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Die Wahrheit · 1933-07-21 · Heft 29 (21.7.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 29 (21.7.1933)
Date
1933-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Eine unangenehme Überraschung. LEOPOLO Peinliche Erklärungen des englischen Kolonienmlnlsters Palästinain der am 14. Juli abgehaltenen Sitzung des englischen Unterhauses gab der Koloruienmilinister Sic Philip Cunliffe-Lister im Rahmen der Debatte über das Budget des Colonial Office eine Erklärung betreffend die Frage der Wiederansiedlung der sogenannten ..dislozierten" Araber in Palästina und die geplante Palästina-Anleihe ab und gab die Entscheidung der Regierung über diese Fragen bekannt Er stützte sich hierbei auf den überraschenderweise am selben Tage veröffentlichten Bericht des Palästinalandentwicklungsdirektors Lewis Fr euch über landwirtschaftliche Entwicklung und Landsiedlung in Palästina. (Wir kommen auf diesen interessanten Bericht noch zurück. D. Red.) In zionistischen Kreisen hatte man zwar damit gerechnet, daß im Zusammenhang mit der angekündigt gewesenen Erklärung Sir Philip Cunliffe-Listers über die Verwendung der geplanten Palästina-Anleihe Palästina- Fragen eingehend besprochen werden würden, und hatte sich darauf vorbereitet, die jüdischen Ansprüche auf Verwendung eines Teiles der Anleihe zu jüdischen Aufbauzwecken entsprechend geltend zu machen, die unerwartete Veröffentlichung des. French- Berichtes aber wirkte auf die zionistischen Führer wie eine Bombe, da sie alle Ursache gehabt hatten, anzunehmen, daß die Veröffentlichung des Berichtes erst im Herbst erfolgen würde. Mehr als 18 Monate hatte man die Veröffentlichung dieses unangenehmen Berichtes hinausgezögert; es hieß, diese Verzögerung sei auf den Wunsch des High Commissioners zurückzuführen, die Einwände der Jewish Agency und der arabischen Exekutive zum Bericht zu erhalten und auf Grund dieser Einwände sowie des Berichtes selbst seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Es war beabsichtigt, daß diese Schlußfolgerungen des High Commissiöners und nicht der French-Bericht selbst die Grund- . läge der Regierungserklärung über die Landentwicklung in Palästina bilden und daß die Konklusionen des High Commissiöners gleichzeitig mit dem French-Bericht oder sogar diesem beigefügt veröffentlicht werden würden. Die plötzliche Veröffentlichung des bloßen Berichtes hat daher die führenden zionistischen Kreise außerordentlich überrascht insbesondere im Hinblick darauf, daß bekanntermaßen die Schlußfolgerungen des French-Berichtes wegen ihrer antizionistischen Tendenz vom High Commissioner Sir Arthur Wauchope nicht gebilligt werden. Der High Commissioner hatte dem Landentwicklungsdirektor French wiederholt Weisungen erteilt Aenderungen und Modifizierungen seines Berichtes vorzunehmen, und diese Einwände des fligh Commissiöners führten letzten Endes zur Demission des Landentwicklungsdirektors. Warum die Konklusionen des High Commissiöners nicht veröffentlicht und keinerlei Erklärungen für den Grund der Verzögerung der Veröffentlichung des Berichtes gegeben wurden, erscheint vorläufig rätselhaft In eingeweihten Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit baldiger Veröffentlichung eines dieses Frage klärenden Weißbuches der Regierung. