Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 27 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Offene Anfrage an die Regierung. Es wird verschiedentlich behauptet, daß in einer seiner letzten Versammlungen Bundeskanzler Dr. Doli fuß gesagt haben soll, in Oesterreich müsse der jüdische Geist und der jüdische Einfluß ausgerottet werden. Entspricht diese Behauptung, die einen Widerspruch zu den Erklärungen des Bundeskanzlers über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, die er u. a. dem Ausland gegenüber abgab, beinhalten würde, den Tatsachen? Die Ermordung Dr. Arlosoroffs. Die gegen polizeiliche Untersuchung Abraham Stavsky wird energisch fortgeführt Die Polizei glaubt, damit auf der richtigen Spur zur Aufklärung des Verbrechens zu sein. An der Mordstelle wurden Fußspuren gefunden, die dem Fußabdruck Stavskys entsprechen. Wie jetzt bekannt wird, wurde die Untersuchung gegen Stavsky auf Veranlassung seiner Wirtin eingeleitet, die als erste durch eine Anzeige bei der Polizei den Mordverdacht auf Stavsky lenkte. Frau Arlosoroff verbleibt unerschütterlich bei ihrer Ueberzeugung, in Stavsky den Komplicen des Mörders ihres Mannes erkannt zu haben. Als Stavsky ihr zum ersten Mal gemeinsam mit 13 anderen jungen Leuten vorgeführt wurde, wirkte sein Anblick so stark auf sie, daß sie in Ohnmacht fiel. Nach deser Meldung sind die Verdachtsmomente, die für Stavsky als Beteiligten bei der ruchlosen Ermordung Dr. Arlosoroffs sprechen, sehr stark. In einer späteren Nachricht heißt es wohl, daß noch weitere Verhaftungen vorgenommen wurden, allein die Verhaftung Stavskys scheint nun doch — wir sagen dies mit aller nötigen Zurückhaltung — viel Berechtigung gehabt zu haben. Damit ergibt sich auch die Notwendigkeit, uns einmal den Kreis näher anzuschauen, dem dieser Stavsky angehörte, nämlich die Gruppe des Revisionistenführers Achi Meir. Achi Meir, der in der revisionistischen Bewegung eine hervorragende Stellung einnimmt und noch auf der vorjährigen revisionistischen Welt-Konferenz in Wien als „interessante Persönlichkeit" die größte Aufmerksamkeit und viel Beifall erweckte, ist der Vertreter einer ganz unjüdischen Terror-Ideologie. Bisher hat er es darin über einige Bubenstreiche nicht hiuausgebnacht. So war er es, der bei der Antrittsvorlesung Bentwichs an der Jerusalemer Universität Stinkbomben geworfen, bei der Ankunft des englischen Kolonienministers in Tel Awiw vor dessen Hotel Lärmkundgebungen veranstaltet und bei der letzten Volkszählung Juden mit Gewalt von der Teilnahme abhalten wollte. In letzter Zeit hat er sich besonders bei der gewaltsamen Störung des Chag-habikurim-Festes liervorgetan. Dafür saß er immer ein paar Tage im Arrest, um sich nachher stets noch als Märtyrer feiern zu lassen. Wir Oesterreicher kennen aus den traurigen Vorgängen der letzten Wochen diese Methoden, aber nur von den Hakenkreuzlern. In Achi Meirs Zeitung „Chasith Haam" erschien nach der Ermordung des französischen Präsidenten ein Artikel, in dem dessen Mörder Gorgulow gefeiert wurde. Dies war auch der Anlaß, daß einige besonnene Elemente in der revisionistischen Bewegung auf der Wiener Konferenz den Ausschluß seiner Gruppe, zu der auch Wolfgarig Weisl gehört, forderten. Seine Gegner blieben jedoch in der Minderheit. Jabotinsky erklärte in Wien in seiner großen Rede am Abschluß der Generaldebatte, daß auch die Achi-Meir-Gruppe ihre große Bedeutung hätte.;,Keine der außerordentlichen Aktionen", «agte er, vielleicht als vorsichtiger Prophet, „darf aber unter dem Namen der revisionistischen Partei oder des Brit Trumpeldor vor sich gehen; diese müssen weiter auf ihrem legalen Wege bleiben und man dürfe niemandem Handhabe bieten, sie aufzulösen. Darin besteht ja unsere Stärke. Als ich nach den Unruhen vor der Untersuchungskommission aussagte, waren die Gentlemans nicht imstande, irgend eine Teilnahme des Brit Trumpeldors nachzuweisen." Anschließend an diese Worte forderte damals Jabotinsky das Verbleiben des Achi-Meir- Flügels in der revisionistischen Union und setzte diese Forderung noch unter besonderen Druck. ..Anders spiele ich nicht mit." Sehr interessante Betrachtungen stellt der Korrespondent der „Neuen Freien Presse" über die Hintergründe der Ermordung Dr. Arlosoroffs an. Er schreibt u. a.: Seit dem jüdischen Passah-Fest des Jahres 1931 