Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 28 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Familienvater 50 Jahre alt, aus Deutschland zurückgekehrt, sucht Beschäftigung, scheut keiue Arbeit. Qefl. Zuschriften unter: Bloch, IL, Malzgasse 12 liehen Beziehuneen zwischen Großbritannien und Deutschland aufrecht erhalten werden mögen, hält es die Versammlung für ihre Pflicht, ihrer Meinung Ausdruck zu geben, daß die derzeit gegenüber den Juden in Deutschland geübte Zurücksetzung den Grundprinzipien der Toleranz und Gleichberechtigung widerspricht zu denen sich die moderne Welt in bezug auf die Behandlung von Minderhelten der Religion oder Rasse nach bekennt" Die Ansprache des Erzbischofs von Canterbury. Den Wortlaut der von ihm vorgeschlagenen Resolution machte der Erzbischof von Canterbury zum Ausgangspunkt einer großangelegten Rede, in der er als Gewässenspflicht bezeichnete, gegen Ungerechtigkeiten aufzutreten, die das Gefühl allmenschlicher Verbundenheit verletzten, und darauf hinwies, daß alle Völker Glieder einer großen Familie seien. Er führte u. a. aus: ..Diese Resolution zeichnet sich nicht durch Feuer oder Kraft der Sprache aus: sie ist im Gegenteil betont mäßig und zurückhaltend. Sie bringt die Meinung ganz Englands zum Ausdruck. Lord Buckmaster kann ais Vertreter der Bürgerschaft dieses Landes, ich selbst als Vertreter seiner Christenheit gelten. Wir alle wissen, fuhr der Erzbischof fort daß in Deutschland, während wir hier friedlich beisammensitzen, die Juden aus jedem Staatsdienst vertrieben werden, aus Stellungen entfernt werden, die sie infolge ihrer Fähigkeiten auf dem Gebiete des Rechts, der Medizin und Kunst erlangt haben. In immer steigendem Maße werden sie der Möglichkeit ihren Unterhalt zu finden, beraubt. Besonderer Unwille erfüllt uns, wenn wir an die Behandlung jüdischer Kinder in Deutschland denken, die man wie etwas Unreines absondert: stellen Sie sich die Wirkung dieser Maßnahmen auf die Kinder vor. Man erweckt in ihnen den Eindruck, daß sie nicht wert seien, sich anderen Deutschen anzuschließen. Stellen Sie sich die Wirkung einer Erziehung auf nichtiüdische Kinder vor. die diese zu Verachtung und Verspottung ihrer Mitmenschen anhält. Es ist unmöglich, in Schweigen zu verharren — schon um der Beruhigung unseres eigenen Gewissens willen — wenn im Ausland Unrecht geschieht, das die Gefühle menschlicher Verbundenheit verletzt. Wie es in der Resolution heißt wollen wir uns in die Gesetzgebung anderer Länder nicht einmengen. Aber erinnern wir uns an die Worte, die der große Kardinal Manning zur Zeit der Verfolgungen in Rußland sprach: „Die Gesetze des Menschentums, die Gesetze Gottes sollten die Grundlage aller anderen Gesetze sein. Wenn sie verletzt werden, haben alle Kulturnationen das Recht laut Einspruch zu erheben." In diesem Geiste sprechen wir auch heute. Langsam, aber mit voller Gewißheit gelangen wir zu der Erkenntnis, daß alle Nationen Glieder einer großen Familie sind. In dieser Erkenntnis liegt die einzige Hoffnung auf WaederhertsiteUung leliner «edeäHichen Entwicklung der Welt. Ich stehe heute nicht hier, etwa weil ich dazu von jüdischer Seite aufgefordert worden wäre, sondern weil unser Herz, den gemeinsamen Grundsätzen unseres Menschentums gehorchend, den Juden entgeien schlägt." Appell an den deutschen Reichskanzler. Im weiteren Verlauf seiner Rede richtete der Erzbischof von Cantelrbury einen Appell an den deutschen Reichskanzler und an das deutsche Volk. Wir sind, sagte er, hier nicht in irgendeinem Gefühl der Feindseligkeit gegenüber dem großen deutschen Volke versammelt. Wir haben gesehen, daß es unmöglich war, Deutschland in einer gegenüber den andereen Nationen Europas minderen Stellung zu halten. Was jetzt geschieht erweckt in uns das Gefühl, daß gerade in dem Augenblick, da wir versuchen, gerecht und fair zu sein, ein neues Element des Zweifels und der Entfremdung zwischen uns getreten ist An wen sollen wir unseren Appell richten? An die deutsche Regierung und ihren allmächtigen Kanzler. Wir wissen, wie schwer es ist eine Revolution zu überstehen: es ist nicht leicht, das einmaä entfachte Feuer des nationalen Enthusiasmus zu dämmen. Aber Herr Hitler hat gezeigt daß er imstande ist Leidenschaften in Schach zu