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Die Wahrheit · 1933-07-14 · Heft 28 (14.7.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 28 (14.7.1933)
Date
1933-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tBanrhttil Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration; Wien H.t Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparhassenkcnto Wien: A 100.918 Nummer 28 49. Jahrgang Wien, 14. Juli 1933 Parallelen. Sicheren Nachrichten zufolge hat sich die Lage der deutschen Juden in den letzten Wochen wieder wesentlich verschlechtert. Das neue Beamtengesetz hat wieder hunderte jüdischer Menschen auf die Straße geworfen, der Boykott geht mit unverminderter Schärfe weiter, ja er hat sich in einigen Gegenden, so insbesondere im Rheinland, noch verstärkt. Die Ursache all dieser Grausamkeiten ist leicht zu finden. Deutschland genießt nun schon ein halbes Jahr den Segen Hitlerscher Regierungskunst und spürt von dieser Kunst nicht das Geringste. Von all den vielen Versprechungen, die Hitler und seine Mannen vor Antritt ihrer Regierung abgegeben und die sie im Momente der Machtergreifung theatralisch erneuerten, wurde auch nicht eine gehalten. Im Gegenteil, die wirtschaftliche und politische Situation Deutschlands hat sich in diesem halben Jahre sehr verschlechtert, es steht heute vollkommen isoliert da und seine Bewohner leiden schwerste Not. Immer mehr bemächtigt sich Verzweiflung und Erbitterung der irregeführten Massen, eine Stimmung, die auch schon da und dort in Erscheinungen zum Ausdruck kam, die direkt gegen Hitlers Gewaltherrschaft gerichtet waren, so daß dieser Tage Innenminister Fr ick ganz offiziell allen jenen Nazi das Konzentrationslager ankündigte, die weiterhin nicht daran glauben wollen, daß im „Dritten Reich" alles herrlich und wunderbar sei. Was naheliegender, als daß man wieder zu dem Rezept greift, das sich schon so oft bewährte. Der Antisemitismus wird neu entfacht und darf ungehindert in die verdorrten Halme schießen. Ohnmächtig steht die Judenheit diesem mörderischen Treiben gegenüber. Ohnmächtig? Wir können mit Stolz feststellen, daß in diesen Tagen tiefs.ter Erniedrigung dem Judentum eine Hilfe zuteil wurde, wie sie ihm wohl noch selten bewiesen wurde. Hitlers Wüten gegen die deutschen Juden hat in aller Kulturwelt Gefühle des Abscheus und der Anteilnahme ausgelöst, die gerade in den letzten Wochen in erhebender Weise manifestiert wurden. Ein großer Teil unserer heutigen Nummer ist den Berichten über diese Regungen des Weltgewissens gewidmet, das immer aufs neue ein lautes Pfui den Würgern des „Dritten Reiches" in die Ohren schreit. England geht da voran, es hat am vernehmlichsten und häufigsten seine warnende Stimme erhoben und tut dies immer wieder aufs neue. Im englischen Unterhaus sprach der ehemalige britische Außenminister Sir Austen Chamberlain, in der Queens Hall in London in einer riesigen Kundgebung der Erzbischof von Canterbury und in einer Londoner jüdischen Versammlung der berühmte L1 o y d G e o r g e. Sie alle, deren gehaltvolle Reden in dieser Nummer wiedergegeben sind, waren einer Meinung: Das heutige Deutschland verdient nichts anderes als Mißachtung, weil es treuen Staatsbürgern •eine Behandlung zuteil werden läßt, die allen Grundsätzen der Gerechtigkeit widerspricht. Es ist kein Wunder, daß die politischen und geistlichen Führer Englands so reden. Das englische Volk ist stolz auf seine Juden, denen es unendlich viel verdankt, die mitgeholfen haben, England jene Weltgeltung zu erringen, die es heute besitzt. Die englischen Juden hinwiederum sind sich ihrer Mission bewußt, jeder ihrer Schritte ist von klugem Verständnisse für die wahren Notwendigkeiten in dieser schwierigen Situation geleitet. Zwecklose Manifestationen lehnen sie ab, wie die an anderer Stelle veröffentlichte Erklärung des Präsidenten des Joint Foreign Committee Neville L a s k i beweist, der der richtigen Anschauung ist, daß Krieg nicht mit Krieg beantwortet werden muß. In einem