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Die Wahrheit · 1933-08-04 · Heft 31 (4.8.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 31 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT „Wie der Sand am Meere" — so lautet der dritte Patriarchensegen — sollen wir Juden sein. Was erscheint ohnmächtiger, als diese Körnchen am Ufer des Ozeans! Aber säet nur Strandhafer unter sie und seine Wurzeln verankern diese Körnchen zu einem Damm, an dem die gewaltigsten Wogen zu Gischt und Schaum zerschellen. Daß wir in dieser Stunde schwersten Leides für unsere Brüder und drohender Gefahr für uns selbst das Judentum so einig sehen in Willensstärke und abwehrender Geschlossenheit, das tröste uns und richte uns auf in neuem Hoffen und Vertrauen! Aber einen besonderen Segen birgt das Leid der Gegenwart in seiner Besonderheit unter allen den Leiden, die unser Volk bisher erdulden mußte. Noch immer stand bisher Schwachen und Charakterlosen unter uns ein Schlupfweg offen, sich dem Leidensgeschick seines Volkes zu entziehen. Das Neue an der heutigen Phase des Judenhasses ist die Sperre jedes Fluchtversuches. „Wie die Fische werden sein, die nach dir kommen." So lautet der vierte Segen. Wie der Fisch nicht aus seinem Lebenselement, dem Wasser, herauskann, ohne sein Leben zu lassen, so kann jetzt der Jude nicht heraus — aus seiner Rasse. Wäre diese Farce nicht so blutig ernst, sie könnte erheiternd wirken. Der treffliche Berliner Schulmann Abraham Hörwitz verfiel einmal, als die Rassenhetze gegen die Juden aufkam, auf folgenden Spaß. Er übergab dem — nichtjüdischen — Zeichenlehrer einer Berliner jüdischen Gemeindeschule ein bekanntes Tableau von etwa zwanzig Rabbinern mit der Bitte, den Kopf, der ihm als ausgeprägtester jüdischer Typus erschien, nach der Weise zu behandeln, wie man den Turnvater Jahn zu sehen gewohnt ist. Das Bild wurde dann an zahlreiche Berliner Künstler zur Begutachtung gesandt, und ihr Urteil übereinstimmend: „Porträt Ludwig Jahns aus seinen mittleren Jahren". — „Garn su letauwoh". „Auch dies zum Guten". So spricht der Jude bei jeder Heimsuchung. So fest baut er auf Gottes Gerechtigkeit und seinen heilsamen Weltenplan. Auch diese bitterböse Prüfung unserer Tage wird das Judentum einst in friedlicher Rückschau versöhnt betrachten. In einer Zeit, in der es erkennen wird: auch dieses Leid ward uns gesandt — zum Segen. —d— STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 99 In der Heimat. u Zum neunzehnten Male jährte sich dieser Tage der Ausbruch des Weltkrieges, der Anbruch der „großen Zeit", da eine mitteleuropäische Generation, überwältigt von der Sensation, daß ihr das Ungeheure, das ihr bis dahin nur aus den Geschichtsbüchern, aus Cäsar, Herodot und Homer bekannt war, zum persönlichen Erlebnis werden sollte, ins Feld zog mit dem zuversichtlichen Liede tauf den Lippen: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiederseh'n." Einem gigantischen Prozentsatz der Sänger ist leider diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen. Das Ende des Weltkrieges brachte uns Juden eine Neuauflage des Liedes. Nun waren es die Zionisten, die die Weise in die aufhorchende Welt hinausschmetterten: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiederseh'n." Die Balfour-Deklaration hatte feierlich Palästina zur „jüdischen Heimat'* proklamiert, der Zionismus stand am Ziele seines Strebens, die Wiedervereinigung der seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung lebenden Juden im gelobten Lande der Urväter schien keine Utopie mehr . . . Wer diesem Schein nicht traute, wurde maßlos beschimpft und als „Mauschel", der der Würde des Judentums ebenso fremd gegenüberstehe wie den Zeichen der Zeit, gebrandmarkt. Die Zionisten singen noch jetzt unentwegt das Lied „In der Heimat . . ." Sie rüsten soeben zum Kongreß, dessen Grundbestimmung ja, wie die aller seiner Vorgänger, die vielstimmige Paraphrase des zitierten Gesanges ist. Ist die Zuversicht der Zionistenführer aufrichtiger und begründeter als die der den feindlichen