halten. Wir haben dies gesehen, als er in seiner denkwürdigen Rede Deutschlands Friedenswillen zum Ausdruck brachte. Ich wünsche, der Kanzler würde dieselbe Kraft beim Zurückhalten der Gewalten an den Tag legen, die er gegenüber wehrlosen Bürgern Deutschlands entfesselt hat Von seinem Vorgehen hängt es ab, in welchem Maße wir dem deutschen Volke Flieden und Verständigung bieten können. Viele von uns. fuhr der Erzbischof fort, wurden tief davon bewegt daß in der Jugend Deutschlands, die lange Zeit gelehrt worden war. sich ais zurückgesetzt zu betrachten, neue Hoffnung geboren wurde. Warum sollte sie sich durch Verletzung der Grundsätze von Gerechtigkeit und Duldung beflecken? Die Deutschen würden es tief zu beklagen haben, wenn diese Bewegung im Urteil der Geschichte verbunden würde mit etwas, was das Gewissen der Völker verletzt Wir richten unseren Appell an das deutsche Volk. Wir wollen es fragen, ob es glaubt stark zu sein, wenn es über eine Politik der Ungerechtigkeit und Grausamkeit gegenüber wehrlosen Bürgern frohlockt Nicht nur Unmut erfüllt uns. sondern auch die große Hoffnung. Rasers Selchwaren-REstaurant Seichtraren an« der Fabrik Elsen & Hönigsber streng orth. "wo (Unter Aufsieht der Adu - Jitroel - Schiffschul) Wl*n Ii., PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 alenH von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert daß das deutsche Volk zu einem Verständnis der Wurzeln nationaler Größe gelangen wird. Es muß seine Grundlagen sichern, und die einzigen Grundlagen, auf denen ein großes, sich selbst ächtendes Volk aufgebaut werden kann, sind diejenigen der „Stadt, deren Schöpfer und Bauherrn Gott ist". Ansprachen des Vorsitzenden der methodistischen Kirche und des Earl of Iddesleigh im Namen der Katholiken. — Dankworte Lord Readings. Es sprachen noch der Vorsitzende der United Conference of Methodic Churches Dr. John Scott-Lidgett, der besonders darauf hinwies, daß es einen entscheidenden Schlag: gegen die Wirksamkeit internationaler Beziehungen jeder Art bedeuten würde, wenn die in Deutschland gegen die Juden angewandten Grundsätze in die internationale Politik Eingang finden sollten, und die hohen Verdienste, die sich die Juden sowohl in England als auch in Deutschland um den Staat und die allgemeine Kultur erworben haben, hervorhob, ferner der Earl af Iddesleigh im Namen der Katholiken. Er erklärte u. a., daß die Juden in allen Staaten bemüht seien, sich der jeweiligen Staatsform anzupassen, und LEOPOLO 'MASSCHUHE n«r VII. BUR6GASSE *5 M wies in diesem Zusammenhange insbesondere auf Italien hin. wo den Juden volle Freiheit gewährt sei und viele von ihnen hohe Stellungen in Partei und Staat bekleiden. Erfahrung zeige, daß Rassenunterschiede keiiL.Hindernis für nationale Einheit seien. Die Versammlung schloß mit einem Dankwort Lotrd Readings. der seiner tiefen Bewegung über die spontane Kundgebung der Vertreter aller christlichen Bekenntnisse Englands Ausdruck gab. Als Bürger Englands hätten die Juden zu würdigen gelernt, was bürgerliche Gleichberechtigung bedeute, und gesehen, daß der charakteristische Genius Englands auf der Verteidigung der Grundsätze von fair play. Freiheit. Toleranz und vor allem. Gerechtigkeit beruhe. „Der Sturm wird über Israel hinweggehen/' Eine neue Rede Lloyd Georges. Der frühere englische Ministerpräsident Lloyd George hielt auf einem Bankett des Jewish Religious Education Board, das unter dem Vorsitz von Major F. C. Stern in London stattfand, als Ehrengast des Abends eine großangelegte Rede, in der er sich eingehend mit der Lage der Juden in Mitteleuropa befaßte, den Unterricht in jüdischer Geschichte und jüdischer Literatur als ein Mittel zur Erhöhung jüdischer Widerstandskraft bezeichnete und in scharfen Worten Verleugnung von Rasse- und Stammeszugehörigkeit verurteilte. Lloyd George brachte bei dieser Gelegenheit wieder einmal mit allem Nachdruck die Gefühle der englischen Oeffentlichkeit gegenüber einer Politik der Zurücksetzung von Juden zum Ausdruck. Der Präsident des Jewish Board of Deputies, Neville Laski, und der Präsident der Jewish Agency, Nahum S o k o 1 o w, feierten Lloyd George, der der Meinung der nichtjüdischen Oeffentlichkeit entsprechend auch diesmal wieder für die Juden eingetreten