Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 29 (21.7.1933)
- Date
- 1933-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 so liegt unseres Erachtens kein Grund vor, sie gerade jetzt hervorzukehren. Hier ist auch ein Punkt, in dem sich die erwähnte Ausstellung zum Gedächtnis der Kaiserin grundsätzlich von der gegenwärtigen Prinz Eugen- Ausstellung im Belvedere zu unterscheiden scheint. Diese Ausstellung bietet weit mehr, als ihr Titel verheißt. Nur in einer Richtung weist sie eine Lücke auf, die uns freilich wichtiger dünkt als die Frage, ob die in Zinnfiguren dargestellte türkische Gesandtschaft bei ihrem Einzüge in Wien den geschichtlich beglaubigten Weg wählt oder nicht. Nach dem Ausspruch eines bekannten österreichischen Kriegsmannes kann man zum Kriegführen nicht ganz des Geldes entraten. Und auch ohne ihn weiß man, daß ohne Munition, Proviant und anderen militärischen Bedarf kein Soldat ins Feld rücken kann. Nicht so ganz unwesentlich wäre es somit, zu erfahren, wer denn dem Helden, dem man zurufen durfte: „In deinem Lager ist Deutschland", alle diese Mittel beigestellt und somit zu seinen Siegen beigetragen hat. Eugen selbst hat es, wenn nicht andere Zeugnisse dafür vorlägen, wiederholt und öffentlich anerkannt, daß dieses Verdienst vor allem dem Manne gebührt, der Oesterreich den Weltmarkt erschlossen und an dem durch die Umstände ihm aufgezwungenen Lieferungsmonopol sich vollständig verblutet hat: das war der Hoffaktor Samuel Oppenheimer. Neben ihm stehen sein Sohn, ohne dessen Mitwirkung Eugen nach eigenem Geständnis nicht an die Eroberung Belgrads hätte schreiten können, sowie Hofbankier Simson Wertheimer, der u. a. das Geld flüssig machte, mit dem der Prinz sein Belvedere sich bauen konnte. Er selbst verkehrte, wie der Obersthofmarschall, ein Liechtenstein, wie der englische Gesandte und andere Honoratioren in Wertheimers Hause. Auch andere, diesen beiden Vertretern der damaligen Hochfinanz nahestehende Lieferanten begleiten des Prinzen Heereszüge. So besonders aus Mähren, dessen Hauptstadt in ihrem Museum Erzeugnisse aus einer Belgrader jüdischen Tonwarenfabrik aufweist, die damals erbeutet worden sein dürften. Solche Einzelheiten wären geeignet, die bildliche Darstellung der Vorgänge des Jahres 1683 sowie der ganzen Zeit Eugens zu ergänzen, die ja die Ausstellung bieten will. Die neueste Prinz Eugen-Literatur hat ja unter Bezugnahme auf Dr. Grunwalds einschlägige Forschungen das Andenken an diese Betätigung jüdischer Wirtschaftsführer aufgefrischt. Auch verdient es wohl Erwähnung, daß ein bekannter jüdischer Händler auf seiner Heimreise von Wien den Kriegswirren des Jahres 1683 zum Opfer fiel und die aus einer Synagoge umgewandelte Leopoldskirche durch eine Kanonenkugel zerstört wurde. Sollte die Ausschaltung solcher Daten aus der Ausstellung auf grundsätzlichen Erwägungen beruhen, so wäre dies vom Standpunkte der geschichtlichen Gerechtigkeit und Treue nur zu bedauern. Im anderen Falle ließe sich das Versäumte noch immer nachholen. Der sympathische Eindruck der Erscheinung Oppenheimers und anderer aus seinem Kreise würde jedenfalls sicherlich nicht „die Front verderben". Und gewiß sollte kein Hindernis das Bekenntnis dieser Gruppe zu dem Buche sein, aus dem unsere höchste Regierungsstelle in ihren Reden wiederholt das Wort zitiert hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" x. Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rolcnkreuzgaise 3 Tel. A45-S-37 ff Die Seele ist unbesiegbar Massenbittgottesdienst in der Londoner Albert Hall für die deutschen Juden. SS Der am 10. Juli in der Albert Hall zu London unter Beteiligung von Führern aller Richtungen des englischen Judentums und den Rabbinern des konservativen, liberalen und sephardischen Ritus abgehaltene Massenbittgottesdienst nahen einen eindrucksvollen Verlauf. Ueber 5000 Personen, unter ihnen bekannte Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen Lebens, wie Sir Herbert Samuel, Lord M e 1 c h e 11 und d'Avigdor