Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 31 (4.8.1933)
- Date
- 1933-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Mk m 1800mü.M. AvOSa Sdiweiz BERGSTRANDBAD HOTEl METROPOL ^eÄ^Ä warmes Wasser in aUen Zimmern. Vonügliche Verpfleenog, sehr maOige Preise. Schöne ünterhaltungsriume. Ping-Pong-S«al. Lift. W&L keit und die gegenteilige Aeußerung der Führer entgegenzutreten und selbst gewisse Nachteile in Kauf nehmen. Wollte man zulassen, daß jede derartige Forderung: oder Aeußerung einen Grund zur fristlosen Entlassene von Angestellten bildete, so würde damit nur der Disziplinlosigkeit und Willkür untergeordneter Organe Tür und Tor geöffnet. Denn es werden sich immer Leute finden, die in dem Glauben, sich hervortun zu müssen. Forderungen übertreiben und damit ihrer Bewegung mehr schaden wie nützen. Dasselbe gilt auch, wenn die übrigen Angestellten die Weiterarbeit mit einem anderen jüdischen Angestellten ablehnen und deshalb die sofortige Entlassung gemeinsam fordern sollten. Auch hier kann der Arbeitgeber nicht als berechtigt angesehen werden sich solchen Vertrags- und damit gesetzwidrigen r orderungen einfach zu beugen und deswegen sich von Vertragsbindungen freizumachen. Er muß vielmehr solchen Forderungen ebenso entgegentreten, als wenn etwa irgendwelche Kreise von ihm verlangen woilten. flau er sich von geschlossenen Kauf- und Lieferungsverträgen löse, wenn er sich nicht gewissen Nachteilen aussetzen wolle." Knechtschaft des Geistes. Wir Juden haben die Gewohnheit, für alle Ja£es- •ereignisse Analogien in der Bibel zu suchen und auch zu finden. In einer Zeit, wo Unterdrückung auf der Tagesordnung steht, denken wir unwillkürlich an die biblische Geschichte der ägyptischen Knechtschaft Während die Bibel von einer physischen Knechtschaft im vollsten Sinne des Wortes spricht, von Sklaventum, da ja die jüdische Minderheit zur schweren Arbeit zwangsweise herangezogen wurde, weiß die Ueberlieferung, Talmud und Kabala, von einer geistigen Knechtschaft zu berichten. Die physische Sklavenarbeit bedeutete das kleinere Uebel. Daß dem jüdischen Volke die Möglichkeit der Entfaltung des Geistes genommen wurde, stempelte das ägyptische Exil zum klassischen Beispiel der Knechtschaft. Die. Möglichkeit, schwere Arbeit zu ertragen, hängt von der Beschaffenheit des Körpers ab. Ohne den Geist aber ist der gesündeste Körper nichts als eine leere Hülle, führt höchstens nur noch ein Scheindasein. Ein der geistigen Freiheit beraubtes Volk kämpft mit besonderer Zähigkeit gegen die ihm die Freiheit nehmende Macht und sein Auflehnungswille führt durch Kampf zum Sieg, wie dies die Bibel und die Weltgeschichte lehrt. Ein typisches Beispiel eines vor allem geistig geknechteten Volkes aus der jüngsten Vergangenheit, des — um ein Wort des französischen Staatsmannes Herriot zu gebrauchen — typischen Märtyrervolkes Europas, liefert das polnische Volk. Zwangsweise unter drei verschiedene Kulturen gehalten, erkämpfte es sich wieder die wohlverdiente Freiheit. Wie tief muß ein Volk gesunken sein, das sich selber die geistige Freiheit raubt und der Parole „Schweigen ist Gold — Reden ist Dachau" .... unterwirft, m. 15.000—20.000 deutsche Juden in Frankreich. Aus Paris wird gemeldet: Auf Grund der Meldungen, die von dem in Prag sitzenden Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands über die vermutliche Zahl der deutschen Flüchtlinge in Frankreich ausgingen, wurden hier nähere Untersuchungen über diese Frage angestellt. Im Wesen dürften die Schätzungen des S. P. D. richtig sein und es dürfte sich im ganzen um ungefähr 30.000 Menschen handeln, die vor dem Hitler-Terror nach Frankreich geflüchtet sind. Genaue Ziffern sind darüber natürlich nicht zu erhalten. Schätzungsweise sind von diesen deutschen Flüchtlingen 15.000 bis 20.000 deutsche Juden, von denen 5000 bis 6000 sich in Paris aufhalten. Die französische Regierung hat sich selbstverständlich davon enthalten, die deutschen Flüchtlinge in irgend einer Form zur Einwanderung nach Frankreich aufzumuntern. Für jene aber, die nun einmal gekommen sind, insbesondere für die deutschen Juden, Isdiias, Rheuma, öldif Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebäder, Diathermie Heifilnit, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8—6 Uhr HellansioU ..Thermla" L, Franz Joselskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer MÖBEL Moderne KOchen- Vorzimmcr- Wohnzlfflmer- F.KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" wmm mm wurden in weitgehender Weise Hilfsmaßnahmen