Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 26 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dg WAHRHEIT sen worden, daß es unserer Regierung gelang, die in der ersten Nachkriegszeit eingebrochene Hochflut sowjetistischer Agitatoren vollständig abzudämmen. Was den Antisemitismus anlangt, so kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß er bei uns gleichfalls nicht existiert. Der Judenfeind Cuza ist eine Einzelerscheinung, die nicht ernst genommen zu werden verdient Unsere jüdischen Mitbürger erfreuen sich in jeder Beziehung voller Gleichberechtigung. Lettland. Die jüdischen Abgeordneten Dubin und Wittenberg haben dem lettischen Minister des Innern Milberg ein Memorandum überreicht, in dem über die zunehmende antisemitische Propaganda in Lettland Beschwerde geführt wird. Die Abgeordneten teilten dem Innenminister bei dieser Gelegenheit mit, daß die antisemitische Organisation Lettlands vor kurzem Flugblätter judenfeindlichen Inhalts von einem Aeroplan aus über Riga abwerfen ließ. Der Minister antwortete, die jüdische Bevölkerung möge durchaus versichert sein, daß er keinerlei judenfeindliche Hetze zulassen werde. Er betrachte die Angehörigen der jüdischen Minderheit als ebenso loyale Staatsbürger wie alle anderen und werde für die Sicherheit der Juden ebenso Sorge tragen wie für die Sicherheit aller übrigen Bürger des Landes. Bald nach der Unterredung erließ der Innenminister einen Befehl, in dem die Verteilung von Flugblättern jeder Art in den Straßen von Riga verboten wird. Die Bruderhand. Die seit längerer Zeit zwischen den großen amerikanischen jüdischen Organisationen geführten Verhandlungen zum Zwecke, ein einheitliches Vorgehen in den Aktionen zugunsten deutscher Juden herbeizuführen, sind erfolgreich abgeschlossen worden. Die jüdischen Spitzenorganisationen American Jewish Committee, American Jewish Congress und Bnai Brith haben einen Rat eingesetzt, dem die Leitung der Aktionen zugunsten deutscher Juden obliegen soll. Der Rat hat bereits seine erste Sitzung abgehalten. Auf Grund der gefaßten Beschlüsse wurde an das amerikanische State Department (Außenministerium) ein Telegramm gerichtet, in dem eine Erhöhung der Zahl amerikanischer Einreise-Visa für deutsche Juden, sowie Maßnahmen gefordert werden, um die ungestörte Inanspruchnahme der vorgeschlagenen Begünstigungen durch deutsche Juden zu sichern. * Die vom American Jewish Joint Distribution Committee eingeleitete große Sammlung zugunsten des Hilfswerks für deutsche Juden hat bisher über 600.000 Dollar erbracht 250.000 Dollar waren bereits am Tage der feierlichen Eröffnung des Drives auf der vor einer Woche in New York abgehaltenen Versammlung prominenter amerikanischer Juden gezeichnet worden. Das Ziel der Aktion äst die Aufbringung eines Betrages von zwei Millionen Dollar; das Sammelkomitee für die Stadt New York hat sich verpflichtet, die Hälfte dieses Betrages aufzubringen. * Das Amsterdamer Hilfskomitee für deutsche Juden gibt gegenwärtig wöchentlich 15.000 holländische Gulden an Unterstützungsgeldern für Wohnung und Beköstigung von über tausend jüdischen Auswanderern aus Deutschland aus. Dem achten Kind die Ehrengabe, die anderen können verrecken... Wie das „Israelitische Familienblatt" mitteilt, hat Reichspräsident von Hindenburg die Ehrenpatenschaft über den am 9. Mai d. J. als achtes lebendes Kind geborenen siebenten Sohn Gerhard des Herrn MichaelJerochim-Berlin übernommen. Der Herr Reichspräsident hat den Eltern des Kindes seine herzlichsten Glückwünsche (!) ausgesprochen und für das Kind eine Ehrengabe gespendet. Wir verweisen auf das auf Seite 3 befindliche Inserat des Hanptdeoots der Budapester Skrek'schen orth. Soeisekooserven. S. Diamant IL. Gr. Spertgasse 10. 8fMiltS£i!£ Wien I., Seltenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentralfriedhot, Brtfl im I. tOf, Tel. U18-0-85 Das deutsche Judentum in schwerer Notzeit, Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands trat am 11. Juni zu einer Sitzung zusammen. Vor Beginn der eigentlichen Beratungen wurden im Anschluß an die zur Einigkeit mahnenden Begrüßungsworte des Präsidenten Kammergerichtsrat Wolff die Grundlagen für die politische Arbeit der Reichsvertretung erörtert; es wurde in einer Entschließung ausdrücklich festgestellt, daß keine der jüdischen Richtungen irgendwie eine unterschiedliche staatsrechtliche Behandlung anderer Richtungen verlangen dürfe. Die weiteren Beratungen galten dieses Mal nicht nur der politischen Lage, die selbstverständlich eingehend besprochen wurde, sondern auch Fragen des inneren jüdischen Lebens, besonders dem Stande der Schulfrage. Von mehreren Seiten wurde dieErrichtungeinesBildungsamtes bei der Reichsvertretung als zentraler Stelle für alle Schulangelegenheiten angeregt. Das Präsidium wurde beauftragt, bis zur nächsten Sitzung die Schaffung eines derartigen Bildungsamtes vorzubereiten. Für die politische Arbeit wurde besonderer Wert darauf gelegt, daß sie in eingehender Zusammenarbeit mit den großen jüdischenVerbänden erfolge. Deren Führer sollen in einem besonderen Ausschuß der Reichsvertretung zu gemeinsamer Arbeit zwecks Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Gesamtheit zusammengefaßt werden. Tun und Hören! Der neugewählte Vorsitzende des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde. Direktor Heinrich Stahl, erläßt den folgenden Aufruf, den wir seiner großen Bedeutung wegen hier zum Abdruck bringen: In schwerster Zeit zum Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin berufen, möchte ich ein Wort zu allen meinen Brüdern und Schwestern sprechen: Mein Ruf soll in allen Seelen ein Echo finden, und Jeder soll gleich mir geloben: „Wir wollen tun und hören!" (2. Buch Mose, Kap. 24.) Als Berliner Kind in den Anschauungen unseres Judentums erzogen, durfte ich den Segen der Ueber- Iieferung und die Wandlung zu neuen Aufgaben und Fortschritten erfahren, mit Freude und Genugtuung beobachten, zu welcher Größe unsere Gemeinde unter dem Schutze friedlicher Zeiten geschritten war. Als vor einigen Jahren der Ruf an mich erging, in den Gemeindevorstand einzutreten, habe ich das mir übertragene Amt dankbar angenommen und versucht dem Wohlfahrtsamte und seiner weitverzweigten Arbeit vorzustehen, um zu helfen. Jetzt soll ich die Geschicke der Gesamtgemeinde führen und ihr bedrohtes Leben aus sturmbewegtem Augenblick friedlicher Zukunft entgegenführen. Nur wenn Tun und Hören — das bedeutet beute: unverzagt Schaffen und selbstlos Dienen — uns vereinen, dann werden wir uns halten und die jüdische Gemeinschaft erhalten. Darum stellt das Trennende zurück! Wir wollen uns die Bände reichen, uns die Treue bewahren in der Gefahr und für alle Zeit! Jede Anschauung. Jede Richtung und Partei. die die Eigensucht zurückstellt, ist willkommen! Die Rettung unserer Ehre und unseres Lebens müssen wir in Arbeit und gewissenhafter Pflichterfüllung erblicken. Vor uns liegt ein weiter, harter Weg! Wir wollen ihn unverzagt in Gottvertrauen und Bescheidenheit wandern! Vor uns liegt ein hohes Ziel: Verbunbeit mit Deutschland, unserem Vaterlande! So wollen wir unerschrocken, clau* bensnuitig, Israels würdig für die Zukunft des Judentums arbeiten. Das Ist mein Gelöbnis, möge es einen einzigen machtvollen Widerhall in unserer ganzen Gemeinde finden. Ferienkolonie Vöslau. Der Humanitätsverein; für die westlichen Bezirke Wiens, eröffnet wie alljährlich eine Ferienkolonie in Vösäau. Floragasse 15. Aufnahme finden schulpflichtige Mädchen und Knaben im Alteri von 6 bis 14 Jahren. I. Turnus vom 4. Juli bis 3. August 1933. II. Turnus vom 8. August bis 7. September 1933. Auskünfte und Anmeldungen im Sekretariat VI, Mollardgasse 85 OFritz Kramer) von 9 bis 12 Uhr, Telephon B 29-1-65. . . FLIEGER-GARTEN-KINO KÖRNER & CO. IX. LIECHTENSTEINSTRASSE 37 Wiens einziges Freiluftkino eröffnet Telephon A 18-1-52 Rostige Waffen! Arlosoroff war kaum 32 Jahre alt, als er vor zwei Jahren die politische Führung der Palästina- Exekutive übernahm. Auch in der zionistischen Bewegung war bis dahin nichts von einem Generationswechsel zu spüren gewesen. Die Vorkriegs- und Nachkriegsführer waren fast identisch und bis hinab in die Ortsgruppen war eine Ueberalterung und Verknöcherung deutlich erkennbar. Ein unverbrauchter, lebenslustiger Mensch nahm die Arbeit in Jerusalem auf und konnte bald auf sichtbare Erfolge hinweisen. Und dennoch richtete sieh, wie die Prager zionistische „S e 1 b s t w e h r" schreibt, der Hauptangriff der Gegner der Exekutive gerade gegen ihn. Kein Mittel blieb unversucht, das ihn in den Augen der zionistischen Oeffentlichkeit herabzusetzen oder in Palästina selbst in seine Tätigkeit erschwerend einzugreifen versprach. Ein Beispiel für viele, um einmal aufzuzeigen, mit welch rostigen Waffen hier gekämpft wurde: In der „Neuen Welt" ist am gleichen Tage, an dem Dr. Arlosoroff ermordet wurde, in einem „Ohne Führung" betitelten Artikel zu lesen: „Die verantwortlichen zionistischen Führer sind auf Reisen gegangen. Seit Monaten fährt der Leiter der Palästina-Exekutive. Dr. Arlosoroff, in Europa umher und hält Agitationsreden... In einer Zeit, da im Weltiudentum und in Palästina die gewaltigsten Umwälzungen vor sich gehen, läßt man die wichtigsten Führeroosten unbesetzt und hat nur eine Sorge: Möglichst viele Delegierteuposten aufdem Kongresse mit Leuten der eigenen Partei zu besetzen. Diese Herren Führer sind wahrlich um ihre ruhige Sorglosigkeit zu beneiden. Weniger zu beneiden ist allerdings die Zionistische Organisation, das jüdische Volk." Wäre der Schreiber dieser Zeilen ein wenig gewissenhafter gewesen, dann hätte er sich mühelos davon unterrichten können, daß Arlosoroff erst in der zweiten Maiwoche in Europa eingetroffen und bereits wieder am 10. Juni, also nach kaum vier Wochen, nach Palästina zurückgekehrt war. Von diesen vier Wochen hat er längere Zeit in London bei Beratungen mit den europäischen Mitgliedern der Exekutive und in Berlin zum Studium der akuten deutschen Judennot ud der Möglichkeiten für die sofortige Ueberführung deutscher Juden nach Palästina zugebracht. Der Rest verblieb für „Agitationsreisen". Und auch diese Reise hat er, seinem Pflichtgefühle gehorchend, vorzeitig abgebrochen. Arlosoroff trat trotz aller Bitten und Vorstellungen früher, als ursprünglich geplant, seine Rückreise nach Palästina an. In einem Gespräche erklärte er, daß eine ständige Fühlungnahme mit den Arabern heute dringend erforderlich sei, um so mehr, als die intransigenten arabischen Führer in letzter Zeit wieder ihre Hetzarbeit verstärkt hätten. Dies lasse ihm keine Ruhe. Er wollte auch aus diesem Grunde nicht mehr zum kommenden Zionistenkongreß nach Europa zurückkehren, um in der Zeit, in der Palästina gewöhnlich von fast allen führenden Zionisten verlassen wird, auf seinem Posten zu bleiben. So dachte und handelte der Mensch, der noch bis zu letzten Minute seines Lebens in einer revisionistischen Zeitung als sorgloser Agitator verschrien worden ist. Palästina-Nachrichten. Dr. Karl Schwarz, der bisherige Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, ist zum Direktor des Museums inTel-Awiw ernannt worden. Herr Dr. Schwarz befindet sich bereits auf dem Wege nach Palästina und wird seine neue Tätigkeit demnächst aufnehmen. Es ist geplant, das noch in den Anfängen steckende Museum großzügig auszubauen und in ihm die besten Werke alter und moderner Kunst zu sammeln. * Die jüdischen Kreditkooperativen Palästinas haben beschlossen',- einen Fonds von 5000 Pfund aufzubringen, der zur Gewährung von Aufbaukrediten an deutsche Juden bestimmt ist. * Anläßlich des Jahrestages der Hinrichtung der drei Araber, die nach den Unruhen im August