Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 31 (4.8.1933)
- Date
- 1933-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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! 1 Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht. — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Itrüßerhelm, IL, Malzgasse? Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von! 1 bis 12 Ubr. gewesen wie wir, wie unser Programm es verlangt, dann wäre all das nicht passiert" Es ist häßlich zu sagen: „. . . wäret ihr Zionisten gewesen (respektive hättet ihr auf Gottes Thron geschworen, respektive euch von den Ostjuden distanziert, respektive den Frontkämpfergeist wachgehalten) dann würde man euch nicht ausgestoßen haben"; denn wer das ausspricht, behauptet damit, alle anderen (die Nicht-Zionisten, Nicht- Orthodoxen, Nicht-Nationaldeutschen, Nicht-Frontsoldaten) hätten verschuldet, was uns widerfahren ist. Und das ist eine Anklage gegen jüdische Brüder, wie sie sich schwerer, beleidigender, abgrundtiefe Trennung schaffender nicht denken läßt; sie dürfte allein deswegen, selbst wenn sie wahr wäre, in einer solchen Notzeit nicht ausgesprochen werden. Aber diese Anklage ist ja nicht nur nicht wahr, sie ist — wie es zutiefst auch denen, die sie aussprechen, bewußt sein muß — unmöglich, unhistorisch. Denn niemand unter uns, keine wie immer geartete Gruppe, kein einziges unter uns existierendes Parteiprogramm ist am Antisemitismus schuld. Auch die zionistischen Leitartikel, die immer wieder behaupten, die übertriebene, übereifrige Assimilation wäre schuld, wissen, daß es Pogrome im 11. und 12. und 13. Jahrhundert gab, als keine jüdischen Minister in deutschen Kabinetten existierten und keine Theodor Wolffs sich mit Ostersonntagsartikeln „vordrängten" und kein Kurt Tucholsky Satiren schrieb, sondern Ghetto war und luftdichte Abgeschlossenheit aller Juden von aller Assimilation. Und auch die orthodoxen Oberräbbiner, die nun behaupten, daß uns nichts gefehlt hat, als die Erfüllung aller 613 Gebote der Thora, auch sie wissen, daß es Pogrome gab an Juden, die alle 613 Sinaigesetze erfüllten, Pogrome zu Zeiten, in denen alle Juden fromm waren und sich vor ihrem Gott nichts vorzuwerfen hatten. In den nächsten Tagen, am neunten Aw, werden sie alle, die Austrittler und die deutsch-liberalen Juden, die Palästinafahrer und die Reichsbundsiedler, werden sie alle eine lange Reihe Klagelieder aus zwei Jahrtausenden lesen, Notschreie von Judengeschlechtern aller Sinnesrichtungen und politischen Situationen. Notschreie von „Zinonisten" wie Jebuda Halevi und „aufrechten Kämpfern" wie den „Zehn Märtyrern", von voll- und halb- und viertelassimilierten Judengenerationen, von Bauern und Kaufleuten, von Gelehrtengeschlechtern und Hausierersiedlungen — und alle schreien aus derselben, der gleichen zwei Jahrtausende alten Not Allen ist sie widerfahren, ganz gleich wie sie sich verhalten haben, ganz gleich, welches unserer heutigen Parteirezepte sie verfolgt und welches sie verworfen haben. Niemand ist also schuld an dem, was uns widerfährt Und keine Parteizugehörigkeit hätte uns etwa retten können. Uns widerfährt jüdische Geschichte; wer sie gekannt hat. wurde von den Ereignissen nicht überrascht, und wer sie nicht gekannt hat, der gleicht einem Mann, der seinen Stamm, sein Elternhaus, seinen Werdegang und damit die Faktoren der ihm im vorhinein zugewiesenen Lebensbahn nicht kannte. Er darf sich nicht wundern, wenn er überrascht