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, werden weitere Einzelheiten über die Verwendung der Palästina-Anleihe vermutlich anläßlich der offiziellen Vorlage des Gesetzentwurfs im Unterhaus mitgeteilt werden. Nach dem üblichen parlamentarischen Hergang wird das Gesetz, durch das die Regierung ermächtigt werden soll, die Anleihe zu garantieren, vom Parlament in drei Lesungen behandelt werden. Man hofft daß den Abgeordneten bei diesen Lesungen genügend Gelegenheit gegeben werden wird, Aufgaben und Ziele der Anleihe im einzelnen zu erörtern. , _ , Unmittelbar nach dem Erscheinen des French- Berichtes wurden der Jüdischen Telegraphen-Agentur die Einwände der Jewish Agency zu diesem Bericht zur Veröffentlichung übergeben. Iii der Antwort der JeWish Agency, einem von Dr. Arlosoroff namens der Agency am 10. März, wenige Wochen vor seiner letzten Europa-Reise, gezeichneten Dokument, wird insbesondere darauf hingewiesen, daß der French- Bericht ebenso wie die Berichte früherer offizieller Untersuchungskommissionen von der irrigen Annahme ausgeht, daß zwischen arabischen und jüdischen Interessen in Palästina ein naturgegebener Gegensatz bestehe. Deshalb und infolge ungenügender Kenntnis der Landesverhältnisse gelange French zu falschen Folgerungen. Zum Schluß erklärt sich die Agency bereit der Regierung eigene Vorschläge betreffend die Landentwicklung in Palästina zu machen, Vorschläge, von denen sie überzeugt ist, daß sie dem Interesse aller Teile der Bevölkerung Palästinas entsprechen. 889 arabische Familien werden wieder angesiedelt - Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister befaßte sich in seiner dem Unterhaus abgegebenen Erklärung zunächst mit der Wiederansiedlungsfrage. Hierzu führte er aus: Das zur Prüfung der Ansprüche dislozierter Araber eingesetzte Gericht hat seine Arbeiten beinahe vollendet Es hat beschlossen, jene Araber als auf Hilfe anspruchsberechtigt anzuerkennen, die von dem Boden, auf dem sie saßen, dadurch entfernt worden waren, daß dieser Boden in andere Hände übergegangen ist, und die keine neue, gleichermaßen zufriedenstellende Beschäftigung erhalten hatten. Die britische Regierung, erklärte Sir Philip, hat den Entscheidungen des Gerichtes zugestimmt; die Palästinaregierung würde ermächtigt an die Wiederansiedlung der dislozierten arabischen Pächter entsprechend den Entscheidungen des Gerichtes heranzugehen. Auf eine Zwischenfrage des Abgeordneten Colonel Wedgwood, um wieviel dislozierte Araber es sich handle, antwortete Sir Philip, es seien 889 Familien vom über Wiederansiedlung „dislozierter" Araber and •Allleibe. . r Gericht registriert worden. Er fuhr dann fort: Wir hatten uns mit dem Problem des Arabers zu befassen, der von seinem Boden entfernt wurde und wieder angesiedelt werden soll. Da wir erkannt haben, daß dieses Problem vorhanden ist müssen i: wir Schritte ergreifen, um zu verhindern, daß es wieder auftauche. Der Kolonienminister ehrt das Andenken Dr. Arlosoroffs. — Vertrauen zum High Commissioner. Bevor der Kolonienminister sich der Besprechung der landwirtschaftlichen . und industriellen Entwicklung Palästinas und der in Aussicht genommenen Verwendungsart der Palästina-Anleihe zuwandte, erklärte er, er wolle Dr. Arlosorofifs, der das Opfer eines feigen Verbrechens geworden ,sei, gedenken. Dr. Arlosoroff sei ein Mann von großer Klugheit, von Weitblick und Verständnis gewesen, «in Mann, der nicht nur dem Zionismus große Dienste geleistet habe, sondern auch ein bedeutender Aktivposten für Palästina im allgemeinen gewesen sei. Was das Mandat betreffe, erklärte Sir Philip, so habe er hier bloß zu sagen, daß es absolut fair verwaltet werde. (?) Seine Verwaltung liege in der Hand eines Mannes; des High Commissiöners, zu dem alle, sowohl Juden als auch Araber, absolutes Vertrauen haben, dem sie im Laufe der Zeit nicht nur Vertrauen, sondern auch Liebe entgegengebracht haben. Die 2-MilUonen-Pfund-Anleihe. Nach einem kurzen Ueberblick über die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung Palästinas, in dem er vor einseitiger Entwicklung des Orangenbaues warnte und auf die Bedeutung einer selbstversorgenden Landwirtschaft hinwies, - die Tätigkeit der Versuchsstationen würdigte, die Fortschritte der Industrie hervorhob und über die Hafenbauten in Haifa und Jaffa berichtete, ging der Kolonienminister zur Besprechung der Landentwicklungs- und Anleiheprobleme über. In Fühlungnahme mit dem High Commissioner habe die Regierung die Lage im Lichte der finanziellen Verhältnisse in England und in Palästina überprüft und sei zur Ansicht gekommen, daß es unter den augenblicklichen finanziellen Umständen der britischen Regierung nicht möglich sei. auf Kosten des britischen Staatsschatzes einen Beitrag zur Landentwicklung in Palästina zu leisten, wie. dies 1930 beabsichtigt war. Die Palästina-Regierung habe bereits ein großzügiges Programm öffentlicher Arbeiten und die Durchführung anderer Pläne, die-von der englischen Regierung durchaus gebilligt werden, ins Auge gefaßt Es werde vorgeschlagen, daß diese Arbeiten, und die Wiederansiedlung der dislozierten Araber zum großen Teil mit Hilfe einer Anleihe "Vörr 2- Millionen Pfund' finanziert werden. Die Regierung empfinde Genugtuung darüber, daß die finanziellen Hilfsquellen Palästinas den Zinsendienst der Anleihe gewährleisten und volle Sicherheit für das notwendige Kapital bieten und daß der Anleihedienst ohne Beeinträchtigung des Ueberschusses der palästinensischen Landesfinanzen geleistet werden kann. 1926 habe Kolonieriminister Amery einen Gesetzvorschlag eingebracht, in dem die britische Regierung ermächtigt wurde, eine, 4M-Millionen-Pfund-Anleihe zu garantieren. Damit sollte für Palästina die Möglichkeit geschaffen werden, Geld zu einem niedrigeren Zinssatz aufzunehmen. Auch jetzt solle in gleicher Weise vorgegangen und für die vorgeschlagene Anleihe ebenso wie für die frühere 4M-Millionen-Anleihe die formelle Garantie der britischen Regierung gegeben werden. Ein entsprechender Gesetzvorschlag werde dem Parlament vorgelegt werden. Der Zinsendienst wird hauptsächlich die Jüdische Bevölkerung belasten. Nach dem Kolonienminister sprach Colonel Josiah Wedgwood. Er erklärte, seiner Meinung nach sei eine Palästina-Anleihe schön und gut. Der Minister aber möge dessen eingedenk sein, fuhr Wedgwood fort, daß die Gepflogenheit, Anleihen für die Entwicklung von Kolonien zu garantieren, ein zweischneidiges Schwert sei Wenn die Last des Zinsendienstes für eine Kolonie zu schwer werde, so gereiche eine solche Anleihe dem betreffenden Lande nicht zum Nutzen. Es werde Palästina einigermaßen schwer fallen, die Zinsen für das Anleihe-Kapital zu bezahlen. Die Last des Zinsendienstes werde hauptsächlich auf den Juden ruhen, den diese seien in erster Reihe diejenigen, die die Steuern im Lande aufbringen und zu seiner Prosperität beitragen. Sir Philip Cunliffe-Lister unterbrach den Redner mit der Bemerkung, daß die Anleihe durchaus zu produktiven, Ertrag bringenden Arbeiten verwendet werden würde. Insoweit dies der Fall sei. erklärte Colonel Wedgwood, habe der Anleiheplan durchaus seinen Segen, aber inwieweit sei dies wirklich der Fall? Man wolle Palästina 2 Millionen mit der Garantie der Regierung borgen und Palästina eine Konstitution auferlegen, die die Juden nicht wollen. Die Politik des Kolonialamtes, die auf eine Außerachtlassung der Autorität des Parlaments und ihre Ersetzung durch andere verantwortliche Stellen hinauslaufe, müsse im Interesse des britischen Steuerzahlers vom Parlament unter Kontrolle gehalten werden. Nagel's Selchwaren-Restaurant S e l'c h » a r e n'-a tisdor Fabrik Elsen & Hönigsber streng orth. "wo (Unter