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Die Wahrheit · 1933-07-07 · Heft 27 (7.7.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 27 (7.7.1933)
Date
1933-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 hatten das Zentrum und die bayrische Volkspartei eine besonders wichtige Schlüsselstellung und auf Grund derselben auch wiederholt die Führung durch hervorragende Staatsmänner inne, deren bedeutendster wohl Brüning gewesen. Welcher Sturz seit diesen glänzenden Tagen! Nun ist, nachdem die bayrische Volkspartei schon verschwunden ist, auch das Zentrum so weit, sich durch Selbstauflösung sein eigenes Grab zu schaufeln. Es wurde zu dieser schimpflichen Maßnahme gezwungen, mitbrutalerGewalt gezwungen, in den letzten Wochen verging kein Tag, da nicht der Draht neue Ver«- folgungen katholischer Politiker, Geistlicher und Anhänger zu melden wußte. Systematisch ging diese Hetze vor sich, Hand in Hand mit der Machtergreifung bei der protestantischen Kirche und da diese „gleichgeschaltet" war, sollte auch die politische Organisation des katholischen Deutschland zum Haken-Kreuze kriechen. So wie Goebbels es sagte: „Wenn ich dem Zentrum einen guten Rat geben darf, so ist es der, daß es gut tun würde, wenn es seinen Parteiladen selbst zumachen würde. Die nationalsozialistische Staatsführung wird den Experimenten des Zentrums nicht mehr lange mit verschränkten Armen zusehen. Wahrscheinlich sind die katholischen Interessen bei uns in besserer Hand als beim Zentrum. Wenn wir das Zentrum aus der Welt der Politik entfernen, dann werden wir der Kirche nur einen Dienst erweisen, für den sie uns einmal dankbar sein wird. Wirdulde nnebenunskeine Partei, eine Partei genügt vollständig. Der Weg zum Totalstaat wurde jetzt beschritten und der wird bis ans Ende gegangen. Pardon wird nicht gegeben!" Es ist von ungeheurer Tragik, was sich da vor unseren entsetzten Augen abspielt. Daß Juden verfolgt werden, das hat man erwartet, daß für diese „Schädlinge" kein Pardon gegeben wird, das hat man befürchtet. Daß aber auch staatstreuen Parteien, die diesen Staat in schwersten Zeiten ausgezeichnet gelenkt, das Wort entgegenschallen wird: Pardon wird nicht gegeben, das ist ein Höhepunkt der Grausamkeit, die alle erschüttern muß, auch uns Juden. Nicht nur deshalb, weil die Beziehungen zwischen Zentrum, das im Gegensatz zu seinen österreichischen Gesinnungsgenossen stets judenfreundlich eingestellt war, und Judentum immer die denkbar besten waren und von Seite dieser katholischen Organisation oft und oft Beweise ehrlichen Verständnisses für jüdische Art erfolgten, sondern auch, weil es uns zu tiefst berühren muß, wie die Herrschsucht der neuen deutschen Machthaber vor nichts Halt macht, auch nicht vor dem Bollwerk einer religiösen Organisation. Dem Judentum galt der Kampf als Rasse, dem Zentrum als religiöser Partei. Alles soll dem Moloch „Nationalsozialismus" geopfert werden. Hoffentlich sehen jene in unserem Staate, die dem niedergerungenen Zentrum gesinnungsverwandt sind, wohin der Weg der braunen Pest führt, und werden allen Friedensschalmeien zum Trotze nicht künftige Henker zu Kompagnons machen. o. h. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Lösung der Wiener Rabbinerfrage. Die amtliche Mitteilung: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat in seiner Plenarsitzung vom 28. Juni 1933 beschlossen, den bisherigen Gemeinderabbiner mit dem Amtssitze im 18. und* 19. Bezirk, Dr. David Feuchtwang, zum Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Rabbiner am Stadttempel in der Seitenstetteng a s s e zu ernennen. Gleichzeitig wurde der Gemeinderabbiner Dr. Israel Taglicht, der bisher seinen Amtssitz im 12. bis 15. Bezirk hatte, unter Verleihung des Titels „0 b e r r a b b i n e r" zum Rabbiner am Großen Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse ernannt. Es wurde ferner der am Vereinstempel im 9. Bezirk wirkende Rabbiner Dr. Artur Zacharias Schwarz zum wirklichen Gemeinderabbiner bestellt und ihm, unter Beibehalt der Funktionen im 9. Bezirk, als Amtssitz der Gemeindetempel im 18. Bezirk zugewiesen. Der neue Oberrabbiner. Von einem Mitgliede des Kultusvorstandes erhalten wir die nachstehende Zuschrift: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien hat am 28. Juni 1. J. Seine Ehrwürden, Herrn Rabbiner Dr. David Feuchtwang zum Oberrabiner gewählt. Ueber alle Parteigegensätze hinweg hat der Kultusvorstand seine Pflicht erfüllt und den Oberrabbiner einstimmig gewählt. In diesen für uns Juden so ernsten Zeiten wollten auch diejenigen Kultusvorsteher, die mit der politischen Einstellung des gegenwärtigen Oberrabbiners nicht einverstanden sind, durch ihr Votum beweisen, daß in wichtigen Fragen des Judentums, wie es die Wahl des obersten Seelenhirten einer der größten Judengemeinden Europas ist, P a r t e i g e g e n s ä t z e zurückgestellt werden sollen und müssen. Es wurde uns nun eine gewaltige Enttäuschung bereitet, als in der „Neuen FreienPresse" vom 1. d. M. ein Gespräch mit dem Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang wiedergegeben wurde, das dem Thema „Volkstum und Religiosität" galt. Aus diesem ■Ii Gespräch sei hier folgendes zitiert: „. . . Eine innige Verflechtung von jüdischem Volksbewußtsein und jüdischer Religiosität scheint mir eine geschichtliche Notwendigkeit zu sein . . ." „. . . Auch bin ich keineswegs so einseitig, um diejenigen, die keine Zionisten sind, als Gegner zu empfinden." Der neue Oberrabbiner will uns nichtnationalen Juden zubilligen, uns nicht als Gegner zu betrachten. Er übersieht dabei, daß er Oberrabbiner aller Juden ist, daß alle von ihm daher mehr erwarten dürfen, als nur „nicht als Gegner empfunden zu werden". Wenn er dalier vornehmlich besorgt sein wird, als Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde die nationalen Bestrebungen zu fördern, weil nach seiner in seinem Gespräch weiter geäußerten Meinung „der Nationalismus die Zugkraft der Religiosität" ist, dann können wir uns damit keinesfalls einverstanden erklären. Die Mehrheit der Wiener Judenschaft ist zweifellos unserer Meinung, daß die Religiosität allein, ohne nationale Unterlagen im modernen Sinne, das ewig Bleibende III ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E pPF #8 S.*« #v TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE, DECHEN NUR I.,DAl)ERMMÄRI4TI2-14 sein wird. Es wäre daher besser gewesen, die in der „Neuen Freien Presse", dem „Neuen Wiener Journal" und dem „Wiener Tag" angeführten Gespräche zu unterlassen, um die Differenzen, die innerhalb der Judenschaft bestehen, wenigstens in diesen Zeiten nicht zu unterstreichen. Der Kultusvorstand hat diesbezüglich seine Pflicht getan .. .! Religionsyolk. (Aus einem in der „Blochschen Wochenschrift" im Jahre 1918 veröffentlichten Artikel des Oberrabbiners Dr. D. Feuchtwang.) Wer nicht „jüdischnational" ist, ist kein Jude! So rief mir jungst ein junger Heißsporn zu. Ich nahm ihm das nicht übel. Ich hätte ihm antworten können: Wer nicht gerecht und parteilos urteilt, ist