sind mindestens acht Juden Mordanschlägen offensichtlich politischterroristischer Art zum Opfer gefallen. Kein einziges dieser Attentate ist aufgeklärt worden, kein einziger der Schuldigen wurde gepackt oder auch nur identifiziert. Bisher hatte man es auf einfache Soldaten der jüdischen Nationalbewegung abgesehen, auf Bauern aus den armen Dörfern der Esdraelonebene, jetzt ist zum erstenmal einer ihrer Offiziere erschlagen worden. Alle sind sich darüber einig, daß der Zweck aller dieser Verbrechen nur sein kann, die herrschende AtmosphäredesFriedenszu zerstören, ein Gefühl der Unsicherheit und Unruhe hervorzurufen. Die Rechnung ist psychologisch gar nicht schlecht. Denn die Tatsache, daß so viele Morde ungesühnt geblieben sind, kann ein Gefühl der Schutzlosigke^t erzeugen, aus dem die Vorstellung erwächst, daß Selbsthilfe durch Repressalien gegen die vermeintlich Schuldigen die einzige Rettung ist. Das würde dann wieder entsprechende Gegenmaßnahmen seitens der betroffenen Kreise hervorrufen, und so würde das Land in kurzem eine Beute blutiger Anarchie sein. Da die jüdischen Gruppen und auch der Mann auf der Straße dieses Spiel durchschauen, ist es bisher mißglückt. Es kommt hinzu, daß man nicht sicher ist, wo die Schuldigen zu suchen sind. Die einen weisen darauf hin, daß der letzte Mord gerade am Vorabend des Tages begangen wurde, an dem sich zum drittenmal die Hinrichtung der drei einzigen Araber jährt, die für die Greuel von Hebron während der Unruhen von 1929 mit dem Leben büßen mußten. Andere, und ihre Stimmen mehren sich, meinen, daß die ausgezeichnete Organisation der Anschläge auf geschultere Urheber hindeutet, und denken an die Kommunisten. Die Behörden haben die Presse aufgefordert, sich aller Kommentare zu enthalten, um die Untersuchung nicht zu stören und die Gemüter nicht noch stärker anzufachen. Das Wesentliche ist, daß dieser Fall gelehrt hat, wie gefährlich die Unzulänglichkeit der Polizeiorganisation Palästinas ist. Man hat seit den letzten Unruhen alles mögliche reorganisiert. Die Polizeitruppe bekam einen neuen Kommandanten und die Kriminalabteilung einen neuen Chef. Wenn man von der Bildung der englischen Abteilung absieht, ist die Polizei heute noch genau so wie früher zum erdrückenden Teil einseitig aus Arabern gebildet. Und da die Engländer in der Mehrheit die Landessprachen nicht beherrschen, kommt in der Hauptsache der arabische Teil für die Aufklärung von Verbrechen in Betracht. Hier muß die Mandatsverwaltung schleunigst anpacken, ohne bürokratische Hemmungen. Denn man kann ohne Prophetengabe voraussagen: Werden die Urheber der Mordtaten jetzt nicht gefunden, dann war auch Dr. Arlosoroff nichtdas letzteOpfer. Die Polizei von Nazareth hat in Zusammenhang mit dem im vorigen Jahre in Nahalal verübten Bombenattentat, dem der Kolonist Jacobi und sein Sohn zum Opfer fielen, eine neue (die wievielte?) Verhaftung vorgenommen. Es handelt sich um einen Einwohner des Dorfes Sepforia, dessen Hause 3 Bomben gefunden wurden. in Kundgebung gegen den deutschen Rassenhaß. Vergangenen Samstag abends fand im Saale des Bayrischen Hofes eine Kundgebung gegen die deutschen Judenverfolgungen und den dort entfachten Kulturkampf statt die die „Oesterreichische Volkspartei" veranstaltet hat Als erster Redner sprach Hauptmann a. D. Franz Harand, der vom Standpunkte des Oesterreichers das Verhältnis zu den Hakenkreuzlern beleuchtete. Er schilderte das Verhalten der Reichsdeutschen den Oesterreichern gegenüber bis zum Umsturz und gab seine eigenen Erlebnisse an der Front wieder. Unter brausendem Beifall der Versammlung erklärte er, daß der Oesteireicher das Deutschtum nicht so auffasse, daß man gegen Andersgesinnte mit Bomben und Revolver vorgehen müsse. Als der Redner mit dem Ausruf „Heil Oesterreich" schloß, wollte der Beifall kein Ende finden. Das Hauptreferat erstattete Frau Irene Harand. die sich scharf gegen die Judenverfolgungen in Deutschland wendete. Sie erklärte daß sie als gute Katholikin schon von ihrer verstorbenen Mutter das Vermächtnis bekommen habe, die Menschen nicht nach ihrer Abstammung, sondern nach ihren Taten zu würdigen. Der Schwindel liege schon im Warte „Antisemitismus". Die Chaldäer und Assyrier, deren hohe Kultur nach den letzten Ausgrabungen bewunderungswürdig war, sind ebenso Semitenwie die Piuiier. deren