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Die Wahrheit · 1933-07-28 · Heft 30 (28.7.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 30 (28.7.1933)
Date
1933-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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organ „Die Reichspost" sich über die „Extratour" des „Bauembündler" ausschweigt, so muß doch unser Mißtrauen gesteigert werden durch die Tatsache, daß das christlichsoziale „N e u i g k e i t s- Weltblatt" die Forderung des „Bauembündler" wärmstens unterstützt, wobei es auf den notorischen Einfluß des Bauernbundes auf die Regierung und auf die Zugkraft des Antisemitismus, der ja einer der Hauptpunkte im Programm der christlichsozialen Partei darstelle, hinweist Das „Neuigkeits-Weltblatt", das dem Herrn Ex-Vizekanzler Schmitz sehr nahesteht, scheint dabei aus der Schule zu schwatzen, wenn es sagt, daß „bisher die politischen Verhältnisse verhinderten, der Lösung dieser Frage (Judenfrage) näherzutreten", daß aber „nunmehr eine günstige Situation geschaffen scheint, um eine radikale Aenderung in diesem Punkte vorzunehmen". Und sollte es wirklich ein reiner bedeutungsloser Zufall sein, daß nicht nur die genannten zwei christlichsozialen Blätter die Ostjudenfrage in den Vordergrund rücken und die verschiedenen jüdischen Schichten gegeneinander auszuspielen versuchen, sondern daß auch, wie man hört, die Führung der Heimwehr sich in den gleichen Gedankengängen bewegt? Die Herrschaften befinden sich in einem sehr schweren Irrtum, wenn sie meinen, daß „gescheite, bodenständige Juden bei all der Treue zu ihrer Rasse" der niederträchtigen Gemeinheit fähig wären, ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das müssen sich die Herren, wenn sie den Mut und die „Charakterhöhe" dazu aufbringen, schon selber besorgen. Das wäre wieder einmal der richtige Dank vom Hause Oesterreich. Waren es doch gerade die polnischen Juden, die unter der Kriegsfurie am allermeisten geäitten, die die größten Opfer zu tragen, die ärgsten Schikanen im Kriege zu erdulden hatten. Waren nicht sie es, die einbekanntermaßen in den Kriegsjahren auf galizischem Boden tausendfach Zeugnis ablegten für ihre Vaterlandsliebe und Kaisertreue? Dessen mögen die Herren eingedenk sein, die sich jetzt so sehr bemühen, die Traditionen der alten Armee wieder neu zu beleben, dann werden sie die Hand sinken lassen, falls sie sicli gegen das ..ostjüdische Element" erheben wollte. Aber nicht nur das gesprochene und gedruckte Wort löst bei uns, wie es also scheint, begründete Befürchtungen aus, sondern auch handgreifliche Tatsachen sprechen bereits eine beredte Sprache. Die Regierung erließ vor einiger Zeit eine Verordnung, die eine Gewerbesperre verhängte, wobei für ausnahmsweise Bewilligungen von Gewerbeanmeldungen ein Türchen offen gelassen wurde. Ist denn angesichts der oben geschilderten Anschauungen, die immer häufiger geäußerte Mutmaßung so ganz von der Hand zu weisen, daß die Sperre für die Juden und die Ausnahme für die.anderen da sei? Und vollends die aus „verwaltungstechnischen Gründen" vor einigen Monaten verfügte neue Dienstordnung für die Fond s- Spitäler! Nicht mehr die Spitalsdirektionen, wie seit eh und je, sondern das Ministerium für soziale Verwaltung bestellt und ernennt die Aspiranten und Sekundarärzte in den staatlichen Spitälern. Es ist doch nur ein Zufall, nicht wahr, daß seit Erlassung der neuen Dienstordnung die jüdischen Aerzte vergebens auf Zulassung und Bestellung