Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 26 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-J- DIE WAHRHEIT Seite 7 1929 zum Tode verurteilt worden waren, fand in Akko eine von den Istaklalisten veranstaltete Kundgebung statt, bei der aufreizende judenfeindliche Reden gehalten wurden. Nach Versammlungsschluß fand ein Zug zu den Gräbern der Hingerichteten statt. Aus Nablus berichtet „Falastin", daß am Jahrestage der Hinrichtung die Schüler der arabischen Regierungs- und Privatschulen einen Proteststreik veranstalteten. Die arabischen Tageszeitungen sind mit Trauerrand erschienen. Die arabische Exekutive hat einen Aufruf erlassen, in dem die Hingerichteten als ,.Symbol der Hingabe und des Unabhängigkeitsstrebens" und als „unsterbliche Kämpfer für die Freiheit" gefeiert werden. Auch die kommimische Partei Palästinas hat einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie die Unruhen von 1929 als nationale Erhebung gegen Imperialismus und Zionismus verherrlicht. Sewidktssaat Nein, koscher ist er nicht. Nämlich der Herr Frauenfeld, der sich dieser Tage — spät genug — vor dem Presserichter Dr. Standhartinger von den Anschuldigungen reinzuwaschen versuchte, die die „Arbeiter- Zeitung" gegen ihn im Zusammenhange mit seinem Aufenthalt im Rothschildspital erhoben hatte. Diese Reinwaschung gelang ihm nur zum kleineren Teil. Es wurde festgestellt, daß Herr Frauenfeld nicht koscher ist. Dazu hätte es erst keiner richterlichen Entscheidung bedurft. Koscher bedeutet rein, und das, was Herr Frauenfeld tut, hat mit Reinheit wahrlich nichts zu tun. Wir behaupten dies ohne Furcht, uns dessentwegen veranworten zu müssen, denn der gleiche Richter, der Herrn Frauenfeld zubilligte, daß er nicht koscher sei, stellte auch fest, daß der Gausaf kein Ehrenmann sei. Denn er habe ehrenrührig gehandelt, als er aus dem jüdischen Spital heraus ohne Zwang — denn er war damals wohlbestallter Beamter der Bodenkreditanstalt — Artikel an eine extrem-antisemitische Linzer Zeitschrift schrieb, in denen u. a. der Satz vorkam, den Frauenfeld selbst Lügen strafte: „Wer vom Juden frißt, stirbt!" Er handelte ehrenrührig, einer jüdischen Kollegin gegenüber ein über das Maß kollegialen persönlichen Kontaktes hinausgehendes Verhalten an den Tag zu legen und sich dadurch in Widerspruch mit seiner sonstigen parteipolitischen Einstellung zu setzen. Das Verhalten Frauenfelds im Spital sowie sein Verhalten gegenüber der Bankbeamtin waren also als ehrenrührig anzusehen und die Vorwürfe in dieser Richtung so weit fundiert, daß in diesem Punkte ein Freispruch des angeklagten Redakteurs gerechtfertigt war. Frauenfeld hat gegen diesen Freispruch, der ihm gerichtsmäßig attestiert, daß er kein Ehrenmann sei, Berufung eingelegt, das Zeugnis, daß er nicht koscher sei, hat er mit ruhiger Ergebung aufgenommen. Auch wir pflichten diesem Urteil bei, denn Frauenfeld und rein, das liegt doch zu weit fernab. Endlich! Am 30. März war in dem Hakenkreuzlerorgan „Nachtfunk" ein Artikel erschienen, der zum Boykott gegen das Judentum aufforderte. Die Staatsanwaltschaft erblickte darin das Vergehen nach § 302 StGB. (Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen eine Religionsgenossenschaft). Da der Verfasser des Artikels nicht eruiert werden konnte, wurde gegen den damaligen verantwortlichen Schriftleiter des jetzt' eingestellten Blattes, Dr. Maximilian Theuer, eine Anklage wegen Vernachlässigung pflichtgemäßer Obsorge erhoben. In der Verhandlung vor Dr. Standhartinger erklärte der angeklagte Redakteur, daß der inkriminierte Artikel ohne sein Wissen vom Braunen Haus in die Redaktion des Blattes gebracht wurde und daß dieser Artikel über Auftrag des Braunen Hauses auch gegen den Willen der Redakteure erscheinen mußte. Der Richter verurteilte den Angeklagten zu 100 Schilling Geldstrafe, eventuell zu 48 Stunden Arrest und sagte in der Urteilsbegründung, der Angeklagte hätte sich dem Diktat des Braunen Hauses nicht fügen dürfen, sondern hätte seine Stelle als verantwortlicher Schriftleiter zurücklegen müssen. Stricker verurteilt. Die aufregenden Ereignisse der letzten Zeit haben beinahe den unerhörten Wahlkampf vergessen gemacht, der sich am Ende des Vorjahres Spezialhaus für Wolle und Strickgarns Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden. _Telephon