Heerführer Hannibal der Schrecken der Römer war. Es sei unwahr, daß die Geschichte der Juden auf Ausbeutung der anderen Völker hinweise. Die Bibliothek der Kirchenväter, die 80 Bände umfaßt, enthält keinen einzigen Anhaltspunkt darüber, daß die Juden bis zum 14. Jahrhundert des Wuchers beschuldigt wurden. Die Angriffe gegen das Judentum waren nur religiöser Art. Erst als man die Juden im Mittelalter gezwungen hatte, mit Geldgeschäften sich zu befassen, gab es jüdische Wucherer. Es handelt sich aber dabei nur um Berufsdelikte, die nichts mit dem Judentum, sondern mit den Geldgeschäften zu tun haben. Auch Christen, die sich mit Geldgeschäften befaßten, sind der Verlockung, ihre Mitmenschen zu übervorteilen, genau so ausgesetzt wie die Juden. (Stürmischer Beifall). Es müsse endlich Schluß gemacht werden mit der Peinigung von Menschen, denen nichts anderes vorgeworfen werden kann, als daß sie einer anderen Menschengruppe angehören. Alan dürfe nicht vergessen, daß die Juden hervorragende Menschen hervorgebracht haben, denen wir alle ohne Unterschied des Glaubens und der. Rasse sehr vieles verdanken. (Brausender Beifall.) Die Menschheit dürfe sich nicht beruhigen, bis nicht- Deutschland den Weg des Rechtes wieder beschritten und den Opfern Nagers Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Eisen & Hönigsber streng orth. -wo (Unter Aufsicht der Adas - Jisroel - Schiffscbul) Wien II., PralerstraBe 33, Telephon R-47-4-49 Menü von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert volle Genugtuung verschafft hat. (Brausender, minutenlanger Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Was sing verlas nun eine Entschließung; die folgenden Wortlaut hatte: ..Die im ..Bayrischen Hol" versammelten Oesterreicher ohne Unterschied des Glaubens erheben schärfsten Protest gegen die scheußlichen Terrorakte in Deutschland. Die gesitteten Nationen dürfen nicht länger schweigen! Deutschland muß vor den Völkerbund zitiert und aufgefordert werden, die Ordnung wieder herzustellen und den Opfern des Rassenfanatismus volle Genugtuung zu gewähren. Der Grundsatz der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates ist bedingt durch die Achtung der Grundsätze der Zivilisation und der Kultur. Als deutsche Staatsbürger haben die Juden im Vertrauen auf die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung jahrzehntelang gearbeitet um sich und ihren Familien eine Existenz aufzubauen. Es geht nicht an. diese Rechte unter Berufung auf den betrügerischen Antisemitismus anzutasten. Keine Macht der Welt darf wohlerworbene Rechte auf Existenz vernichten. Ein Staat, der so vorgeht wie Deutschland den Juden und den politisch anders als die herrschende Partei Gesinnten gegenüber, muß von der zivilisierten Welt in die Schranken gerufen werden. Europa und die übrige Welt machen sich mitschuldig an den Verbrechen, wenn sie weiter schweigen. Die Welt darf nicht zur Ruhe kommen, bevor nicht die Scharlatane, die auf Blut und Terror eine Gewaltherrschaft aufgerichtet haben, vom Schauplatz verschwunden sind. Wir Oesterreicher, die wir aus unmittelbarer Nähe Zeusen der barbarischen Behandlung' der Juden und der Andersgesinnten in Deutschland sind, werden so lange unsere Stimme für die Opfer des Hitlerismus erheben, bis unser Protest erhört und der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Schließlich richten die Versammelten an die ganze zivilisierte Welt die Bitte, endlich diejenigen wirtschaftlichen Maßnahmen durchzuführen, die notwendig sind, damit die Not in der Welt beseitigt und so dem schändlichen Volksbetrug, den das Hitlertum verkörpert, der Boden entzogen wird." Die Versammlung war derart massenhaft besucht daß viele keinen Einlaß mehr finden konnten. Die ..Oesterreichische Volkspartei" beabsichtigt die Entschließung allen zivilisierten Staaten der Welt und dem Völkerbunde zu übermitteln, ebenso die Protestversammlungen so lange fortzusetzen, bis die Verhältnisse in Deutschland sich nicht gründlich geändert haben. Jüdisches Kinderheim am Plattensee für 6- bis 14iährige Knaben und Mädchen, unter Leitung des Religionsprof. Dr. Bernhard Fränkel, Budapest, Teleki-ter 5 Erstklassige Verpflegung, sorgfältigste Aufsicht, freundliches jüdisches Heim. Nähere Auskünfte an obiger Adresse oder bei Frau Blumberger, Wie» I.. Stubenring 18._ ■ ■