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Die Wahrheit · 1933-08-04 · Heft 31 (4.8.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 31 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 berechtigte Börger der schweizerischen Eidgenossenschaft — ist da die Frage: Jüdischer Schweizer oder Schweizer Jude nicht reichlich naiv, und, wenn sie von Gegnern gestellt wird, impertinent? Der Mensch ist das Produkt seiner Erziehung und seines Milieus. Auch der jüdische Mensch. Seit der Emanzipation genießen wir in den öffentlichen Volksschulen den Unterricht des Staates; im Religionsunterricht und in der Familie empfangen wir die religiöse Prägung, wie unsere katholischen und protestantischen Mitschüler die ihrige. Was uns von ihnen trennt, ist das religiöse Bekenntnis und die religiöse Uebung, gleich wie die christlichen Konfessionen unsere Mitbürger unter sich selbst und von uns scheiden. Mehr nicht. Was uns mit ihnen eint, sind alle rein menschlichen Beziehungen, ist der Bezirk der menschlichen Ideale, ist die Liebe zum Heimatboden, die jedem natürlich empfindenden Menschen eingeboren, und die ein Teil von uns selbst, ist, ganz unabhängig davon, ob wir wollen oder nicht, ja ob die Heimat selbst unsere Liebe erwidert oder nicht. „Ubi bene, ibi patria" (wo es mir gut geht, ist mein Vaterland) ist kein jüdisches Sprichwort; ein in der jüdischen Lehre verankerter Grundsatz dagegen heißt: „Fördere das Wohl der Stadt, in der du wohnst". und ein religiöses Gebot heißt: „Die Gesetze des Staates, dem du angehörst, sind für dich verbindliches Gesetz." Diese beiden talmudischen Grundsätze bezeichnen klar und deutlich unsere Einstellung zum Staate — sie ist positiv, staatsbejahend und nicht revolutionär. Es ist eine der vielen tendenziösen Verallgemeinerungen, wenn man das Judentum für politisch-revolutionäre Einzelgänger verantwortlich macht, die mit dem Judentum zumeist längst gebrochen haben, und deren Einstellung aus Verhältnissen begrifien werden muß, wie sie glücklicherweise bei uns nicht existieren; die Reinheit ihrer Gesinnung aber darf auch diesen Leuten als jüdischmenschliches Aktivum nicht abgesprochen werden. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß der Jude, wenn er zur Mitarbeit im Staate oder in der Gemeinde herangezogen wird, die ganze Persönlichkeit für seine Aufgabe einseizt und seinen christlichen Mitbürgern darin in keiner Weise nachsteht. Daß er aber in der Schweiz zu solchen Aufgaben nicht vordrängt, ist wohl mit ein Grund, daß eine Judenfrage bei uns bis jetzt nicht existierte, und daß das, was heute in den Fronten als solche grassiert, eine böswillige und gewaltsame Konstruktion genannt werden darf: denn weder in der Politik noch in der Finanz und Presse stehen die Juden in der Schweiz an hervorragender Stelle. Mag man das bedauern oder begrüßen — nicht zu bestreiten ist, daß trotzdem der Schweizer Jude wie sein Glaubensgenosse in anderen Ländern, lebhaften Anteil nimmt an allem Geschehen in seinem Vaterlande. Wie könnte es auch anders sein in der Demokratie, wo jeder Bürger mitverantwortlich ist, weil er mitentscheidet und weil das Geschick des Ganzen auch sein Einzelschicksal berührt Tua res agitur — es geht auch dich an! und wir sollten uns desinteressiert bei Seite stellen? Aber ein anderes ist das laute Feldgeschrei der „Harusisten", ein anderes das ruhige feste Bekenntnis zum Staate, das sich äußert in dankbarer Pflichterfüllung, sei es im Kleide des stimmfähigen Bürgers, sei es im Gewände des Vaterlandsverteidigers! Und nun zu der Frage: Sind wir Juden als Semiten und Träger der jüdischen Idee, als Promotoren des messianischen Gedankens fähig, uns in die Psyche unseres Wirtsvolkes einzuleben? Sind nicht zwei Seelen in unserer