Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-06-23 · Heft 25 (23.6.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 25 (23.6.1933)
Date
1933-06-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064374--19340-3084467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Seite 3 VILLA WALDMIN, I6LS (Tirol), ca. iooo m Höne Das schönste See- und Waldgebiet Ganze oder halbe nB3-B»EMSIOM-T»3 Eventuelle Verköstigung auswärts Wohnender Zuschriften und Anfragen sind bis zum l. luli gefl. an das Möbelhaus FUCHS, Innsbruck, Wilhelm-Greilstrafle 4. zu richten für eine nüchterne, mit den Realitäten rechnende Politik. Seine innerjüdische Einstellung war frei von jeder allzu scharfen Agressivität, er war Führer der „Hitachduth", die ohne Betonung des marxistischen Klassenkampfgedankens die Verwirklichung eines konstruktiven Sozialismus in Palästina anstrebt. Ganz enorm waren die Verdienste Dr. Arlosoroffs als Leiter des politischen Departements der Palästina-Exekutive der Jewish Agency. Dr. Arlosoroffs Politik war es zu danken, daß das seit den Unruhen im Jahre 1929 gespannte Verhältnis zur Mandatsregierung und Palästina-Administration sich wesentlich besserte. Ja er hat sogar in behutsamer und umsichtiger Weise Beziehungen zu arabischen Kreisen angeknüpft. Noch vor wenigen Tagen hat Dr. Arlosoroff, übrigens ein blendender Redner, im Wiener Konzerthaussaal einen Vortrag gehalten, der ein zahlreiches Publikum anlockte. Er machte in Wien Station auf seiner Europareise, bei der er insbesondere die Verhältnisse in Deutschland studiert hatte. Auf Grund seiner Beobachtungen gab Dr. Arlosoroff der Meinung Ausdruck, daß der wirtschaftliche und allgemeine Verfall des deutschen Judentums in seinem ganzen Umfang erstimVerlaufvonvierbisfünf Monaten erkennbar werden würde.Denn ungeachtet dessen, daß die Verhältnisse in Deutschland nach außenhin ruhiger geworden seien und die antisemitischen Tendenzen weniger stürmisch zutage treten, schreite in aller Stille die p 1 a nmäßige ökonomische Entwurzelung der deutschen Judenheit infolge der mit eiserner Konsequenz durchgeführten vollkommenen bürgerlichen Entrechtung fort. Die zionistische Exekutive versuche, ihr Möglichstes zu tun, um zur Behebung der Judennot in Deutschland beizutragen. Sie habe zu diesem Zweck nach den Ideen Dr. Arlosoroffs eine Reihe von Plänen vorbereitet, deren Durchführung verstärkte Einwanderungs- und Aufbaumöglichkeiten in Palästina schaffen könne. So sei an eine eventuelle Wiederaufnahme von Anleiheverhandlungen beim Völkerbund sowie an die Schaffung einer Liquidationsbank für Vermögen von Juden, die nach Palästina auswandern wollen oder müssen, gedacht. Wie immer man zum Zionismus stehen mag, die heimtückische Tat, der Dr. Arlosoroff zum Opfer gefallen ist, begegnet allenthalben berechtigter Empörung und Entrüstung und auch die nichtzionistische Judenheit empfindet den schweren Schlag, den Palästina durch das tragische Ende eines seiner Besten erlitten hat. Heldenehrung* Zweimal ist in der abgelaufenen Woche die Wiener Judenschaft in Massen hinausgewandert auf den Totenacker. Beidemal kam sie, um Helden zu ehren. Aber während Norbert Futterweit einem sinnlosen Attentat zum Opfer fiel, sind die tausende jüdische Helden, denen die schöne sonntägige Gedenkfeier galt, gefallen für eine Idee, die sie erfüllte. Dennoch läßt sich zwischen diesem Heidentode tausender jüdischer Jünglinge und Männer und der ruchlosen Ermordung eines unschuldigen Juden eine Beziehung herstellen. Die Männer und Jünglinge, die hinauszogen, um nicht mehr wiederzukehren, sie taten dies in Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht als treue Staatsbürger, sie taten dies aber auch erfüllt von der Hoffnung als Juden, daß ihr Opfermut den gerechten Lohn finden werde, daß der Haß nach dem Weltkriege, in dem Juden so Heroisches geleistet, nicht mehr aufkeimen werde. Sie sollten sich in dieser Hofinung getäuscht haben, wie wir alle uns in dieser Hinsicht getäuscht haben. Norbert Futterweit ist ein Beweis für diesen Irrglauben, hoffentlich der letzte .... Der Märtyrer Norbert Futterweit wurde zu Grabe getragen, wie Märtyrer beerdigt werden. Eine ungeheure Menschenmenge gab ihm das letzte Geleite. Von den Spitzen der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Gesellschaft bis herab zum kleinen jüdischen Mann war alles gekommen, um die Anteilnahme des ganzen jüdischen Wien an dem tragischen Falle zu bekunden. Aber auch viele Christen bewiesen durch ihr