wurde. * Ist es aber so. daß jüdisches Schicksal unabänderlich, über allen Zeit- und Kulturwandlungen stehend, sich an uns vollzieht, dann darf keiner unter uns aufstehen und zum anderen sagen: „Du bist es gewesen!" Kriegsschuldlügen gegeneinander erfinden ist ein unedles Handwerk. Noch häßlicher aber als die Anschuldigung, die Kritisierung des Verhaltens der anderen, ist der im Zusammenhang damit immer wiederkehrende Satz: . . . bei uns (Orthodoxen, Zionisten, Frontsoldaten usw. usw.) sind keine Barmats und keine Sklareks gewesen; ein echter (gottesfürchtiger, nationaler Jude vaterländischer Staatsbürger jüdischen Glaubens usw. usw.) konnte gar kein Schieber, Betrüger, Staatsschädling sein . . . Immerfort wieder wird das wiederholt. Immerfort wieder verurteilt jede unserer Gruppen für sich diejenigen Juden, die jn Korruptionsskandale und Monsterprozesse verwickelt waren. Und in letzter Zeit fügt man (besonders bei der Orthodoxie und den Zionisten) hinzu: „Wäre ganz Israel so gewesen, wie wir es seit je fordern, dann hätte es auch solche Sklarek-Gestalten nicht gegeben." Natürlich. Das ist unbestreitbar richtig. Denn da alle unseren Parteien die Ehrlichkeit und den Dienst am deutschen Staat auf ihre Fahne geschrieben hatten, würde jede dem widersprechende Handlung in klarem Widerspruch zu jedem unserer Parteiprogramme gestanden haben. Aber muß man das wirklich erst sagen? — Erniedrigt man sich nicht mit solchen Verurteilungen von tausendmal abgeurteilten Schwindlern? — Erniedrigt man sich nicht, auch wenn man nur beteuert: sie sind nicht die Unseren gewesen? Und glaubt man, irgendeiner unserer tiefer denkenden Gegner wäre je der Meinung gewesen, es in Herrn Sklarek mit einem gottesfürchtigen Mann zu tun zu haben? — Glaubt man, die Judengegner hätten Kutisker für einen Chaluz gehalten, daß man nun mit Handschlag versichern muß: nein, er war kein idealistisch-selbstaufopfernder Palästinabauer? Wozu diese ganze Reinwaschungskampagne, die jedes Lager für sich betreibt? — Es ist doch klar, daß die Volksverbrecher nicht etwa in Ausführung eines Bibelverses oder Gemeindebeschlusses Volksverbrecher wurden, sondern, weil sie an kein Sinai-Wort, an keinerlei jüdisches Ideal sich gebunden hielten! Und hätten sie das selbst in ihrem übrigen Leben getan, wäre selbst Sklarek eifriger, täglicher Beter gewesen — in jener Minute, in der er ein Verbrechen beging, schlug er eben eo ipso allem Gebet und allem Gesetz ins Gesicht! Er schaltete sich aus jeder Gemeinschaft aus, er wußte das, er wollte das, es war ihm wohl gleichgültig. Aber dieser Tatbestand, die Tatsache, daß ein berühmt gewordener Betrüger nicht Mitglied des Flügels X und der Gemeinde Y war — gibt doch diesem Flügel X noch nicht die Möglichkeit, sich so zu gebärden, als habe er nun ein Monopol auf alle Ehrlichkeit in der Welt! Soll wirklich damit etwas zugunsten einer jüdischen Partei erwiesen werden, daß festgestellt wird, Herr Sklarek habe nicht zu ihren Mitgliedern gehört — dann ist es mit dieser Partei schlimm bestellt. Als ob diese von allen (und zuerst von sich selbst) ausgestoßenen Kreaturen überhaupt zu irgendeiner Partei gehört hätten! Als ob sie zu irgendeiner je hätten gehören können! " " ■• .