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Die Wahrheit · 1933-07-07 · Heft 27 (7.7.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 27 (7.7.1933)
Date
1933-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen v Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgememde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 7. Juli 1933 Nummer 27 Totalität". 99 Wir wollen einmal die Geschehnisse im „Dritten Reiche" nicht subjektiv betrachten. Gewiß, es ist nur natürlich, wenn wir das, was im Nachbarlande vor sich geht, mit jüdischen Augen sehen, wenn wir vor allem nur das erblicken, was unseren deutschen Brüdern an Kummer und Leid dort angetan wird. Es wäre absurd, wenn nicht die Not der deutschen Juden dasjenige wäre, was uns am meisten bewegt, und wir können mit Stolz feststellen, daß nicht wir Juden allein es sind, die von diesen Dingen erschüttert werden. Die machtvolle christliche Kundgebung, die in der Vorwoche in London stattfand, beweist, daß auch die wirklich christlich empfindende Menschheit entsetzt ist über das Unrecht, das den deutschen Juden zugefügt wurde. Bildfläche verschwanden, als Hitler an die Macht kam, erscheint selbstverständlich. Daß auch die Sozialdemokraten an die Herrschaftsgelüste des neuen Usurpators glauben mußten, wird man noch hinnehmen, obwohl man sich immer wieder verwundert fragen muß, wieso diese ehedem so machtvolle Partei so schmählich zusammenbrechen konnte. Viel verwunderlicher ist das politische Hinscheiden jener Parteien und Männer, die Hitler in den Steigbügel geholfen haben. Die deutschnationale Partei ist nicht mehr, Hugenberg, ihre letzte Säule, hat nach manchem Hin und Her abgedankt und so herrscht der National Sozialist Hitler unumschränkt auch über diese kapitalistische Organisation. UNION ÖSTERREICHISCHER 1UDEN Wien IX., Berggasse 4, Telephon A10-2-77, Postsparkassenkonto A-Q.464 JUDEN ÖSTERREICHS? Die „Union österreichischer Juden" ist die Organisation aller Juden, die auf positiv-religiösem und vaterländisch-österreichischem Boden stehen. Sie ist seit einem halben Jahrhundert stets mit aller Energie für die Erhaltung und Verwirklichung der erkämpften Gleichberechtigung der Juden eingetreten. Sie erfüllt — gestützt aui ihre Verbindungen, Erfahrungen und Erfolge — auch heute diese Pflicht, und dies um so mehr, als die Politik des Nationalsozialismus uns Juden zu einer minderwertigen fremden Rasse herabwürdigt, unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere Existenz bedroht. Wir Juden in Oesterreich haben keinen Grund zur Mutlosigkeit, keinen Anlaß zur Verzweiflung! Das Schicksal der deutschen Juden wird nicht unser Schicksal sein, wenn wir den alten Traditionen der österreichischen Judenschaft treu bleiben: Wir stehen fest, fester denn je, auf dem Boden dieses Staates, dessen Schicksal wir seit Jahrhunderten in Leid und Freud geteilt und für den wir allezeit gerne Opfer gebracht haben, in dem wir leben und die Zukunft unserer Kinder begründen wollen. Oesterreich ist unsere Heimat, es soll auch die Heimat unserer Kinder sein! Wir lehnen die Absonderungspolitik ab, welche in unserem Vaterlande von jüdisch-nationaler Seite gerade in den letzten Monaten in besonders verstärktem Maße betrieben wird. Als österreichische Juden wollen wir keine andere rechtliche Stellung als die der andersgläubigen Mitbürger haben, wir wollen keine Sonderstellung, keine Sonderpolitik im Staate, auch keine jüdischnationale Landespolitik. Denn wir dürfen den ohnedies uns Juden gegenüber bestehenden feindlichen Bestrebungen nicht durch eigenes Verhalten auch nur den Schein der Berechtigung geben. Das Aufbauwerk in Palastina soll zwar mit allen Mitteln gefördert werden, damit dieses Land immer geeigneter werde, Juden, die in ihren Wohnstätten nicht bleiben wollen oder können, eine glückliche Heimstätte zu bieten, die