setzten sich die Herren des Landbundes für sie ein. Nun soll wie gesagt im September eine neuerliche Massenkundgebung der teutschen Turner stattfinden. Werden sich die Behörden auch diesmal uzen lassen oder gleich im vorhinein durch Verbot der Veranstaltung diesen getarnten Nazispuk unmöglich machen? Spectator. Eine Infamie. Ohne jeden Kommentar veröffentlichen wir im folgenden eine uns zuteil gewordene Anrempe- Iung durch ein in weitesten Kreisen unbekanntes Blättchen „Der Wiener Bücherwurm", das sich in seiner Nummer 3 vom August 1933 folgendes zu schreiben erdreistet: „Einle Wiener jüdische Zeitung hat derzeit keine andere Sorge, als immer wieder nachzuweisen, daß auch jener „ein Jud" sei. Da ist der Dichter der „Galgenlieder" Christian Morgenstern. Der Verlag Piper teilt mit daß Morgenstern ein Arier war. Morgenstern heißen und ein Arier sein? Ein großer Dichter und trotzdem kein Jud? Das gibt's nicht! Also erklärt die Wiener „Wahrheit", daß über diese Behauptung selbst die Hühner lachen ... Mit Verlaub, und wenn die Hühner zerspringen: Morgenstern war doch kein Jud! (Und Hitler ist auch keiner!) Und vielleicht bleiben' die Herrschaften doch lieber bei Äus de? bwaunen 3Cölte. Gäste ohne Bürgerrecht. Der Chef des nationalsozialistischen Propagandadienstes, Schröder, erklärte in einer Zellensitzung seiner Partei in Dortmund, in Hinkunft werde der Jude in Deutschland nichts anderes als ein Gast ohne Bürgerrechte sein. Sollte er sich ungehörig aufführen und trotzdem Deutschland nicht freiwillig verlassen, so würde er ausgewiesen werden. Hitler-Deutschland wolle die Früchte seiner Arbeit für sich und nicht für Kanaillen, die dem Inlande und der Rasse fremd seien. Für die Juden sei Deutschland nur ein Handelsobjekt gewesen, das sie systematisch ausgebeutet hätten. Die Juden seien Juristen geworden, um das Recht zu beugen, 'und Aerzte, um die Volksgesundheit zu untergraben. Sie hätten sogar die Taufe angenommen, um Pastoren werden und dann dem Volke die Religion rauben zu können. Sogar in die Reichswehr wollten sie eindringen, um den militärischen Geist abzutöten. (Aus „Le Temps" vom 26. Juli 1933.) * Beschwerde gegen das Schächtverbot in Oberschlesien. In Deutsch-Oberschlesien wohnende polnische Judten haben der Schiedsgerichtskommission! in Beuthen eine Beschwerde gegen das Schächtverbot überreicht. Das polnische Ministerium des Aeußern hat nach einer Intervention des Abgeordneten Rabbiner Lewin versprochen, die in der Beschwerde erhobenen Forderungen zu unterstützen. * Es gibt noch Richter in Deutschland. Das Frankfurter Sondergericht verurteilte, worüber man nur Genugtuung empfinden kann, einen Journalisten, der angab, 1922 aus dem Judentum ausgetreten zu sein, wegen unberechtigten Tragens des Abzeichens der NSBO zu zwei Monaten Gefängnis. Der Angeklagte verantwortete sich damit, daß er, obwohl Nichtarier, doch ein unentwegter Vorkämpfer der nationalen Bewegung sei. Er hatte sich zur NSBO angemeldet und in der Aufnahmeerklärung versichert rein arischer Herkunft zu sein. Obwohl er später mit 13 anderen Leuten ausgeschlossen wurde, wöbet ihm gesagt wurde, daß er als Jude nie Mitglied sein könne, meldete er sich doch an anderer Stelle wieder an und trug Abzeichen, ohne daß seine Aufnahme genehmigt war. Das Weltgewissen. 40.000 deutsche Emigranten in Frankreich. Der französische Ministerrat befaßte sich mit einer Reihe infolge der Einwanderung deutscher Juden und politischer Flüchtlinge nach Frankreich aufgetauchter Fragen. Das Innenministerium schätzt die Zahl der gegenwärtig in Frankreich sich aufhaltenden deutschen Flüchtlinge auf 40.000. Es heißt, daß in französischen Grenzstädten eine leichte Beunruhigung im Hinblick auf die mögliche Verschärfung der Konkurrenz in gewissen Berufen durch die Einwanderung aus Deutschland herrscht. Es ist noch nicht bekannt, ob die Regierung bestimmte Maßnahmen ergreifen wird. Eine Eingabe beim französischen Finanzminister, um die Ermächtigung zur Einrichtung einer Lotterie oder zur Auflegung einer Anleihe zugunsten der Emigranten zu erreichen, ist vom Minister mit dem Hinweis darauf abgewiesen worden, daß der französische Staat gerade selbst eine Anleihe emittiert habe und damit beschäftigt sei, eine Lotterie einzurichten. * Spanien beschämt Deutschland. Der spanische Außenminister Louis de Zalenta erklärte auf einer Pressekonferenz, die spanische Regierung sei bereit, soweit dies im Rahmen der. spanischen Gesetze und des internationalen Rechts möglich sei, sephardischen Juden die spanische Staatsangehörigkeit zuzuerkennen. Gleichzeitig brachte der Außenminister zum Ausdruck, daß das neueSpanien dieinnere Verbundenheit der sephardischen Juden mit ihrer ehemaligen Heimat, von der-sie einst so grausam behandelt wurden, und die Pflege spanischer Sprache und Kultur durch die Nachfahren der aus Spanien Vertriebenen hoch zu schätzen wisse. Im Verlauf der Unterredung wurde auch die judenfreundliche Erklärung be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.