Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 29 (21.7.1933)
- Date
- 1933-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEH Tagaus, taffein, immer dasselbe Bild: ein Sammellokal für deutsche Flüchtlinge. Kommt jemand nach der Mahlzeit, so bietet der gute Mann Wein, Zigarren oder Zigaretten an. Dieser holländische Schutzmann kümmerte sich früher gar nicht um das Judentum und lebte genau so wie alle seine nichtjüdischen Kollegen. Heute ist er Jude geworden. Er sagte selbst, daß Hitler dem Judentum einen größeren Dienst erwiesen hat als dem deutschen Volke. Ich füge hinzu: Dieser Mann hat mir viel mehr gegeben, als die Nazis mir genommen haben. Und wenn das alles den Titel Zadik noch nicht wert ist, dann folgen Sie mir bitte ins Komitee, wo wir ihn oft antreffen und beobachten können. Sehen Sie her! Da geht ein Flüchtling enttäuscht vom Kassenschalter fort. Der Schutzmann folgt ihm nach. „Was ist los?'4 fragt der Zadik. „Kein Taschengeld — und muß einen Brief absenden", bekommt er zur Antwort. Der Schutzmann, in Zivilkleidern, drückt ihm 25 Cent in die Hand . . . „Wenn ein Zadik in einer Stadt lebt, herrscht Lauterkeit, Schönheit und Menschlichkeit" heißt ein talmudischer Satz. Jüdische Einwanderung nach Amerika möglich? In einem Gespräch mit dem New Yorker JTA-Vertreter erklärte der Vorsitzende der Immigrationskommission des Amerikanischen Kongresses Samuel Dickstein, auch ohne Aenderung der geltenden Einwanderungsvorschritten könne durch eine einfache Verwaltungsinaßnahme die Einwanderung einer großen Zahl deutscher Juden nach Amerika ermöglicht werden. Es handle sich nur darum, daß das Außenministerium den amerikanischen Konsuln im Ausland die Weisung erteile, von einer weiteren Beachtung der am 8. September 1930 erlassenen Präsidentialverfügung. der zufolge die Ausgabe von Visen drasitislch eingeschränkt werden sollte, abzusehen. Die Erlassung einer solchen Weisung wäre im Hinblick auf die freiheitlichen Tendenzen der gegenwärtigen Regierung verhältnismäßig leicht durchzusetzen. Voraussetzung hierfür allerdings wäre ein geschlossenes Vorgehen der amerikanischen Judenheit in dieser Frage. Schon am 21. März habe er, Dickstein, dem Repräsentantenhaus einen Antrag vorgelegt in dem die Auihebung der erwähnten Verfügung des Präsidenten Hoover an die Konsuln gefordert wurde. Durch diese Verfügung war den Konsuln unbeschränkte Vollmacht in der Entscheidung über Visa-Ansuchen eingeräumt worden, was dazu geiührt habe, daß Verwandten amerikanischer Burger, die ein Recht auf Einwanderung hatten, die Erteilung des Visums willkürlich verweigert wurde. Unsagbare Härten waren die Folgen dieser erzwungenen Familientrennung. Dadurch, daß die Verfügung noch immer in Kraft ist können Hunderte von Kindern, Frauen und Eltern amerikanischer Bürger, die, religiösem und politischem Druck in Deutschland weichend, in die Nachbarländer Deutschlands ausgewandert sind, nicht nach Amerika kommen, obwohl ihre dortigen Verwandten sehr wohl in der Lage wären, für ihren Unterhalt zu sorgen. So sind im letzten Jahre allein in Deutschland 24.961 Visa, das sind 97 Prozent der Quote für Deutschland, zurückgehalten worden. Durch Aufhebung des Hoover-Dekretes könnten diese 25.000 Visa sofort deutschen Juden zur Verfügung gestellt werden. Hierzu kämen noch J2.000 weitere Visa aus den Quoten Polens, Rußlands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei, die für in Deutschland lebende Bürger dieser Staaten verwendet werden könnten. Die Erledigung dieser Frage sei leider durch die uneinheitliche Haltung der amerikanischen Juden hinausgezögert worden. Nach Einbringung des Antrages habe er Briefe von jüdischen Führern bekommen, von denen die einen sich für dringliche Behandlung der Angelegenheit einsetzten, die anderen einen gegenteiligen Standpunkt einnahmen. In letzter Zeit seien allerdings Bemühungen im Gange, eine Einheitsfront in dieser Frage zustande zu bringen. (Die Einheitsfront wurde inzwischen gebildet Die Spitzenorganisationen der amerikanischen Judenheit American Jewish Congress, American Jewish Comittee und Bnai