organisiert. Für letztere haben auch die Bestimmungen über die Arbeitszulassung von Ausländern eine sehr weite Interpretation gefunden, soweit man sich nicht überhaupt über sie hinwegsetzt. Im allgemeinen darf man behaupten, daß ein deutsch-jüdischer Flüchtling, der in Frankreich sich selbst Arbeit findet oder dem eine solche angetragen wird, auch d i e offizielle Bewilligung bekommen kann, sie anzunehmen. Die Liga für Menschenrechte und neben ihr noch zwei einflußreiche Hilfskomitees, in deren einem P a i n I e v e das Präsidium führt, sind eifrigst tätig, Stellungen für Juden ausfindig zu machen und den Flüchtlingen überdies materielle Unterstützungen zukommen zu lassen. Die Fonds, die zu diesem Zweck ins Leben gerufen wurden, sind reich dotiert und die französischen Blätter betonen in jeweiligen Berichten darüber, daß es sich keineswegs bloß um Gelder von jüdischer Seite handelt. Jüdische Siedlung in Nordaustralien? Einer Ankündigung des australischen Landesverteidigungsministers Sir George P e a r c e zufolge wird die australische Bundesregierung demnächst umfangreiche Pläne für den kolonisatorischen Ausbau voii Nordaustralien fertigstellen. Minister Pearce erklärte in diesem Zusammenhang, daß die Regierung für den Gedanken der Errichtung einer großen jüdischen Siedlung in diesem Gebiet außerordentliches Interesse zeige. Der Beschluß der Bundesregierung, eine großzügige Kolonisation in Nordaustralien durchzuführen, soll angeblich seinen Grund darin haben, daß die Regierung damit die Verwirklichung eines vor einiger Zeit gemachten Vorschlages, Nordaustralien zu Kolonisationszwecken an Japan abzutreten (in Australien selbst leben etwa 150.000 Japaner), verhüten will. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, ist ein hoher Regierungsbeamter vor einigen Wochen energisch dafür eingetreten, daß in Nordaustralien eine jüdische Kolonie zur Ansiedlungen von Flüchtlingen aus Deutschland errichtet werde. Diesbezüglich teilte Landesverteidigungsminister Sir George Pearce Pressevertretern mit, die Pläne der Regierung seien so umfassend, daß kein Grund vorliege, warum nicht alle an der Kolonisation interessierten Kreise aus der Durchführung dieser Pläne Nutzen ziehen sollten. In den jüdischen Kreisen Australiens zeigt man für diese Kolonisationspläne wenig Begeisterung. Es wird darauf hingewiesen, daß Nordaustralien sehr entlegen sei und daß seine klimatischen Verhältinisse eine bedeutende Schwierigkeit für die Kolonisation durch Europäer darstellen. Erkläret mir ... Die „Deutsche Geographische Gesellschaft" hat dem Geheimrat Dr. Alfred P h i 1 i p p s o n in Bonn die große goldene Richthofen-Medaille verliehen; diese seltene Auszeichnung ist die höchste Ehrung, die einem Geographen in Deutschland zuteil werden kann. Außer Philiopson sind nur Drigalsky und Sven Hedin Inhaber der Medaille. Geheimrat Philippson entstammt einer alten deutschen Gelehrtenfamilie, deren Urahnen Rabbiner in Metz und Frankfurt a. M. waren. Alfred Philippson wurde am 1. Jänner 1864 in Bonn als jüngster Sohn des Rabbiners Dr. Ludwig Philippson, des Gründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", geboren. Philippson folgte seinem berühmten Lehrer Ferdinand von Richthofen von Leipzig nach München und Berlin. Nach seiner Promotion ging er nach Griechenland. Siebenmal hat Philippson Studienreisen durch das griechische Festland, den Archipel und das benachbarte Kleinasien unternommen. Die Resultate dieser Forschungsreisen waren so reich, daß viele Jahre dazu gehörten, um alles wissenschaftlich zu verwerten. Zahlreiche Veröffentlichungen machten Philippsons Namen bald in der Fachwelt bekannt. Da er als Jude nicht hoffen durfte, in Deutschland ordentlicher Professor zu werden, folgte er einem Ruf nach Bern. Nach wenigen Jahren jedoch berief man ihn als Kapazität ersten Ranges auf den Lehrstuhl nach Halle, schließlich an die Universität seiner Vaterstadt Bonn. Er wurde Geheimer Regierungsrat und Ritter des höchsten griechischen Ordens. Seit Erreichung der Altersgrenze widmet er sich der weiteren Ausarbeitung seines Forschungswerkes. Das „israelitische Familienblatt" berichtet über eine dem Ordinarius für Mathematik, Professor Alfred Loewy. anläßlich seines 60. Geburtstages an der Universität Freiburg i. B. zuteil gewordenen Ehrung, die es als in diesen Zeiten besonders erfreulich bezeichnet. Nach festlicher Begrüßung durch die Studenten im geschmückten Hörsaal, fand nachmittags eine Feier der Mathematischen Gesellschaft statt, in der deT Dekan namens der Fakultät und