Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 28 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT reich die Anerkennung für seinen heroischen Kampf gezollt. Die Parallele läßt sich natürlich noch erweitern. Die Weltjudenheit führt ihren Abwehrkampf gegen das Unrecht, das unseren deutschen Brüdern geschehen, besonnen und zurückhaltend, weil nur diese Methoden Aussichten auf Erfolg besitzen. Oesterreichs Staatsmänner müssen, soll ihr Streben ebenfalls von Erfolg begleitet sein, die gleiche Besonnenheit und Zurückhaltung bekunden, Zurückhaltung insbesondere gegenüber jenen Tendenzen, die fortwährend da und dort auftauchen und in dem Wunsche gipfeln, eine Annäherung gegenüber dem braunen Bolschewismus herbeizuführen. Diese Friedensschalmeien stehen im krassen Gegensatz zu den kriegerischen Klängen, die von München herübertönen, sie. werden aber vollkommen überdröhnt von dem Sturm der Entrüstung, den die Kulturwelt angesichts der deutschen Greueltaten erhoben hat und immer, wieder erhebt. ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E ppltfv ,#S l« 01' V TEPPICHE VORHÄNGE nODELSTorre, decken NUR I., BAUERNMARKT 12-14 llllllllllllllllllllllMIIMMMIll Die Lage der Juden in Deutschland. Beratung der Anglo-Jewish Association. Die Lage der Juden in Deutschland, wie sie Sich auf Grund der in allerletzter Zeit getroffenen gesetzgeberischen und verwaltungstechnischen Maßnahmen gestaltet hat, bildete den Gegenstand einer Besprechung des Rates der Anglo-Jewish Association in London. Der Präsident des Exekutivkomitees der Association, Leonard Stein, erstattete das Hauptreferat, in dem er unter Bezugnahme auf den vor 14 Tagen dem Jewish Board of Deputies vom Joint Foreign Committee vorgelegten Bericht feststellte, daß bedauerlicherweise nicht gesagt werden könne, die Lage in Deutschland habe sich seither in irgendeiner Beziehung zum Besseren gewandt Die Zurücksetzung der Juden durch gesetzgeberische und verwaltungstechnische Maßnahmen sei in zwar weniger geräuschvoller, aber darum nicht weniger schädigenden Art u nbarmherzig fortgesetzt worden. Daß in der deutschen Presse Juden betreffende Angelegenheiten jetzt weniger häufig behandelt würden als früher, sei wohl darauf zurückzuführen, daß die maßgebenden Kreise ach dessen bewußt geworden seien, daß ihre Tätigkeit im Ausland aufmerksam verfolgt wird und unverhohlene Mißbilligung findet. Man suche es offenbar zu vermeiden, sich durch eigene Aeußerungen bloßzustellen, und arbeite mehr im stillen.^ Keineswegs aber könne man sich bezüglich* dessen, was mit den Juden in Deutschland geschehe und was mit ihnen noch geplant sei, Illusionen hingeben. Leonard Stein brachte sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß Präsident von H i n d e nb u r g in seinem Briefe an Reichskanzler Hitler, in dem er sich für den Frieden innerhalb der evangelischen Kirche einsetzt, nicht auch ein Wort zugunsten der deutschen Juden gefunden habe. Eine einzige wirksame Verteidigungswaffe stehe den Juden zur Verfügung, eine Waffe, die sich letzten Endes als entscheidend erweisen werde, nämlich das Gewicht der öffentlichen Meinung der Kulturwelt. Erfreulicherweise könne kein Zweifel darüber bestehen, wie zumindest England über diese Dinge denke. Wenn diesbezüglich noch ein Beweis notwendig gewesen wäre, so sei er durch die denkwürdige Versammlung in der Queen's Hall am 27. Juni erbracht worden. Wir sind, erklärte Leonard Stein, dem Erzbischof von Canterbury, Lord Buckmaster und den übrigen hervorragenden Vertretern bedeutender Körperschaften Englands zutiefst dankbar dafür, daß sie sich zu einem so ergreifenden Protest gegen die Behandlung der deutschen Juden zusammengefunden haben. Wenn die öffentliche Meinung Englands mit uns ist, fuhr Leonard Stein fort, so ist dies, "wie ich glaube, zum Teil darauf zurückzuführen, daß wir unser Möglichstes getan haben, um unsere Sache mit Würde und Zurückhaltung zu vertreten. Wenn es sich darum handelt, eine Aktion zu beschließen, so darf nur eine einzige Ueberlegung maßgebend sein, nicht die Frage: wird uns die Aktion gefühlsmäßig befriedigen?, sondern die Frage: wird sie der Sache nützen, der zu dienen wir uns bestreben? Der „Manchester Guardian" hatte in Zusammenhang mit der Ankündigung der vom englischjüdischen