Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V\ r* *, Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische lt U)cmrhe!f mit den Veröffentfidwingen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 Erseneint jeden Freitag 49. Jahrgang Wien, 28. Juli 1933 Nummer 30 Antisemitische Extratouren, Mit Aufmerksamkeit und Befriedigung verfolgt die österreichische Judenschaft die energischen Bemühungen der Regierung Dollfuß, die nationalsozialistische Bewegung in unserem Lande niederzuhalten und den von reichsdeutschen Stellen geschürten und finanzierten revolutionären Kleinkrieg der Nazi mederzuringön. Mit gleicher Aufmerksamkeit, aber nicht mit Gefühlen der Befriedigung, beobachtet die österreichische Judenschaft die Haltung der Regierungsparteien in der Judenfrage. Wir waren keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß sämtliche Parteien und Gruppen, deren Vertreter in der Regierung sitzen, antisemitisch eingestellt sind und ebensowenig im Zweifel darüber, daß in der Mehrheit der christlichen Bevölkerung Oesterreichs, auch soweit sie noch nicht auf den nationalsozialistischen Rassenstandpunkt eingeschworen ist, keine Judenfreundlichkeit besteht. Die Herrschaften taten alles, um der österreichischen Judenschaft etwa auftauchende falsche Illusionen zu nehmen. Wir entsinnen uns nur allzu genau der Antrittsrede des Generalsekretärs der christlichsozialen Partei, der unter Berufung auf Lueger meinte, man könne im Konkurrenzkampf der Parteien nicht auf das alte zugkräftige antisemitische Schlagwort verzichten; wir erinnern uns einer Rede unseres gegenwärtigen Justiz- und- Unterrichtsministers Dr. Schuschnigg vom April v. J., der den Antisemitismus als eine Selbstverständlichkeit bezeichnete und wir haben auch noch jene programmatischen Erklärungen des ehemaligen Vizekanzlers Schmitz gelegentlich der Nationalrats-Beratung über die Studentenschaftsordnung in Erinnerung, der u. a. die Schaffung des jüdischen Nationalstaates in Palästina, das Anwachsen der zionistischen Bewegung, die ostjüdischen Wanderungen, die Sympathie jüdischer Wählermassen für die Sozialdemokratie, die Steigerung der wirtschaftlichen Not und die Arbeitslosigkeit der jungen christlichen Generation als Gründe des neuentflammten Antisemitismus in Oesterreich anführte und, wenn auch nicht Gewalt- und Ausnahmsmaßnahmen gegen die Judenschaft, so doch analog dem Inlandarbeiterschutzgesetz eine bevorzugte Stellung für die Söhne und Töchter des christlichen Volkes forderte. Damals, es ist seither mehr als ein Jahr verstrichen, gab es in den Regierungsparteien noch starke Kräfte, die, nachdem die Heimwehrbewegung ihrem Zugriffe entglitten und abgeebbt war, nun hofften, den Nationalsozialismus als Vorspann benützen und für eine Zusammenarbeit reif machen zu können. Seither ist ihnen aber die nationalsozialistische Bewegung über den Kopf gewachsen und sie mußten sich mit dem neu aufgezogenen Heimatschutz begnügen, der nach längerem Schwanken in den Schoß der Vaterländischen Front heimfand. Seither ist aber auch die Studentenschaftsordnung in der Versenkung verschwunden und die Regierungsparteien überließen die Ausschrotung des antisemitischen Schlagwortes ihren nationalsozialistischen Konkurrenten, die, unbehindert von Staatsanwaltschaft und Polizei, ihren Radaugelüsten frei die Zügel schießen ließen. Wie gerne wollten wir Juden glauben, daß dieser Verzicht der Regierungsparteien auf neugewonnene Einsicht und Erkenntnis und nicht bloß auf taktische Erwägungen zurückzuführen war. Wie gerne möchten wir annehmen, daß Dr. Dollfuß und seine Getreuen, unter dem Eindruck der verdammenden Urteile der gesamten Kulturwelt über die mittelalterliche Barbarei eines Hitler, Göring und Konsorten — eines Besseren belehrt, ihrer inneren Ueberzeugung und Privatanschauung gemäß — auch für ihre Parteien auf das ebenso billige wie schändliche Agitationsmittel des Antisemitismus verzichteten und verzichten. Wie gerne möchten wir uns der Meinung jener anschließen, die in den jüngsten antisemitischen Auslassungen des „Bauernbündler", des offizieHen Organs des christlichsozialen niederösterreichischen Bauembundes, nur eine bedeutungslose „Extratour" erblicken. Leider spricht nur