Brust, die um den Vorrang kämpfen, die jüdische und die schweizerische? Den Fanatikern des Arierprinzipes und den Verunglimpfern unserer heiligen Schriften werden wir darauf nie eine befriedigende Antwort geben. Aber die eigene Kopfklärung verlangt eine kurze Auseinandersetzung mit dieser Frage, die ja, wie schon eingangs erwähnt, den einen und anderen heute bei uns zu beunruhigen scheint. Die jüdische Idee, mit der das Judentum steht und fällt, ruht auf der nationalen Grundlage unserer Volk-Werdung auf der Thora. Ihr Inhalt und ihr Ziel ist die Anerkennung des einzigen Gottes als Schöpfer und Gesetzgeber und das Vor-Leben dieser Erkenntnis mit all ihren Konsequenzen über Ort und Zeit, bis dereinst alle Völker in der gleichen Erkenntnis sich zusammenfinden. Seit dem Untergang des jüdischen Staates hat das Judentum diese Idee durch die Geschichte getragen; das gemeinsame Schicksal — ein Leidensweg von unerhörter Tragik — die gemeinsame Lehre und die gemeinsame Hoffnung haben im jüdischen Volk während der zweitausendjährigen Zerstreuung das Volksbewußtsein wach gehalten. Nicht das Blut war dieser Kitt; denn die jüdische Idee kennt den rein blutmäßigen Gegensatz der Nationen nicht. Es ist denn auch nicht in erster Reihe der Verlust des Staates, den wir alljährlich am 9. Ab betrauern, sondern der Untergang des Heiligtums, das als sinnfälliges Zeichen der jüdischen Idee auf dem Tempelberge zu Jerusalem errichtet worden war. Nach dem Gesetz der Thora kann jeder vollwertiger Jude werden, der sich zur jüdischen Idee bekennt; sie hat den Primat vor dem jüdischen Blut. Die jüdische Idee verneint nicht die Nationen, sondern bejaht sie auf Grund der Magna Charta, die dem jüdischen Volk am Sinai gegeben worden ist. Es ist der Geist, die Gesinnung, welche den Volksgenossen ausmacht. Bis die Zeit kommt, von der die Propheten weissagen, hat das Judentum in all seinen Gastländern den Dienst am Volke als Mission zu erfüllen: sie wird ihm um so leichter, je weniger ihm die Einfühlung — nicht Assimilation — durch kränkende Zurücksetzung oder gar Entrechtung erschwert wird. Auch die Neunmalweisen von Zion, jene unerhörte Fälschung, können diese verbriefte und geschichtlich erhärtete Tatsache nicht aus der Welt schaffen. Dienst am Judentum und Dienst am Schweizertum sind nicht Gegensätze; sie bedingen einander, sie sind religiöse Pflicht. Damit erledigt sich das Problem der jüdischen Einstellung zum Vaterlande. Schweizer Juden oder jüdische Schweizer — Bundesrat Motta hat die Frage an der Luzerner Feier trefflich entschieden; auch unsere Schlußfolgerung lautet: Comme vous voulez! (Wie ihr wollt!) Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotankreuzgasie 3 Tel. A4S-9-37 IHJSIÜSBAÜ EIS- UM© BAD iE ASS STA JLT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedentbrücke gelegen - ~ Original DUSSlSdüCS Dampfbad mit t-——fr Buscuenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Die Hochburgen wanken. Die „Wiener Zeitung" veröffentlicht folgenden Artikel eines reichsdeutschen Publizisten. Immer noch werden die aus Deutschland kommenden Nachrichten in der hiesigen Presse auf ihren wahren Wert hin zu wenig gewürdigt, werden die Ereignisse meist sogar vollkommen falsch in Rechnung gebracht. Wäre das nicht der Fall, dann wäre längst aufgefallen, daß die ersten Gegenwirkungen gegen das NSDAP.