Rat für Handel und Industrie einberufenen Wirtschaftskonferenz auf angebliche Bestrebungen hingewiesen, die von der „international organisierten Judenheit" ausgingen. (Derartige Tendenznachrichten fanden sich übrigens auch in Wiener Blättern. D. Red.) Demgegenüber stellen die beiden Vorsitzenden des Joint Foreign Committees, Neville Laski und Leonard Montefiore, in einem Brief an den „Manchester Guardian' fest, daß. es ein solches „international organisiertes Judentum" nicht gibt Was die bevorstehende Konferenz anlange, so sei das Joint Foreign Committee des Board of Deputies of British Jews und der Anglo- Jewish Association bezüglich ihrer Einberufung nicht befragt worden. Da aus der Bezeichnung der Konferenz durch den „Manchester Guardian" als „Tagung der internationalen Judenheit" der Schluß gezogen werden könnte, es bestehe irgendeine für eine geschlossene politische Aktion verantwortliche Organisation aller Judenheiten der Welt, wünschten die Unterzeichner des Briefes klarzustellen, daß eine solche Organisation weder bestehe noch daß ihre Bildung beabsichtigt sei. Das Weltgewissen. Das amerikanische Außenamt versichert Bereitschaft zu jeder möglichen Hilfeleistung. In einer Mitteilung des Washingtoner State Department (Außenamt) an Dr. Samuel Shulman wird die Hilfsbereitschaft des amerikanischen Außenamtes in der Frage der deutschen Juden zum Ausdruck gebracht Das unter Leitung Dr. Shulmans stehende Komitee hatte an Präsident Roosevelt ein Schreiben gerichtet, in dem dieser aufgefordert wird, „den Schrei unseres Herzens und das Gebet jedes Juden in diesem Lande zu beachten und in eindrucksvoller Weise zu tun, was Sie für richtig und wirksam erachten, um dem deutschen Volk das große Unrecht zu Bewußtsein zu bringen, das in dem Versuch liegt, 600.000 Deutschen jüdischen Glaubens die bürgerlichen Freiheiten zu nehmen, sie vom Genuß der staatsbürgerlichen Rechte und von dem normalen Gebrauch der Lebensmöglichkeiten auszuschließen.'" „Wir hoffen", heißt es in dem Brief weiter, „daß Sie in Ihrer Weisheit und Ihrer Liebe zu Ihren Nebenmenschen, in Ihrer Anerkennung dessen, was Juden in diesem unseren Lande getan haben, um den Wert des Bürgertums von Männern und Frauen jüdischen Glaubens zu beweisen, die richtigsten Mittel wählen werden und den Einfluß Ihres hohen Amtes und jener hervorragenden Fülirerstellung in der Welt, mit der die Vorsehung Sie gesegnet hat, dazu verwenden, eine frohe Botschaft an die Welt zu richten, die nicht nur für die unsäglich betrübten und beküm- {Feuilleton Die Juden im Fernen Osten. Von Dr. Ruth F. Weiß. (Schluß.) In der Synagoge von Kai-Fung-Fu wurden auch vier steinerne chinesische Inschriften aufbewahrt, die dem 12. bis 17. Jahrhundert angehören und die wichtigsten Daten aus der Geschichte der Juden von Kai- Fung-Fu enthalten. Die älteste und zugleich kürzeste Inschrift aus dem Jahre 1164 lautet: „Der erste Vorfahr der Juden war Adam; unsere Religion wurde durch Abraham begründet, dann kam Moses, der der Vermittler der heiligen Schriften war. Zur Zeit der Han- Dynastie wurde diese Religion in China eingeführt. Im zweiten Jahre der Regierung des Kaisers Hsiao-Tsung (1164) wurde eine Synagoge in Kai-Fung-Fu errichtet Die da Götzen und Bilder als Götter verehren, beten vergeblich zu leeren Phantomen; aber diejenigen, die Schriften achten und befolgen, kennen den Ursprung aller Dinge. Die heiligen Schriften und die ewige Weisheit ergänzen und vervollständigen einander; sie erklären und machen es deutlich, woraus und wie der Mensch geschaffen wurde. Alle Bekenner dieses Glaubens streben nach guten Taten, erfüllen sie und verabscheuen die Sünde". In dieser Inschrift zeigt sich bereits die Durchdringung der jüdischen Religion mit chinesischen Vorstellungen. Moses wird als Vermittler der heiligen Schriften bezeichnet, wie dies Konfuzius von sich sagte, der seinem Volke die Ueberlieferung der mythischen Kaiser klarmachte. Die Ehrfurcht vor der Ueberlieferung entspricht ebenfalls chinesischen Vorstellungen, wie auch der Ausdruck Himmelslade für die Thoralade chinesischer Anschauung entspringt, in der der Himmel das höchste geistige Wesen und gleichsam der Herrscher über den Kosmos ist Die zweite Inschrift ist vom Jahre 1488 datiert und bringt in ausführlicher Beschreibung