Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-06-23 · Heft 25 (23.6.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 25 (23.6.1933)
Date
1933-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064374--19342-3084469
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 5 Die Not der Tempelvereine. Die allgemeine Wirtschaftskrise wirkt sich nicht nur in der Wirtschaft des Staates, der Gemeinden, der Länder und der Einzelpersonen aus. sondern sie pocht auch an die Tore der israelitischen Kultusgemeinde. Trotzdem muß zugegeben werden, daß sich die Wirtschaft der Kultusgemeinde von der Privatwirtschaft und der Wirtschaft des Staates dadurch unterscheidet, daß gerade die politische und wirtschaftliche Krise die Opferfreudigkeit der Judenschaft besonders in Erscheinung treten ließ. Die Kultusgemeinde hat nicht vergebens an das Herz der jüdischen Glaubensbrüder appelliert. Trotz Krise, trotz der Sorgen, die jeden einzelnen Juden in dieser politisch bedrängten Zeit ganz besonders im Bann halten, hat die Wiener Judenschaft für die Deutschlandhilfe, für die Wohlfahrtsinstitutionen Opfer um Opfer gebracht. Es ist ein Beweis der grandiosen Liebesidee des jüdischen Glaubens, daß in diesen ernsten Zeiten die Kultusgemeinde noch immer in der Lage ist. ihre Pflicht der leidenden Menschheit gegenüber zu erfüllen. Die Kultusgemeinde hat aber auch — und das nach dem Gesetze vom Jahre 1890 vor allem — die Pflicht, für die religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung dieser Stadt zu sorgen. Es ist daher die oberste Pflicht der Kultusgemeinde, dafür Sorge zu tragen, daß die Tempel, die der Verherrlichung der Gottesidee dienen und die durch ihren Gottesdienst jene gewaltige jüdische Liebe vermitteln, erhalten bleiben. Es ist bekannt, daß außer den der israelitischen Kultusgemeinde Wien gehörigen Tempeln eine große Anzahl von Tempelvereinen besteht, welche aus den Spenden ihrer Mitglieder und aus den Mitgliedsbeiträgen die Tempel erhalten werden.Allerdings gewährt die Kultusgemeinde diesenTempelvereinen Subventionen, mit denen es noch im Vorjahre gelungen ist, den Gebarungsabgang der Tempelvereine fast zur Gänze zu decken. Im Jahre 1933 aber sind die Tempel- MÖBEL Moderne Kdchen- Vorzimmer- Wohnzlmmer- F. KOMM, Wien Ii., TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" vereine in eine Situation gekommen, die den Vorstand jedes Tempeivereines zwingt, ernstlich zu erwägen, ob es ihm möglich sein wird, den Gottesdienst in den nächsten Monaten überhaupt noch weiter aufrecht zu erhalten. Es handelt sich hier nicht vielleicht um kleine Minjamin, sondern um große Tempel, wie den Tempel in der Müllnergasse, den Tempel in der Pazmanitengasse. den Tempel in der Siebenbrunnengasse, den Tempel in der Schmalzhofgasse, usw., die einfach nicht mehr imstande sind, durch ihre Mitglieder jene Beträge aufzubringen, welche die Erhaltung des Tempels ermöglichen. Man darf nicht glauben, daß nicht alle Mittel des gegenwärtigen Sparsystems angewendet wurden. Es wurden Gehaltskürzungen, es wurden Personaireduzierungen vorgenommen. Aber alle diese Mittel helfen nicht. Sie sind nicht ausreichend, den Ausfall zu decken, den jeder einzelne Te'mpelverein erleidet. Der Gebarungsabgang der der Kultusgemeinde gehörenden Tempel wird selbstverständlich aus dem allgemeinen Budget der Kultusgemeinde gedeckt. Es besteht also am 1. eines Monates für den Bethausvorstand eines Kultusgemeindetempels keine Sorge, ob er in der Lage sein wird, seine Angestellten zu bezahlen. Anders verhält es sich natürlich bei einem Vereinstempel. Der Vereinstempel erhält von dex Kultusgemeinde eine Subvention und