kein einwandfreier Mensch. Ich habe das nicht getan, denn er hätte mich nicht verstanden. Woher aber diese Verirrung? Sie hat, wie so viele Uebel, ihre Wurzel in Unkenntnis und Mißverständnis. So wie dieser naive Eiferer denken und sprechen viele tausende Juden. Viele meinen es ehrlich. Alle haben den ernsten Willen, für Juden und Judentum positive Arbeit zu leisten, und viele Tausende haben sie bereits geleistet. Und dennoch ist ihr Standpunkt ebenso ungerecht als unsinnig. Es gibt wohl keinen logisch denkenden Juden aut der Welt, der nicht zugibt und fühlt, daß wir Juden, um mit Herzl zu sprechen, ein V o 1 k, e i n Volk sind. Und doch sind wir keine Nation wie andere Nationen. Unser Volksein ist nicht national-politisch, nicht völkischstaatlich betont, unser Vo 1 ksein ist sittlich-religiös, kulturell begründet. Wir sind ein Volk durch eine Idee und für sie. Und diese Idee ist nicht der Begriff „Nation" im Sinne aller Nationen der Welt, sondern im Geiste der Heiligen Schrift und aller derjenigen, welche ihre Träger, Lehrer und Verwirklicher gewesen sind. Wir sind über den Nationbegriff der anderen Nationen hinausgewachsen. Mitglieder und Freunde der „Union" ^JBtSädSE Sommermonate jeden Donnerstag, ab Vs8Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger II., Äusstellungsstraße (Straßenbahn~Hältestelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. OHIIIHJM^^ Oberrabbiner Dr. David Feachtwang. Ein Bild seines literarischen Schaffens. Von Studienrat Prof. Dr. M. Rosenfeld. Der Nachfolger H. P. Chajes im Wiener Oberrabbinat ist der jüdischen Oeffentlichkeit nicht unbekannt. Sein zehnjähriges. Wirken an seiner Heimats- Kemednde Nikolsburg. wo er seinem gelehrten, besonders als gediegener Philokenner bekannten Vater. Dr. Meir Feuchtwang, im Rabbinate folgte, mehr noch die drei Jahrzehnte seiner segensreichen Tätigkeit in- Wien gaben Gelegenheit genug, die bedeutsame Persönlichkeit des neuen Wiener Oberrabbiners kennenzulernen. Der hohe Ernst seiner Auffassung des Berufes eines religiösen Führers im jüdischen Volke, der Ruf seiner Meisterschaft auf der Kanzel sowie seines vielgestaltigen karitativen Wirkens wird gekrönt von einer in unserer so überaus skrupellos „sachlichen" Zeit ganz ungewöhnlichen Vornehmheit und Konzilianz im Umgang mit jedermann. Auch wenn auf seine Selbstlosigkeit, in der er seines großen Vorgängers so durchaus würdig ist. auf seine so unerhört opferbereite, vielbewährte Friedensliebe verwiesen würde, hieße dies nur, Eulen nach Athen tragen. Um es kurz zu sagen: Eine Schilderung der reichen Verdienste Dr. Feuchtwangs in den vier Dezennien seines öffentlichen Wirkens als Rabbiner, Redner. Seelsorger und Schulmann erübrigt sich hier ganz und gar und ist darum hier auch nicht beabsichtigt Dasjenige, wovon in diesen anspruchslosen Zeilen die Rede sein soll, sei der Versuch eines Hinweises auf die bisherigen wissenschaftlichen und literarischen Leistungen des Oberrabbiners Doktor Feuchtwang. Mit der Darstellung dieser seiner arbeitsreichen und verdienstvollen Tätigkeit sei erhärtet, daß mit der Berufung Dr. Feuchtwangs :n das Wiener Oberrabbinat die Kontinuität in der Reihe der glanzvollen Repräsentanten des Judentums, die von hier aus gewirkt haben, gewahrt ist. Die Zeit, in welcher David Feuchtwang die Universität bezog, war die der ersten großen Erfolge der modernen assyriologischen Forschung. Auf den jungen Studenten, der das Judentum und seine Quellen in ihren

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