Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 27 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Beziehungen zu der Umwelt, aus welcher sie entscheidend beeinflußt wurden, erforschen wollte, übte die Assyriologie die stärkste Anziehungskraft aus. Die inhaltliche und sprachliche Verwandtschaft der durch die Assyriologie entzifferten literarischen Urkunden des alten Orients mit der Bibel wurde augenscheinlich und als zuverlässiger Wegweiser zum Verständnis des kulturellen Hintergrundes der biblischen Welt erkannt. Unter Eberhard Schräders Anleitung bilden dessen Jünger in Berlin den „Akademischen orientalischen Verein", der zur Keimzelle der wissenschaftlich so unendlich fruchtbaren ..Vorderasiatischen Gesellschaft" geworden ist. Hier arbeitet David Feuchtwang neben Hugo Winckler und anderen später berühmt gewordenen Vertretern der Assyriologie. Als Frucht dieser Studien veröffentlicht er vom Jahre 1887 ab mehrere Arbeiten über grammatische und etymologische Untersuchungen in der „Zeitschrift für Assyriologie" (Leipzig) und im „Magazin für die Wissenschaft des Judentums" (Berlin). Manche seiner Forschungsergebnisse wie zum Beispiel in der Abhandlung: „Lexikalisches zur Prisma-Inschrift Tig- Iath-Pilesers 1" (Zeitschrift für Assyriologie V. 90 ff, Leipzig 1890) sind dauernder Besitzstand der „Lexikographie" geworden. Ebenso fand die in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums publizierte Serie von „Assyriologischen Studien" (Jahrgang 1897. S. 193 ff.. S. 385 ff.. S. 577 ff.. Jahrgang 1898. S. 145 ff.. Jahrgang 1905. S. 257 ff.) viel Beachtung. In der gleichen Zeitschrift erschien sein „Moses und Hammurabi" (Jahrgang 1904. 'S. 385 ff). Die Ergebnisse dieser und anderer wissenschaftlicher Studien führte er sodann in populärer Fassung in zahlreichen Aufsätzen einem breiteren Lesepublikum vor. So „Zur Urgeschichte Palästinas" (B. Oe. W. v. 3. VI. 1892), „Babylonische und hebräische Literatur" (Daselbst v. 17. III. 1893). „Die Keilinschriften und das Alte Testament" (daselbst v. 7. VI. 1895). In diesen assyriologischen Studien beschäftigt sich Feuchtwang vorzugsweise mit den Beziehungen zum hebräischen Schrifttum, zur Bibel und zum Talmud. Hier sind es wieder religionsgeschichtliche und rechtskundliche Themen, die ihn besonders anziehen. Im Jahre 1889 behandelt er in der Zeitschrift für Assyriologie „Die HöllenvorsteUungen bei den Hebräern" (IV, S. 41 ff.). Seine „Studien zum babylonischen Rechtswesen" erscheinen am gleichen Orte (V, S. 23 ff. und VI, S. 437 ff.). Sie dienender Vergleichung des alten babylonischen Rechts mit dem talmudischen und wiesen einer späteren Spezialliteratur auf diesem Gebiete die Wiege. Er war auch der erste, der auf die kananäischaramäischen Bestandteile der im ägyptischen Archiv zu Tell-el-Amarna aufgefundenen etwa 300 Keilschriftbriefe hinwies. . , Eil. . Dem Stamme dieses ersten wissenschaftlichen Arbeitsgebietes Feuchtwangs, der Assyriologie. entsprießen zwei Zweige, denen im Folgenden sein Schaffen gilt, der vergleichenden Religiönsgeschichte und Sagenkunde auf der einen Seite und anderseits der Apologetik. Die Resultate der assyriologischen Studien finden ihren Niederschlag in der Erkenntnis der Gemeinsamkeit der kosmischen Vorstellungen bei den Juden und den vorderasiatischen Völkern. Der Auswertung dieser Ergebnisse verdanken wir die tiefschürfende und umfassende Arbeit Feuchtwangs über „Das Wasseropfer und die damit verbundenen Zeremonien" (Monatsschrift für Gesch. u. Wissensch, d. Jdts.. 1910, S. 535 ff„ 713 if., 1911 S. 43 ff.). Diese Arbeit, deren Endresultate dauernden Wert erlangten, fand ihren Nachhall in einer extensiv literarischen Diskussion. Hier ist auch Feuchtwangs Arbeit über den „Tierkreis in der Tradition und im