* Nein, so kann die innerjüdische Auseinandersetzung nicht geführt werden. Es geht nicht an, daß jeder jedem vorpredigt: „bei uns hat es keine Sklareks gegeben .. ." und daß jeder jedem vorhält, sein Parteirezept hätte das ganze Geschehen hintanhalten können. Es geht nicht an, daß eigentlich in allen Verlautbarungen unserer ganzen jüdischen Parteienpresse heute nichts getan wird als: sich mit sich selbst gebrüstet. Wir wollen hier nicht untersuchen, wer zu Recht und wer zu Unrecht stolz ist auf sich selbst, seine Voraussagen und seine würdige Haltung, die Sauberkeit seiner Mitgliederpersönlichkeiten und die Unanfechtbarkeit seiner Führer. Mag sein, daß sie allesamt Grund und Recht haben, stolz zu sein. Aber — nicht jetzt. Jetzt ist die Zeit, bescheiden zu sein. Jetzt ist die Zeit für alle gekommen, zu sagen: Wir haben es alle nicht hindern können. Wir konnten alle nicht helfen. Unser aller Rezepte haben nicht verschlagen. Wollen wir sie deshalb für eine Weile — vergessen. Jüdisches Weltenschicksal ist über uns gekommen. Wollen wir es sehen und nur es. Vielleicht, daß wir's dann meistern. (Isr. Familienblatt.) Ist Österreich wert erhalten zu werden? Vor zwei Wochen wurde mir eine Broschüre mit dem Titel „Ist Oesterreich wert erhalten zu werden?'4 vom Herrn Heeresminister zugesandt. Da ich nicht annehmen kann, daß gerade ich durch diese Sendung ausgezeichnet wurde, muß ich glauben, daß sie Tausende von Glaubensgenossen erhielten. Und wer sollte heute aufrichtiger wünschen, daß Oesterreich erhalten werde als die Juden, wenn sie ihre Blicke scheu mach Deutschland werfen? Vieles in der sehr vornehm gehaltenen Broschüre können wir rückhaltlos unterschreiben, so daß Oesterreich an der Erfüllung seiner deutschen Mission zugrundegegangen ist. Auch, daß Oesterreichs Jugend seit 15 Jahren im antiösterreichischen Sinne erzogen wurde, werden viele ältere gebildete Juden mitbeklagen. Schon ein durch einen weltanschaulichen Abgrund vom Herrn Heeresminister getrennter Jude, mein Vater, war vor mehr als 50 Jahren äußer sich darüber, daß Literatur, Kunst- und Weltgeschichte den Mittelschülern Oesterreichs, also auch seinen Kindern, in einem Sinne vorgetragen wurde, der ganz norddeutsch, preußisch, protestantisch, hohenzollerisch war. Daß es nur so eingeschaltete Jugendzeitschriften und Jugendlektüre gab, daß man für einen Idioten galt, wenn man für die Barocke oder Orillparzer schwärmte, daß wir alles von Friedrich II. oder Bismarck, nichts von Maria Theresia oder Kaunitz wußten. Ja, Herr Heeresminister, seit 60 Jahren wurde in dieser Beziehung an der österreichischen Jugend gesündigt. Deswegen wäre es sehr schön, wenn Sie in Ihrer Broschüre nicht auch an den Juden sündigen würden. Ja, hätten Sie nicht Robert v. Lieben erwähnt, müßte ich fast daran zweifeln, daß Sie die Juden überhaupt zu den Oesterreichern rechnen. Ganz ohne österreichische Ungenauigkeit darf es ja in der Broschüre eines österreichischen Ministers nicht abgehen. Sie führen'mit einer ganz ungeheuerlichen, meine Unwissenheit beschämenden Gelehrsamkeit Großtaten des österreichischen Geistes seit dem Jahre 1000 an. Es wird aber nicht klar, ob Sie die Söhne Oesterreichs in seinem heutigen Umfange oder der einstigen Monarchie bei dieser Aufzählung meinen. Im ersteren Falle müßten gut drei Viertel der angeführten Großtaten aus Ihrem Geniekonto verschwinden. Sie nennen nur die Leistungen, aber nicht die Namen der Urheber. Zunächst kann man auf die Ersparnis, auf eine wohl nicht gut angebrachte Ersparnis an Druck und Papier schließen, aber folgender Umstand gibt uns als Juden zu denken. Sie führen Oesterreichs große Musiker namentlich an. Warum fehlen in der Liste drei der allergrößten: Mahler, Goldmark und Schönberg? Noch