die jüdischen Gebete und die Festtagsordnung. Es heißt darin: „Wir beten dreimal täglich, morgens, mittags und abends. Beim Beten beugt der Betende seinen Körper, er bringt sein Gebet in stiller Ergebenheit dar, erhebt seine Stimme und wiegt sich währenddessen hin und her. Zuletzt geht er fünf Schritte vorwärts und drei Schritte .zurück, wendet sich zur Rechten und zur Linken, blickt nach oben und unten, um seinen Glauben zu bekunden, daß Gott überall sei. Der Jude ist verpflichtet seine Vorfahren zu ehren und weiht ihnen zweimal jährlich, im Frühjahr und Herbst. Ochsen, Schafe und die Früchte der Jahreszeiten. Vier Tage in jedem Monat werden der Läuterung dem Ansporn zu wohltätigen Handlungen gewidmet. In der vierten Jahreszeit unterwerfen sich die Juden sieben Tage lang ernsten Beschränkungen". Auf die Schilderung des Ritus folgt die Erzählung der Einwanderung der Juden nach China. Als Ursprungsland wird Tien-Tschou (d. h. wahrscheinlich Indien) angegeben. Dies ist die Zeit um 950, da die Juden vom Kaiser in Pien-Lang (dem heutigen Kai-Fung- Fu) angesiedelt wurden. Die Ansprache des Kaisers bei dieser Gelegenheit wird ebenfalls in der Inschrift wiedergegeben: „Einwanderer in China! Bewahret die Sitten eurer Vorfahren und siedelt euch in Pien-Lang an." Der chinesische Kaiser scheint also keine Furcht vor dem „zersetzenden jüdischen Geiste" innerhalb seines Reiches gehabt zu haben, wie dies der Kulturfortschritt des 20. Jahrhunderts tut Aber noch mehr! Die chinesische Inschrift an der jüdischen Synagoge stellt ausdrücklich die Gleichberechtigung des jüdischen Kultes neben den verschiedenen Religionen Chinas fest zumal, da der jüdische Glaube mit den Anschauungen der Konfuzeaner fast gänzlich übereinstimme. Denn auch die Juden verehren den Himmel, wie sie ihre Vorfahren ehren, sie halten an den fünf menschlichen Beziehungen fest die in der konfuzeanischen Lehre eine große Rolle spielen, die das Verhältnis zwischen Fürst und Untertan, zwischen Eltern und Kindern und den Menschen überhaupt regeln. Auch die heilige Schrift der Juden wird mit den sechs kanonischen Büchern der Chinesen in eine Parallele gebracht Es zeigt sich also, daß von beiden Seiten — von den Chinesen sowohl wie auch von den Juden selbst — ein Weg zur innigsten Verständigung der von Haus aus einander fremden Völker gesucht und — was das Wichtigste ist! — auch gefunden wurde. Denn das Bemühen, im fremden Volke nur das eigene Wesensgut zu entdecken, sich also gleichsam in -die1 Seele der Anderen einzuleben, ist der schönste Beweis gegenseitigen Verstehens. Und in dem Maße, wie die Chinesen die fremde Minorität achten und verstehen lernten, trugen sie auch Sorge für die kleine Gemeinde. Im 8. Jahrhundert wurde ein Regierungsbeamter über die Gemeinde in Kai-Fung-Fu eingesetzt, der für ihre Wohlfahrt verantwortlich war. 1163 gab der Kaiser Hsiao-Tsung die Erlaubnis zur Errichtung einer Synagoge. Die Juden erfreuten sich jederzeit der größten Wertschätzung, sie konnten die höchsten Stellen im Staatsdienst erlangen, wie dies auch Matteo Ricci berichtet, da die ihn besuchenden chinesischen Juden den Mandarinknopf auf ihrer Mütze als äußeres Zeichen ihrer Würde trugen. Als Minorität waren sie jedoch nicht imstande, allem Schlimmen, das die Naturgewalten mit sich brachten, auf die Dauer wirksam zu begegnen. Die Synagoge wurde durch Ueberschwemmungen öfters vernichtet mehrere Male auch wieder aufgebaut, aber schließlich war die Gemeinde zu arm, um das Gotteshaus zu erhalten. Auch die Bücher und Manuskripte litten durch Brände und Hochwasserkatastrophen, bis sie durch verschiedene Ankäufe in den Bibliotheken und Museen der ganzen Welt zerstreut wurden. Durch die zu weitgehende Angleichung an die chinesische Umwelt, wie auch durch die zunehmende Verarmung der kleinen Gemeinde in Kai-Fung-Fu verfiel auch das jüdische Wissen immer mehr, sogar die Bräuche wurden nicht mehr-befolgt. Nach der Vertreibung der Missionäre im Jahre 1723 wurden von europäischer Seite verschiedene Versuche unternommen, mit der jüdischen Gemeinde in Kai- Fung-Fu in Verbindung zu treten, die aber meist erfolglos blieben. Auf einen Brief des englischen Konsuls James Finn in Jerusalem kam erst nach 26 Jahren eine Antwort, in der der Verfall der Gemeinde beklagt