Mordwaffen entgegenziehenden Soldaten des Weltkrieges oder ist es bei jenen wie für diese nur noch ein Selbstbetäubungsmittel, das die Suggestivkraft des Glaubens an die Erfüllung dessen, was man wünscht, zum Hinwegsetzen über das Grauen, das die Wirklichkeit bietet, einsetzt? Werfen wir doch einen unbefangenen Blick auf diese Wirklichkeit! Sie kann nicht besser illustriert werden als durch die Lösung, die man jetzt für das Problem der jüdischen Emigration aus Deutschland gefunden hat. Die deutschen Juden sollen angesiedelt werden: in Nordaustralien, in Brasilien, Argentinien und Marokko. Juden aus einem einzigen Staate, noch dazu aus einem von Juden nur ganz dünn bevölkerten, sollen also auf vorläufig vier verschiedene Territorien verteilt werden; statt Vereinigung der Juden aller Länder in einer gemeinsamen Heimat soll eine neue Diaspora auch noch diejenigen voneinander trennen, die bisher staatsbürgerlich zusammengehört hatten! Und das Groteskeste dabei ist: Keines der für die neuen jüdischen Ansiedlungen in Aussicht genommenen Länder ist das von Balfour als „jüdische Heimat" erklärte! In dieser merkwürdigen „jüdischen Heimat'' ist kein Platz für Juden! Wohlgemerkt: nur für Juden ...Andere können und sollen dort angesiedelt, bzw. wieder angesiedelt werden! Das ist der offiziell proklamierte Wille Englands, dem vom Völkerbund das Mandat über Palästina ausdrücklich zu dem Zweck übergeben wurde, dort die „jüdische Heimat'' zu schaffen. Man besitzt schon zahlreiche Proben für den Ernst, mit dem England, die genialste Kolonialmacht, diese Aufgabe zu erfüllen sucht. Zuerst sperrte es das Heilige Land für die Einwanderung ab. Die Großmacht, deren Bürger das stolze Wort geprägt haben: „Mein Heim ist meine Burg" hat die „jüdische Heimat" in eine Burg verwandelt, deren Tore den darin angeblich Beheimateten verschlossen sind. In den letzten Jahren hat man allerdings die Passage etwas erleichtert. Man hat zwar nicht etwa den Juden als Symbol ilirer Hausrechte den Türschlüssel ausgefolgt, aber man hat ihnen den Eintritt gegen ein angemessenes Sperrgeld bewilligt. Juden, die das Sperrgeld nicht bezahlen können, müssen die „jüdische Heimat" weiter von außen betrachten, nur die Zahlungskräftigen dürfen hinein. England braucht das Geld. Wofür? Komische Frage! Natürlich zur Ausgestaltung des Mandatlandes. Mit den Kapitalien, die die Juden ins Land bringen, soll die Ansiedelung von — Arabern in der „jüdischen Heimat" bewerkstelligt werden. Die Araber haben Palästina jahrhundertelang veröden und versumpfen lassen. Die Juden verwandelten die Wüsten und Moräste in fruchtbaren Boden. Das haben die Araber mit gemischten Gefühlen beobachtet. Die urbar gemachten Böden erweckten ihr Wohlgefallen, die jüdischen Kolonisten aber behandelten sie als Feinde, die sie in mehrfachen Pogromen auszurotten suchten. England, das sonst als Kolonialmacht widerborstigen Exoten gegenüber keinen Spaß versteht, suchte zwischen den arabischen und jüdischen Aspirationen im Lande den richtigen Mittelweg und fand ihn: die Araber werden angesiedelt, die Juden dürfen diese Ansiedlung bezahlen. Es ist ja ihre „Heimat"', sie sind deshalb zur Höflichkeit verpflichtet, wenn sich dort jemand anderer breitmacht und vor allein müssen sie die Zeche dafür bezahlen. Das ist doch allgemeiner Hausbrauch oder hat man schon gehört, daß ein gesitteter Hausherr die Gäste bezahlen läßt, besonders dann, wenn das Berappen der Haushaltsunkosten das einzige Recht ist, das er in seinem „Heim" genießt? Man wird ja hören, wie sich die Delegierten auf dem Prager Kongreß zu der Ro'le stellen, die England den Juden in der „jüdischen Heimat" zuweist Großes Entzücken ist von ihnen kaum zu erwarten. Es fehlt ja bereits nicht an unerfreulichen Symptomen für das Anwachsen der Unzufriedenheit unter den zionistischen Anhängern mit der gegenwärtigne Situation des Zionismus. Die Juden waren immer ein Debattier-Volk und die Lebhaftigkeit der Diskussion, das schroffe Aufeinanderprallen gegensätzlicher Meinungen wäre noch kein Maßstab, der