im Auftrage des Rektors. Prof. Heffter. dem Jubilar eine Festschrift überreichte, die von der Akademie in Heidelberg herausgegeben wurde, und wissenschaftliche Beiträge von Schülern und Freunden Prof. Loewys enthält. In einem Festvortrag würdigte ein Hörer die hohen Verdienste des Gefeierten als Forscher und Lehrer, als Kollege und Mensch. Professor Loewy, der aus Rawitsch stammt und sich im Jahre 1897 in Freiburg als Privatdozent für Mathematik habilitierte, hat nicht nur in dein wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen, er nimmt auch in der jüdischen Gemeinde und Landessynagoge einen hervorragenden Platz ein. Seit 1908 ist er Mitglied des badischen Oberrats, an dessen Arbeiten und Beratungen im Dienste des Judenrums er in vorbildlicher Weise teilnimmt. Das Ordinariat für Mathematik hat Professor Loewy seit 1919 inne. Die Wissenschaft hat ihm grundlegende und bahnbrechende Werke auf dem Gebiete der Versicherungsmathematik, der Algebra, der Mathematik des Geld- und Zahlungsverkehres zu verdanken, die sein Ansehen im In- und Auslande begründet haben. Nicht unerwähnt soll in diesem Zusammenhang bleiben seine Abhandlung zur jüdischen Chronologie. Was nicht gesagt werden darf. Zum Brahms-Jubiläum haben die „Münchener Neuesten Nachrichten" und die „Hamburger Nachrichten" einen Aufsatz von Dr. Walter Niemann veröffentlicht, aber nachfolgenden Passus gestrichen: Tolerant wie in politischen Anschauungen war er auch in der Rassenfrage. Dieser kerndeutsche Mensch und Künstler hatte einen kleinen, aber bewährten und intimen Freundeskreis, der zu zwei Drittel Mehrheit — ich streife flüchtig nur Joseph Joachim, den wohl deutschesten aller Geiger, Hanslick, BrülL Goldmark, Levi — aus hochgeistigen Juden bestand. Auch hier war ihm Persönlichkeit, Geist, Können, Charakter. Vornehmheit der Gesinnung alles. Rasse, Glaubensbekenntnis, Weltanschauung nichts, und als er ein geniales Talent wie Anton Dvorak entdeckte und seinem Verleger Simrock zuführte, galt es ihm ganz gleich, daß es ein Tscheche war. Es ist vielleicht gut und notwendig, dies alles gerade heute einmal ausdrücklich festzustellen, denn Brahms nationale Gesinnung und glühende Vaterlandsliebe — „des deutschen Volkes getreuen Eckart" hat ihn sein Schweizer Freund Widmann einmal genannt — ist genau so über allem Zweifel erhaben wie sein auf einer seltenen Bibelfestigkeit gegründeter tiefer und echter religiöser Glaube. Hellas als Asyl. Der provisorische Leiter des Außenministeriums Pezmadjoglou hat der Bitte des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes, tausend Juden, die aus Deutschland eingewandert sind und sich in Griechenland dauernd nieder 1 a s e n wollen, dieEinwanderungnach Griechenland zu gestatten, entsprochen. Herr Pezmadjoglou hat erklärt, die Auswanderer könnten sich, vorausgesetzt, daß ihre Pässe in Ordnung sind,, in Griechenland niederlassen, jedoch unter der Bedingung, daß ihre Einwanderung nicht auf einmal erfolge. Diese Einschränkung müsse im Hinblick auf die auch in Griechenland herrschende Arbeitslosigkeit gemacht werden. S. A.-Ueberfall auf die Synagoge in Mannheim. Die Mannheimer Synagoge ist, nach einer Meldung der Jüdischen Telegraphen-Agentur, von uniformierten S. A.-Leuten geschändet worden. Die S. A.-Leute zerstörten die Einrichtung des Bethauses, erbrachen die Bundeslade, rissen die T h o r a r o 11 e n in Stücke, vernichteten zahlreiche Gebetbücher und theologische Werke, darunter solche von hohem Werte. Schließlich raubten sie mehrere silberne Leuchter und andere kostbare Gegenstände. „Bund Schweizer Juden", eine Schwester-Vereinigung der „Union". Veranlaßt durch das Ausmaß der verleumderischen Angriffe, welche täglich gegen, die Juden gerichtet werden und verletzt in ihrem vaterländischen und menschlichen Ehrgefühl, haben sich eine Anzahl Schweizer Juden zusammengeschlossen und den „Bund Schweizer Juden" gegründet, deren Vorstand die Herren Saly Guggenheim (Präsident), Henry Sanft (Sekretär). Paul Brunschwig, Louis Boilag, Paul Goetschel. Willy Wyler und Jacques Dreifuß angehören. Der Bund bezweckt u. a.: Die Intensivierung des Abwehrkampfes gegen den Antisemitismus in Gemeinschaft mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, entschlossenes Eintreten für die W e h r h a f t i gkeit der Schweiz und Festhalten am vaterländischen Standpunkt, Voranstellung des Allgemeinwohls über persönliche Interessen unter Ausschaltung von religiösen oder parteipolitischen Zielen. Der Bund kennt keinen Unterschied zwischen Westjuden und Ostjuden.