Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Deutsehe Juden-Not. In Berlin wurde unter Beteiligung aller großen jüdischen Organisationen und mit der nach Verhandhingen mit Staatskommissär Hans Hinkel erteilten Genehmigung der preußischen Regierung der „Kulturbund deutscher Juden 1933" gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die künstlerischen und geistigen Bestrebungen der Juden in Deutschland zu pflegen. In einer unter dem Vorsitz des geschäftsführenden Vorstandmitgliedes Dr. Kurt Singer, ehemaligen Intendanten der Berliner städtischen Buhnen, abgehaltenen Pressebesprechung setzten der Vorsitzende und der ebenfalls dem Vorstand angehörende Kritiker und Dramaturg Julius Bab die allgemeinen Ziele und nächsten Aufgaben des Bundes auseinander. Es ist beabsichtigt, zunächst in Berlin eine Theatergemeinde zu schaffen, deren Mitglieder Anspruch aut monatlich einmaligen Besuch einer Theateraufführung, eines Konzertes und eines Vortragsabends haben sollen. Es soll ein eigenes Schauspiel- sowie ein Opern-Ensemble, durchwegs aus jüdischen Künstlern bestehend, sowie ein Orchester geschaffen werden. Die Theaterauiiührungen (Schauspiel und Oper) sollen in einem zu pachtenden Theater täglich stattfinden. Bei der Auswahl der zur Aufführung gelangenden Stücke sollen neben allgemein künstlerischen Gesichtspunkten auch die Notwendigkeit der Förderune jüdischer Künstler und das Bedürfnis des jüdischen Publikums nach Darstellungen, in denen jüdische Stoffe behandelt werden, Berücksichtigung finden. Für die musikalische Leitung der Oper wurde der ehemalige Generalmusikdirektor des Mannheimer Nationaltheaters Josef Rosenstock gewonnen, der auch als Komponist bekannt ist und fünf Jahre lang an der Metropolitan-Opera in New York tätig war. Dem Ehrenpräsidium des Bundes gehören Rabbiner Dr. Leo Baeck, Arthur Eloesser, Prof. Leonid Kreutzer, Prof. Dr. h. c. Max Liebermann, Dr. Max Osborn, Prof. Dr. Franz Oppenheimer und Jacob Wassermann, dem Vorstand Intendant Dr. Kurt Singer, Kritiker und Dramaturg Julius Bab, Regisseur Kurt Baumann, Landgerichtsrat Dr. Arthur Lilienthal, Doktor Friedrich Ollendorff, Amtsgerichtsrat Rau, Frau Dr. Eva Reichmann-Jungmann und Dr. Hermann Schildberger an. Erster Werbeabend des Kulturbundes Deutscher Juden. In der Synagoge Prinzregentenstraße zu Berlin fand in zwei überfüllten Parallelveranstaltungen der erste Werbeabend des eben mit Genehmigung der Regierung gegründeten Kulturbundes Deutscher Juden statt. Rabbiner Dr. Baeck formulierte die ethische Fundierung: „Der Zusammenschluß, den die Not hervorgebracht hat", erklärte er, „dieser Kulturbund weist den echten Juden auf den höheren Bund des Menschen mit Gott hin. Der Jude, der unwissend ist, nichts von seiner Religion weiß und nichts weiß von seiner Vergangenheit, ist. unbeschadet seiner sonstfgen Kenntnisse, ohne Kultur; denn Kultur im höchsten Sinne bedeutet, den Mut zu sich selber zu finden, den Mut zu seinem Schicksal, Bejahung seines Judenseins!" Ebenso will Rabbiner Baeck auch die Kunst betrachtet wissen. Kunst sei Wahrheit im höchsten Sinne und es gäbe nur eine einzige: die ewige Kunst. Dr. Kurt Singer kennzeichnete die inneren Ziele des Kulturbundes: Hier sei der Jude innerlich frei, hier sei er nicht nur geduldet, hierher käme er, um die Kulturgüter, die ihm wert und teuer wären: die große Musik Händeis, Bachs, Mozarts, von jüdischen Musikern interpretiert, zu finden, hierher