Goldsmid, hatten sich zu dem Gottesdienste eingefunden. Die Predigt hielt Chief Rabbi Dr. J. H. H e r t z. Er schilderte in ergreifenden Worten die Lage der Juden in Deutschland und mahnte zu Gottvertrauen und Festhalten an den großen ethischen Grundsätzen des Judentums. Die Predigt gipfelte in der „Herr Bernauer, lesen Sie diesen Zettel und unterschreiben Sie, wenn Sie können." Bernauer las: „Ich versichere eidesstattlich, daß ich weder im Besitz von Waffen bin noch jemanden kenne, der Waffen im Besitz hat." Bernaüer zögerte. Ueberlegte. Eine mit den Fesseln des Eides bindende Erklärung den Vertretern der unbeschränkten Gewalt und Willkür abgeben. Keine Angelegenheit, vorbehaltlos auszurichten. Unvorstellbar die Folgen auch der kleinsten Fahrlässigkeit. Waffen? Wo sind die Grenzen dieses Begriffs? „Was verstehen Sie unter Waffen?" Der Mann, der eben eifrig die Lade des Schreibtisches durchwühlte, richtete sich auf und sah Bernauer erstaunt an. „Waffen? Schußwaffen, Stichwaffen, Schlagringe, Sprengmittel. Was denn sonst?" „Gut. Stichwaffen. Man kann ein langes Küchenmesser auch als Stichwaffe benutzen. Wenn Sie wollen, liefere ich es Ihnen ab. Ich möchte keine, möchte nicht noch mehr Unannehmlichkeiten haben." „Reden Sie keinen Unsinn!" Bernauer unterschrieb. Der große Pack Bücher, der zur Sicherstellung kam, wurde zusammengeschnürt. Als Bernaüer darunter seinen lieben braven Soldaten Schwejk sah, kehrte seine gute Stimmung zurück. Er wagte fast zu lächeln. Der Patrouillenführer verabschiedete sich gewohnheitsgemäß. „Auf Wiedersehen!" Bernauer stockte. „Auf Wiedersehen? Bei aller persönlichen Wertschätzung, mein Herr... Auf Wiedersehen? ...Lieber nicht!" Forderung, außer der materiellen Notlage der deutschen Juden auch ihrer geistig-seelischen Not eingedenk zu sein und die religiösen Unterrichtsinstitutionen der deutschen Juden vor Untergang zu bewahren. Chief Rabbi Hertz führte u. a. aus: Das Volk, das einen Moses, einen Jesaia und einen Hillel hervorgebracht hat: das Volk, das die Stifter des Christentums zu seinen Söhnen zählt; das Volk, das in Mittelalter und Neuzeit der Welt eine Reihe der vornehmsten Geister und Persönlichkeiten geschenkt hat — dieses Volk wird heute als eine Rasse von Parias erklärt, deren Blut befleckt, deren Gedanken beschmutzen, deren gedrucktes Wort bloß dazu da ist. verbrannt zu werden und dem Feuer Nahrung zu sein. Die deutsche Judenheit. noch vor vier Monaten auf der Höhe ihrer Leistungen auf sämtlichen Gebieten des Lebens, fest im Glauben und reich an Segnungen der Welt, ist heute dem Elend, der Beschimpfung und Erniedrigung preisgegeben und kämpft um ihr nacktes Leben gegen eine Flut von Unduldsamkeit und Haß. Sie ist eine hilflose Minderheit, wahrhaft hilflos und heute rechtlos, aber nicht hoffnungslos; denn die deutsche Judenheit hat ihr Vertrauen auf Gott nicht verloren: sie hat nicht einmal ihr Vertrauen zu den Menschen verloren, denn es gab erleuchtete Menschen in führender Stellung, die im Parlament, in der Weltpresse und auf der Rednertribüne ihrem Unwillen gegenüber dem Versuch, einen ganzen Teil der menschlichen Familie zu demütigen und zu erniedrigen. Ausdruck gegeben haben. Diese erleuchteten Führer konnten angesichts der Verletzung allgemein menschlicher Grundsätze, die darin liegt, daß den Juden Gerechtigkeit versagt wird, nicht schweigen. Der Jude ist ein Symbol und schon sein bloßes Vorhandensein in irgendeiner Gemeinschaft stellt eine lebendige Mahnung dar zur Wahrung jener Freiheit des Gewissens und des Geistes, die der moderne Staat allen seinen Bürgern gewährt. Darum bedeutet Ablehnung des Juden gleichzeitig auch Ablehnung jener Freiheitsideale und insbesondere der großen ethischen Grundsätze, die die Juden und das Judentum gelehrt haben. Einer dieser jüdischen Grundsätze ist der von der Einheit des Menschengeschlechts als der Kinder eines Vaters im Himmel: ein Grundsatz, aus dem die bürgerliche Gleichstellung aller vor den Augen des Staates folgt. „Du sollst nicht verschiedenes