Brith haben einen gemeinsamen Rat eingesetzt, der an Außenminister Hull die Bitte um Erteilung einer größeren Anzahl von Visen an deutsche Juden gerichtet hat) Immerhin, erklärte Dickstein, sei es noch nicht zu spät. Die Zurückziehung der Hoover-Order könne noch immer erfolgen. Die elf jüdischen Mitglieder des amerikanischen Kongresses seien vor kurzem zusammengetreten und hätten beschlossen, an Präsident Roosevelt die Bitte zu richten, die Verordnung aufzuheben. Bedauerlicherweise habe sich der Kongreß schon zwei Tage nach dieser Beratung vertagt, und Präsident Roosevelt habe das Kapitol verlassen. Dessen ungeachtet habe er, Dickstein, Grund zu der Annahme, daß das State Department in den nächsten Tagen die amerikanischen Konsuln in Deutschland anweisen wird, bei der Erteilung von Visen an Angehörige amerikanischer Bürger weniger engherzig vorzugehen. Von großem Nutzen für die deutschen Juden, die nach Amerika auswandern wollen, würde es sein, wenn der Vertreter einer verantwortlichen amerikanisch-jüdischen Organisation sich nach Deutschland begeben würde, um die Handhabung der Visa-Erteilung durch die amerikanischen Konsulate zu überwachen. Viele Härten und unnötige Formalitäten könnten vermieden werden, wenn ein solcher Vertreter anwesend wäre, um die Prozedur zu erleichtern. des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurden 34 richterliche und staatsanwaltschaftliche Beamte, unter ihnen eine größere Anzahl von Juden, in den Ruhestand versetzt. isdiias, Rheuma, öidil Mtägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwe~ fei-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebader« Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8-6 Uhr BenanstaU „Ihermla" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Jüdische Weltwirtschaft*- konferenz vertagt. Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur vom Vorbereitungskomitee der Jüdischen Weltwirtschaftskonferenz mitgeteilt wird, wurde die für den 15. Juli anberaumte Konferenz vertagt. Diese Vertagung ist gewiß auf den wohlerwogenen Einspruch prominenter englischer Juden, über den wir in unserer letzten Nummer berichteten, zurückzuführen. Es verlautet, daß die Konferenz, wenn überhaupt, nicht vor dem Herbst zusammentreten wird. Anderseits wollen einige übereifrige Mitglieder der Konferenz, die mit dem Vertagungsbeschluß nicht einverstanden sind, schon in nächster Zeit in Paris eine Vorbesprechung abhalten. Schechita in Holland gefährdet? Der holländische Tierschutzverein hat eine Rundfrage unter den holländischen Tierärzten darüber veranstaltet,ob die übliche Schlachturigsart oder die rituelle Schächtung vorzuziehen sei. Die überwiegende Mehrheit der Tierärzte hat sich gegen die Scheehitia ausgesprochen. Bloß vier Stimmen wurden zugunsten der Schechita abgegeben, während 511 Tierärzte für die gewöhnliche Schlachtungsmethode eintraten. Die Vereinigung „Amor et Justitia'' hat sich an die Oberrabbiner von Amsterdam, Haag und Rotterdam mit der Aufforderung gewandt, die geistigen Führer der holländischen Judenheit mögen sich für die Einführung einer humaneren Schlachtungsmethode an Stelle der Schechita einsetzen. I MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmer- Wohnzimmer- F.KOHN, Wien II., TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" m Ein unglaubliches Urteil. Vor dem Saarbrückener Gericht hatte sich ein Buchhändler zu verantworten, der im Schaufenster seines Ladens Bücher antisemitischen Inhalts, darunter solche, in denen den Juden der Vorwurf gemacht wird, Christenblut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen, ausgelegt hatte. Der Vorsitzende des Gerichtshofes, Messinger, wies die Klage gegen den Buchhändler mit der Begründung ab, die Behauptung, Juden verwendeten Christenblut zu rituellen Zwecken, stelle keine Aufreizung dar, da die Behauptung den Tatsachen entspreche. Das Fehlurteil des Saarbrückener Gerichts hat in den weitesten Kreisen der Oeffentlichkeit einen höchst peinlichen Eindruck gemacht. 