muß nach Meinung des Herrn Finanzreferenten mit dieser Subvention auskommen. Es ist bekannt, daß die israelitische Kultusgemeinde Subventionen für andere Institutionen, die nicht der Erhaltung des Gottesdienstes dienen, teilweise bedeutend erhöht hat. Es ist bekannt, daß die Kultusgemeinde auch einen sehr bedeutenden Betrag für Subventionen bewilligt, die Vereinen zugutekommen, die nicht der Erfüllung religiöser Bedürfnisse dienen. Für solche Vereine kann man unter der Bevölkerung der Stadt viel leichter eine Sammeltätigkeit einleiten als für Tempelvereine. Man bekommt in der Oeffentlichkeit. wenn man an sie appelliert, immer wieder die Antwort, daß man zu diesem Zwecke die Kultussteuer bezahle. Es ist nicht möglich, unter der Bevölkerung zur Erhaltung der Tempelvereine mehr aufzubringen, als ohnedies aufgebracht wird. Wer die Situation der Wiener Tempelvereine kennen lernen will, der möge sich nur einmal persönlich davon überzeugen, welche verzweifelten Kämpfe jeder einzelne Vorstand eines solchen Tempels führt. Man braucht nur einem Gottesdienst am Samstag vormittags beizuwohnen und zu hören, welche geringen Spenden geopfert werden, man braucht nur zu sehen, wie aus Angst vor diesen Spenden ein Teil der Tempelbesucher den Tempel vor Isdiias, Rheuma, Gldif Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Kohlensäurebäder, Diathermie. Heißlull, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und aHe sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8—6 Uhr BellanstaU „Thermia" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer dem Verlesen aus der Thora verläßt, und man wird begreifen, daß das Problem der Tempelvereine nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann. Es ist keine Wohltat, die die Kultusgemeinde dem Tempelverein erweist, wenn sie ihn subventioniert es ist ihre Pflicht. Die Kultusgemeinde ist den Tempelvereinen zu Dank verpflichtet, weil sie für eine Subvention der Kultusgemeinde die ganzen Sorgen abgenommen haben. Man braucht nur die gesamten Subventionskesten aller Tempelvereine in Wien den Kosten der 5 Gemeindetempel gegenüberzustellen und man wird sofort einsehen, daß diese 5 Gemeindetempel die Kultusgemeinde doppelt so viel kosten als sämtliche Tempelvereine (ca. 60) zusammen. Es wird nunmehr versucht werden, die Kosten der Tempelvereine dadurch herabzudrücken, daß man den Chor vermindert daß man einen Rabbiner mit den Funktionen in mehreren Bezirken betraut und daß man den Angestellten weitere Kürzungen ihrer Bezüge aufzwingt. Es sei im vorhinein festgestellt, daß diese Methoden den Tempelvereinen nur schaden werden. Man darf nicht vergessen, daß gerade die großen Tempel moderne Tempel sind und daß das Publikum, das diese Tempel besucht gerade auf die Art des Gottesdienstes besonderen Wert legt. Es ist aber auch unmöglich, die Tragung des Gebarungsabganges der Tempelvereine immer wieder nur den Angestellten aufzubürden. Man braucht nur die Gehalte dieser Angestellten den Gehalten der Angestellten der Kultusgemeinde gegenüberzustellen und man wird gleich sehen, wie sehr diese Gehalte sich zu Ungunsten der Vereinstempelangestellten voneinander unterscheiden. Die Entlassung von Chorsängern erzeugt erst recht berechtigten Unmut in der Bevölkerung, da die Bevölkerung ganz genau weiß, daß diese strengen Reduktionsmaßnahmen das Heer der jüdischen Arbeitslosen nur vermehren. Wenn man Mitglied eines Vereinstempels ist und sich für die Gebarung und Führung eines solchen Tempels interessiert, dann gewinnt man den Eindruck, daß diese Vereinstempel gegenüber den Tempeln der Kultusgemeinde sehr stiefmütterlich behandelt werden. Jedem Juden drängt sich die Frage auf. warum denn sich diese Tempel von den Gemeindetempeln unterscheiden sollen. Hat nicht die Bevölkerung des VI. Bezirkes, des IX. Bezirkes, als zweitgrößtem Judenbezirk, des X. Bezirkes und größere Teile der Bevölkerung der Leopoldstadt ein Recht darauf, zu verlangen, daß die Kultusgemeinde für ihre religiösen Bedürfnisse in der gleichen Weise sorgt, wie für die religiösen Bedürfnisse der Glaubensbrüder des I. Bezirkes, von Floridsdorf, von Ottakring und Währing? Zahlen die Juden der der israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Aus der diesjährigen, durch die bekannten politischen Ereignisse herbeigeführten Gefährdung des österreichischen Fremdenverkehres ergibt sich für alle die selbstverständliche Pflicht, an den Bestrebungen, diese empfindliche wirtschaftliche Schädigung in anderer Weise wettzumachen, weitgehend mitzuwirken. Die Sperre der deutschen Grenze hat am härtesten das Land Tirol betroffen, da es wegen seiner geographischen Lage hauptsächlich von Touristen, Sommer- und Kurgästen aus dem benachbarten Reiche besucht wurde. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck sieht sich daher bestimmt, im Rahmen der seitens der maßgebenden jüdischen Kreise Oesterreichs eingeleiteten Aktion, die Judenschaft aufzufordern, in diesem Jahre die Kurorte und Sommerfrischen Tirols aufzusuchen und dafür auch unter ihren Angehörigen und Bekannten im Auslände zu werben. Wir sind auch ermächtigt, auf diesem Wege an alle unsere ausländischen Freunde die höfliche Einladung zu richten, ihren Sommeraufentbalt im wunderschönen Alpenlande Tirol zu nehmen, im Lande der Felsen und Firne, der Seen und heilbringenden Quellen. Die wiederholten Zusicherungen der Regierung und der Landesbehörden, sowie die Einsicht der an der liebung des Fremdenverkehres in höchstem Maße interessierten Bevölkerungskreise geben die sicherste Gewähr dafür, daß keinerei Störung der Ruhe oder Behelligung jüdischer Gäste zu gewärtigen sind. Der gefertigte Vorstand ist gerne bereit, allfällige auf den Aufenthalt in Tirol bezügliche Anfragen eingehend zu beantworten und auch sonstige Auskünfte zu erteilen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. FLIEGER-GARTEN-KINO KÖRNER & CO. DL LIECHTENSTEINSTRASSE 37 Wiens einziges Freiluflkino eröffnet Telephon A 18-1-52 Bezirke, in denen Vereinstempel sind, etwa weniger Kultussteuer als die Juden in den anderen Bezirken? Es ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Tempelbesucher der Vereinstempel bringen größere Opfer für die Erhaltung ihrer Tempel, weil für diese Tempelbesucher die Erhaltung der Tempel eine Gewissens Pflicht ist. Leider hat aber die Wirtschaftskrise die Leistungsfähigkeit gerade dieser opferfreudigen Juden besonders herabgemindert. Müssen diese Juden, die ohnedies alle Opfer bringen, dafür bestraft werden, indem der Gottesdienst in ihren Tempeln weniger feierlich ist, als der in den Gemeindetempeln? Jeder Jude wird zugeben, daß die finanzielle Situation der Kultusgemeinde in diesen schwierigen Zeiten eine sehr bedrängte ist. Aber jeder Jude, für den der Besuch des Tempels außer der Befriedigung seines religiösen Empfindens Trost, seelische und moralische Stärkung in diesen bedrängten Zeiten bedeutet, hat ein Recht darauf, zu verlangen, daß vorerst außer Versorgungshaus. Rothschild-Spital. BKnden-Institut und anderen Wohlfahrtsinstitutionen die Tempel erhalten und erst dann Gesang-, Sportvereine etc. subventioniert werden. Wie Amerika und England den den deutschen Brüdern hilft Der Gouverneur von New York eröffnet den Zwetmlllionen-Drive des Joint Distribution Commlttee für die Hilfsaktion