A 45-3-69_ um die Wiener Kultusgemeinde abspielte. Eine Erinnerung tauchte dieser Tage im Gerichtssaal auf, und sie war wahrlich für den angeklagten Oberbaurat Robert Stricker keine angenehme. Denn er wurde zu hundert Schilling Geldstrafe oder 24 Stunden Arrest verurteilt, weil der von ihm gegen den Bezirksrat Dr. Josef Löwy angebotene Wahrheitsbeweis vomPresserichter Dr. Standhartinger als nicht gelungen betrachtet wurde. Wir wollen hier nicht das ganze Substrat der Klage behandeln, weil wir der Ansicht sind, daß man froh sein darf, daß diese wenig rühmenswerte Phase im Kampf um die Kultusgemeinde nun zum Abschluß gelangt ist. Allein die Feststellung ist wichtig, wie leichtfertig oft Anschuldigungen von zionistischer Seite erhoben werden, die sich, greift man etwas fester zu, sofort als null und nichtig erweisen. Es ist bedauerlich, daß auch Oberbaurat Stricker einer solchen Kampfesweise huldigte, seine Verurteilung wird ihm hoffentlich eine gute Lehre sein. ■----.iiiii <yi, »in i ■ —■- —... —... ■ - I Jossele Rosenblatt._8 Worte des Gedenkens von I. Löwit Präsident des Oesterr. Kontorenvereines. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel erschütterte die traurige Nachricht von dem leider viel zu irüh erfolgten Ableben des zur Weltberühmtheit gelangten Oberkantors Josef Rosenblatt aus Amerika. Jossele Rosenblatt kam nach Jerusalem, um Konzerte zu «eben und. wie „Haolam" berichtet, einen Tonfilm zu drehen, in welchem das „Jam hamelach" (Salzmeer) und die „Maarath hamachpala" (das Grab der Stammutter Rachel) in Erscheinung treten sollten. Bei dieser Aufnahme mußte er im Salzmeer ein Bad nehmen, in dem er sich erkältete: trotz sofortiger ärztlicher Behandlung ist er infolge eingetretener Herzschwäche schon am nächsten Morgen gestorben. Mit Jossele Rosenblatt ist einer der hervorragendsten Chasonim orthodoxer Richtung dahingegangen. Er war einer der größten Talente als Chasen. Ich selbst hatte Gelegenheit. Jossele als 13jährigen Wunderknaben, als er mit seinem Vater und seinem Bruder reiste, in Wien wiederholt zu hören, und war damals schon begeistert und erstaunt über das bedeutende Können dieses überaus frommen Knaben. Er vorfügte damals über eine wunderschön klingende Altstimme, verbunden mit einer in diesem Alter selten vorkommenden Koloratur, die er mit außerordentlichem Verständnis verwendete, so daß er die schwierigsten Passagen mit einer überraschenden Bravour meisterte. Dazu kam eine ihm angebcirene Innigkeit seines Vortrages der Gebete, die Begeisterung bei allen, die ihn hörten, hervorrief. Alle Fachgenossen waren darin einig, daß mit Jossele Rosenblatt eines der größten Talente in Erscheinung trat. Dies bewahrheitete sich mit seinem Werdegang. Schon als junger Mann, kaum 20jährig, wurde er Chasen in Preßburg, wenige Jahre danach kam er nach Hamburg und bald darauf nach Amerika. Dort entfaltete sich Rosenblatt als Sänger und Komponist. Er hatte eine prachtvoll schöne, echt lyrische Tenorstimme, die. in allen Lagen ausgeglichen.; allen Anforderungen, besonders auf chasonisch-technischem Gebiete gerecht wurde. Seine herrlich entwickelte Koloratur, sein Mecca voce, seine Kunst im ganzen Belange des Faches machten ihn berühmt. Seinen Weltruf erreichte Jossele durch die Grammophonplatten, die seine meisterhafte Kunst in die TRScakScT Königlich. Seit vielenjahren dasa.,erkannt beste tW^TJÖSW Man achte auf die gas. gesch. Mark« „Hyglan. KSntgsllcht" and Name Schals Fabrik und Büro: Wen XIV., BraaaMrscfcanflasssa S Telephon R 33-1-87 GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL vjmn ix, BERoajua nr. i» «iuaui xvui., «lAwuNOUsnuisse •? Telephon Nr. A 17-349 and A 19*34 Lieferant für HallautaltM AbteilungenfarKoscherfleisch Aufsieht aas ehna Sämtliche Fleischsorten von ausMhlteßlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreis«* ganze Welt trugen. Jossele war die Musikalität selbst. Seine Kompositionen und Rezitative. die er schuf, haben kolossale Verbreitung erreicht es gibt fast keinen orthodoxen Chasen, auch der modernen Richtung, der nicht Jossele etwas nachsäet denn seine Sachen, gut gebracht verbürgen den Erfolg. Jossele war kein Plauscher. er gab dem Gebetstück den musikalischen Ausdruck, der ihm innewohnt Seine musikalischen Wendungen, die oft verblüffenden