sei. Lloyd George würdigte die Leistungen des Jewish Religious Education Board in der Erziehung der jüdischen Jugend und erklärte in diesem Zusammenhang, daß abgesehen von geistigen Erwägungen jüdischer Unterricht die Selbstachtung der Kinder hebe, was ihnen für ihr ganzes Leben einen starken Rückhalt gewähre. Durch diesen Unterricht werden sie mit der größten Literatur der Welt vertraut gemacht, einer Literatur, die von Menschen ihrer eigenen Rasse und ihres Blutes geschaffen wurde. Dies stelle er fest als einer, der die jüdische Literatur noch früher als die seines eigenen Landes kennengelernt habe. Vergessen Sie nicht, sagte Lloyd George, welche Bedeutung es hat, daß Sie den Kindern von den großen Heroen Ihrer Geschichte erzählen; das wird sie instandsetzen, den Schwierigkeiten des Lebens in Auge zu sehen. Kein Rüstwerk ist so zuverlässig wie die Kenntnis der unschätzbaren nationalen Schöpfungen der eigenen Rasse. Die Verfolgungen, denen Sie von Generation zu Generation ausgesetzt waren, haben Sie zu gutem Stahl gehämmert, den nichts zerbrechen kann, den keine Politik vernichten oder mit dem Staub fremden Bodens vermengen konnte. Mit Stolz darf ich sagen, daß in diesem Lande nicht die Gefahr besteht, daß solche Verfolgungen versucht werden könnten; aber solche Bewegungen haben Rückwirkungen; nicht nur besteht hier keine Gefahr dieser Art, sondern vielmehr tiefer Unwille über das, was in anderen Ländern geschieht. Der jetzige Ausbruch von Antisemitismus entspricht dem, der die Geschichte des Mittelalters und die Rußlands bis zur Revolution verdüstert hat Deutschland ist ein großes Land, sein Volk ein großes Volk mit großen Leistungen, Traditionen und Eigenschaften; es war ein hochkultiviertes Land und ich bin überzeugt, daß viele Deutsche nicht billigen, was dort jetzt geschieht. Es darf nicht vergessen werden, daß die Deutschen im dreißigjährigen Krieg den größten Kampf aller Zeiten um religiöse Freiheit geführt haben. Ich glaube nicht, daß die Verfolgung der Rasse, zu der der Stifter von Luthers Religion gehörte, das letzte Wort sein wird, das das deutsche Volk der Welt in der Frage menschlicher Freiheit zu sagen hat. Schließlich kann man nicht eine Rasse ächten und gleichzeitig dem Glauben ihrer Lehrer anhängen, wie dies bei den Deutschen" jetzt der Fall ist; es ist dies ein offenkundig unhaltbarer Zustand. Aber der Sturm wird über Israel hinweggehen und ihm keinen Schaden tun, ebensowenig wie der Hagelschlag in Aegypten, der nur seinen Verfolger traf. Richtet weiter Eure Botschlaft an die Welt, sagte Lloyd George zum Schluß. Ihr wart stets auf die Wohlfahrt aller Nationen bedacht. Heute, da der Nationalismus aufgehört hat, ein Glaube zu sein, und ein Fieber geworden ist, braucht die Welt mehr als je eure übernationale Betrachtungsweise von Weltfragen. Wieder und wieder werdet ihr Eure Botschaft uns zu verkünden haben, unter Donner und Blitz, wie einst vom Sinai. Wir antworten nicht auf Krieg mit Krieg. NevMe Laski, der Präsident der Jewish Board of Deputies, erklärte, er habe gewußt, daß Lloyd George mit seiner Rede, in der er die gegen die Juden in Deutschland verübte Zurücksetzung verurteilte, die Meinung des englischen Volkes zum Ausdruck bringen werde. Seine Rede beweise* daß die Juden das Gewicht der nichtjüdischen öffentlichen Meinung für ihre Sache gesichert haben; diese einmal gewonnenen Sympathien gelte es nun, sich zu erhalten. Dies könne nicht geschehen, indem von jüdischer Seite auf theatralischeArt durch Veranstaltung von Demonstrationsmärschen Zehntausender Juden reagiert werde. Auch nicht durch Boykott. Wir wollen, sagte Neville Laski, auf Krieg nicht mit Krieg antworten. Wir müssen klug und würdevoll unser Bestes tun. Solange wir eine geistige Botschaft zu verkünden haben, werden wir geachtet; ohne sie könnten wir ebenso gut unter die übrigen Nationen versinken. gesucht für aus Deutschland zurückgekehrte dreiköpfige Familie. Zimmer. Küche, Kabinett ohne Ablöse. Gefl. Zuschriften unter: DlOdl, II.» MalZfiüSSClZ Mitglieder und Freunde der „Union" ^li£SB«2a£ Sommermonate jeden Donnerstag, ab 7-.8Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger II., Äusstellungsstraße (Straßenbahn-Haltesfelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist.