Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 25 (23.6.1933)
- Date
- 1933-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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BAD GASTEIN Pension Villa Dr.Wassing an der Kaiser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaus mit Depetid&nce ta landschaftlich reizvoller, ruhiger Lage. 35 Zimmer, fliegendes warmes und kaltes Wasser. Zentralheizung, Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. Gesellsdiaftsräume, Garten. Terrasse Fernsprecher: Nummer 44a. Besitzer: OBERMEDIZINALRAT DR. WASSING BAD GLEICHENBERG 300 Meter (Steiermark) K a r z e it Mai bis Oktober Berühmte Heilquellen, natürlich-kohlensaure Bäder, Inhalatorien, pneumatische Kammern usw. / Hervorragende Erfolge bei Katarrhen, Asthma, Emphysem, Herzleiden I Schönster Erholungsaufenthalt I Volle Pension ab S S ♦ Auskünfte und Prospekte bei Mattoni- Ungar, Wien I., Jasomtrgottstraße 4, sowie in allen Reisebüros ENODHE AUSWAHL BILLIGSTE DDEISE E pF# VAHL Ä*^ ■ IEPPICI1E VODHANGE nODELsrorrE, decken MVR I., BAUERNMARKT 12-14 #S mut bekundete. Nun, da wieder unschuldige Menschenopfer zu beklagen sind, hat die Regierung zu der entscheidenden Maßnahme gegriffen und die vaterlandstreue österreichische Bevölkerung weiß ihr Dank dafür. Wohl sind wir uns bewußt, daß das nun erflossene Verbot jeder nationalsozialistischen Betätigung in Oesterreich auch den Effekt erzielen kann, daß die Machenschaften der Hakenkreuzler im geheimen weiter gehen und da und dort sich brutal auswirken werden können. Aber die Energie, die die österreichische Regierung nach langem Zuwarten bewiesen hat, wird hoffentlich auch weiter bleiben und alle Ansätze eines Neuaufflackems der Haßbewegung im Keime ersticken. Die österreichische Judenschaft, die unter dieser Haßbewegung besonders zu leiden hatte und ihrem blutrünstigen Terror vor kurzem einen braven Menschen opferte, begrüßt die Energie, zu der sich unsere Bundesregierung aufgeschwungen hat, und hofft, daß diese Maßnahme endlich unserem Vaterlande den inneren Frieden bringen wird, der die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Wohlstand Oesterreichs bildet. Schüsse in Tel-Awiw. Fassungslos steht die jüdische Welt der Schreckenstat gegenüber, deren Schauplatz am vergangenen Freitag abends Tel-Aviw gewesen ist und deren Opfer ein hoffnungsvoller junger jüdischer Politiker wurde. Wir sagen: die jüdische Welt, denn in der Verurteilung und Verdammung dieser ruchlosen Tat gibt es sicherlich keine Unterschiede, so differenziert die Judenheit selbst in diesen Tagen, die Einigkeit erheischen würden, ist Dr. Chaim Arlosoroff, der, auf einem Spaziergang mit seiner Gattin begriffen, vor ihren entsetzten Augen von zwei Revolverschüssen niedergestreckt wurde, hat ein Alter von kaum 34 Jahren erreicht. Die näheren Einzelheiten der Ermordung sind bekannt. Zwei bis zur Stunde noch unbekannte Männer sind in der Nähe des mohammedanischen Friedhofes auf Dr. Arlosoroff zugetreten und fragten ihn in hebräischer Sprache zunächst, wie spät es sei. Dr. Arlosoroff beantwortete diese Frage und ebenso die nächste, ob er Dr. Chaim Arlosoff sei. Daraufhin gaben die Leute zwei Revolverschüsse auf ihn ab, von denen getroffen Dr. Arlosoroff schwer verletzt zu Boden sank, indes die Attentäter ungehindert die Flucht ergriffen. Während der Vorbereitungen für eine Operation im Hospital der STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Hadassah, in das er gebracht worden war, erlag Dr. Arlosoroff seinen Verletzungen. Seiner Gattin war es aufgefallen, daß zwei Männer ihr und ihrem Gatten seit -einiger Zeit auf ihren Spaziergängen in verdächtiger Weise folgten, und sie hatte sogar fünf Minuten vor dem Attentat ihren Mann darauf aufmerksam gemacht. Arlosoroff hatte aber dieser Warnung unglückseligerweise keine Beachtung geschenkt. Sein Leichenbegängnis fand Sonntag, den 18. d. M., unter ungeheurer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung und im Beisein der Palästina-Regierung statt. Im Lande herrscht augenblicklich Ruhe, die Verhaftung von Juden und Arabern in Palästina im Zusammenhang mit der ruchlosen Tat wird von der Londoner Zionistischen Executive bestätigt. Aus diesen Verhaftungen lassen sich zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, keine Rückschlüsse auf die Personen der Täter, für deren Ergreifung die palästinensische Polizei 1000 Pfund und die Jewish Agency 500 Pfund ausgesetzt haben, ziehen. Mutmaßungen liegen wohl nahe, aber sie sollen nicht ausgesprochen werden, bevor nicht Klarheit in dieser traurigen Sache besteht. Hoffentlich gelingt es in Kürze, diese Klarheit zu schaffen, und wird nicht auch dieser Anschlag so unaufgeklärt bleiben, wie so viele Attentate der letzten Zeit, die immer wieder das Bestehen von Terroristengruppen in Palästina bewiesen, ohne daß es geglückt ist, ihrer habhaft zu werden. Die Ermordung Dr. Arlosoroffs erfolgte in einem für Palästina äußerst kritischen Momente. Wie in diesen Blättern in letzter Zeit wiederhoft ausgeführt, ist Palästina als eine der Möglichkeiten, den aus ihrer Heimat auswandernden deutschen Juden ein Asyl zu bieten, in den Mittelpunkt jüdischen Interesses gerückt. Die Schwierigkeiten der Verwirklichung dieses Planes sind gewaltig große und es bedarf bei einer solchen Sachlage kluger Köpfe, um die Dinge zu meistern. Dr. Arlosoroff war ein solcher kluger Kopf, er hatte, schon als Schüler Professor Weizmanns, stets nur Sinn Feuilleton Glück in Österreich. Oesterreich steht derzeit im Mittelpunkt wohlwollendsten Weltinteresses. Sein heroischer Kampf um Selbständigkeit und Unabhängigkeit findet allenthalben lebhafteste Zustimmung und Förderung, auf politischem Gebiete sind also heute die Chancen Oesterreichs die denkbar günstigsten. Aber auch das Land selbst gewinnt durch das freundliche Interesse, das die Welt nun seiner klugen Politik entgegenbringt Wenn nicht alles täuscht, steht Oesterreich heuer vor einem Fremdenzustrom, wie er seit langer Zeit noch nicht zu beobachten war. Die Fremden, die unser schönes Land besuchen, werden wahrlich auf ihre Rechnung kommen. Seit Jahr und Tag wird die Pracht dieses Landes in Dichtungen besungen, in Werken geschildert Aber wenige haben Art und Wesen Oesterreichs und seiner Bewohner so gut erfühlt wie der deutsche Jude Ernst L i s s a u e r, der in seinem vor einigen Jahren im Frankfurter Sozietätsverlag erschienen Buche „Glück in Oesterreich" eine farbenprächtige Symphonie über Oesterreichs Land und Leute bot. Vor den Augen des entzückten Lesers entsteht das Land, wie es wirklich ist, seine Schönheit, die nicht übertroffen werden kann. Das ausgezeichnete Buch hat gerade jetzt seine Aktualität, denn es vermag unserer Heimat noch mehr Freunde zu gewinnen, und deshalb sei auch das Kapitel über Oesterreichs Kurstädte hier wiedergegeben. D. Red. Die Österreichische Stadt ist immer ein wenig Kurstadt, es ist ein rechtes Kurgebiet, dies Oesterreich, so herrlich ausgestattet von der Natur, daß beinah ein jeder Ort Sommerfrische sein kann. Oft über österreichischen Kurorten glänzt ein Charme, es ist der österreichische Charme, in besonderer Dosierung und Tönung. Das österreichische Wesen ist vielfältig voll weiblichen Einschlages, und wie von weiblich holder Sanftmut sind diese Kurorte, Pflegeorte von Natur, wie Frauen von Natur pflegende Wesen sind. Ein ungreifbarer Charme: die Art, wie sie sich geben, in welchen Farben sie sich tragen; wie Baden sich an die Hänge des Helenentals lehnt, Ischl sich längs Traun und Ischl fügt; wie sie die altmodischen Einschläge im österreichischen Wesen nuancieren. Das Bild des österreichischen Kurorts — eben Ischl oder Baden, Aussee oder Alt-Aussee, doch nicht nur sie — wird bezeichnet durch Villen, die wirklich noch im ursprünglichen Sinn des Wortes Landhäuser sind, ein- und zweistöckige, leicht gebaut, Fassade und Fensterreihe oft völlig ohne Schmuck: aber das Haus ist irgendwie schräg gegen die Straße oder leicht verquer in einen Garten gesetzt, irgendwo in einer Nische steht ein vorweltliches Heiligenbild oder eine verbürgerlichte Griechengöttin, irgendwo im Garten steht noch vielleicht ein verjährtes Tempelchen als anspruchsloses Lusthaus, und dieses ganze schlichte Anwesen ist nun voller Rasenverstecke und Winkelsteige, es sind so viele Gelegenheiten zu holden Verschattungen von Vordach und Säulenwerk, Baumkronen und Kletterwein; Blätterwind und Windschatten, die Sonnenarabesken der Zweige sind mitgebaut, das Haus mit Baikonen und Terrasse langt in das webende Glastgrün der Gartenluft und das süße Gartenlicht sintert durch die losen Sommerstuben. Diese Land- und Miet-, Brunnen- und Badhäuser stammen aus einer Epoche, die noch nicht dermaßen eilte und hetzte, die noch nicht die Seelen mit beständigen Anregungen und Aufregungen in Atömchen zersplitterte, und diese Herkunft kommt der Heilkraft der Orte zugute; es ist, als sei die Bauweise des Empire und Biedermeier in ihrer lichten Traulichkeit, in ihrer eingeborenen Stille und Ratsamkeit besonders geeignet, Stätten der Genesung zu schaffen. Und nicht nur die Bad- und Villenviertel, auch die Gassen und Häuser, die von einheimischen Familien bewohnt werden, tragen diesen heilkräftigen Flair von beruhigender Friedsamkeit an sich, der selbst durch den unruhvollen Betrieb der Hochsaison nicht gänzlich abgelöscht werden kann. Wie Geigen und Weine werden diese Orte mit dem Alter holder und reifer. Jenes Häuserweiß und Frontengelb, welches oft auf diesen Blättern beschworen wird, scheint in ihren Straßen noch gelber, noch weißer, noch österreichischer zu strahlen. Baden an einem Sommernachmittag ist wie ein einziger See von Biedermeiergelb: die Marchettigasse zwischen Wassergasse und Ring ist ein trompetenstarkes Unisono prall sonnengelber Fronten. Und die Ischler Esplanade! Die Zeile ihrer Häuser wäre noch holdselig, wenn sie nicht längs der langen Wipfelallee und dem durchsichtigen Aquarellgrün der Traun liefe. Sie ist in der einhelligen Sanftmut ihrer Rot- und Grün- und Gelbfarben lieblich wie ein erbautes Gemälde; ja selbst das Esplanadekino fügt sich mit seinem Grün und Gelb in sie ein, und selbst der Briefkasten scheint in einem spielenderen Gelb zu glänzen. Ein Laden, der diese Farben in moderner Grellheit reflektiert, führt immerhin den entzückenden Namen „Zum Schmetterling"; „Tänzlgasse" heißt nach einem verdienten Ischler ein Seitensträßchen, aber man hört den Namen anders: eine Schmetterlings-, eine Tanz- und Tänzelgasse ist diese lichte Esplanade. Und wieder, von bunter Zeile des anderen Ufers, aus offener Wölbung alter Kapelle dunkelt ein schweres Weinrot herüber. Allenthalben in diesen Kurstädten und -Städtchen sind diese Blicke auf getan: zierlich, wie getuscht. Diese pflegliche Friedsamkeit der Kurorte ist nicht zu verwechseln mit der Oede mancher Kleinstädte, aber ihr Schein und Flair hebt sich keineswegs sonderlich ab von dem Grundbild der österreichischen Stadt. In Graz ist eine Art Kurviertel zu erkennen, und es ist gewiß nicht zufällig, daß das elegante Restaurant im Wiener Stadtpark Kursalon heißt. Vollends Salzburg, an den Salzachufern, am Makartplatz, etwa um das Cafe Tomaselli herum, Innsbruck um den Maria-Theresien-Platz, die Stadtsäle, Ferdinandallee, Hofgarten sind große Kurstädte, Residenzen des Sommerlandes.