käme er, um die Gemälde der jüdischen Maler zu sehen und die Dramen jüdischer Dichter, gespielt von jüdischen Schauspielern! Hier auch würden die Denker und Schriftsteller für ihre Ideen und ihre Werke das Podium iinden. Nicht Richtung, nur Leistung solle gelten. Julius Bab präzisierte die Aufgaben des Bundes unter dem Blickpunkt historischer Entwicklung. Dieser Zusammenschluß bedeute nicht Rückkehr in das alte Ghetto. Vom Ghetto sei allerdings das Gute vorhanden, die Selbstbesinnung. Die jüdischen Philosophen, Publizisten und Schriftsteller wollten sich keineswegs aus der deutschen Kulturgemeinschaft lösen. Auch das jüdische Theater, das jüdische Schrifttum werde Fühlung haben mit der internationalen Kultur der Zeit, ebenso wie die jüdischen Maler, auch wenn sie jüdische Themen für ihre Bilder wählen, immer den Zusammenhang mit der großen Tradition der Malerei bewahren. In das Ehrenpräsidium des Bundes wurden noch Martin Buber und Georg Hermann berufen, in den Vorstand der Vorsitzende des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Dr. Löwenstein. (Die Adresse des Kulturbundes Deutscher Juden lautet: Charlottenburg, Mommsenstraße 56.) Aufbau und Hilfe. Berlin, fand nach ratung der (J. T. A.) (Amtlich). Am 16. Juli längerer Zeit wiederum eine Bezur Konferenzgemeinschaft zusammengeschlossenen Vertreter der größeren jüdischen Gemeinden und Landesverbände statt. An der Beratung nahmen auch Mitglieder der Reichsvertretung, die am gleichen Tag in Frankfurt eine Präsidialsitzung abhielt, teil. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Direktor des Salvarsans: Jude. Der preußische Staat hatte selbstverständlich Geld für alles, nur nicht für die wichtigen Arbeiten dieses Juden. Jüdische Philanthropie hat erst seine Forschungen im „jüdischen" Frankfurt ermöglicht. Quasi zum Dank dafür, daß dieser Jude Millionen von Deutschen das Blut von Gift gesäubert und sie dem Leben wiedergegeben, w'urde die „Blutlehre" (richtiger: Blutleere) aufgestellt und „Juda verrecke!" zum Kampfruf gewählt . . . Schmach und Schande über euch! Horst: Mir wird so schwül. Gib mir ein Glas Wasser. Bodo: Bedaure; die Wiener Wasserleitung ist ein Werk des angeblichen Halbjuden Eduard Suess . . . Außer du willst inkonsequent werden . . . Horst: Mein Gott . . . Bodo: Gott? Du, Nazikamel! Was willst du von Gott? Der ist doch das Erste, mit dem uns die Juden vertraut gemacht haben . . . Horst: Ja, die Lehre vom Blut . . . Bodo: Die meisten Juden wollen ihr Blut frei halten von fremdem. Dabei ist eines grotesk: Jeden Knödel kannst du zum Teil nach Belieben in jüdisches oder arisches Blut verwandeln; wird er von einem Arier gegessen, so entsteht arisches Blut. Genießt ein Jude einen Schweinsbraten mit Tiroler Knödeln und auch Salzburger Nockerln, so wird daraus jüdisches Blut; verzehrt ein Hakenkreuzler Tscholet, Schabbeskugel und Kischke mit Ferfel, so wird daraus, wenn der nakmger wirklich Arier ist, arisches Blut. Aber reden wir nicht von Rassenmischungen, die gerade die in aller Welt zerstreuten Juden aus Selbsterhaltungsgründen ablehnen müßten. Du hast vom jüdischen Geist gesprochen und dieser baut seit Jahrtausenden, zum Wohle der Menschheit, an der Kultur; allein und gemeinsam mit anderen Völkern. Diesen Geist können die Nazi nicht zerstören, sie wollen es auch nicht; denn sie leben ja vor. ihm; sie wollen ihn nur stehlen, so wie sie Unzahligen Ehre und Geld gestohlen haben. Laß' von diesen drolligen Dilettanten. Die Schritte des „Dritten {Wiehes wirken wie die Schritte eines Betrunkenen: vorwärts; rückwärts; seitlich; schwankend; an alle Laternen anstoßend und dann — plumps Horst: Es war ein Rausch; er ist Dank' dir, Bodo! CJLIJSIUSIBAI» Ell. UND BADE AH STA I/T WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen - JL. Original BattlSdlCS Damplfta« mit =—. Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. ~ Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotankreuzgasse 3 Tel. A 43-3-37 u nsagbarschwerundkannn urSchritt für Schritt geleistet werden. Sie wird um so fruchtbarer sein, je stärker das Vertrauen ist, das sie trägt. Nach dem Ergebnis der Frankfurter Tagung kann man zu den Führern des deutschen Judentums das Vertrauen haben, daß sie all die weit verzweigten Einzelheiten der praktischen Arbeit ins Auge fassen und im Rahmen des Möglichen durchführen. So darf die jüdische Allgemeinheit in all der tiefen Sorge und Unruhe, die sie heute erfüllt, die Ueberzeugimg haben, daß alles, was geschehen kann, planmäßig geschieht, um zu helfen und aufzubauen. Es ist kein Anlaß zu optimistischer Betrachtung der Sachlage, aber es war niemals jüdische Art, verzweifelt den Kopf hängen zu lassen. Daher ergeht der dringende Appell an alle deutschen Juden, die mehr als je notwendige Geschlossenheit nach innen und außen herzustellen, sie durch keinerlei Einzelaktionen zu gefährden und ihrer gewählten Führung volles, rückhaltloses Vertrauen zu bewahren. Markus vorüber . . Silberschatz. Heinrich Stahl, eröffnete die Tagung, worauf Kammergerichtsrat Wölfl und Landgerichtsrat Dr. Lilienthal über die Tätigkeit der Reichsvertretung sowie Dr. Ludwig Tietz über die Arbeiten des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau eingehende Berichte erstatteten. Die nur durch eine kurze Mittagspause unterbrochene Aussprache, die sich bis zum Abend hinzog, führte in allen wesentlichen Fragen zu vollkommener Uebereinstimmung. Die versammelten Vertreter der deutschen Juden waren sich einig darüber, daß angesichts der schwierigen Lage, in der sich die Judenheit Deutschlands befindet, das oberste Gebot vollkommene Einheit des Handelns ist. Zu Deklarationen, die ungehört verhallen, ist keine Zeit. Aufbau und Hilfe sind die Gebote der Stunde. Wenn in vergangenen Zeiten anderwärts Juden in Not waren, standen die deutschen Juden stets an der Spitze der Hilfeleistung. Heute sind sie selbst in der Lage der Hilfesuchenden und erkennen dankbar alle Bemühungen des Auslandes an, ihnen in ihrer großen seelischen und materiellen Not beizustehen. Aber die entscheidende Hilfe und Aufrichtung kann dem deutschen Judentum nur aus den eigenen Reihen kommen und für den weit überwiegenden Teil innerhalb des Landes, das ihr Vaterland ist und bleibt. Hier gilt es Hand anzulegen: Die Erhaltung der Gemeinden, vor allem auch der Kleingemeinden, das Erziehungswesen und die körperliche Ertüchtigung der Jugend, Berufsumschichtung und Schaffung von AusbiWungsstätten, die sozialen Versicherungen, die Schaffung gemeinnütziger Kreditinstitute, Betätigung in Wissenschaft und Kunst, dazu die gewaltigen Aufgaben des Hilfswerks für die in Not Geratenen — das sind die Fragen, vor denen die Vertreter des deutschen Judentums stehen. Alle diese Fragen werden seit dem Ausbruch der Krise von den dafür geschaffenen Organen des deutschen Judentums in anstrengendster und