Recht haben, sondern gleiches Recht für den Fremdling wie für den Einheimischen" ist ein wiederholtes Gebot der Thora. Ein anderes erhabenes Ideal, das Israel der Welt geschenkt hat ist die messianische Vision des Friedens. Wenn somit die Führer der aufgeklärten CliCSIUSBA» Ell* UN© BADEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. an der Friedensbrücke gelegen 12 Original DnSSlSdKS Dampfbad mit Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 öffentlichen Meinung ihre Stimme zugunsten der Juden erheben, so haben sie gleichzeitig den Kampf für die höchsten ledale der Allgemeinheit aufgenommen. Das Beispiel dieser Apostel der Menschlichkeit in den jüngsten Tagen, fuhr Chief Rabbi Hertz fort, sollte uns englische Juden zu jener Großzügigkeit des Geistes führen, die uns vor einseitiger und oberflächlicher Betrachtungsweise bei der Behandlung der vielgestaltigen und in ihrem Umfang einzigartigen Hilfsprobleme, die uns jetzt gestellt sind, bewahren soll. Unsere Hilfe darf nicht auf materielle Fürsorge beschränkt bleiben, selbst wenn diese die hoffnungsvolle aufbauende Form der Ansiedlung tausender deutsch-jüdischer Familien im Heilisen Lande trägt Wir können und dürfen nicht gegenüber den Forderungen taub bleiben, die die jüdischen Schulen in Deutschland, der höhere jüdische Unterricht an unsere Hilfsbereitschaft stellen. Denn die Zerstörung der religiösen Struktur der deutschen Judenheit die aus ihr folgende Schwächung des Glaubens wären der Gipfelpunkt dieser furchtbaren Tragödie. Religiöse Institutionen, in Generationen langer frommer Arbeit aufgebaut, sind zum Untergang verurteilt, wenn nicht Hilfe von außen kommt Denket bloß an die Tausende kleiner Kinder, die an die Tore der jüdischen Schule pochen, weil ihnen die Staatsschulen entweder verschlossen sind oder das Leben in ihnen für sie unerträglich ist. Darf in einem solchen Augenblick die Möglichkeit der Schließung der wenigen jüdischen Schulen in Deutschland in Betracht gezogen werden? Die englische Judenheit wird sicher dazu beitragen, daß die Jabnehs in diesem neuen Churban gerettet werden und daß das religiöse Leben jener Hunderttausende, die unter der Herrschaft des Hakenkreuzes bleiben müssen, erhalten bleibe. In diesem religiösen Leben allein liegt die Unbesiegbarkeit der Seele beschlossen, die jedem Druck von außen widersteht. Die Verbannten. . . . Und so wandern wir seit Zeitlosigkeit, Als Mantel umgehangen unser Leid. Wandern rastlos, fiebernd, angstgetrieben, Nirgends empfängt uns brüderlich Lieben. Nirgends heimatlicher Schein. Uns schwillt kein Blühen, Duften entgegen, Ueberall nur Schatten, Nebel und Regen, Schauern, frieren wir einsam verlassen In fremden, kalten, lichtlosen Gassen, Niemand lädt uns gastlich ein. Denn wir sind die Fremden, die Andern, Die ewig Gejagten, die ewiglich wandern. Uns peinigt der Weg mit spitzen Steinen, Ueber uns nur Trauergesänge weinen, Nirgends ein liebend Gefühl. Nur der Glaubenshaß uns Kränze bindet, Mit düster'n Blüten die Schläfe umwindet. Nur Wolken, Gewitter, Sturm uns nah'n, Stet'ge Begleiter uns'rer Dornenbahn. Wo ist der Wanderung Ziel? So klagen wir bitter in allen Weiten, Seit fernsten Tagen, uralten Zeiten, Unstet irrend, verhöhnt, verjagt, verstoßen, Weitab von der sonnigen, der großen, Der glücklichen Welt. Schwarze Himmel sind tief über uns gesenkt, Nur mit Wermut ward unser Herz getränkt. Vom Himmel eine große, ew'ge Träne fällt: Den Wandermüden steht nirgends ein Heimatszelt, Ach nirgends ein Heimatszelt. Renee Mandula, Budapest. Jüd. Pension „Julie" Wien IX., Thurngasse 8,1. Stock 11 (6 Minuten vom Schottentor) Tel. A 1S-S-45 Ruhige Lage — Erstklassige Hausmannskost — Billige Sommerpreise — Auch kurzfristig. llillM Mitglieder und Freunde der „Union" äÄ£!dte Sommermonate jeden Donnerstag» ab Vs8Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger H., Ausstellungsstraße (Straßenbahn-Haltesfelle Lustspieltheater), woselbst aucb Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Miiiuniuii«