ähnlichen, von Hitler heraufbeschworenen Kriegszustand wie die deutschen Juden befindet sich merkwürdigerweise ein deutsches Land, nämlich unser Oesterreich. Auch diesem hat Hitler den Krieg angesagt und führt ihn neuestens mit der modernsten technischen Errungenschaft, dem Rundfunk. Zwischen München und Wien wird hin und her geschossen und die Welt ist Ohrenzeuge dieses Luftkrieges, so wie sie entsetzter Zeuge des mörderischen Kampfes gegen die deutschen Juden ist. Und so wie die Sympathien der Kulturwelt auf der Seite dieser grausam Unterdrückten sind, so hat auch Oesterreich, das Hitler unterjochen will, in den letzten Monaten immer wieder Beweise wachsender Sympathien für seine Unabhängigkeitsbestrebungen erfahren. In der gleichen Sitzung des englischen Unterhauses, in der Sir Austen Chamberlain sich für die deutschen Juden einsetzte, wurde unter lebhaftem Beifall des ganzen Hauses Oester- UNION ÖSTERREICHISCHER 1UDEN Wien IX., Berggasse 4, Telephon A1Q-2.-77, Postsparkassenkonto A-Q.4Ö4 JUDEN ÖSTERREICHS f Die „Union österreichischer Juden" ist die Organisation aller Juden, die auf positiv-religiösem und vaterländisch-österreichischem Boden stehen. Sie ist seit einem halben Jahrhundert stets mit alier Energie für die Erhaltung und Verwirklichung der erkämpften Gleichberechtigung der Juden eingetreten. Sie erfüllt — gestützt auf ihre Verbindungen, Erfahrungen und Erfolge — auch heute diese Pflicht, und dies um so mehr, als die Politik des Nationalsozialismus uns Juden zu einer minderwertigen fremden Rasse herabwürdigt, unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere Existenz bedroht. Wir Juden in Oesterreich haben keinen Grund zur Mutlosigkeit, keinen Anlaß zur Verzweiflung! Das Schicksal der deutschen Juden wird nicht unser Schicksal sein, wenn wir den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft treu bleiben: Wir stehen fest, fester denn je, auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer gebracht haben, in dem wir leben und die Zukunft unserer Kinder begründen wollen. Oesterreich ist unsere Heimat, es soll auch die Heimat unserer Kinder sein! Wir lehnen die Absonderungspolitik ab, welche in unserem Vaterlande von jüdisch-nationaler Seite gerade in den letzten Monaten in besonders verstärktem Maße betrieben wird. Als österreichische Juden wollen wir keine andere rechtliche Stellung als die der andersgläubigen Mitbürger haben, wir wollen keine Sondersteilung, keine Sonderpolitik im Staate, auch keine jüdischr nationale Landespolitik. Denn wir dürfen den ohnedies uns Juden gegenüber bestehenden feindlichen Bestrebungen nicht durch eigenes Verhalten auch nur den Schein der Berechtigung geben. Das Aufbauwerk in Palästina soll zwar mit allen Mitteln gefördert werden, damit dieses Land immer geeigneter werde, Juden, die in ihren Wohnstätten nicht bleiben wollen oder können, eine glückliche Heimstätte zu bieten, die Heimat aber für alle österreichischen Juden, die hier leben und hier leben wollen, ist und bleibt Oesterreich. In dieser ernsten, vielleicht für Generationen entscheidenden Epoche richten wir an alle Juden in unserem Staate, die mit uns eines Sinnes sind, den Appell, unserer Organisation jene moralische und materielle Unterstützung zuzuwenden, deren sie bedarf, um unsere altbewährten politischen Grundsätze mit dem gebotenen Nachdruck nach innen und nach außen vertreten und zum Durchbruch bringen zu können. Tretet bei der „Union österreichischer Juden"! Spendet für den Widerstandsfonds! Prokurist RICHARD BETTELHEIM, Prokurist Dr. ERNST FELDSBERG, Börserat IGNATZ GLÜCK, Univ.-Prof. Dr. M. HAYEKJng. WILHELM KEMPLER, GEZA KLINGER, Reg.-Rat Dr. MAX LENK, Dr. LEONHARD MAIER, Reg.-Rat Dr. HERMANN OPPENHEIM, Präs. Dr. JAKOB ORNSTE1N, Zentraldirektor Ing. I. POLLAK, Dr. PAUL RAUMANN, Börserat EDUARD RECHNITZER, Min.-Rat Ing. FRIEDRICH SCHLÄFRIG, Dozent Dr. HUGO STERN, Dr. KARL STEINER, Dr. MAXIMILIAN STIGLITZ, Dr. JOSEF TICHO.

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