Heimat aber für alle österreichischen Juden, die hier leben und hier leben wollen, ist und bleibt Oesterreich..., :.. . In dieser ernsten, vielleicht für Generationen entscheidenden Epoche richten wir an alle Juden in unserem Staate, die mit uns eines Sinnes sind, den Appell, unserer Organisation jene moralische und materielle Unterstützung zuzuwenden, deren sie bedarf, um unsere altbewährten politischen Grundsätze mit dem gebotenen Nachdruck nach innen und nach außen vertreten und zum Durchbruch bringen zu können. Dennoch soll heute einmal nicht von jüdischem Leid gesprochen werden, das, wie die letzten Nachrichten beweisen, immer größer wird. Denn immer ausgedehnter — siehe das neue Beamtengesetz! — wird die Organisation des „kalten Pogroms", der die deutsche Judenheit dem Untergange weihen soll. Die Machthaber des „Dritten Reiches" haben aus ihrer Judenfeindschaft nie ein Hehl gemächt. Seit dem Tage, da sie als winziges Häuflein in München ihre nun zum Siege gelangte Bewegung aufmachten, haben sie ihr „Juda verrecke!" so laut in alle Welt geschrien, daß niemand an der „Ehrlichkeit" dieser blutrünstigen Gesinnung zweifeln konnte."Man hat daher erwartet, daß in dem Moment, da sie zur Herrschaft gekommen sind, auch für die deutsche Judenheit schwere Tage anbrechen würden. Was man nicht erwartet hat, weil auch die Hitlerianer dem „Volke der Dichter und Denker" angehören, war die Barbarei, mit der diese Menschen an ihr abscheuliches Werk gingen, eine Barbarei, die die gesamte Kulturwelt als solche erkennt, nur die -Würger selbst nicht wahr haben wollen. Erst kürzlich erklärte Alfred Rosenberg bei einer großen Kundgebung gegen den Friedensvertrag von Versailles: „Wir haben nicht ein ganzes Volk (das Judentum) diskriminiert, sondern nur Gerechtigkeit und Parität h.e r g e s t e 111. Es handelt sich hier nicht um eine sogenannte Judenverfolgung, sondern nur um Gerechtigkeit der deutschen Nation gegenüber". „Parität", das ist auch so eines aus dem großen Fremdwörterschatz der neuen deutschen Recken, die, wie so vieles andere, auch die deutsche Sprache reinigen wollten, sie aber nur durch den reichlichen Gebrauch von Fremdworten verunzieren. Eines dieser in der letzten Zeit oft angewendeten Fremdworte ist der neueste Begriff des „Dritten Reiches": „Totalität". Darunter verstehen die Herren Deutschlands das Bestreben, ihre nationalsozialistische Partei allmächtig werden zu lassen, ihr allein den politischen Boden zu verschaffen. Diesem Bestreben sind nun schon alle deutschen Parteien geopfert worden. Daß die Kommunisten sofort gewaltsam von der Tretet bei der „Union österreichischer Juden"! Eine Partei trotzte bis zum letzten Atemzuge der gewaltsamen Sucht nach „Totalität": Das Zentrum und ihre bayrische Schwesterpartei, die bayrische Volkspartei. Wer die Geschichte des neueren Deutschland kennt, weiß, welche Bedeutung diese beiden hervorragenden politischen Organisationen des katholischen Deutschland bis vor kurzem besaßen. Obwohl in Deutschland nur ein Drittel der Bevölkerung katholisch ist, haben es die bewährten Führer dieser Organisationen verstanden, ihren Parteien eine Geltung zu verschaffen, der das protestantische Deutschland, das niemals ähnlich in einer politischen Organisation vereinigt war, kein Paroli bieten konnte. In der deutschen Republik Spendet für den Widerstandsfonds! Prokurist RICHARD BETTELHEIM, Prokurist Dr. ERNST FELDSBERG,Börserat IGNATZ GLÜCK, Univ.-Prof. Dr. M. HAYEK.Ing. WILHELM KEMPLER.GEZA KLINGER, Reg.-Rat Dr. MAX LENK, Dr. LEONHARD MAIER, Reg.-Rat Dr. HERMANN OPPENHEIM, Präs. Dr. JAKOB ORNSTEIN, Zentraldirektor Ing. I. POLLAK, Dr. PAUL RAUMANN, Börserat EDUARD RECHN1TZER, Min.-Rat Ing. FRIEDRICH SCHLÄFRIG, Dozent Dr. HUGO STERN, Dr. KARL STEINER, Dr. MAXIMILIAN STIGLITZ, Dr. JOSEF TICHO.

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