warten? Das ist nicht nur eine Frage der fachlichen Ausbildung, sondern in seiner weiteren Konsequenz eine Behinderung der Berufsausübung, da ja die eben veröffentlichte neue Aerzteordnung als Voraussetzung der Berufsausübung eine mindestens einjährige Spitalstätigkeit vorschreibt. Wie sagt so schön das obzitierte christlichsoziale „Neuigkeits-Weltblatt"?: „Man wird in Oesterreich natürlich nicht an Maßnahmen von Härte denken, wie sie im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt werden Oh, gewiß nicht, wir sind doch Leute von Kultur und wollen doch als solche auch in der Welt gel- ENODME AUSWAHL DILLIOSTE PBEISE E ppP #5 1* #*' TEPPICHE VOBIIANGE MÖBELSIOITE, DECHEN NUR I.,DAtlERNr1ARHTU-14 ten, wir „Oesterreicher sind doch bessere Menschen". Die österreichischen Juden, die mit klopfendem Herzen und verbissenem Ingrimm die Torturen der reichsdeutschen Juden mitfühlen, schätzen sich glücklich, in diesem alten Kulturland leben zu können und tun auch, ohne Rücksicht auf sonstige Bedenken, alles, was in ihrer Macht steht, damit es gelinge, den nationalsozialistischen Feind von ihrer heimatlichen Scholle zu weisen, doch sie . haben schon zur Genüge auch die ö s t e r r e i c h isehen Methoden des Antisemitismus kennengelernt. Sie fürchtem eine Neuauflage. Sie stecken den Kopf nicht in den Sand. Dr. Lenk. Vom Wesen einer neuen Emanzipation. Im Leitartikel der letzten Nummer der ,. C. V.¬ Zeitung" beleuchtet Dr. Alired Hirschberg die Situation der deutschen Juden, wie sie sich auf Grund der bisher getroffenen Maßnahmen und der angekündigten rechtlichen Regelung darstellt. In einem „Vom Wesen einer neuen Emanzipation" überschriebenen Abschnitt wird u. a. ausgeführt: Am Ende einer jüdischen Entwicklung in Deutschland, die 120 Jahre anhielt und die mit dem vieldeutigen Begriff der Emanzipation verknüpft ist. stehen wir einer Situation gegenüber, die in vielen Beziehungen heute schwieriger ist, als sie an ihrem Ausgangspunkt war. Im Wesen des damals ansteigenden liberalen Staatsgedankens, in einer Heranführung des Individualismus zur immer größeren Freiheit lag auch die Chance des Juden als Individuum, zur Freiheit im Staatswesen zu gelangen. Er hat sich, von der Orthodoxie und viel später von nationaljüdischen Gruppen abgesehen, in diesen immer breiter und mächtiger flutenden Freiheitsstrom hineingestürzt und sich von ihm tragen lassen können, weil er keine Sonderinteressen hatte und jüdische Gruppentendenzen ausschloß. Nun aber sind wir als einzige, artmäßig unveränderliche Gruppe, vom Hochwasser staatsrechtlicher Entwicklung fortgerissen, an ein unfruchtbar sandiges Ufer geschleudert und müssen darangehen, während deutsche Geschichte und deutsche Entwicklung in einem nach dem Willen der Führer hoffentlich bald immer ruhiger flutenden Strome an uns vorbeifließt, eine eigene, karge, neue jüdische Existenz wenigstens am Rande deutschen Geschehens aufzubauen. Nichts wäre falscher, als nun in gedankenarmer Uebernahme kämpferischer Emanzipationsvorbilder, zu sagen: Wir beginnen heute genau so, wie Moses Mendelssohn, wie Gabriel Rießer angefangen haben. Ihr Wille, ihr Wissen und ihre Zielsetzung bleiben beispielhaft. Aber die Voraussetzungen sind grundlegend andere. Emanzipation bedeutet die Heranführung aus dem Zustande minderen Rechts in den eines vorhandenen höheren Rechts. Für uns aber ist heute der Anstieg zu einem höheren Recht nicht möglich, weil dieser an eine objektive Voraussetzung, die „Ariereigenschaft", geknüpft