213 Berliner Notare abgesetzt. Der Amtliche Preußische Pressedienst veröffentlicht die Namen von 213 jüdischen oder von Juden abstammenden Notaren, die in Berlin auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus ihrem Amte entlassen wurden. Die Liste enthält auch die Namen des Direktors des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Holländer und des Vorstandsmitgliedes der Berliner Jüdischen Gemeinde Dr. Max K.ollenscher. Gleichfalls auf Grund Palästina-Nachrichten. Die Jüdische Arbeiterpartei Palästinas hat ihre Zustimmung zum Eintritt des Arbeiterführers Ben Z w i, Mitglieds des Präsidiums des Waad Leumi, in die Executive der Jewish Agency in Palästina gegeben. Ben Zwi soll in der Executive die Funktionen des ermordeten Dr. Arlosoroff übernehmen und wird sein Amt bereits in den nächsterr Tagen antreten. Im Alter von 52 Jahren verstarb nach kurzer Krankheit der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Jerusalem Isalac E1 i s c h a r, einer der hervorragendsten Vertreter der sephardisch-palästinensischen Judenheit. * Zur Frage des Sabbathschutzes in Palästina nahm eine im Tel Awiwer Beth Haam abgehaltene von über 6000 Personen besuchte M a ssenversammlung Stellung. Chaim Nachman Bialik, der im letzten Augenblick verhindert war, seine für diese Versammlung angekündigte Rede zu halten, hatte ein Schreiben geschickt, das zu Beginn der Tagesordnung verlesen wurde. In diesem Schreiben fordert Bialik die Vorkämpfer der Sabbathschutzbewegung auf, in ihrem Kampf um vollständige Beobachtung des Sabbath durch den Jischuw nicht zu erlahmen, denn ohneSabbathbeobachtung sei ein volles jüdisches Nationalleben nicht möglich. Das Vorgehen derjenigen, die den Sabbath öffentlich entweihen, verurteilt Bialik aufs schärfste. Nach Ansprachen von Bürgermeister Meir Diz e n g o f f, den Rabbinern Gold und U z i e 1 und dem Vertreter des Misrachi P i n c u s wurde eine Reihe von Resolutionen gefaßt, in denen gegen Sabbathentweihung in Tel Awiw protestiert und die Regierung aufgefordert wird, die Bestätigung des von der Stadtgemeinde Tel Awiw angenommenen Sabbathschutzgesetzes zu beschleunigen. Die Versammlung beschloß, den Gemeinderat von Tel Awiw, die Vertretung der Jüdischen Gemeinde Jaffa-Tel Awiw und das Rabbinat aufzufordern,, eine Delegation zum High Commissioner zu entsenden, um ihm die Bitte der jüdischen Bevölkerung um baldigstmögliche Inkraftsetzung der Sabbathschutzverordnung vorzutragen. * Beim Versuche, arabische Hirten, die ungeachtet des Räumungsbefehls ihre Herden in Wadi Hawarith weiden ließen, zu verhaften, wurde ein britischer Polizist durch Messersticheschwer verletzt. * Die Zahl der jüdischen Regierungsbeamten in Palästina ist durch die Ernennung von M. Koriansky zum Verwaltungsbeamten im Distrikt Jerusalem vermehrt worden. Herr Korinansky ist Graduierter der Londoner juridischen Fakultät. Das „Ferienheim" jubiliert. Wie Präsidentin Sophie Grünfeld vor vierzig Jahren das Ferienheim schuf. — Gespräch mit der Philanthropin. Der Verein „Ferienheim" konnte soeben das schöne Jubiläum seines vierzigjährigen Bestandes feiern. Eine aus diesem Anlaß erschienene Festschrift wird durch ein Schreiben von Marianne H a i n i s c h eingeleitet, in dem diese hervorragende Frau darauf hinweist, daß „Hocherfreuliches in segensvoller Arbeit" geleistet wurde und daß ausgezeichnete Frauen unter der Leitung Sophie GrUttfelds Mütterlichkeit an bedürftigen Kindern geübt haben. Wenn man nun der Präsidentin Sophie Grünfeld gegenübersteht, gewinnt man sofort den Eindruck, daß hier eine Persönlichkeit waltet, für die das Wort Wohl- MOSES RATH'S „SFATAMENU" Lehrbuch d. hebräischen Sprache für Scbni- und Selbstunterricht mit Schlüssel und Wörterverzeichnis in deutscher, polnischer, rnmänischer oder englischer Unterrichtssprache. Einzige Methode zur vollständigen Erlernung der hebräischen Sprachein Wort und Schrift a u ch ohne Lehrer. Der Preis dieses gut ausgestatteten. 400 Seiten starken Lehrbuches betragt nur S 3.60, der englischen Ausgabe Dollar 1.—. Buchhändler, Schulen, Organisationen und Lehrer erhalten einen hohen Rabatt. Zu bezieben bei M. RATH, VERLAG, WIEN, II. Taborstrafle 20 a