Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 26 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BAD GASTEIN Pension Villa Dr.Wassing an der Kaiser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaus mit Dependance in landschaftlich teilvoller, ruhiger Lage. 35 Zimmer, fließendes warmes und kaltes Wasser. Zentralheizung. Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. Gesellsdiaftsräume. Garten, Terrasse Fernsprecher: Nummer 448. Besitzer: OBERMEDIZINALRAT DR. WASSING In Wirklichkeit war der Verhaftete ein gewisser Abraham Stavsky, Revisionist, stammt aus Brest Litowsk, ist 28 Jahre alt und in seiner Heimatstadt als ein Mensch von außerordentlich impulsivem Charakter bekannt. Sein Vater, Aron Stavsky, ein früherer Hotelier, ist jetzt Schmied. Abraham Stavsky gehörte einer Gruppe revisionistischer Touristen an, die im Februar nach Palästina gekommen ist. Er versuchte zunächst, die syrisch-palästinensische Grenze illegal zu überschreiten, wurde jedoch verhaftet und nach Marseille zurückgeschickt. Dort erhielt er auf Grund von Bemühungen Dr. Arlosoroffs ein Einwanderungszertifikat für Handwerker und Gewerbetreibende mit einem Eigenkapital von mindestens 250 Pfund. Stavsky beabsichtigte, demnächst nach Polen zurückzukehren, um dort Abonnenten für die revisionistische Wochenschrift „Hazit liaam" zu werben. Ef hatte vom Direktor dieses Blattes eine Vollmacht für diese Aktion und vom polnischen Konsulat in Tel-Awiw ein Visum für die Reise erhalten. Als Korrespondent des „Hazit Haam" besaß er gleich allen palästinensischen Journalisten eine von der Presseabteilung der Regierung ausgestellte Presselegitimation. Er hatte sich auch — allerdings scheinbar erfolglos — um die Erteilung eines Rückreisevisums nach Palästina durch die Palästinaregierung bemüht. In Tel-Awiw hatte Stavsky gemeinsam mit dem radikalen revisionistischen Jugendführer Achi-Meir ein Zimmer bewohnt. Im Zusammenhang mit der Verhaftung Stavskys führte die Polizei in der Wohnung Achi-Meirs eine Haussuchung durch. Achi-Meir protestierte stürmisch gegen diese polizeiliche Maßnahme, er erklärte, dies sei ein vorbedachter Versuch, die Nachforschungen nach den Urhebern des Attentats auf die Juden statt auf die Araber zu richten. Daraufhin wurde Achi-Meir wegen Widersetzlichkeit verhaftet. Versuche seiner politischen Freunde, gegen Erlag einer Sicherstellung seine Freilassung zu bewirken, blieben erfolglos. Die Nachricht von der Verhaftung des mutmaßlichen Täters hat bei der jüdischen Bevölkerung ungeheure Aufregung ausgelöst, die sich ins Maßlose steigerte, als bekannt wurde, daß Frau Arlosoroff den Verhafteten als einen der beiden Männer, die den Ueberfall auf ihren Gatten verübt hatten, agnosziert habe. Um einem Irrtum bei der Identifizierung des Mörders vorzubeugen, wurde dieser Frau Arlosoroff nicht allein, sondern zusammen mit dreizehn anderen willkürlich ausgewählten jungen Leuten vorgeführt. Mit voller Bestimmtheit bezeichnete Frau Arlosoroff bei dieser Vorführung den von der Polizei Verdächtigen als Mörder ihres Mannes. Am 21. Juni wurde Stavsky vor den Tel-Awiwer Polizeirichter Korngrin gebracht. Als staatsanwaltschaftlicher Funktionär amtierte der Polizeioffizier Selim Hana. Er erklärte, Stavsky sei des Mordes an Dr. Arlosoroff verdächtig; vor Einleitung des ordentlichen Gerichtsverfahrens verlange ENODME AUSWAHL BILLIGSTE PDEISE E pplÜ» #S 5.s« # ' TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOrfE, DECHEN NUR I., BAUERNMARKT 1214 jedoch die Polizei die Verhängung einer 15tägigen