ist. Den historischen, jetzt zerbrochenen Begriff vom deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens haben stets nur sehr wenige der Hunderttausende, die in den vierzig Jahren Vereinsgeschichte des C. V. sich deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nannten, als dicht, treffend oder schön empfunden. Aber er war trotz seiner Trockenheit Ausdruck menschlicher Freiheitlichkeit und gleichzeitig einer Möglichkeit zur jüdischen Wahrhaftigkeit. Viel Glanz, viel Sonne lag auf diesem Namen; die gleiche Sonne, die auch die Versailler Kaisorkrönung und die den Aufbruch der geeinten Nation in den Augusttagen 1914 beschien. Und solange wir ihn tragen, und bis zur Herausgabe des diese Regelung ändernden Reichsgesetzblattes tragen wir ihn mit Fug und Recht, sind wir deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Fälschung; wir waren keine Täuschung, es sei denn, das starke, arbeitsvolle, hingebende Leben von Hunderttausenden von Männern und Frauen sei Täuschung, Lüge gewesen. Geburtshaus bleibt, auch wenn der Straßenname geändert werden sollte, Geburtshaus.' Ebenso wie die Vorgänge im Sonnensystem unverändert bleiben, ob das ptolomäische oder das kopernikanische System herrscht: „Und sie bewegt sich doch!" Peuilteton Frei von Judengeist. Ein phantastisches Zwiegespräch. Horst: Heil Hitler! Juda verrecke! Ich bin Nazi geworden. Ich habe auch beschlossen, mit keiner Sache, die von Juden stammt oder an der Juden irgendwie mitgewirkt, zu tun zu haben. „Frei von Judengeist!" ist die Parole. Da habe ich mir auch eine Grammophonplatte mit dem Horst Wessel-Lied gekauft, das ich mir täglich beim Aufstehen und Niederlegen vorspielen werde. Bodo: Du darfst keine Grammophonplatte benützen: es ist eine jüdische Erfindung: die Linien auf den Platten nennt man Berliner-Schrift, nach dem Erfinder Berliner. Auch sonst kannst du es dir merken: Alle Nazis, die durch das Grammophon Seelenaufschwung bekommen, verdanken einem Juden ihren Genuß. Horst: Juda verrecke! Ich werde es täglich durch meinen Lampenapparat von deutschen Stationen hören . . . Bodo: . . . die es auf jüdischen Schallplatten senden. Uebrigens darfst du, wenn du konsequent sein willst, auch deinen Lampenapparat nicht benützen; die Radiolampe ist eine Erfindung des Wiener Juden Lieben. Horst: Juda verrecke! Dann verwende ich Kopfhörer. Bodo: Du darfst überhaupt kein Radio hören; die Radiowellen nennt man Hertz-Wellen, nach dem Juden Hertz, der sie zuerst hergestellt hat. Horst: Juda verrecke!!! Weißt du, Bodo, ich muß auf einen Sprung nach Mödling: ich komme bald zurück, dann sprechen wir weiter über die Saujuden. Bodo: Welchen Weg wählst du nach Mödling? Horst: Ich fahre mit dem Autobus. Bodo: Darfst du nicht! Das Auto ist eine Erfindung des Wiener Juden Siegfried Marcus. Horst: Juda verrecke! Ich fahre mit der Bahn. Bodo: Bei den Bahnen stößt man auf sehr viele Linien, welche die Juden gebaut haben; manche sogar gegen schwere Widerstände. Die Juden waren ja Pioniere des Eisenbahnbaues. Beim Bau der Südbahn war jüdisches Kapital beteiligt; es ist also, im Sinne deiner Anschauungen, eine Judenbalm. Horst: Juda verrecke! Erkenne die Konsequenz eines Mitgliedes der nationalsozialistischen deutschen . . Bodo: Ammonit-Partei! Horst: Ammonit? . . . Bodo: Gescheiter, du! N. S. D. A. P. sind die Anfangsbuchstaben der Worte „National-sozialistische deutsche Ammonit-Partei". Seit der Ammonitaffäre Barisanis habe ich diese Terrorpartei so umgetauft. Horst: Also: Juda verrecke! Ich fahre mit der Elektrischen. Bodo: Das wäre allerdings ein Schneckentempo. Aber auch da finde ich sozusagen ein Haar in der Suppe, dick wie ein Kabel: die Priorität der elektrischen Kraftübertragung knüpft sich an den Namen des Wiener Juden Popper-Lynkeus. Dieser Idealist, der nicht einmal den Versuch gemacht hat, aus seiner grandiosen Idee Kapital zu schlagen, hat sich begnügt, die betreffende Abhandlung bei der Wiener Akademie der Wissenschaften versiegelt zu hinterlegen, so daß die Erfindung später, wohl unabhängig von ihm, neu gemacht wurde. Aber wenn man sich überlegt, welche Kämpfe über die Priorität großer Ideen zwischen den Völkern ausgetragen werden,' so muß man auch diesen Zweig der Technik als jüdisch bezeichnen. Horst: Juda verrecke! . . . Bodo: . . . Ach, du: es hat sich schon sehr viel Guano in deinem Horst angesammelt ... Ich habe absichtlich deine brutalen Ausdrücke nicht zurückgewiesen, um zu sehen, wie oft du sie wiederholen wirst; aber ich ertrage es nicht länger. Du hast auch.gar keine Schlußfolgerungen daraus gezogen, daß Juden es waren, die solche herrliche Erfindungen hervorbrachten, die ununterbrochen dem Menschen ungewöhnliche geistige Genüsse verschaffen. Du leierst fortwährend wie ein Papagei dein „Juda -verrecke!" Harst: Also gut, Bodo, diesen Ausdruck unterlasse ich. Ich würde am liebsten im Flugzeug oder im wundervollen deutschen Zeppelin fliegen . . . Bodo: Beides für dich unverwendbar; das Flugzeug wird von jen.em gebändigten Teufelsinstrument (Benzinmotor) angetrieben, das der jüdische Erfinder des Autos ausgeklügelt und sogar der Zeppelin basiert, abgesehen von den Motoren, doch nur auf dem Starrsystem des Juden David Schwarz. Und dann gehe zu Fuß nach Aspern, um nach Mödling einzusteigen. Aber ich habe für dich verwendbare, durchaus bewährte Verkehrsmittel. Horst:??? Bodo: Hafermotor und Haferl-Rappen . . . Oder — Halt! Da fällt mir was ein: die Kamele der N. S. D. A. P.! . . . Die bringen dich sicher sogar über Mödling hinaus bis in die Wüste . . . Aber, pardon, da kommt mir gerade in den Sinn, ob du nicht dort auf eine Chaussee stößt, die Moses angelegt hat . . . Horst: (schweigt verlegen.) Bodo: Ja, ja, Horst, willst du jüdischen Geist ausschalten, so kannst du nicht einmal in bequemer Weise von Wien nach Mödling gelangen. Nicht einmal' telephonieren könntest du. Horst: Warum? Bodo: Das Telephon wurde von Philipp Reiss erfunden, der angeblich Jude war. Horst: Juda . . . Pardon! Aber telegraphieren könnte ich . . . Bodo: Ebensowenig . . . Die Juden haben verschiedene Verbesserungen am Telegraphen durchgeführt . . . Was willst du eigentlich in Mödling machen? Horst: Bodo, ich weiß, daß du mir gut gesinnt bist trotz deiner judenfreundlichen Einstellung und obwohl du mir nie viel Zeit widmen wolltest. Ich will es dir anvertrauen (zögernd): Ich mußte mir eine Blutanalyse machen lassen; Wassermann-Reaktion. Es dürfte ganz sicher positiv ausfallen. Mein Arzt, der mich hier in Behandlung genommen, ist für einige Tage nach Mödling gefahren und ich soll mir dort das Ergebnis holen.- Bodo: Dein Arzt ist doch nicht etwa ein Jude? Horst: Aber ... Ein Führer der S. A. Du hast also in diesem Punkte doch Bedenken^ Bodo: Allerdings; aber anderer Art: hinsichtlich deiner Anschauung. Der S. A.-Führer wird dir nämlich eine durch und durch jüdische Kur angedeihen lassen. Wassermann: natürlich Jude. Paul Ehrlich, der Erfinder

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