Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 29 (21.7.1933)
- Date
- 1933-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40£ Groschen iidisdie ie Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Ersdiefarf jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasser kento Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 21. Juli 1933 Nummer 29 HP UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Wien IX., Berggasse4, Telephon A 1Q-2.-77, Postsparkassenkonto A-Q.464 JUDEN ÖSTERREICHS? Die „Union österreichischer Juden" ist die Organisation aller Juden, die auf positiv-religiösem und vaterländisch-österreichischem Boden stehen. Sie ist seit einem halben Jahrhundert stets mit aller Energie für die Erhaltung und Verwirklichung der erkämpften Gleichberechtigung der Juden eingetreten. Sie erfüllt — gestützt auf ihre Verbindungen, Erfahrungen und Erfolge — auch heute diese Pflicht, und dies um so mehr, als die Politik des Nationalsozialismus uns Juden zu einer minderwertigen fremden Rasse herabwürdigt, unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere Existenz bedroht. Wir Juden in Oesterreich haben keinen Orund zur Mutlosigkeit, keinen Anlaß zur Verzweiflung! Das Schicksal der deutschen Juden wird nicht unser Schicksal sein, wenn wir den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft treu bleiben: Wir stehen fest, fester denn je, auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer gebracht haben, in dem wir leben und die Zukunft unserer Kinder begründen wollen. Oesterreich ist unsere Heimat, es soll auch die Heimat unserer Kinder sein! Wir lehnen die Absonderungspolitik ab, welche in unserem Vaterlande von jüdisch-nationaler Seite gerade in den letzten Monaten in besonders verstärktem Maße betrieben wird. Als österreichische Juden wollen wir keine andere rechtliche Stellung als die der andersgläubigen Mitbürger haben, wir wollen keine Sonderstellung, keine Sonderpolitik im Staate, auch keine jüdischnationale Landespolitik. Denn wir dürfen den ohnedies uns Juden gegenüber bestehenden feindlichen Bestrebungen nicht durch eigenes Verhalten auch nur den Schein der Berechtigung geben. Das Aufbauwerk in Palästina soll zwar mit allen Mitteln gefördert werden, damit dieses Land immer geeigneter werde, Juden, die in ihren Wohnstätten nicht bleiben wollen oder können, eine glückliche Heimstätte zu bieten, die Heimat aber für alle österreichischen Juden, die hier leben und hier leben wollen, ist und bleibt Oesterreich. In dieser ernsten, vielleicht für Generationen entscheidenden Epoche richten wir an alte Juden in unserem Staate, die mit uns eines Sinnes sind, den Appell, unserer Organisation jene moralische und materielle Unterstützung zuzuwenden, deren sie bedarf, um unsere altbewährten politischen Grundsätze mit dem gebotenen Nachdruck nach innen und nach außen vertreten und zum Durchbruch bringen zu können. Tretet bei der „Union österreichischer Juden"! Spendet für den Widerstandsfonds! Prokurist RICHARD BETTELHEIM, Prokurist Dr. ERNST FELDSBERG, Börserat IGNATZ GLÜCK, Univ.-Prof. Dr. M. HAYEK, Ing. WILHELM KEMPLER, GEZA KLINGER, Reg.-Rat Dr. MAX LENK, Dr. LEONHARD MAIER, Reg.-Rat Dr. HERMANN OPPENHEIM, Präs. Dr. JAKOB ORNSTEIN, Zentraldirektor Ing. I. POLLAK, Dr. PAUL RAUMANN, Börserat EDUARD RECHNITZER, Min.-Rat Ing. FRIEDRICH SCHLÄFRIG, Dozent Dr. HUGO STERN, Dr. KARL STEINER, Dr. MAXIMILIAN STIGLITZ, Dr. JOSEF TICHO. 99 Wenn wir Toten erwachen SS Es macht immer einen grotesken Eindruck, wenn man ahnungslos in einer Zeitung blättert und plötzlich die Nachricht seines eigenen Todes darin findet. Mark Twain telegraphierte in so einem Falle an das betreffende Blatt: „Meldung von meinem Ableben stark übertrieben'*. Er hatte Glück, denn die Zeitung glaubte ihm und dementierte die berichtigte Anzeige. Nicht jeder kommt so glimpflich davon. Es gibt Fälle, in denen die kräftigsten Lebenszeichen Totgesagter nur den Effekt haben, daß die" Verbreiter der Todesnachricht mitleidig •lächelnd Heine zitieren: „Sie sind schon längst gestorben und wissen es selber kaum.'' Diese Taktik befolgen z. B. die Zionisten den nicht national gesinnten Juden und deren Organisation, der „Union österreichischer Juden" gegenüber. Die Union erläßt einen Propaganda-Aufruf, der ihre Stellungnahme