Untersuchungshaft, um die Sammlung von Beweisen gegen den Verhafteten vervollständigen zu können. Als Zeuge wurde Polizeiinspektor G o f f e r von der Tel-Awiwer Polizei vernommen. Er erklärte unter Eid, es seien genügend Verdachtsmomente gegen Stavsky vorhanden. BAD GLEICHENBERG 300 Meter (Steiermark) K u r z e it Mai b i s Oktober Berühmte Heilquellen, natürlich-kohlensaurt Bäder, In' halatorlen, pneumatische Kammern usw. / Hervorragend? Erfolge bei Katarrhen, Asthma, Emphysem, Herzleiden I Schönster Erholungsaufenthalt I Volle Pension ab S S ♦ Auskünfte und Prospekte bei Mattoni- Ungar, Wien f., Jasomtrgottstraße t, sowie in allen Reisebüros Stavsky, der jiddisch sprach, beschwerte sich darüber, daß ihm trotz wiederholter Bitte kein Rechtsbeistand zur Führung seiner Verteidigung beigestellt worden sei. Als er versuchte, sein Alibi nachzuweisen, indem er erklärte, er habe den Freitagabend in Jerusalem verbracht und könne somit an dem Mord an Dr. Arlosoroff nicht beteiligt sein, wurde er vom Polizeirichter mit den Worten unterbrochen: Wir befassen uns hier vorläufig nur mit den formalen Gründen Ihrer Verhaftung! Sie werden bei der Vernehmung späterhin Gelegenheit haben, alles, was Sie wünschen, zu sagen. Der im Auftrag des polnischen Konsulats von Tel-Awiw erschienene Advokat Spindel fragte, ob es ihm gestattet sei, Fragen an den Zeugen Goffer zu richten, was der Polizeirichter verneinte. Richter Korngrin verhängte sodann eine 15tägige Untersuchungshaft, wie sie von der Polizei verlangt worden war, über Stavsky und erteilte dem Advokaten Spindel die Erlaubnis, mit der Polizei über die Bestellung eines Anwalts zur Verteidigung Stavskys zu verhandeln. Zu dem Verfahren vor dem Tel-Awiwer Polizeirichter waren als Zuhörer nur Journalisten zugelassen worden. Eine Anzahl von Personen in Jerusalem erklären, Abraham Stavsky am Freitag abends um 7.30 Uhr und am Samstag vormittags, 11 Uhr, in Jerusalem gesehen zu haben. Hinsichtlich der Zwischenzeit — Dr. Arlosoroff wurde bekanntlich am Freitag, den 16. Juni, 11 Uhr abends, in Tel-Awiw ermordet — konnte bisher für Stavsky kein Alibi nachgewiesen werden. Es sind keinerlei Mitteilungen darüber zu erhalten, wo er die Nacht zugebracht hat. Mehrere Personen in &euiltetom Die Juden im Fernen Osten. Von Dr. Ruth F. Weiß. Es mag vielleicht wundernehmen, über die Juden im Fernen Osten zu sprechen, während die Sorge um unsere Glaubensgenossen in Deutschland viel unmittelbarer an uns herantritt. Aber gerade in den Tagen ärgster Verfolgungen, die uns weit ins Mittelalter zurückwerfen, ist es ein Trost, von einem Lande zu wissen, in dem religiöser Fanatismus nie eine Rolle spielte und das den Juden gegenüber weitestgehende Toleranz zeigte, sogar in dem Maße, daß die Juden bis auf wenige äußerliche Merkmale vom chinesischen Element aufgesogen wurden. Jedoch nicht nur vom Standpunkt der Menschlichkeit soll Chinas Friedensliebe gewürdigt werden; das Problem der Juden in China wirft die Frage nach der Lebenskraft und Lebensdauer der Völker überhaupt auf, die gerade in der Parallele Juden — Chinesen im Hinblick auf die vieltausendjährige Ueberlieferung beider Völker ihre richtigste Beantwortung findet Heute, da blinde Gehässigkeit die Lebensberechtigung des Judentums schlechthin zu leugnen wagt, stellen wir die bange Frage an das Schicksal, ob es auch diesmal gelingen wird, alle Verfolgungen zu überstehen, da eine systematische Hetze den Juden Deutschlands die wirtschaftlche Basis zu rauben sucht Die Geschichte lehrt uns. daß trotz allen Verfolgungen das Judentum sich immer bewährte, und auch heute sehen wir bereits, wie das Bewußtsein des Judentums sich sogar bei Leuten zu regen beginnt, die früher lieber nicht an ihre Konfession erinnert werden wollten. Kant hat die Frage, wie ein von allen Seiten verfolgtes Volk doch seine Religion allen Anfeindungen zum Trotz bewahren könne, dahin beantwortet daß ein Volk, das im Besitz heiliger Bücher sei. sich nie an ein Volk ohne solche Tradition assimiliere, selbst wenn es von diesen erobert würde; ja das Volk der heiligen Ueberlieferung mache damit sogar unter seinen Eroberern Proselyten. wie es die Juden unter den Römern und später in der ganzen noch heidnischen Welt taten. Aus dieser heiligen Schrift schöpft ein Volk ewige Lebenskraft es verfällt nicht fremden Einflüssen, es ist immer wieder imstande, sich aus eigenem zu erneuern. Dieses Geheimnis ewiger Jugendkraft besitzen neben den Juden nur noch die Chinesen, die ihre Weisheit aus viertausendjähriger zusammenhängender Ueberlieferung und darüber hinaus aus den klassischen Büchern schöpfen, welche — wie die heilige Schrift der Juden — auf eine mythische Vorzeit zurückgehen. Mag auch zuweilen eine Periode der Erschöpfung und Widerstandslosigkeit gegen schädliche Einflüsse eintreten, wie dies heutigentags der Fall ist. so beweist die Geschichte doch, daß die alte Kultur noch genügend innere Kraft besitzt um solche Tiefpunkte siegreich zu überwinden. Die Juden und die Chinesen sind die einzigen Völker der Erde, die die uns bekannten Perioden der Geschichte bis auf den heutigen Tag überlebt haben. Auf Grund dieser Aehnlichkeit der Ueberlieferung und der Ehrfurcht vor dem Ueberlieferten, die die Juden gleichfalls mit den Chinesen gemeinsam haben, war ein Anpassen und ein Aufgehen im Chinesentum möglich, wie es sonst keine Macht der Welt je über die Juden vermochte. Diese Angleichung zeigt sich nicht nur im vollkommen chinesischen Aussehen der alteingesessenen Juden, deren Frauen sich sogar nach chinesischer S tte die Füße banden, sondern schon darin, daß selbst die eifrigste europäische Forschung die Zeit der jüdischen Einwandeiung in China nicht ergründen konnte und sich mit Hypothesen begnügen muß. Das Interesse Europas erwachte, als die Jesuitenmissionen des 16.. 17. und 18. Jahrhundert die erste Kunde von jüdischen Gemeinwesen in China brachten. Zu gleicher Zeit bemühte man sich, auf Grund von literarischen Nachweisen das Dunkel, das über die Abstammung dieser Juden gebreitet war. zu erhellen. Der erste Bericht über eine jüdische Ansiedlung in Kai-Fung-Fu in der Provinz Honan stammt von Matteo Ricci, der am Ende des 16. Jahrhunderts mit einer Jesuitenmission nach Peking gesandt wurde. Seine Schilderung entbehrt nicht einer gewissen Komik, da man daraus ersieht, wie die Gestalten des Neuen Testaments auch mit solchen des Alten Bundes identifiziert werden können. Denn der chinesische Student, der einst den Jesuitenpater besuchte, machte vor zwei Bildern, die die heilige Familie mit Johannes und die vier Evangelisten darstellten, die Bemerkung: „Wir in China verehren auch unsere Vorfahren; dies Bild hier ist Rebekka mit ihren Söhnen Jakob und Esau. Aber warum soll man sich vor diesem Bilde mit nur vier Söhnen Jakobs verneigen, wo doch ihrer zwölf waren?" Aus diesem Mißverständnis ergab sich die merkwürdige Tatsache, daß der chinesische Student — Jude war. Von ihm erfuhr Pater Ricci von der jüdischen Gemeinde in Kai-Fung-Fu. wo sich auch eine Synagoge fand, und von anderen Gemeinden, deren größte Hong-Chow-Fu war. In Kai-Fung-Fu wurde dem Jesuitenpater sogar die Stelle eines Rabbiners angeboten, unter der Bedingung, daß er sich des Genusses von Schweinefleisch enthielte. Sobald die Kunde von der Auffindung dieser jüdischen Gemeinden nach Europa drang, bemühte man sich, in näheren Kontakt mit ihnen zu treten und ihren Ursprung zu erforschen. Wie schon gesagt. Bestimmtes läßt sich trotzdem nicht darüber sagen, es bleibt nur übrig, die einzelnen Hypothesen darzulegen. Alexei Winogradoff suchte zu beweisen, die Juden seien schon vor Moses' Zeitei in China ansässig gewesen: sicher seien sie aber als Reisende schon zur Zeit der Könige von Israel nach China gekommen, denn es gäbe bei den Juden in China ein volkstümliches Gedicht, das von König Hiram, der Geschenke an König David sandte, als einem chinesischen Hrrscher spricht Zudem sei die Stelle in Jesaiah (49, 12) „und jene (werden kommen) vom Lande Sin im", unzweifelhaft auf China zu beziehen. Die sicherste Angabe scheint eine Inschrift in Kai- Fung-Fu zu bieten, die die Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chn. bis 25 n. Chr.) als Periode der Einwanderung angibt. Vielfach wird auch angenommen, die Ansiedler seien nach der Zerstörung des ersten Tempels nach dem Fernen Osten gekommen. Ein chinesischer Gewährsmann behauptet 70 jüdische Familien seien um 950 in Hönau gelandet und von der Regierung im heutigen Kai-Fung-Fu angesiedelt worden. Auch unter der Sung-Dynastie (960—1126) sollen Juden auf dem Seeweg aus Indien gekommen sein. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts fand eine jüdische Einwanderung aus Persien und Chorassan statt. So sehen wir. wie die jüdische Einwanderung in China sich in mehrere Schichten gliedert und dadurch Schwierigkeiten der Erforschung bietet. Wahrscheinlich ist die Annahme richtig, die die Juden in China als Abkömmlinge der zehn verlorenen Stämme betrachtet, die teilweise in Afghanistan und Kabulistan blieben, teilweise nach Cochin-China und über Persien und Medien in die chinesische Tatarei zogen, während andere sich bei den Chazaren niederließen, wo ihnen die größten Ehren und Auszeichnungen zuteil wurden. Auch die Tibetaner sind möglicherweise, ihrem Aussehen nach zu schließen, Abkömmlinge der zehn verlorenen Stämme. Hier öffnet sich dem Ethnologen noch ein weites kaum betretenes Arbeitsfeld, das sicherlich noch manche Ueberraschung bringen kann. Zum erstenmal werden die Juden von einem chinesischen Schriftsteller des 5. Jahrhunderts erwähnt. Im 9. Jahrhundert berichtete ein muselmannischer Reisender, viele Juden seien in der Baichu-Revolte des Jahres 884 umgekommen. Marco Polo berichtet im 13. Jahrhundert vom Wohlstand der jüdischen Gemeinde im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen Kublai-Khan und seinem erwandten Kayan. Im 14. Jahrhundert wurde in der chinesischen Gesetzgebung die Besteuerung der Juden und andersgläubigen Minoritäten vorgesehen. In die Annalen der Mongolischen Dynastie für die Jahre 1329 und 1354 wird erwähnt daß Juden zur Unterstützung der kaiserlichen Armee nach Peking berufen wurden, um bei der Unterdrückung eines Aufstandes mitzuwirken. Sicher waren sie damals sehr zahlreich und hatten großen Einfluß. Leider berichten die Annalen nicht woher diese Juden berufen wurden. Die letzten drei Jahrhunderte lebten sie in dem bereits mehrfach Kai-Fung-Fu, das in den Berichten der Jesuitenmissionäre in allen seinen Einrichtungen ausführlich geschildert wurde. Die Beschreibung der Synagoge stammt von Gozani aus dem Jahre 1704. Der Platz war 300 bis 400 Fuß lang und