Modulationen, verbunden mit der meisterhaft verständnisvollen Behandlung des Textes, waren Höchstleistungen eines der größten Talente des letzten Jahrhunderts, Wir könnten noch sehr viel von seinen Erfolgen als Konzertsänger sagen, es würde zu weit führen, so wollen wir nur noch pflichtgemäß von Jossele als guten braven Menschen sprechen. Er war fromm, gut. ein Wohltäter und biederer Charakter. Er hinterläßt einen selten guten Namen. Sein Leichenbegängnis war ein Beweis der überaus großen Trauer, die sein frühzeitiger Tod hervorrief. Tausende von Personen folgten seinem Sarge. Alle Chasidim- und Talmud- Schulen waren erschienen. Trauerreden wurden gehalten vom Oberrabbiner Kuk aus Jerusalem, Rabbiner Tedtelbaum, Rabbiner Horowitz, Rabbiner Tikutzinsky und Rabbiner Challeb. Die kantoralen Funktionen versahen die Oberkantoren Ouartin. Herschmann aus Amerika und die Oberkantoren Friedmann und Brodsky. Seiner Familie, der er ein vorbildliches Oberhaupt war. wendet sich große Teilnahme zu. der sich alle Kollegen, den Heimgegangenen tief betrauernd, mit schmerzlichem Empfinden anschließen. Der Name Jossele Rosenblatt wird fortleben, seine Gesänge werden iortklingen. so lange jüdische Synagogen und jüdische Chasonim existieren. Sein Andenken werde zum Segen. Versammlung der türsorgerate der israel Kultusgemeinde Wien. Eindrucksvoll gestaltete sich die am 20. & M. Im Sitzungssaal des Alten Rathauses unter dem Vorsitz des Obmannes der „Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien", Herrn Dr. Isidor K1 a b e r. abgehaltene Versammlung der für die laufende Mandatspcriore des Kultusvorstandes berufenen Mitglieder der Bezirksiürsorgekommissionen, der Fürsorgeräte der israelitischen Kultusgemeinde. Der angestrebte Zweck, den für alle Wiener Bezirke bestellten 404 Fürsorgeräten, von denen sehr viele zum erstenmal dieses Ehrenamt bekleiden, Wesen und Aufgabenkreis der jüdischen Wohlfahrtspflege darzulegen, wurde vollauf erreicht. Die Fürsorgeräte haben auch bei dieser Gelegenheit die schriftlichen Instruktionen betreffend ihr Haupttätigkeitsgebiet den Erhebungsdienst, ferner die in Verwendung sehenden Formularien sowie die neu ausgegebenen Sammelblocks in Empfang genommen. Nach Begrüßung der zahlreich Erschienenen, unter denen auch Mitglieder der Zentralkommission und Beiräte zu sehen waren, durch den Vorsitzenden ergriff Vizepräsident Dr. Jakob O r n s t e i n das Wort, wobei er einen interessanten Ueberblick über die Entwicklung des jüdischen Wohlfahrtswesens in Wien gab. Wie fest verankert die Betätigung der praktischen Nächstenliebe bei uns Juden ist, wies er an charakteristischen Aussprüchen des jüdischen Schrifttums nach. Vizepräsident Dr. Josef Löwenherz schilderte sodann zunächst die finanziellen Grundlagen der Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde, die insgesamt mehr als sämtliche Einnahmen an Kultussteuern, nämlich S 2,400.00.—, hievon für die offene Fürsorge allein S 700.000.— ausmachen. Mindestens zwei Millionen Schilling müßte die für die Kultusgemeinde wiederholt verlangte, gesetzlich verbürgte Subvention der österreichischen Bundesregierung betragen, wenn man die an eine andere Religionsgemeinschaft, die der Kopfzahl nach weitaus kleiner ist als die jüdische, geleistete Subvention in der Höhe von S 6CO.00O.— jährlich berücksichtigt Um den infolge des rapiden Anwachsens der Zahl der Fürsorgebedürftigen gesteigerten Anforderungen halbwegs gerecht zu werden, müssen außerordentliche Anstrengungen gemacht Wieden, und die Fürsorgeräte seien vor allem berufen, nach Kräften auch bei der Aufbringung von neuen Mitteln mitzuwirken. Die Wahrnehmungen, die die Fürsorgeräte auf Grund unmittelbarer Eindrücke empfangen, werden sicherlich ein Ansporn sein, um die notwendigen Hilfeleistungen möglich zu machen. Die eingeleitete Hilfsaktion zugunsten der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland habe ein verhältnismäßig erfreuliches Ergebnis gezeitigt, so daß alle erforderlichen Maßnahmen bisher getroffen werden konnten. Mit besonderem Beifall wurde die Mitteilung aufgenommen, daß im Rahmen der sozialpolitischen Maßnahmen der Kultusgemeinde in allernächster Zeit zwei Gebiete der produktiven Fürsorge, nämlich die Zentralisation und der Ausbau der Arbeitsvermittlung, sowie die Gewährung von Zinsen-