Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 31 (4.8.1933)
- Date
- 1933-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groseben isch e ie Ittakrhcit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Dil Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 4. August 1933 Nummer 31 Der Segen des Leides. Der Eindruck des diesjährigen Tischo beows. Schwer lastet auf uns das Leid, das unsere deutschen Brüder und wir " mit ihnen mitfühlend jetzt zu tragen haben. Doch auch einen Segen hat das Leid. Unseren Stammvätern wurde ein Segen verheißen: der Segen der Produktivität. Der physischen — so scheint es dem nüchternen Blick, der am Buchstaben haften bleibt. „Eurer Nachkommen werden viel sein, ein) Volk, das nach Myriaden zählt." Altem schon das vierfache Bild, das für diesen Segen gewählt wird, weist darauf hin, daß nicht im Wachsen an Z a h 1 sich dieser Segen erschöpfen soll. Ein vierfaches Ziel, ein Ziel, das den Enkeln dieser Patriarchen vorschweben und in dessen unbeiirrter Verfolgung sie ein Segen für die Menschheit werden sollen, das ist vielrrtahr der tiefere Sinn jener vier Verheißungen, die an unsere Väter ergangen sind. Wir sollen sein wie der Staub der Erde. Die Kehrseite dieser Prognose bekamen1 und bekommen wir so gründlich zu fühlen, daß ihre Wahrheit in diesem Sinne unanfechtbar ist. Wie den Staub der Erde tritt man den Juden. Wie der Staub als Plage empfunden wird, um so mehr, als er, hier weggefegt, sich bald da, bald dort wieder festsetzt, so verachtet, haßt, verfolgt man uns. Und nicht wenige unter uns, die dies Schicksal, unseren Feinden gleich, als Fluch empfanden, lösten sich von dieser in ihren Augen schmählichen und vor allem schädlichen Verkettung. Sie löschten den Fluch durch das bereitwilligst ihnen dargebotene Wasser der Taufe. Aber — was Staub wird, wenn auf ihn Wasser fällt, das wurden auch sie: Morast. Schmutz und Schande, oft gefährlichster Schädling für die, die sie in schmählichem Verrat verließen, fragwürdiger Gewinn für die, die sie zu diesem Verrat verleitet hatten. Den Sinn kann jenes biblische Wahrwort vom Staub der Erde gewiß nicht haben. Auch den nicht, daß der Staub nur, wenn er getreten wird, wirbelnd gen Himmel aufsteigt. Staub der Erde heißt vielmehr in der Väter Sprache die Erdschicht, die sich über den felsigen Grund der Tiefe lagert und richtig gewertet und gepflegt, als Humus Brot und Früchte trägt, den Segen, ohne den der Mensch leiblich nicht leben kann. Ja der Humus der Kultur, Schöpfer und Schützer lebenswichtiger Güter für die Menschheit, das zu sein, wurde unserem Volk ais Gabe und Aufgabe in die Wiege gelegt. Der Segen ku;itu.Teller Leisitung, das ist Kern und Inhalt jenes Wahrwortes an unsere Väter und Stütze der Selbstachtung ihrer Enkel und Erben. „Wie die Sterne des Himmels wird die Füüe deiner Nachkommen sein." So lautet der andere Segen. „Erdfest und dennoch sternennah/' Wie die Sterne hoch über lähmender Erdenlast und mißtönendem Erdenlärm im reinen Aether friedlich ihre Bahnen ziehen, in seligen Harmonien ihrem Schöpfer dienen, in jubelnden Chören ihm Preis- und Danklied weihen, so weist das Volk, das seinen Namen trägt, die Menschheit empor über allen Sumpf und Pfuhl zu ihm, der in Gerechtigkeit hoch über den Sternen webt und waltet. Märtyrer der Gerechtigkeit von Jahrtausend zu Jahrtausend, hat der Jude noch nie verzweifelt Aus tausend Wunden blutend unter Ungerechtigkeit entmenschter Zeitgenossen, verlor er nie die Hoffnung auf ein besseres Geschlecht der Zukunft, ließ er sich nie aus der Sternennähe seines unerschütterlichen gottentstammten Gerechtigkeitssinnes zu Kompromissen mit Gewalt und Lüge und Unrecht herbei. Tolstoi erzählt, wie einst zwei Bauern ihn besuchten, um wie sie sagten, die Gerechtigkeit von Angesicht zu Angesicht zu sehen, als deren Verkörperung ihnen Tolstoi galt. Nun waren gerade Besucher aus der Stadt bei ihm und als die Bauern die sahen, kehrten sie sofort um, indem sie erklärten: „Diese Stadtleute sind die> Lüge, und