Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 29 (21.7.1933)
- Date
- 1933-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064378--19375-3084506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEIT zeigen, wobei aber Hitler über die Folgen dieser Maßnahmen für die Juden richtiger im Bilde sein dürfte als seine jüdischen Antipoden. Warum sollen wir freiwillig das Bessere gegen das Schlechtere eintauschen? Daß die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden keine Utopie ist, beweist ihre Erringung im 19. Jahrhundert in allen Kulturstaaten durch die großen Pioniere der jüdischen Assimilation. Wir überlassen es getrost dem Urteil der Geschichte, zu entscheiden, was würdevoller und dem Judentum ersprießlicher ist, die Pflege dieser Tradition oder ihre Preisgabe zugunsten zweischneidiger „M i n d e rheitsrechte', die in der Praxis auf minderes Recht hinauslaufen. Die Einfühlung der Juden in die nationale Seele der verschiedenen Kulturstaaten, deren Bürger sie wurden, hat das Empfinden religiöser Zusammengehörigkeit von ganz Israel nicht ertötet, sondern vielmehr zu positiven Leistungen gegenseitiger Hilfe und Unterstützung angeeifert, die im Hilfsverein deutscher Juden und in der Alliance Israelite vorbildliche Organisationen geschaffen hat. Zu diesem idealen Eifer der Liebe steht der vom Zionismus und anderen Formationen „modernen" Judentums geschürte Fanatismus in erschreckendem Gegensatz. Während früher Zeiten der Verfolgungen von außen das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt haben, lesen wir heute im Zeitalter des hemmungslos wütenden Hakenkreuzgeistes mit Entsetzen, wie zionistische (lies: nationalistische) Juden in Warschau mit Messern und sonstigen Mordwaffen politische Meinungsverschiedenheiten untereinander austragen und auch das Heilige Land zur Arena jüdischer Bluttaten an jüdischen Brüdern entweiht wird. Auch in dieser Hinsicht läßt uns der Vergleich zwischen einst und jetzt der traditionellen Anknüpfung an das Frühere den Vorzug geben vor der sogenannten „jüdischen Renaissance", die die Greuel der arischen Renaissancezeit am Ende des Mittelalters heraufbeschwört. Wir verschließen uns aber auch nicht den Gefahren der Assimilation. Die kulturelle Gleichschaltung mit den anderen Mitbürgern darf das Interesse für den angestammten Glauben nicht überwuchern. Die letzten Kultuswahlen standen leider im Zeichen dieses Ueberwucherns. Darf man deshalb den Nichtnationalen schon den Totenschein ausstellen? Im Berlin der Vorhitlerzeit gab es dieselbe Entwicklung. Die Nichtzionisten blieben bei den Kultuswahlen zu Hause, die Zionisten gingen -zur Wahlurne und siegten. Und nützten ihren Sieg parteimäßig aus. Das brachte neues Leben in die nichtzionistischen Reihen. Bei der nächsten Wahl waren diese zur Stelle und errangen die Majorität, das heißt, sie ließen die zahlenmäßige Ueberlegenheit, die sie stets inne hatten, praktisch in die Erscheinung treten. Auch in Oesterreich sind die Nichtzionisten nicht tot, sondern zeigen nur nicht bei jeder Gelegenheit, wie stark ihr Leben im Körper der jüdischen Gemeinde pulst. Auch hierzulande wird der Tag kommen, da wir „Toten" erwachen . . . Totgesagte leben am längsten . . . Mauschel. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Es fällt auf.. . In einem bisher politisch durchaus enthaltsamen niederösterreichischen Lokalblatt wurden kürzlich die Standbilder vor dem Wiener Rathause behandelt. Neben den österreichischen Herzogen, den beiden Verteidigern Wiens in den Türkenkriegen, neben dem „Bischof Leopold Kolonitz" und dem „Baukünstler Bernhard Fischer von Erlach" — „der JudeSonnenfels". Da außer Sonnenfels alle mit ihren Vornamen, Aemtern, Titeln und Verdiensten erscheinen, muß es auffallen, daß er als „der Jude" angeführt wird. Gewiß hätte man bei ihm jeden Beisatz zum Familiennamen sparen können. Ist er doch unter allen den Genannten der einzige, mit dem man auch außerhalb Oesterreichs schon auf der Schulbank Bekanntschaft macht. Soll er aber schon den ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E pF# #5 5. V %. TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE, DECKEN NUR I.,DAUERNMAßHT12 14 anderen gleich behandelt werden, so dürfte man etwa erwarten: „Hofrat Joseph von Sonnenfels, Befreier Oesterreichs von Folter und Hanswurst1'. Doch um eine sachliche Erklärung der Bezeichnung „der Jude" ist man verlegen. Wenn Dr. Lueger diese Statue vor dem Rathause aufstellen ließ, so wollte er damit ohne jede Frage die ganz besonderen Verdienste ehren, die sich Sonnenfels, gleich seinen Gefährten in dieser Ruhmesallee, um Wien erworben hat. Ist doch auch eine Wiener Gasse nach diesem „Lessing Oesterreichs'' benannt, der den Anschluß seines Vaterlandes an die westliche Kultur bewirkt hat und aus der Geschichte Maria Theresias und Joseph II. so wenig wegzudenken ist, daß zum Beispiel auf der Maria Theresia-Ausstellung 1931 seinem Andenken gebührend Raum gezollt wurde. Soll nun die Bezeichnung „der Jude" eine neue Ehrung für Sonnenfels bedeuten? Etwas anderes wäre doch für einen Mann, dem die verschiedensten Rathausgewaltigen einen solchen Ehrenplatz eingeräumt haben, nicht gut anzunehmen. Eine solche Walhalla hat ja nichts mit einer Verbrechergruppe in einem Wachsfigurenkabinett gemein. Nur ist uns bis zur Stunde unbekannt, was Sonnenfels gerade als „Jude" für Oesterreich oder Wien geleistet haben sollte, was die Betonung seines Judentums an dieser Stelle rechtfertigen könnte. Vielmehr weiß man, daß er seit seinem dritten Lebensjahre dem Judentum gar nicht mehr angehörte. Und auf seine jüdische Herkunft legte er, im Gegensatz zum Beispiel zu Disraeli, so wenig Wert, daß er nie von seiner Mutter sprach, weil diese Jüdin geblieben war, als ihr Mann es vorteilhafter fand, mit den Kindern zur herrschenden Religion überzutreten. Hat aber eine Maria Theresia sich in keiner ihrer zahlreichen Aeußerungen über Sonnenfels jemals bestimmt gefühlt, unter seinen Eigenschaften und Verdiensten gerade seine jüdische Abstammung zu unterstreichen, Feuilleton 1. April 1933. Von Peter T h a 1 h e i m. Mit dem Abdruck der nachfolgenden Szene veröffentlichen wir aus dem Manuskript einen Ausschnitt aus einem in Kürze erscheinenden Roman. Der Autor, der vor persönlichen Verfolgungen aus Deutschland entflohen ist, zeigt im Spiegel der Erlebnisse der handelnden Personen die Entwicklung der letzten zwei Jahre in Deutschland und schildert die materielle und psychologische Situation der Emigranten. Auf diesem dokumentarischen Bericht baut er die Behandlung einer brennend wichtigen Frage auf: Wie kann die Fürsorge für die Emigranten in eine produktive Hilfe übergeleitet werden? Wenn es nicht gelingt, den aus ihrer Heimat Entwurzelten eine Existenzbasis zu schatten, ohne mit den Lebensinteressen der neuen Umgebung zu kollidieren, steht nach Ansicht des Verfassers die Gefahr eines ungeheuren Welt-Antisemitismus bevor. Diese Frage zu lösen, ist Aufgabe sowohl der Emigranten selbst, wie auch der durch die Hitler-Barbarei nicht in Mitleidenschaft gezogenen Juden. Strahlend blauer Himmel stand am 1. April über der Stadt. Die Sonne sandte mehr als Frühlingswärme. Das rechte