Synagogenritus" (Monatsschr. f. Gesch. u. Wissensch, d. Jdts.. 1915. S. 241 ff.), die astrale Einflüsse auf den Ritus aufzeigt, zu erwähnen. . Bedeutsam und voll origineller Gesichtspunkte sind die „Studien zum Buche Ruth" (Menorah 1926, S. 78 ff.) und „Sabbath" (Dasselbst, S. 487 ff.). Der andere Zweig der Auswertung der assyriologischen Studien Feuchtwangs ist eminent aktueller Natur, er betrifft die durch die Angriffe Franz Deutzscl» auf das Judentum notwendig gewordene Abwehr. Franz Delitzsch veröffet/tHchte seine än Anwesenheit Wilhelms II. gehaltenen Vorträge „Bibel und Babel mit der Tendenz, den Nimbus der Bibel und des Volkes, aus dem sie hervorging, zu zerstören. Mit seinen Arbeiten „Zur Aufklärung über Babel und Bibel (SA. aus den Monatsblättern des wissenschaftlichen Klubs in Wien. XXIV. Jahrg.. Jahrg. 1903) und „Bibel und Babel" (B. Oe. W. v. 6. III. 1902) griff Feuchtwang als erster in Oesterreich jüdischerseits in den damals Aufsehen erregenden wissenschaftlichen Streit ein. Er stand dieserhalb in Korrespondenz mit seinem alten Lehrer Eberhard Schräder und mit Julius Oppert in Paris, der dort in die Originalinschriften Einsicht nahm, auf welche sich Franz Delitzsch in seinen Vorträgen berufen hatte. Diese apologetischen Arbeiten Feuchtwangs fanden in der wissenschaftlichen Welt allgemeine Würdigung und Anerkennung. Nochmals hielt Feuchtwang mit Delitzsch gründlich Abrechnung in seinem Aufsatz „Die große Täuschung. Ein neues Buch von Franz Delitzsch" (Freie jüd. Lehrerstimme 1920, S. 49 ff.). Aus der großen Zahl der bibelexegetischen Arbeiten Feuchtwangs seien hervorgehoben: „Interpretationsstudien" (1906). „Genesis XXIV" (Jeschurun. 1921). ..Bibeflwissenschafflliche Irrungen" (Freie jüd. Dehrerstimme 1916. S. 61 ff.), die den konservativen Standpunkt in der Bibelforschung vertreten. Mit einem klassischen Bibelkommentator befaßt sich seine Arbeit ..Einige Bemerkungen zu Aben Esra. dem Historiker (Mag. f. d. Wissensch, dl Jdts.. Berlin 1890). Auf dem Gebiete der Talmudforschung veröffentlichte Feuchtwang Abhandlungen exegetischer und halachischer Natur. So unter anderem „Noch einmal die erste halachische Kontroverse" (Monatsschrift für Gesch. u. Wissensch, d. Jdts.. 1894. S. 385 ff. und S. 433 ff.). ..Erklärung einer Talmudstelle" (Daselbst, 1895, S. 693 ff.). „Der Zusammenhang der Mischna im Traktat Edujoth" in der Festschrift zum 70. Geburtstage David Hoffmanns. Berlin 1914. Der jüdjschen Geschichte dienen Aufsätze wie ..Zur Geschichte der Juden in Oesterreich" (Isr. Monatsschrift Berlin 1888, Nr. 50) und vor allem die im Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann erschienenen „Epitaphien mährischer Landes- und Lokalrabbiner von Nikolsburg" (Breslau 1900). sowie „Märtyrergräber in Nikclsburg" (Monatsschrift f. Gesch. u. Wissensch, d. Jdts.. 1903. S. 356 ff.) und „Nikolsburger Epitaphien" (Mitteilungen zur jüd. Volkskunde 1907, Heft I.). Dankenswerte Beiträge zur jüdischen Geschichte sind auch die teils auf historischen Forschungen beruhenden und. soweit sie Zeitgenossen betreffen, aus persönlicher Kenntnis des Behandelten hervorgegangenen biographischen Publikationen Feuchtwangs. In erster Reihe „Der Rabbi von Rothenburg" (Freie jüd. Lehrerstimme 1912). Diese Skizze wurde in dem Novellenbande „Volk des Ghetto" (München. Georg Müller. 1916) nachgedruckt. Dann in der Adolf Schwarz-Festschrift erschienene Abhandlung über „Markus Benedikt" (Rabbi Mordechai Benet). Wien 1917. Ferner R. Israel Hildesheimer (1890), Dr. Moritz Steinschneider (1896). R.Woli Isak Dünner (1900). R. S. Hurwitz (1900). R. Samu Low (1907), Eberhard Schräder (1908). Lektor Meir Friedmann (1908). Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl (1903), Hofrat Dr. H. v. Müller (1913). Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Jakob Bar (1914). Prof. Dr. Abraham Berliner (1915). Dr. Gustav Kohn (1915), Moritz Güdemanns Anteil an der Wissenschaft des Judentums (Monatsschrift für Gesch. und Wissensch, d. Jdts.. 1918. S. 161 ff.). Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann (1918). Prof. Wilhelm Jerusalem (1923) und Chajes (Die Stimme. 1928). Es versteht sich von selbst, daß Dr. Feuchtwang, der durch fast drei Jahrzehnte die Inspektion des Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotcnkreuzgasie 3 Tel. A4S-5-37 jüdischen Religionsunterrichtes an den mittleren und höheren Lehranstalten Wiens leitete und in den Lehrerkonferenzen den Vorsitz führte, seine Auffassung pädagogischer Probleme in einer größeren Anzahl von Abhandlungen und Zeitungsaufsätzen niederlegte. Vom Kanzelredner'. Dr. Feuchtwang künden die vier Bände klassischer ..Kanzelreden" (Wien 1900 bis 1906). die eine wesentliche Bereicherung der homiletischen Literatur darstellen. Diese und eine große Anzahl einzeln erschienener Predigten sind ihrer Aktualität halber ein oft charakteristisches Spiegelbild der Zeitgeschichte. Unzählig sind die von Dr. Feuchtwang veröffentlichten Kritiken und Besprechungen bedeutsamerer Neuerscheinungen judaistischen Inhaltes. Aufsätze und Abhandlungen Feuchtwangs über Fragen der Religionsphilosophie. der Ethik, des jüdischen Rechts und vieler anderer Gebiete der jüdischen Kultur sind in zahlreichen jüdischen Zeitschriften verstreut. Es gibt wohl kaum ein wichtigeres Ereignis im Leben des jüdischen Volkes in den letzten 40 Jahren, zu dem Dr. Feuchtwang nicht in Wort und Schrift Stellung genommen hätte. Der neue Wiener Oberrabbiner kann wahrlich auf ein vollgerüttelt Maß literarischen Schaffens zurückblicken, bei dem das Ouantum niemals das Quäle erdrückt hat. Möge das neue, hohe Amt ihm auch zur Fortsetzung seiner literarischen Produktivität Muße und Kraft geben. Oberrabbiner Dr. Israel Taglicht. Die hervorragende Persönlichkeit Dr. Taglichts ist in diesen Blättern erst vor Jahresfrist — anläßlich seines 70. Geburtstages — von seinem Freunde Reg.-Rat B. Wachstein gebührend gewürdigt worden. Aus diesem Aufsatze bringen wir nachstehend folgende Stellen, die Wesen und Schaffen des allseits hoch Verehrten ausgezeichnet charakterisieren: Taglicht hat sein jüdisches Wissen nicht nur aus einer modernen Rabbinerschule geschöpft. Bevor er noch nach Berlin kam, hatte er, ein Sohn frommer Eltern aus der Slowakei, bereits den alten Geist der Jeschiboth seiner Heimat in sich aufgenommen. Der Ausgestaltung und Ausnützung dieses Wissens galt auch später seine freie Zeit. Insbesondere sind es talmudischarchäologische Themen, die sein. Interesse erweckten. Die eine oder die andere kleine Studie ist durch den Druck bekannt geworden. Vieles ruht im Schreibtisch nach dem alten Grundsatz: nonum prematur in annum. Trotz seiner Zurückhaltung in der Veröffentlichung seiner Erzeugnisse — er folgt hierin dem Beispiel der Gelehrten der älteren Generationen — verdankt ihm die Historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde, deren Leitung er angehört, zwei belangvolle Arbeiten: Die Hebräische Publizistik II. Teil und die Nachlässe der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert, welch letztere Arbeit nicht nur für die Geschichte der Wiener Juden von Wert ist, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Finanz- und Wirtschaftsgeschichte dieses Zeitabschnittes darstellt. Aber die Leistung, die intellektuelle gleichwohl wie die ästhetische und auch die praktische, fließt wohl aus der Persönlichkeit, erschöpft sie ( Ll81I*B\l> KHK- WEf© BÄ2>EAISSTA]LT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen — Original RUSSlSdieS Dampfbad mit ==? Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. _Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 aber nicht. Seine feinkultivierte Lebensart, seine Wahrheitsliebe, seine Bescheidenheit und seine unermüdliche karitative Tätigkeit, von der man sagen kann, daß sie lischmoh, nur um der Sache willen, erfolgt, sind Qualitäten, die besonders in unserer verworrenen Zeit ein Gefühl der Erhebung in uns bewirken. Möge es Dr. Taglicht beschieden sein, in seelischer Ruhe und Frische sein segensreiches Wirken noch lange fortzusetzen. Dr. Israel Taglicht wurde am 9. März 1862 in Brezova geboren. Nach Absolvierung der Schule in seiner Heimat besuchte er die Jeschiba in Verbo unter Leitung des Rabbiners Koppel Reich, des späteren Führers der ungarischen Orthodoxie, und die Jeschiba in Szered unter Rabbiner Moses Fuchs, einem der scharfsinnigsten Talmudisten seiner Zeit. Von diesem erhielt er beim' Abgange 1879 den „Chaber". Hierauf ging er zur Vervollkommnung seiner Studien nach Berlin. Nach Absolvierung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der Universität erlangte er auf Grund seiner Dissertation „Die Kuthäer als Beobachter des Gesetzes" 1888 den Doktorgrad. 1889 zum Rabbiner autorisiert, trat er im Juli desselben Jahres das Rabbinat in Ungarisch-Ostra an. 1893 wurde er zum Rabbiner des Tempelvereines für die Bezirke VI und VII in Wien gewählt. 1914 wurde er von der Gemeinde zum Rabbiner für die Bezirke XII bis XV berufen. Gleichzeitig wurde ihm eine Inspektorstelle für den Religionsunterricht an Mittelschulen übertragen. Seit einigen Jahren liest er an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt und am Beth-Hamidrasch. Ein Verzeichnis seiner selbständig gedruckten Schriften sowie der Sonderdrucke ist in „Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Zukunft", herausgegeben von Hugo Gold, S. 568, veröffentlicht. Das Weltgewissen. Arbeitsvermittlung für jüdische Auswanderer aus Deutschland. — Ein Beschluß der Internationalen Arbeitskonferenz. Die internationale Arbeitskonferenz hat mit 80 gegen die 2 Stimmen des portugiesischen Regierungsvertreters und des finnischen Arbeitgebervertreters folgende Resolution angenommen: „Infolge der politischen Umwälzungen, die kürzlich in Deutschland eingetreten sind, waren zahlreiche Personen, deren Anzahl in die Tausende geht, gezwungen, das Land zu verlassen. Tatsächlich sind unter der neuen Ordnung deutsche Bürger infolge der Rassenunterscheidungen entweder nicht in der Lage, ihre Arbeit auszuüben, oder ihrer Beschäftigung beraubt worden. Da sie auf diese Weise dem Elend ausgesetzt sind, ist ein großer Teil bereits ins Ausland geflüchtet, während die anderen diesem Beispiel zu folgen versuchen. Angesichts dieser Tatsachen sind für die angrenzenden Länder, in die sich der Strom dieser Flüchtlinge ergießt, schwere Rückwirkungen zu erwarten. Die überall ungesunde Arbeitsmarktlage verschärft sich immer mehr und es ergibt sich für diese Länder ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit, die die Internationale Arbeitsorganisation zu bekämpfen bemüht ist. Da das Internationale Arbeitsamt sich unter ähnlichen Voraussetzungen schon mit der Möglichkeit der Arbeitsvermittlung für russische und armenische Flüchtlinge zu befassen hatte, ersucht die Konferenz den Verwaltungsrat, das Internationale Arbeitsamt zu beauftragen, die notwendigen Untersuchungen durchzuführen, ohne sich indessen in die inneren Angelegenheiten, die der deutschen Staatshoheit zustehen, einzumischen, um die in Rede stehenden deutschen Flüchtlinge in den verschiedenen Ländern unterzubringen, ohne Schaden für die Volkswirtschaft der betreffenden Länder. Die Konferenz beschließt ferner, diese Entschließung dem Völkerbund zu unterbreiten." Der Schluß des Feuilletons .Juden Im Fernen Osten" erscheint aus Raumgründen in unserer nächsten Nummer.