pessimistischen Kritikern Recht geben müßte. Viel bedenklicher ist es, daß ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E pPF ,#8 S.s« TEPPICHE VOMllNGE nODELSTorrE, decken NUR I.,DÄllERNMAnKT12-14 die im zionistischen Lager herrschenden Gegensätze nicht meiir allein durch Worte, sondern auch i-cl-on durch blutige Taten Ausdruck gefunden haben. Eine solche Steigerung der Leidenschaften wäre nicht eingetreten, wenn es sich noch immer, wie unter HerzI und selbst unter Weizinann, um die zweckmäßigste Art der Realisierung der „jüdischen Heimstätte" handelte und nicht bereits um Zweifel über deren Realisierbarkeit. Die Mordwaffe ist, weiß Gott, in jüdischen Händen kein übliches Argument zur wechselseitigen Ueberzeugung, sondern nur ein entsetzlicher Beweis für das Schwinden der eigenen Ueberzeugung in die Güte der Sache, die man verficht. Die jahrzehntelang mit allen Mitteln des Verstandes und des Gemütes in den jüdischen Massen aufgepeitschte Sehnsucht nach der Erfüllung des messianischen Ideals auf politischem Wege, wie sie für den Zionismus charakteristisch ist, mußte die Seelen mit einer Leidenschaft erfüllen, die ohne Zweifel die edelsten Früchte gezeitigt hätte, wenn sie die Möglichkeit zu positiver Auswirkung erhalten hätte, die sich aber im Moment der Enttäuschung zu einer dämonischen Vernichtungsraserei pervertiert. In diesem tragischen Moment wissen die Zionistenführer nichts Klügeres, als diejenigen Juden, die auch in der scheinbar günstigsten-Konjunkturzeit des Zionismus sich nicht vom nationaljüdischen Schwärmergeist berauschen ließen, sondern nüchtern und kritisch die Stellung und Entwicklungsmöglichkeit des Judentums in der realen Welt verfolgten und das mühselig Erreichte nicht voreilig preisgeben wollen, als würdelose Verräter zu verleumden. Statt mutig ihr eigenes Fiasko und das Scheitern ihrer Utopie einzubekennen, wollen sie uns als unterlegene Utopisten lächerlich machen. Und doch hat sich das, was sie hämisch unsere „Utopie" nennen, längst als realisierbar erwiesen. Allerdings haben wir „Assimilanten" vieles, was wir schon als sichere Errungenschaft festhalten zu können glaubten, unseren Händen wieder entgleiten sehen. Wir wollen bei dieser Gelegenheit die schon oft genug erhärtete Mitschuld jüdischnationaler Taktik an Katastrophen, die die Juden im Nachkriegs-Europa getroffen haben, nicht wieder erörtern, wir möchten nur der Mahnung Ausdruck geben, daß die Großsprecherei der Zionisten endlich jener Bescheidenheit weiche, die ihren „Erfolgen" entspräche, und daß sie sich größerer Zurückhaltung befleißigen, um angesichts der Aussichtslosigkeit ihres eigenen Strebens nicht auch noch das Ziel des unserigen zu gefährden: die Verankerung der österreichischen Juden in dem Boden, in dem sie längst wurzeln; die Sicherung der jüdischen Gleichberechtigung i n der Heimat. Mauschel. Schweizer Juden — oder jüdische Schweizer? Ein Beitrag zu einer Frage, welche keine ist. Von Louis Wyler, Baden. Wir veröffentlichen auszugsweise diesen der „Züricher Preßzentrale" entnommenen Artikel, der auch uns österreichischen heimattreuen Juden vieles sagt. (Die Redaktion.) Diese müßige Frage hat in letzter Zeit die jüdische Öffentlichkeit, mehr als ihrer Bedeutung zukommt, beschäftigt. Ist doch auf einmal eine „Frage" aufgetaucht, die zu stellen uns bis jetzt nie in den Sinn gekommen, weil das Natürliche, Selbstverständliche doch keine Frage ist — oder sein sollte. Aber die antijüdische Sturzwelle, die zur Zeit aus den deutschen Gauen auch in unser Land hinüberschlägt, verlangt einmal eine Klarstellung, die mit diesen Zeilen versucht werden soll — nicht zur Bekehrung unbelehrbarer Gegner, sondern mehr zur Ausbalancierung unserer eigenen Gleichgewichtslage und derjenigen wohlgesinnter nichtjüdischer Mitbürger, die ehrlicher Aufklärung zugänglich sind. Seit Hunderten von Jahren in der Schweiz niedergelassen, seit hundertfünfzig Jahren unvertreibliche Angehörige des Kantons Aargau, seit siebzig Jahren voll-

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