zu allen aktuellen jüdischen Problemen in kurzer, prägnanter Form verkündet. Ein energisches Zeichen politischer Vitalität? Aber gar keine Spur, sagte die „Stimme", bloß ein Symptom jener Indolenz, die nicht einmal ihren eigenen Tod zur Kenntnis nehmen will. Und dabei wurde uns die Diagnose unseres exitus letalis so leicht gemacht: Wir wurden bei den letzten Kultuswahlen in die Minderheit gedrängt, daher sind wir endgültig erledigt, tot und vermodert und unser Programm besteht nur aus „Gespenstern, die frisch aufgeputzt in die Sonne gestellt werden". Nun, das ist immerhin schon etwas: zu den mitternächtigen Spukwesen, die beim ersten fahlen Morgengrauen in Nichts zerrinnen, wagen uns nicht einmal unsere Verspotter zu zählen. Unsere^Gedanken vertragen es, in die Sonne gestellt zu iwerden, das ist ein Vorzug, den unser Programmfvor dem sehr vieler anderer Parteien voraus hat. Wir sind aber nicht neidig und wollen gern ein bißchen Platz machen, damit auch die Gedanken unserer Leichenbitter ein bißchen in die Sonne gerückt werden können, damit wir einmal sehen, wie sie die grelle Beleuchtung vertragen. Unser Treuebekenntnis zu den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft beantwortet das zionistische Blatt mit der Frage, worin denn eigentlich diese großartigen Traditionen bestehen. Die Antwort darauf fällt nicht schwer. Unsere Tradition ist die Anknüpfung an jene erhabene Auiiassung vom Judentum, für die unsere Almen freudig die Scheiterhaufen der Inquisition bestiegen. An die Auffassung des Judentums als einer göttlichen Mission, die trotz ihrer Intensität in den von ihr erfüllten Herzen auch noch Raum läßt für vaterländische Begeisterung und kulturelle Verbundenheit mit der andersgläubigen Umwelt. Die Sephardim, die ihrem Glauben zuliebe Heimat, Hab und Gut im Stiche ließen, waren nicht nur gute Juden, sondern auch gute Spanier, die die Sprache Calderons noch im Exil durch lange Jahrhunderte hindurch unverfälscht bewahrt und gepflegt haben. Ebenso wie che vom Rhein verjagten Aschkenasim das Mittelhochdeutsche in ihrem Jargon treu konserviert haben. Alle diese vorbildlichen Juden der Vorzeit haben, wenn schon nicht programmatisch, so doch in der Praxis die Absonderungspolitik abgelehnt, indem sie sich bemühten, die innere Geisteskultur und die äußere Zivilisation ihrer christlichen oder mohammedanischen Landsleute anzunehmen. Die Einführung einer eigenen Judentracht wurde im Mittelalter stets als ein verhaßter Zwang von außen, als eine Demütigung empfunden. Wenn wir uns diese Auffassung unserer Ahnen zu eigen machen, bedeutet dies für uns ebensowenig wie für jene einen Verzicht auf „vorbehaltsloses, uneingeschränktes Bekenntnis zum Judentum", das die Zionisten ganz unberechtigt als ihr Monopol hinstellen möchten. Mit welchem Recht? Sie behaupten, daß die jüdisch-nationale Politik immer nur mit Respekt behandelt worden ist, „weil sie der Ausdruck männlicher Ehrlichkeit ist". Wohingegen sich der Antisemitismus stets an der „Würdelosigkeit" der Assimilation entzündet hat. Dieser Darstellung können wir die Tatsache entgegenhalten, daß der moderne Antisemitismus sich als seines wirksamsten Propagandamittels der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion' bedient, die bekanntlich an die ersten Zionistenkongresse anknüpfen. Selbstverständlich handelt es sich dabei um eine plumpe Fälschung, daß sich aber die antisemitische Verleumdungssucht ausgerechnet ein zionistisches Klischee für den großen Schwindel ausgesucht hat, ist alles andere eher als ein Beweis für die Achtung, die der Zionismus im Gegensatz zur Assimilation im antisemitischen Lager angeblich genießt. Wie falsch diese zionistische Selbsteinschätzung ist, erhellt noch viel eklatanter als aus antisemitischen Fälschungen aus der Vorliehe der Judenfeinde für solche Argumente der Jüdischnationalen, die sie unverfälscht abschreiben können, weil sie ihnen schon im Original für ihre Propaganda vortreffliche Dienste leisten: So das Schlagwort vom eigenartigen jüdischen Volkstum und der Programmpunkt, jüdische „M i nderheitsrechte" an Stelle der jüdischen Gleichberechtigung mit den andersgläubigen Staatsbürgern zu verlangen, Auffassungen, deren Propagierung eine merkwürdige Gleichschaltung des Zionismus mit dem Hitlerismus