-Regime gerade von jenen Gegenden ausgehen, die seinerzeit zu allererst und mit einer Vehemenz sondergleichen sich für Hitler erklärten. Diese Gegenden haben die längste Zeit im Trommelfeuer nationalsozialistischer Propaganda gestanden, in ihnen sind die am lautesten proklamierten Grundforderungen der Partei aus der Agitationszeit noch am lebendigsten und demgemäß ist auch die Enttäuschung über die Nichterfüllung aller dieser Forderungen nun, da die Partei an der Macht ist, am größten. Diese Hochburgen sind München, Schlesien, Ostpreußen und Schleswig- Holstein. Und gerade von dort laufen die Hiobsposten für die Hitler-Regierung am häufigsten ein. Da ist zunächst München. Von hier nahm Hitler seinen Ausgang, hier erhob er sich am 9. November 1923 zum ersten Male, hier holte er sich freilich seine erste Niederlage. Aber sie hat ihm bei den Münchnern nicht viel geschadet. Die Kleinbürger der bayrischen Hauptstadt sahen einmal in seinem Kampf gegen die Warenhäuser und Konzerne etwas ihnen Sympathisches und dann freuten sie sich, daß dieser Hitler, den sie immer als einen der Ihren ansprachen, es den „Sau- 5??' 1° Kab- Qroße Politische Gedankengänge hat der Münchner, der Bayer überhaupt, nie verstanden. Auch der Antisemitismus gefiel ihm (wie rast allen Deutschen übrigens, weshalb eine Wiederherstellung der Gleichberechtigung der Juden auch nach dem Sturz des gegenwärtigen Systems als ausgeschlossen erscheint). Aus Berechnung und aus Trotz ging der Münchner zu Hitler. Aber aus denselben Beweggründen wendet er sich jetzt gegen ihn Weder sind die Kleingewerbetreibenden m bezug auf Schließung der Warenhäuser auf ihre Rechnung gekommen, sondern vielmehr 200 von ihnen nach Dachau, weil sie „schnell was verdienen wollten", indem sie die Waren um 100 Prozent „steigern" ließen noch sind die Bayern nun gewillt, sich Berlin zu unterwerfen, weil jetzt die Nazi dort regieren. Der Trotz gegen Berlin ist traditionell an der Isar. Dazu aber kommt das Vorgehen der NSDAP, gegen die katholische Kirche, kommt die Teuerung auf fast allen Gebieten, kommt die grausame Behandlung vieler Volksgenossen durch die SA., die niemals in München sehr beliebt war. Dazu sind die neuen „Minister" in der bayrischen Regierung zu sehr bekannt, um beliebt zu sein, kurzum, man ist der ganzen Sache herzlich überdrüssig. Jede Pathetik, jeder Zwang ist dem Münchner „zuwider". Und gerade darin sind ja die Nazi groß. Man wendet sich daher ab von der Partei, man beginnt sie zu verspotten, ihre Funktionäre werden bereits vom Volkswitz erfaßt, besonders Herr Roehm — kein Zweifel: München ist nicht mehr sicher! * Viel, viel ernster liegen die Dinge jedoch in Schlesien. Das hatte sich sozusagen mit Haut und Haar der NSDAP, verschrieben, nicht aus rein äußerlichen Beweggründen, sondern aus einem verbissenen Haß heraus, der der grenzenlosen Korruption der früheren Machthaber, namentlich der SPD., sein Dasein verdankte. Wer die unglaublichen Unterschleife, die sich gerade die SPD.-Machthaber in Schlesien geleistet hatten, kennt (Krankenkassenskandale, Siedlungsbetrügereien größten Stils, schmachvoller Nepotismus, Aemterschacher usw.), der begreift, daß in Schlesien das Wort „SPD.-Bonze" zu einer schweren Beleidigung wurde. Hier, im Osten, litt ferner der kleine Geschäftsmann einerseits durch den seit Jahren tobenden Handelskrieg mit Polen, anderseits durch den unaufhörlichen Zustrom neuer Warenhäuser, Filialen der Berliner Firmen Wertheim, Tietz, Ehape. Schocken usw. Dazu war die Arbeitslosigkeit in Schlesien immer bedeutend größer als im übrigen Reich. Der starke Prozentsatz der Juden, die die meisten Anwalts- und Aerztestellen innehatten, die anderseits auch Leiter der Warenhäuser waren, stärkte den Zustrom zur NSDAP, ungemein. Alles wartete auf „den Tag", an dem das alles beseitigt würde. Aber der Tag kam — und außer der Vertreibung von ein paar jüdischen Intellektuellen geschah nichts. Die Warenhäuser bestehen weiter, die Geschäfte gehen noch schlechter, das Los der Arbeitslosen ist noch trostloser, die Lebensmittel sind noch teurer — die Enttäuschung ist ungeheuer. Aber während der Bayer impulsiver, aber auch