Erscheinen ihren Abscheu vor der ruchlosen Tat. Tief ergriffen lauschte diese mächtige Trauergemeinde den schmerzbewegten Worten des Rabbiners Dr. T a g I i c h t, der das gewaltige Leid der Familie Futterweit schilderte, welcher durch den Mord der liebende Gatte und treue Vater eines unmündigen Knaben entrissen wurde. Tiefe Bewegung ging durch die Zuhörermenge, als der Präsident der Gemeinde, Dr. D. F r i e d m a n n, mit erhobener Stimme aussprach, was alle erfüllte, daß wir nicht nur klagen, sondern auch anklagen müssen, weil die Bombe, die Futterweit getroffen, uns allen galt. Er forderte die Lenker unseres Staates angesichts dieses Opfers blutigen Rassenhasses auf, in Hinkunft für den Abbau des Hasses zu sorgen. Im Namen der Kameraden vom „Bund jüdischer Frontsoldaten" sprach der Obmann der Ortsgruppe XII/XV, Dr. Jellin e k, gefühlvolle Worte des Abschiedes. Jung und alt drängte sich nun zur Bahre, um das, was von CliUSIUSBAD TUN© BABEANSTA1LT WIEN IX., CLUSIUSQASSE NR. 12 an der FnedensbrQcke gelegen ■~. Original RUSSlSdieS Dampfbad mit ^zr* Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. _ _ Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Norbert Futterweit übriggeblieben, ein Stück Weges bis zur letzten Ruhestätte zu tragen, wo der Frontbund Spalier bildete. Mit dem El mole rachamim des Oberkantors Taschlitzky, dessen kantorale Funktion überhaupt sehr ergreifend wirkte, nahmen die Trauergäste Abschied von dem braven Manne, dessen Leben blindwütigem Mordwahn zum Opfer gefallen ist... . Die vom Bund jüdischer Frontsoldaten am vergangenen Sonntag vor den jüdischen Heldengräbern am Zentralfriedhof zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten veranstaltete Gedenkfeier litt stark unter der Ungunst des Wetters. Dennoch war eine kolossale Menschenmenge zu der Feier erschienen und man konnte sich vorstellen, wie ungeheuer groß die Beteiligung bei schönerem Wetter gewesen wäre. Hier alle Erschienenen festzuhalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn es war wirklich neben den vielen christlichen Honoratioren alles erschienen, was im jüdischen Wien Namen und Rang besitzt, der gesamte Kultusvorstand, Vertretungen aller jüdischen Parteien und Organisationen u. v. a. Besonders auffallend war die große Zahl jener Teilnehmer, die ihre im Krieg erworbenen Auszeichnungen trugen und so im Rahmen dieser Feier würdig dokumentierten, daß die österreichischen Juden im Weltkriege ihre Pflicht getan haben. Vor Beginn der offiziellen Feier legte eine Abordnung des Bundes zum Andenken an die gefallenen christlichen Kameraden am Obelisk neben der Luegerkirche einen Kranz nieder. Die Bundesführung mit Generalmajor Emil Sommer und Stabschef Hauptmann a. D. Edler von Friedmann an der Spitze empfing den in Vertretung des Heeresministers erschienenen Generalmajor KI e p s c h, der, gefolgt von mehreren Stabsoffizieren des Heeresministeriums und Deputationen der Infanterieregimenter 3 und 5, sowie des selbständigen Artillerie-Regiments Wien, die Ehrenkompagnie des Infanterieregiments 5 unter der Führung des Majors Franz Reicher und die uniformierte Ehrenkompagnie des „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" unter den Klängen der Bundeshymne abschritt. Bundesführer Generalmajor Emil Sommer eröffnete mit einer kurzen Begrüßungsansprache die Feier, die durch Lautsprecher übertragen wurde. Oberkantor Fischer, begleitet von einem starken Chor, sang ergreifend das Schiwissi, darauf ergriff der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Desider Friedraann das Wort und führte folgendes aus: Fern und abseits vom Lärm des Tages haben hier an stillem, weltabgeschiedenen Orte in geweihter Erde jüdische Brüder ihren Frieden und ihre Ruhe gefunden, die in treuer Pflichterfüllung im Weltkriege für das Vaterland ihr Leben hingegeben haben. Uns ihrer in Liebe und Treue zu erinnern, sie zu ehren, ihren Namen unauslöschlich im Gedächtnisse der Ich bringe dem p. t. Publikum höfl. zur Kenntnis, daß meine Firma es übernahm, die Budapester SKREK'schen Orth.