Aufsteht der.:Adas-Jisroel-Schiffscbul) Wlan II., PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 ■flenO von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert 'MASSCHUHE nur VII. BURSSASSE <5 M Das Weltgewissen. Frankreich wird seine Stimme für Freiheit und Gerechtigkeit erheben. Dieser Tage hat der französische Ministerpräsident Daladier in der südfranzösischen Stadt Apt eine Rede gehalten, in der er unter Hinweis auf die Lage der Juden in Deutschland u. a. ausführte: Wir glauben, daß keine Regierung das Recht hat, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumengen. Wir selbst würden derartiges nicht duldend Aber dort, wo es sich um ein r e i n menschliches Problem handelt, wird die französische Regierung niemals zögern, ihre Stimme zugunsten von Freiheit und Rechtzuerheben. So hat tauch der Vertreter Frankreichs anläßlich der vor kurzem in Genf stattgefundenen Debatte (die Debatte um die Bernheim-Petition) den notwendigen Appell an menschliches Gewissen gerichtet Proklamation der griechischen Regierung gegen den Antisemitismus. Im Hinblick auf die durch die antisemitische Kampagne der venizelistischen Zeitungen hervorgerufene Erregung in der Bevölkerung von Saloniki hat sich die griechische Regierung zu einem Einschreiten veranlaßt gesehen, dessen Wirkung sich bereits bemerkbar macht. Die Zeitungen von Saloniki haben die antisemitische Hetze fast zur Gänze eingestellt, die venizelistischen Zeitungen Athens allerdings bringen noch immer judenfeindliche Artikel. Die Regieru-ng hat eine Proklamation an das griechische Volk erlassen, in der die antisemitische Kampagne der venizelistischen Opposition schärf stens gebr andmär.kt wird. Der Kampf der Oppositionsparteien gegen die nationale Einheit, heißt es in der Proklamation, kommt einerseits in einer Offensive gegen die Juden, anderseits in einem Haßfeldzug gegen die Flüchtlinge zum Ausdruck. Die Regierung ist entschlossen, dfiese antinationale Spaltung um jeden Preis zu unterdrücken, denn sie anerkennt keinerlei Unterscheidung zwischen Bürgern verschiedenen Bekenntnisses und zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Eine „Universität des Exils" in New York. Im Herbst soll in New York unter den Auspizien der New School of Social Research eine „Universität des Exils' errichtet werden, deren Professorenkollegium aus Gelehrten, die aus Deutschland ausgewandert sind, bestehen soll. Die Mehrzahl der Professoren werden voraussichtlich jüdische Gelehrte sein. Die Namen der in Aussicht genommenen Mitglieder des Professorenkollegiums wurden bisher noch nicht veröffentlicht. Es verlautet, daß unter ihnen Gelehrte von Weltruf sind. Die Anstellüngsdekrete werden zunächst auf zwei Jahre lauten. Am 15. Juli hat sich der Direktor der New School, Dr. Albin Johnson, nach Europa begeben, um die dort notwendigen Vorarbeiten für die Universitätsgründung zu Ende zu führen. Die Anstalt wird aus öffentlichen Mitteln erhalten werden. Das Rad dreht sich ... In der Madrider Synagoge fand in besonders feierlicher Weise die Einbringung von Thorarollen statt, die von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland nach Spanien überführt worden sind. Dem aus diesem Anlaß veranstalteten Dankgottesdienst wohnte eine außerordentlich große Zahl von Andächtigen, die die Synagoge bis auf den letzten Platz füllten, bei Der feierliche Akt der Uebergabe der Thorarollen wurde vielfach alssymbolischeErinnerungandte Vertreibung der Juden aus Sptanien im Jahre 1492 angesehen. Die Zeremonie wurde, gegewissermaßen als Rückkehr der damals in die Verbannung gegangenen Thorarollen aufgefaßt.

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