Wetter für ein Volksfest. Beistand des Himmels für den Judenboykott. Die Demonstration gegen die artfremden Volksvergifter, die Brandmarkung der Feinde des erwachten Deutschland — gut erdachtes Konkurrenzmanöver treudeutsch-christlicher Geschäftswelt — erreichte ungeheuren Publikumserfolg. Neugier und freudige Aufregung wogten in dichtgefüllten Straßen. Das Streben zum außergewöhnlichen und mit keinem Eintrittsgeld belasteten Schauspiel, die Lust am Schaden des Mitmenschen, die in früheren Jahrhunderten den Hexenverbrennungen das Publikum geliefert hatten, führten die promenierenden Massen herbei. Vor den Türen der jüdischen Geschäfte, pompöses Warenhaus und engbrüstiger Kleinladen, standen die Posten der nationalen Wehrverbände. Leuchtende Plakate mahnten: Wer beim Juden kauft, übt Verrat an Deutschland! Niemand kaufte. Die Läden blieben an diesem Tage geschlossen. Mit Scherengitter und Rollgardine unterstützten die Geschäftsinhaber das Bemühen der Wachtposten. Ein Jude, weiland Reserveleutnant der königlich preußischen Armee, stellte sich neben die braunen Wachtposten vor sein Geschäft. Angetan in feldgrauer Uniform, die Brust geziert mit Orden. Seiner Demonstration blieb der gewünschte Erfolg versagt. Die Menge beachtet ihn nicht Aber die Polizei nahm ihn in Schutzhaft. Man soll auch gute Witze nicht zur Unzeit machen. Eine Gruppe jüdischer Unternehmungen verfiel nicht dem Boykott. Die großen Banken. Ungeachtet des Kernpunktes nationalsozialistischer Parteiforderungen, der Kampfansage an das jüdische internationale Bankenkapital und der Brechung der Zinsknechtschaft. Prinzip mußte zurücktreten hinter augenfälliger Agitation. Tausend gebrandmarkte Läden erzeugen größeres Jahrmarkttreiben als zehn geschlossene Banken. * An diesem Tage wurde Bernauer in der Nähe seiner Wohnung von einer Patrouille der Hilfspolizei aufgegriffen. „Kommen Sie mit, Wir müssen Haussuchung vornehmen." Denunziation! durchzuckte es Bernauer. Sie wollen etwas finden. Sie werden finden. Sie brauchen Gründe für Verfahren gegen den Juden. Das ist der Anfang. Seine Gedanken durchwühlten hastig die Wohnung. Was kann ihn belasten? Nichts! Doch, seine Bücherei. Er hatte zwar vorsorglich ein wenig gesäubert, den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, aber treudeutsche und nationalistische Literatur blieb doch in verschwindender Minderheit. Zwischen den Braunen gehend wandte er sich an den Führer. „Darf ich nach dem Grund der Haussuchung fragen?" „Das wird die Nachforschung zeigen." Ruth öffnete, sah ihren Mann erschreckt an. Verhaftet? „Kleine Störung, Ruth. Die Herren wollen die Wohnung ansehen. Nichts weiter." Schon waren alle Zimmer besetzt. Zwei Mann im Arbeitszimmer. „Bleiben Sie hier, Herr Bernauer. Bei uns." Bis in den letzten Winkel wurden Wohnung, Keller und Speicher durchforscht. Ach, man fand weder im Spielzeugschrank der Kinder die erwarteten Maschinengewehre noch unter den Matratzen der Ehebetten versandbereite Greuelberichte. Nur der Bücherschrank, von sachkundiger Hand entleert, belohnte die Mühe. Der Patrouillenführer notierte die volksvergiftenden Bücher und gab Bernauer eine Kopie der Aufstellung als Quittung. Dokument neudeutscher Kunst- und Weltanschauung. „Wo ist Ihre Korrespondenz mit dem Ausland?" „Korrespondenz mit dem Ausland?... Bitte. Briefwechsel mit meinem Wiener Verlag." Prüfung. Zögernde Rückgabe. „Sonst nichts?" „Nein." Hielt man ihn wirklich für so naiv, daß er verdächtige Aufzeichnungen im Hause behalten würde? Die Primitivität des Denkens dieser neuen Gewalthaber kam ihm erschreckend zum Bewußtsein.