™? fpeisekonserveii in Oesterreich in Verkehr zu bringen. Unsere Konserven wurden in den verschiedensten Sorten und Größen erzeugt und geben in aufgewärmtem Zustande ein vollkommen fertiges Mittag- oder Nachtmahl. Vcn besonderer Wichtigkeit sind diese für Badeorte, wo keine verläßlich rituelle Kost zu haben ist. wogegen unsere Konserven eine billige und schmackhafte Verpflegung sichern. Zwischenhändler erhalten die originalen Fabrikspreise. Verlangen Sie noch heute eine spezitisierte Preisf. DIAMANT Wim II., OroBe Schiffgass» 10 Telephon A 48 1-91 Hauptdepot der Budapester Orth. "WD Konservenfabrik: SKREKLIPOT Mitwelt und der kommenden Generationen einzuprägen, ist unsere heilige und brüderliche Pflicht. Bei dieser Feier wollen wir vor aller Welt bekennen und bekunden, daß das Band, das uns mit ihnen verbindet, unzerreißbar und unauflöslich ist. daß in unserem Denken und in unserem Herzen die Erinnerung nicht nur an sie lebendig fortlebt, sondern auch die Idee, für die sie kämpften und starben. Sie hat das Vaterland zu den Fahnen gerufen, sie haben ein uns ehrendes Zeugnis wahren Heldentums gegeben. Sie standen in einer Reihe mit den Söhnen anderer Völker, die sich um Oesterreichs Banner scharten, ihr Blut färbte den Kampfboden der Schlachtfelder wie das Kiut der anderen, die Kugel fragte nicht nach Religion, Volks- und Rassenzugehörigkeit. sie hauchten im Ringen mit dem unerbittlichen Tode ihre Seelen aus. wie die anderen. ihr Ruhm ist nicht größer, aber er soll auch nicht kleiner sein und vor allem nicht der Vergessenheit anheimfallen. Er soll insbesondere unvergessen bleiben in sturmbewegten Zeiten, in denen Seelenvergiftung die Erinnerung an die Vergangenheit zurückzudrängen versucht vor den Ereignissen des Tages. Nur wenn die Verbundenheit im Geiste wahrer Kameradschaft und echter Brüderlichkeit, die die Gemeinsamkeit des Kriegserlebnisses entstehen und zur höchsten Blüte reifen ließ. Vorbild wird allen Bürgern, dann haben sie nicht umsonst gerungen und gelitten, haben sie nicht vergeblich ihren Blutzoll entrichtet, haben sie nicht vergebens ihr Leben aufgeopfert für die von ihnen erhoffte bessere zukünftige Zeit, die die Stimme des Hasses und der Vorurteile verstummen läßt und in der Gerechtigkeit die Menschen einigt und versöhnt. in liebevoller Anhänglichkeit und Pietät, die jüdisches Gesetz und 'üeberlieferung gebietet, hat der Vorstand unserer Gemeinde vor Jahren dieses Kriegerdenkmal gestiftet und durch Künstlerhand erbauen lassen, das in goldenen Lettern für immerwährende Zeiten die Namen unserer Brüder kündet, die unter diesem Grabeshügel ruhen, hat er in der Zeremönienhalle am Eingang dieses Friedhofes die Namen jener vierhundert Söhne unserer Gemeinde verewigt, die iern von ihrer Heimat in fremder Erde ihre letzte Ruhe gefunden haben, pflegt und hütet er diese ihm heiligen Stätten und wird sie betreuen, bis zu der Zeit, wo das Wort unserer Propheten sich erfüllt, daß kein Volk erheben wird das Schwert gegen das andere. Auch in jenen Tagen werden in Ehrfurcht die Häupter sich neigen vor der Majestät des Heldentodes, so wie wir in dieser feierlichen Stunde unserer im Weltkriege gefallenen Brüder in Dankbarkeit und in Ehrerbieten gedenken. Nach Verrichtung des Totengebetes durch Rabbiner Dr. T a g 1 i c h t hielt Feldoberrabbiner Professor Dr. Frankfurter folgende Gedenkrede: Wir stehen hier an den Gräbern der Söhne unserer Gemeinde, die in Ausübung ihrer vaterländischen Pflicht ihr Leben geopiert haben. Keine Tutenieier wollen wir begehen. Denn die Helden, die in diesen Gräbern ruhen, sind nicht tot. tot kann nur der sein, der auf Erden niemandem gelebt, wer aber für andere gelebt, der lebt, wenn er auch gestorben ist. Und wahrlich, die Helden, die hier den ewigen Schlaf schlafen, haben das Höchste, das ein Mensch zu vollbringen vermag, vollbracht. Sie haben ihr Leben hingegeben für das, was uns allen das Teuerste ist. für das Vaterland, für die Heimat. Darum wollen wir nicht klagen, wollen nicht den alten Schmerz über den vorzeitigen Heimgang erneuern, wir wollen vielmehr dem Hochgefühle Ausdruck geben, daß es Söhne unserer engeren Gemeinschaft, daß es Juden sind, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl, ohne Rücksicht auf Vater und Mutter, auf Weib und Kind ihr Leben gelassen haben, für das Vaterland, für die Heimat. Durch das auch von ihren Vorgesetzten wiederholt anerkannte vorbildliche soldatische Verhalten haben sie nicht bloß sich selbst ein Ehrenmal gesichert, sondern auch dem Judentume. dem jüdischen Namen Ehre gemacht, dafür schulden wir Juden ihnen größten Dank. Es erscheint uns daher unabweisbare Pflicht, dies nicht entsprechender tun zu können, als daß wir hier an ihren Gräbern geloben, ihnen nachzuleben mit voller Hingabe, mit unserem ganzen Herzen, mit unserem ganzen Leben und mit allen unseren Kräften dem Vaterlande, der Heimat zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.