auffallender Ihre Anführung der Dichter: es fehlen die drei, die allein heute sozusagen die moderne österreichische Literatur auf dem Weltmarkte repräsentieren: der Achteljude Hoffmannsthal, der Wiener Arthur Schnitzler, Schönherr, der Gatte einer Jüdin. Dies kann nicht unabsichtlich sein. Auch haben Sie gänzlich die reproduzierenden Künstler vergessen, die gewiß für das Ausland ein WeltJaktivum Oesterreichs sind. Wollten Sie Joachim, Grünfeld, Rose, Rosenthal nicht nennen? Neben Kainz hätte auch Sonnenthal Erwähnung verdient. Alle diese Erwägungen bringen mich zu dem Schluß, daß Sie bei Anführung der Großtaten österreichischer Männer und Frauen nur deswegen keine Namen genannt haben, weil sich so viele Juden unter diesen Größten befinden. Ich wäre glücklich, wenn ich mich in dieser Annahme geirrt haben sollte, aber — die in vielen Dingen ausgezeichnete Broschüre läßt es eben durch diese Beiseitelassung von Juden im unklaren, ob Sie, Herr Bundesminister, auf die Mitarbeit der in Oesterreich lebenden Juden bei Neuaufbau des Vaterlandes zählen wollen oder nicht. Clothilde Benedikt. Kagers Selchwaren-Restaurant Selchwaren aus der Fabrik Eisen & Königsber streng orth. TB» (Unter Aufsiebt der Adas - Jisroel - Schiff schul) Wien ff., PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 Menü von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts w.erden bestens arrangiert Hitler and Karl May . . . Motto: Zeige mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist . . . Vor einigen Tagen brachte eine deutsche „gleichgeschaltete'' Zeitung, die es sich offenbar zur Aufgabe macht, die täglichen Gepflogenheiten Herrn Hitlers bis ins kleinste Detail für die Nachwelt zu bewahren, die Nachricht, daß sich der „Osaf" auf seinem Schloß (!) in Bayern, wo er sich derzeit zur „Erholung'' aufhält, ausschließlich — Gymnasiasten aller Länder höret und staunet! — Karl M a y zu Gemüte führt. Allen, die von dieser aufsehenerregenden Mitteilung Kenntnis genommen haben, wird es wohl klar sein, daß nach der Bücherverbrennung im „Dritten Reich'' der übriggebliebene Mist Triumphe feiert. Warum sollten da ausgerechnet die Romane Karl Mays zurückstehen und in der Welt dieser braunen Höhlenbewohner nicht die gebührende Achtung finden, wo doch der „Führer'' selbst mit leuchtendem Beispiel vorangeht? Und dennoch ist nicht allein der Umstand, daß May ein bodenständiger, treudeutscher und arischer Schriftsteller war, das ausschlaggebende Motiv, daß er heute bei Hitler so hoch im Ansehen steht und würdig gefunden wird, als Zerstreuung eines Reichskanzlers zu dienen. Der Grund für diese Ehrung liegt darin, daß May ein Antisemit letzter Sorte war und heute, wäre er noch am Leben, zweifellos eine führende Stelle im Reiche des Hakenkreuzes bekleiden würde. Es war vor einigen Jahren, da verbrachte ich die letzten zwei Wochen meines Urlaubes in einem Städtchen am Attersee. Da ich nur mehr einer der wenigen Gäste im Städtchen überhaupt war — es war bereits Herbst und überdies regnete es während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes —, konnte naturgemäß von einem gesellschaftlichen Leben nicht die Rede sein. Der Hotelier, welcher bemüht war, mir in jeder Weise den Aufenthalt trotz Unbill der Witterung usw. so angenehm wie möglich zu gestalten, führte mich einige Tage nach meiner Ankunft in die dortige Ortsbibliothek,' die er, wie er mir voll Stolz versicherte, allein eingerichtet hatte und deren Kustos er selbstverständ-