die Gerechtigkeit, die sich mit der Lüge zu Tische setzt, ist keine Gerechtigkeit." Auch dieses Wort lesen wir jetzt nachdenklich, wenn wir sehen müssen, wer sich alles mit unseren Feinden — solchen Feinden! — an einen Tisch setzt. Und doch! Unerreichbar in Sternenhöhe bleibt für all diesen Schmutz — von Gott berufen, auch diese von allen guten Geistern verlassene Zeit zu überdauern — der Genius Israels. Den zunächst Betroffenen brüderlich helfen, ist das Gebot der Stunde. Aber das Unrecht, das an einer Stelle triumphiert, es droht, auch über die Grenze zu greifen. Rechtzeitig gegen diese Schlammflut Wall und Wehr zu bauen, fordert die Selbsterhaltung. Hier ist nun dem Judentum der Welt der entscheidende Augenblick gekommen, sich in einmütiger Geschlossenheit stark zu zeigen, die Welt, für die die Judenfrage erledigt scheint, vor einer Sintflut zu bewahren, die alle Kultur mit Stumpf und Stiel zu verschlingen droht. UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Wien IX., Berggasse4, Telephon A1Q-2.-77, Postsparkassenkonto A-O.464 JUDEN ÖSTERREICHS? Die „Union österreichischer Juden" ist die Organisation aller Juden, die auf positiv-religiösem und vaterländisch-österreichischem Boden stehen. Sie ist seit einem halben Jahrhundert stets mit aller Energie für die Erhaltung und Verwirklichung der erkämpften Gleichberechtigung der Juden eingetreten. Sie erfüllt — gestützt auf ihre Verbindungen, Erfahrungen und Erfolge — auch heute diese Pflicht, und dies um so mehr, als die Politik des Nationalsozialismus uns Juden zu einer minderwertigen fremden Rasse herabwürdigt, unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere Existenz bedroht. Wir Juden in Oesterreich haben keinen Grund zur Mutlosigkeit, keinen Anlaß zur Verzweiflung! Das Schicksal der deutschen Juden wird nicht unser Schicksal sein, wenn wir den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft treu bleiben: Wir stehen fest, fester denn je, auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer gebracht haben, in dem wir leben und die Zukunft unserer Kinder begründen wollen. Oesterreich ist unsere Heimat, es soll auch die Heimat unserer Kinder sein! Wir lehnen die AbsonderungspoÜtik ab, welche in unserem Vaterlande von jüdisch-nationaler Seite gerade in den letzten Monaten in besonders verstärktem Maße betrieben wird. Als österreichische Juden wollen wir keine andere rechtliche Stellung als die der andersgläubigen Mitbürger haben, wir wollen keine Sondersteilung, keine Sonderpolitik im Staate, auch keine jüdischnationale Landespolitik. Denn wir dürfen den ohnedies uns Juden gegenüber bestehenden feindlichen Bestrebungen nicht durch eigenes Verhalten auch nur den Schein der Berechtigung geben. Das Aufbauwerk in Palästina soll zwar mit allen Mitteln gefördert werden, damit dieses Land immer geeigneter werde, Juden, die in ihren Wohnstätten nicht bleiben wollen oder können, eine glückliche Heimstätte zu bieten, die Heimat aber für alle österreichischen Juden, die hier leben und hier leben wollen, ist und bleibt Oesterreich. In dieser ernsten, vielleicht für Generationen entscheidenden Epoche richten wir an alle» Juden in unserem Staate, die mit uns eines Sinnes sind, den Appell, unserer Organisation jene moralische und materielle Unterstützung zuzuwenden, deren sie bedarf, um unsere altbewährten politischen Grundsätze mit dem gebotenen Nachdruck nach innen und nach außen vertreten und zum Durchbruch bringen zu können. Tretet bei der „Union österreichischer Juden" Spendet für den Widerstandsfonds! Prokurist RICHARD BETTELHEIM, Prokurist Dr. ERNST FELDSBERG, Börserat IGNATZ GLÜCK, Univ. Prof. Dr. M. HAJEK, Ing. WILHELM KEMPLER, GEZA KLINGER, Reg.-Rat Dr. MAX LENK, Dr. LEONHARD MAIER, Reg.-Rat Dr. HERMANN OPPENHEIM, Präs. Dr. JAKOB ORNSTEIN, Zentraldirektor Ing. I. POLLAK, Dr. PAUL RAUMANN, Börserat EDUARD RECHNITZER, Min.-Rat Ing. FRIEDRICH SCHLÄFRIG, Univ. Prof. Dr. HUGO STERN, Dr. KARL STEINER, Dr. MAXIMILIAN STIGLITZ, Dr. JOSEF TICHO.