unausgesetzter Arbeit geprüft und, soweit möglich, praktischer Lösung zugeführt. Die Arbeit ist Ein Blick hinter die Kulissen des Dritten Reiches. Im „Journal de Geneve" berichtet Wladimir d'Ormesson laut verläßlichen Nachrichten, die er aus Deutschland erhalten hat: „Man wird von der hitlerischen .nationalen Revolution', von den täglichen Geschehnissen derart in Atem gehalten, daß man manchesmal an das, was im Dritten Reich hinter den politischen Geschehnissen vorfällt, vergißt. Es ist aber nötig, das Augenmerk der Welt darauf zu lenken. Der Terror wird fortgesetzt: er wird organisiert. Kein Tag vergeht ohne Verhaftungen. Nicht nur von Kommunisten und Sozialisten, sondern auch von Demokraten, Pazifisten, bekannten Katholiken und sogar von Priestern. So könnte ich von einer großen Stadt im Osten, die unter der Diktatur eines einstigen Mörders der Heiligen Feme steht, berichten, wo ein hoher Gerichtsbeamter eingekerkert ist, der kein anderes Delikt begangen hat, als Präsident einer Friedensliga gewesen zu sein. Jeder, der nur im Verdachte steht, gegen das Regime oder dessen Führer keine freundliche Gesinnung zu hegen, wird eingesperrt. Man könnte Namen von Persönlichkeiten aufzählen, die gelyncht, nfiedergetretien, für da:l ganze Leben verstümmelt, bevor sie .legal' ins Gefängnis gebracht wurden. Derzeit findet eine Razzia in der Gegend von Köln und des unteren Rheins statt, in deren Verlauf die Frauen und Kinder der Nazigegner v er haftet werden. Daher müssen täglich neue Konzentrationslager — sogar für Frauen — errichtet werden. Die Zahl der hier Festgehaltenen zu bestimmen ist unmöglich, doch dürften es mehr als 50.000 sein. Das Regime in diesen Lagern ist unier aller Beschreibung. Die Nahrung ebenso. Kranke haben gar keine Pflege. Die Feldwebelwirtschaft regiert. Wenn einer das Glück hat, aus diesem Inferno entlassen zu werden, wird er gezwungen, einen Revers zu unterschreiben, in dem er bestätigt, selbst in .Schutzhaft' gegangen und tadellos behandelt worden zu sein, weshalb er bereit sei, ins Konzentrationslager zurückzukehren. Die Judenverfolgungen sind methodisch und vollkommener geworden. Man hält sich nicht mehr an die reichen Juden, die ruhig weiter ihre Geschäfte machen können (? — aberdafürbedeutendeTributederParteikasse zahlen müssen!). Nein. Die kleinen Juden sind es, die verurteilt sind, zu ersticken. Aus Furcht vor Repressalien der S.A. kauft niemand mehr bei ihnen und aus demselben Grunde gibt man ihnen nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich zu verköstigen. Die Vereinigung der Lebensmittel-Großhändler hat beschlossen, ihrer jüdischen Klientel nichts mehr zu liefern. In der Provinz ist es noch viel ärger als in Berlin, weshalb viele Juden nach der Hauptstadt ziehen. In einigen Provinzschulen hat man eigene .Judenbänke' aufgestellt: während der Schulpausen sperrt man die jüdischen Schüler in geschlossene Räume, um zu verhindern, daß sie mit anderen Schülern in Berührung kommen. Plakate in den Universitäten verbieten den Studierenden, die Juden zu grüßen oder mit ihnen zu sprechen. Die .Reinigung' der öffentlichen Aemter wird fortgesetzt. .Sicherlich hat man sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einzumischen', — schließt d'Ormesson seinen an der Spitze des Blattes veröffentlichten Bericht — .aber es bleibt die Frage offen, ob die Menschheitswürde und die Pflicht der Solidarität d era rt i g es zulassen dürfen'."