zugunsten deutscher Juden. — Eine Viertelmillion am ersten Tage gezeichnet Der vom Jewish Joint Distribution Committee of America Ende Mai beschlossene Drive zur Aufbringung von zwei Millionen Dollar für das Hilfswerk zugunsten deutscher Juden wurde am 14. Juni in New York mit einem Bankett, auf dem der Gouverneur des Staates New York Herbert H. Lehman und der frühere Botschafter Guggenheim als Hauptredner auftraten, eröffnet. Auf dem Bankett wurden 250.000 Dollar für den Hilfsfonds gezeichnet. Die von jüdischen Organisationen der Stadt New York ins Drive-Komitee entsandten Vertreter haben es übernommen, in der Stadt New York aliein die Hälfte der vorgesehenen Drive-Summe, eine Million Dollar, aufzubringen. Der Plan, eine Hilfsaktion für notleidende Juden in Deutschland einzuleiten, wurde auf einer außerordentlichen Tagung des Joint Distribution Committee im April d. J. in New York entwickelt. Auf der Konferenz wurde beschlossen, neben der vom Joint Distribution Committee durchgeführten Sammlung zur Fortsetzung der Hilfsarbeit des Joint in Osteuropa eine besondere Aktion zugunsten deutscher Juden einzuleiten. Das europäische Bürc des Joint Distribution Committee wurde beauftragt, die Hilfsarbeit in engem Kontakt mit den philanthropischen jüdischen Organisationen Deutschlands durchzuführen. Der Vorsitzende der Konferenz James N. Rosenberg erklärte bei dieser Gelegenheit, das Joint Distribution Committee befasse sich ähnlich wie das Rote Kreuz und andere derartige Organisationen durchaus nichtmitpolitischenAngelegenheiten:die Konferenz werde sich demzufolge ausschließlich auf die Erörterung von Fragen, die mit unmittelbarer Hilfeleistung zusammenhängen, beschränken. Die tragische Lage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, führte er aus. erfülle die amerikanische Judenheit mit unsäglichem Schmerz: es sei dies jedoch weder die Zeit noch der Ort. mehr zu tun, als festzustellen, daß man vor einem schwierigen Hilfsproblem stehe. James Rosenberg brachte die Zuversicht zum Ausdruck, daß man bei der Lösung dieses Problems auf die Unterstützung aller ohne Unterschied von Rasse, Nationalität oder Bekenntnis rechnen könne. Dr. Jonah B. W i s e, der Landesleiter der Sammelaktion des Joint Distribution Committee. erklärte jüngst nach seiner Rückkehr aus Europa, wo er in Berlin, Paris und London Besprechungen mit den Führern der deutschen Judenheit. den Leitern der Hilfsaktionen zugunsten deutscher Juden und führenden Persönlichkeiten der jüdischen Wohlfahrtsorganisationen abgehalten hatte, es sei ein enger Kontakt zwischen den jüdischen Stellen Amerikas und Europas, die sich mit der Hilfsarbeit zugunsten deutscher Juden befassen, hergestellt worden. * * Wie aus dem eben veröffentlichten Bericht des britischen Zentralhilfskomitees hervorgeht, haben die Sammlungen für den britischen Zentralfonds für Hilfsarbeit zugunsten deutscher Juden insgesamt 120.000 P r u n d ergeben. Unter den Personen, die größere Beiträge zu diesem Fonds beigesteuert haben, befinden sich zahlreiche Nichtjuden, die in ausführlichen Begleitschreiben ihre Beteiligung an der Sammlung mit dem allgemein humanitären Charakter der Aktion und mit ihrem Wunsche, ihrer Sympathie für die leidenden deutschen Juden Ausdruck zu geben, begründen. II Mitglieder und Freunde der „Union" und der,jugend-Umon" . 77 treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Donnerstag, ab 7j8Uhr abends, im reservierten Teil des Restaurant S. Deutschberger II., Äussfellungsstraße (Straßenbahn-Haltesfelle Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. ramiMiim

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.