allzu viel gegen diese Annahme. Kann man sich vorstellen, daß Landeshauptmann-Stellvertreter Sturm, der Direktor des Bauernbundes, aus dem der Bundeskanzler selbst hervorgegangen ist und der gegenwärtig seine zuverlässigste politische Stütze ist, sein Preßorgan von dem „Ueberhandnehmen des jüdischen Einflusses in manchen Berufen, von gewissen Frechheiten polnischer Juden und einer entarteten jüdischen Jugend" sprechen und die Forderung nach einem numerus clausus für akademische und andere Berufe in so apodiktischer Form aufstellen läßt, wenn er befürchten müßte, sich dadurch zu den Anschauungen des Regierungschefs in Widerspruch zu setzen? Gewinnt nicht vielmehr dadurch die vor einigen Wochen bekanntgewordene, bisher aber unbeglaubigte Zeitungsmeldung, wonach der Bundeskanzler in einer Versammlung gesagt haben soll, auch in Oesterreich müsse der jüdische Geist und der jüdische Einfluß ausgerottet werden, allzu sehr an Glaubwürdigkeit, wenn sie auch in offenbarem Gegensatz zu früheren Erklärungen des Bundeskanzlers über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger steht? Und wenn auch das offizielle Partei- UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Wien IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2.-77, Postsparkassenkonto A-9.464 JUDEN ÖSTERREICHS» Die „Union österreichischer Juden" ist die Organisation aller Juden, die auf poshiv-rellgiöseni und vaterländisch-österreichischem Boden stehen. Sie ist seit einem halben Jahrhundert stets mit aller Energie für die Erhaltung und Verwirklichung der erkämpften Gleichberechtigung der Juden eingetreten. Sie erfüllt — gestützt auf ihre Verbindungen, Erfahrungen und Erfolge — auch heute diese Pflicht, und dies um so mehr, als die Politik des Nationalsozialismus uns Juden zu einer minderwertigen fremden Rasse herabwürdigt, unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere Existenz bedroht Wir Juden in Oesterreich haben keinen Grund zur Mutlosigkeit, keinen Anlaß zur Verzweiflung! Das Schicksal der deutschen Juden wird nicht unser Schicksal sein, wenn wir den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft treu bleiben: Wir stehen fest, fester denn je, auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer gebracht haben, in dem wir leben und die Zukunft unserer Kinder begründen wollen. Oesterreich ist unsere Heimat, es soll auch die Heimat unserer Kinder sein! Wir lehnen die Absonderungspolitik ab, welche in unserem Vaterlande von jüdisch-nationaler Seite gerade in den letzten Monaten in besonders verstärktem Maße betrieben wird. Als österreichische Juden wollen wir keine andere rechtliche Stellung als die der andersgläubigen Mitbürger haben, wir wollen keine Sonderstellung, keine Sonderpolitik im Staate, auch keine jüdischnationale Landespolitik. Denn wir dürfen den ohnedies uns Juden gegenüber bestehenden feindlichen Bestrebungen nicht durch eigenes Verhalten auch nur den Schein der Berechtigung geben. Das Aufbauwerk in Palästina soll zwar mit allen Mitteln gefördert werden, damit dieses Land immer geeigneter werde, Juden, die in ihren Wohnstätten nicht bleiben wollen oder können, eine glückliche Heimstätte zu bieten, die Heimat aber für alle österreichischen Juden, die hier leben und hier leben wollen, ist und bleibt Oesterreich. In dieser ernsten, vielleicht für Generationen entscheidenden Epoche richten wir an alte Juden in unserem Staate, die mit uns eines Sinnes sind, den Appell, unserer Organisation jene moralische und materielle Unterstützung zuzuwenden, deren sie bedarf, um unsere altbewährten politischen Grundsätze mit dem gebotenen Nachdruck nach innen und nach außen vertreten und zum Durchbruch bringen zu können. Tretet bei der „Union österreichischer Juden"! Spendet für den Widerstandsfonds! Prokurist RICHARD BETTELHEIM, Prokurist Dr. ERNST FELDSBERG, Börserat IGNATZ GLÜCK, Univ.-Prof. Dr. M. HAYEK, Ing. WILHELM KEMPLER, GEZA KLINGER, Reg.-Rat Dr. MAX LENK, Dr. LEONHARD MAIER, Reg.-Rat Dr. HERMANN OPPENHEIM, Präs. Dr. JAKOB ORNSTEIN, Zentraldirektor Ing. I. POLLAK, Dr. PAUL RAUMANN, Börserat EDUARD RECHNITZER, Min.-Rat Ing. FRIEDRICH SCHLÄFRIG, Dozent Dr. HUGO STERN, Dr. KARL STEINER, Dr. MAXIMILIAN STIGLITZ, Dr. JOSEF TICHO.