leichter ist. ist der Schlesier schwerer, darum auch erbitterter über die Täuschung, die an ihm begangen wurde. Der schlesische Arbeiter, angeekelt durch die SPD., rlog Hitler verhältnismäßig leicht zu — jetzt aber, nach der Erklärung der Thyssen und Krupp zu Wirtschaitsdiktaloren verwandelt sich sein Glaube an Hitler in grimmigen Haß. Dort — in Schlesien — schwelt ein stiller Brand, der eines Tages wild aufilammen wird. In Schlesien hat die Partei, die noch dazu durch einen Heines repräsentiert wird, ausgespielt! Das weiß übrigens niemand so genau wie Herr Brückner, Gauleiter und Oberpräsident. » In Ostpreußen liegen die Dinge ähnlich. Vergebens sucht der dortige Gauleiter und Oberpräsident Koch die enttäuschte Volksmeinung von dein ..Verrat Hitlers" abzulenken. Aber anderseits drohen dort die Junker oiten mit dem Autstand, ialls wirklich an die Aufteilung ihres Grundbesitzes gedacht werden sollte. Ein wilder Klassenkampf hat dort neu eingesetzt, gerade Ostpreußen, das bei den Wahlen in seltener Eintracht hinter Hitler stand, ist sozusagen verloren. * Viel drohender sieht es aber in Schleswig- Holstein aus. Das war schon seit Jahren die Heimat des wildesten Radikalismus. Dort arbeiteten Klaus Heim, Herbert Volk, die beiden Brüder von S a I omon mit Höllenmaschinen und Bomben. Eine Art Anarcho-Nationalismus (auch so was gibt es!) hatte sich breitgemacht. Diese Leute waren schon vor Hitlers Machtergreifung über Hitler hinaus bei einem Bauernbolschewismus angelangt. Nun sind sie es, die wiederum die Fahne des Aufruhrs durch das ganze Land tragen, das bei den Wahlen noch ganz hinter Hitler stand. Ihr Einfluß reicht bis nach Hamburg hinein, verbindet sich hie und da mit dem Kommunismus — kurzum, auch hier droht äußerste Gefahr für Hitler. Das ist das Drohendste: Daß gerade die Hochburgen der NSDAP, wanken! Denn das andere alles, allen voran das unzuverlässige, stets Sensationen nachlaufende Berlin, kann ernstlich nicht für die Regierung in Rechnung gestellt werden. Und zu alldem kommt die Reichswehr, ruhig, drohend wie eine Sphinx. Begreift man jetzt die Unruhe, die Nervosität der Goering-Leute? Versteht man nun die Riesenrazzien, Postsperren, Blutgesetze? Es zieht sich was zusammen . . . . Unedler Wettstreit Von den nationaldeutschen Juden bis zur Austrittsorthodoxie, von den Frontsoldaten bis zu den Zionisten, unter all unseren Parteien und Gruppen hat ein edler Wettstreit eingesetzt: Wer am häufigsten sagen kann: „. .. ich bins nicht gewesen . . . ich wasche meine Hände in Unschuld . . . mich trifft keine Verantwortung iür die Entwicklung der Dinge . . ." Die Frage, wer diese Sätze am häufigsten wiederholen kann, ist noch nicht entschieden; der Wettkampf dauert seit drei Monaten in aller Schärfe an: aber er beginnt, langweilig zu werden, und man sollte ihn abblasen. Auch aus anderen Gründen als nur dem, weil das Publikumsinteresse an ihm erlahmt, sollte man mit dem Wettstreit aufhören. Auch, weil er an sich und in sich häßlich ist. Ganz abgesehen davon, daß keinerlei, wie immer gearteter Anlaß, keinerlei logischer Grund vorliegt, ihn überhaupt zu veranstalten. Es ist häßlich und es ist falsch, immer wieder zu beteuern: „wir sind nicht schuld, und wäret ihr alle so JUd. Pension „Julie" Wien IX., Thurngasse 8,1. Stodr, 12 (5 Minuten vom Schottentor) Tel. A is-s-45 Ruhige Lage — Erstklassige Hausmannskost — Billige Sommerpreise — Auch kurzfristig. Mitglieder und Freunde der „Union" der?te™*-Um<m« 17 treffen sich während der Sommermonate jeden Donnerstag, ab 7:8 Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger n.,ÄussteUungsstraße (Straßenbahn-Haltestelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist,

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