Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Wie Amerika den deutschen Juden hilft. LEOPOLD Die amerikanische Hilfe für die deutschen Juden gipfelt in zwei großartig angelegten Sammlungen. Die eine Sammlung geht vom American Joint Distribution Commitee for the relief of German Jews aus. Diese Sammlung soll einen Ertrag von 2,000.000 Dollar erbringen. Die Hälfte davon wird von New York aufgebracht werden, die andere Million Dollar in den übrigen Teilen der Vereinigten Staaten. Die Aktion wird vom Rabbiner Jonah W.Wise geleitet, in New York von Dudley D. Sicher, dem eine Reihe von repräsentativen Persönlichkeiten, wie Felix M. Warburg, Paul Baerwald und andere zur Seite stehen. Die Organisation ist ähnlich der des Roten Kreuzes, vollkommen unpolitisch und allein dem Hilfswerk gewidmet Das gesammelte Geld wird nach Deutschland gesendet (?!) und dort vom Zentralen deutschen jüdischen Unterstützungskomitee verwaltet, mit dem Vereinbarungen über die Verwendung des Geldes zur Hilfe und zur Schaffung neuer Existenzmöglichkeiten getroffen worden sind. Vor allem soll den Alten, Kranken und ganz Hilflosen beigestanden werden; man rechnet damit, daß einem Drittel der gesamten deutschen Judenschaft Hilfe wird gebracht werden müssen. Es soll den Ausgewanderten und den in Deutschland Gebliebenen beigestanden werden, damit sie sich das Leben unter den neuen Bedingungen irgendwie einzurichten vermögen. Allgemein wird angenommen, daß die deutsche Regierung dem Hilfswerk keine Schwierigkeiten bereiten wird. (?) Bis Ende Juni waren bereits mehr als 600.000 Dollar aufgebracht Die Hälfte davon in New York allein. Zahlreich sind die Spenden, die von Nichtjuden eingehen. Es besteht begründete Hoffnung, das gewünschte Ziel bald zu erreichen. Die zweite Sammlung ist gegen den Hitlerismus gerichtet und wird von einem besonderen interkonfessionellen Komitee eingeleitet Ihr Ziel ist die Aufbringung von 1,000.000 Dollar. Die Abwehr und die Bekämpfung des Nationalsozialismus sollen auf alle Art gefördert werden. Aufklärende Propaganda, um gegen unwahre Ausstreuung von nationalsozialistischer Seite anzukämpfen, soll die öffentliche Meinung über das Wesen des Hitlerismus unterrichten; es sollen alle Bestrebungen zusammengefaßt werden, um einheitlich gegen die Unterdrückung der Juden anzukämpfen. Neben diesen Sammlungen und Bestrebungen sind die Bemühungen anderer jüdischer Organisationen zu erwähnen, so vor allem der B'nai Brith. Auch sie bemühen sich durch Sammlungen und Aufklärung Hilfe zu bringen. In zahlreichen Versammlungen, an denen viele Nichtjuden teilnehmen, wird gegen die Unterdrückung der Juden protestiert Es ist keine vereinzelte Meinung, wenn auf dem Kongreß der Union amerikanisch - hebräischer Kongregationen, der am 21. Juni in Chicago stattfand, der Präsident Vogelstein sagte: „Wir haben als Bürger der Vereinigten Staaten das Recht, unseren Abscheu vor dieser Rückkehr zu mittelalterlichen Vorurteilen in Deutschland in die Welt zu rufen!" oder, wenn bei einem Frühstück, welches der amerikanische Kongreß gab, der protestantische Obmann des Komitees, G. Battie, erklärte, der Hitlerismus sei nicht nur ein Angriff auf die Juden allein, er sei eine Bedrohung jeder Menschlichkeit eine Gefahr für jede Zivilisation. Ein anderer Redner betonte, daß zum erstenmal in der Geschichte jüdischer Bedrängnis die Juden nicht allein stünden; sie würden in Kampfe durch die Tatsache ermutigt daß britannien, Amerika und andere große Weltstaaten zu ihnen stehen und mit ihnen die Angriffe der Nationalsozialisten abwehren. Die Stimmung in den Vereinigten Staaten geht aber am deutlichsten aus dem Schreiben hervor, welches der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte, William Filiips, an Samuel Schuhman, Rabbiner der Kongregation Emanuel, gerichtet hat und das dieser mit Erlaubnis des Auswärtigen Amtes veröffentlichte. In diesem Schreiben heißt es: „Die Staatsverwaltung widmet der Vereinigung der Juden in Deutschland eine sehr sorgfältige und aufmerksame Beachtung, mit dem Bestreben, auf jede Weise helfend einzugreifen, wo immer es angängig sei." WASSCHUHE nur VII. BURSSASSE S M!! Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung: mit öffentlichkeiterecht — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Kroaerneim, 11., Mülzgasse 7 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. Hilfe aus England. Jüdisches Massen-Meeting. Im Hyde-Park in London hat eine jüdische Massenkundgebung von über 50.000 Juden und Nichtjuden statt-' gefunden, die etwa dreieinhalb Stunden währte und sich dann durch die Straßen Londons eine Stunde lang zog. Nach Schilderung der schauerlichen Lage der deutschen Juden wurden mehrere Resolutionen angenommen, in welchen die grausame Verfolgung der Juden in Deutschland unter dem Hitler-Regime schärfstens gebrandmarkt wurde. Englisch-jüdische Einheitsfront. Durch Erweiterung und Vergrößerung des Joint Foreign Committee in Board of Jewish Deputies ist die große Einheitsfront im englischen Judentum auch für die Behandlung der jüdischen Lage in Deutschland hergestellt worden. Nach Genehmigung dieser geschaffenen Neuordnung durch die zuständigen Instanzen wird der Board of Jewish Deputies die Einberufung einer jüdischen Weltkonferenz im Herbst zur Behandlung der jüdischen Lage in Deutschland veranlassen. Mit dem Judentum muß etwas geschehen. Neuen Züricher Zeitung" schreibt Ludwig In der Köhler: Die Judenfrage. „Gerhard Kittel, ein deutscher Christ Doktor der Theologie und Professor der neutestamentlichen Wissenschaften an der Universität Tübingen, der einzigen deutschen Universität ,an der es weder in der Dozentennoch in der Studentenschaft eine Judenfrage gibt*, veröffentlicht soeben eine kleine Schrift ,Die Judenfrage' (Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart 1933). Die Deutschen stehen dem Juden — es ist immer Gerhard Kittel, dessen Gedanken wir hier geben — in einer Lage gegenüber, die durch zwei geschichtliche Ereignisse geschaffen ist Das eine ist die Zerstreuung des Judentums unter alle Völker, wodurch es ein Fremdling unter den Völkern wurde. Das andere geschichtliche Ereignis ist die Judenemanzipation der letzten zwei Jahrhunderte. Durch sie entstand der Vorgang der Assimilation. Schalten wir hier nur schnell die Anmerkung ein, daß in Frankreich, in England und anderwärts die Juden wirklich Franzosen, Engländer usw. geworden sind. Und daß die Juden Deutschlands zum Teil durch Jahrhunderte hindurch das Schicksal der Deutschen im Guten und im Bösen geteilt haben. Sie haben mit den Deutschen in den letzten zwanzig Jahren gekämpft, geblutet, gehungert gelitten und das Blutopfer für ihr vermeintliches Vaterland gezollt Doch zurück zu Kittel. Mit dem Judentum muß etwas geschehen. Aber was? Es gibt vier Möglichkeiten. Sie heißen: Pogrom (,Man kann die Juden auszurotten suchen'), Zionismus, Assimilation und Fremdlingsschaft Kittel lehnt den Pogrom ab. .Alle Juden totschlagen, heißt nicht die Lage meistern.' Auch den Zionismus lehnt er ab. Palästina könnte die Juden gar nicht alle aufnehmen. Bleibt die Assimilation oder die Fremdlingsschaft. Das Schlimme an der Assimilation war, daß damit der Jude seinem Volkstum entfremdet wurde. Er wird Semideutscher. Er verfällt und wird zersetzt Er wirkt auch zersetzend. Gegen das Volkstum erhebt sich der Internationalismus. Während das orthodoxe Judentum die Assimilation als Abfall bekämpft, wird sie ein Dogma des Liberalismus. Bleibt die vierte Möglichkeit: Hägers Selchwaren-Restaupant Selchwaren ans der Fabrik Elsen & Hönlgsber streng orth. "ko (Unter Aufsicht der Aflas-Jisroel-Schiffschul) Wlan II., PratcrstraBa 33, Telephon R-47-4-49 ■•■O von 8 3t.— aufwarte. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert die Fremdlingsschaft Es soll kein .Deutsches Reich jüdischer Nation' entstehen, Der Begriff Staatsbürger ist ein Unding. Der Jude ist Jude. Wer ihn heiratet, wird Jude, ihre Kinder sind Juden und Judenkinder. Freilich, die Behandlung der Abkömmlinge solcher Mischehen ist ,das praktisch unlösbarste Problem'. Man muß also irgendwie einen Schnitt raachen, und die heutige Ordnung macht ihn bei der dritten Generation. Daß dies nur eine praktische, keineswegs eine sachlich immer das Richtige treffende Bestimmung ist, leuchtet Kittel ein. Aber das Einzelschicksal ist nichts; es geht ums Judentum als das Ganze; und das Judentum muß ausgedeutet werden. Der beste Weg dazu ist daß das Judentum sich wieder auf seine Religion besinnt (ein Gedanke, der heute manchen Juden mit Recht sehr beschäftigt). Sobald das Judentum wieder eine Religionsgemeinschaft wird, heben sich viele Schwierigkeiten. Denn das Judentum als* Religion verwirft die Assimilation." Ja, die Judenfrage! Sie ist wahrlich keine leichte Frage. Die Judenfrage ist nicht leicht zu beantworten. Aber dann bleibt auch wahr, und das sieht Kittel leider nicht daß wir von Deutschland um Deutschlands, seiner geistigen Größe und seiner leuchtenden Vergangenheit willen eine Lösung seiner Judenfrage erwarten, die dessen würdig ist, was groß, furchtlos, edel und was menschlich ist iK Jüdisches Martyrium in Hüters roß" Reich. (Stellen aus einem dem Herausgeber des Blattes zugekommenen Schreiben eines befreundeten deutschen Juden.) Meine Frau sowohl wie ich haben den Boykottag und alle darauf folgenden Aktionen bisher überdauert. Allerdings sitzen wir, wie jeder Jude in Deutschland auf dem Pulverfaß und müssen jedem Monatsersten mit Bangen entgegensehen. Aber jeder Monat, den man sein Gehalt bekommt, ist heute gewonnen, denn in Deutschland ist es völlig unmöglich, etwas Neues zu finden ... da es meine feste Ueberzeugung ist, daß alle jüdischen Existenzen in Deutschland auf die Dauer unhaltbar sind. Der kalte Boykott nimmt immer schärfere Formen an und jedes Gesetz fast, das die neuen Herren verkünden, schränkt den Lebensraum für das deutsche Judentum ein . . . Schlimmer als alles das, was in den letzten Monaten an Greueln und Ungerechtigkeiten, an Gemeinheiten und seelischem Sadismus geschehen ist, ist die Atmosphäre von Lüge, Gewalt, Unterdrückung, Ueberheblichkeit, in der zu leben man gezwungen ist Dieser Geist des Militarismus, des Drills ist unerträglich. Worte wie Menschenwürde, Friede, Geist, Humanität sind aus dem deutschen Sprachschatz gestrichen. Da ich nach wie vor in engster Fühlung mit allen jüdischen Organisationen stehe, bin ich über das, was in Deutschland vorgeht und was man sich krampfhaft bemüht, vor der Oeffentlichkeit der Welt zu verschweigen, sehr genau unterrichtet. Das Mittelalter ist über Deutschland heraufgezogen und ich fürchte, die blutigen Schatten dieses Regimes werden die Sonne für lange über unserer Heimat verdunkeln.. Die Not und das Elend in unserem Freundes- und Bekanntenkreis ist unermeßlich. Keiner, der verschont geblieben wäre, aber auch keiner, der ein anderes Verbrechen begangen hätte, als als Jude geboren zu sein ... * MÖBEL Modern« Kuchan- Vorzlmmar- Wohnxlmmar- F. KOHN, Wien II., TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" Ein erschütternder Hilferuf eines Jungen Jüdischen Arztes. „. . . Nicht nur Komitees brauchen wir. in denen unsere Bitten registriert unsere Not bestätigt und beglaubigt und mit Geldspenden in einigen Fällen gelindert werden, nein, um Arbeit bitten wir, um irgendeine Gelegenheit zum Unterkommen. Wir sind schon lange bereit, uns umzustellen. Und ich glaube, es kann in Deutschland noch für viele von uns Arbeitsmöglichkeit geschaffen werden. Rufen Sie die Privatinitiative wach! Appellieren Sie in letzter Stunde noch einmal an den Gemeinschaftssinn und den Opfergeist unserer noch begüterten Glaubensgenossen. Nicht, daß sie uns von ihrem Geld geben sollten, sondern die Gelegenheit zur Arbeit Sie sind noch die einzigen, die dazu in der Lage sind. Welcher von uns jungen Aerzten würde es ablehnen, irgendwelche Laboranten- oder Krankenpflegerdienste zu leisten? Keiner von uns. den das Gespenst des unfreiwilligen Nichtstuns schon seit Monaten umgibt, würde es zurückweisen, je nach seinen Fähigkeiten eine Tätigkeit zu übernehmen, die ihm wenigstens das Essen einträgt.--" « Mitglieder und Freunde der „Union" V0!der .^gend-Union' i treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Donnerstag, ab 7*8 Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger II., Ausstellungsstraße (Straßenbahn~Hältestelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist.