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Die Wahrheit · 1933-06-16 · Heft 24 (16.6.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 24 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die gebührende Antwort Die in der Vorwoche in Wien geplante Propaganda-Veranstaltung für die Leipziger Messe, die durch einen großen Empfang der Vertreter der inländischen und ausländischen Presse eingeleitet werden sollte, mußte abgesagt werden, da von den eingeladenen Zeitungen und Journalisten keine Antwort bezüglich Teilnahme eingetroffen war, was als stillschweigende Ablehnung angesehen wurde. Von der großen österreichischen Tagespresse hatte angeblich bloß die „Reichspost" die Einladung beantwortet Vom Verbände der jüdischen Auslandsberichterstatter traf eine negative Antwort ein mit der Begründung, daß man jüdischen Journalisten nicht zumuten könne, an einer im Dienste des gegenwärtigen extrem antisemitischen Regimes in Deutschland stehenden Propaganda teilzunehmen. Die Juden, heißt es in dem Schreiben, hegen keine Aversion gegen das deutsche Volk oder gegen Deutschland überhaupt, verurteilen aber das derzeitige deutsche Regime, das die Juden menschlich diffamiert und bürgerlich entrechtet Der in Wien zufällig anwesende Generaldirektor der Leipziger Messe, Dr. Köhler, versuchte vergeblich die Journalisten umzustimmen; mit dem Präsidium des jüdischen Verbandes hatte er eine besonders lange Aussprache. Der Presseempfang, der der Veranstaltung vorangehen sollte, wurde gleichfalls abgesagt Das Etablissement Tivoli in Schönbrunn legt nach Mitteilungen des „Kampfruf auf den Besuch jüdischer Gäste keinen Wert; dem Manne kann geholfen werden. Der „Judendoktor". Im „Völkischen Beobachter" findet sich folgende gemütvolle Annonce: Endlich macht sich unser Judendoktor, der 45 Jahre die Gegend bearbeitete, aus dem Staube. Welcher nat-soz. Arzt kommt ab 1. Juli in die gute Praxis? Ortsgruppe der NSDAP. Münchroth bei Dinkelsbühl. Sie haben also ihren Arzt der älter als siebzig Jahre sein muß und viel Gutes gestiftet haben dürfte, denn sonst hätte er sich nicht so lange Zeit in dieser Gegend halten können, vertrieben, um nun die mühsam erworbene Praxis einem Manne, der weniger heilals gesinnungstüchtig sein und vor allem den nordischen Rassebelangen entsprechen muß, zuzuschanzen. Immer noch besser, ein Arzt mit dem Hakenkreuz auf der Brust befördert einen Kranken ins Jenseits, als daß ihn ein jüdischer Arzt im Diesseits heile. Zu den neuesten Wiener Grabsteinfunden. Die Ansetzung des einen der beiden vor kurzem ausgegrabenen Grabsteine des ältesten Wiener Friedhofes auf das Jahr 1120 würde die Ausführungen Dr. Grunwalds in dem von dem kürzlich verstorbenen L. Taubes und Chaim Bloch herausgegebenen „JüdischenJahrb u c h" bestätigen, denen zufolge um jene Zeit ein jüdischer Friedhof in Wien bestanden hat Mischehen in der Tschechoslowakei. Aus den letzten Veröffentlichungen des Statistischen Staatsamtes über die demographiscbe Entwicklung in den Jahren 1925/27 geht hervor, daß die Nuptialität bei den Juden in der ganzen Tschechoslowakei stabil ist und eher einen kleinen Aufstieg als einen Rückgang zu verzeichnen hat. 1925 wurden von Personen israelitischer Konfession 2921 Ehen geschlossen, 1926 1951 Ehen, 1927 bereits 3024. Auch in den historischen Ländern (d. h. Böhmen, Mähren und der tschechische Teil von Schlesien) ist die Zahl jüdischer Ehen annähernd stabil. Auffällig ist der große Prozentsatz von Mischehen, die für die ganze Tschechoslowakei 1925 von 2921 Ehen 558, d. h. 19 Prozent ausmachen. 1926 und 1927 wurden 549 Mischehen eingegangen. In den historischen Ländern bilden die Mischehen in diesen drei Jahren annähernd 33 Prozent aller jüdischen Ehen. GRADO IM SCHULDIREKTORSGATTIN. die den Sommer (1. Juli || bis 1. September) in Grads verbringt, nimmt Kinder im || Alter von 6 bis 15 Jahren mit Streng ritaeil! Auskunft || erteilt Fr. Irma N e u w i r t h, Wien II-, Zwerggasse 5. II Telephon A 42-8-86. Wien I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentralfriedhof, itltl Im I. Cor, Tel. U 18-0-85 Palästina-Nachrichten. Die in Palästina in Angriff genommene Aktion für den Hilfsfonds zugunsten jüdischer Auswanderer aus Deutschland nimmt einen außerordentlich günstigen Verlauf. Dem Spendenaufrüf des Zentralkomitees hat nicht nur die jüdische Bevölkerung in starkem Maße entsprochen, auch von christlichen Einwohnern, insbesondere von in Palästina ansässigen deutschen Christen, sind namhafte Spenden eingelaufen. In zahlreichen Begleitschreiben zu diesen Spenden wird denf Mitgefühl für die von einem harten Schicksal betroffenen deutschen Juden Ausdruck gegeben. Das für die Juden ungünstige prozentuelle Verhältnis von jüdischen und arabischen Beamten in der palästinensischen Polizei hat eine weitere Verschlechterung erfahren. Am 1. Juni fanden Neuaufnahmen in die Polizeischule statt, bei denen 22 Araber, aber kein einziger Jude in die Schule eingereiht wurden. Am Polizeioffizierkurs nehmen gegenwärtig 12 Araber und ein Jude teil. Frau Felix M. Warburg, die Tochter des großen Philanthropen und Führers der amerikanischen Judenheit Jacob fl. Schiff, hat zur Erinnerung an ihre Eltern eine Summe von 100.000 Dollar als einen Fonds für die Hebräische Universität in Jerusalem gestiftet Das Palästina informalionsDudi ist soeben erschienen! Das einzige Buch in deutscher Sprache, welches alle Fragen über Palästina, Paläst inaverwaltung, Steuer-, Rechts-, Verkehrs- und Zollwesen, Touristen- und Uebersiedlungsbestimmungen, Existenzmöglichkeiten, Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft präzise beantwortet, zugleich aber einen Führer durch Palästina darstellt und ein hebräisches Vokabularium (in Lateinschrift) enthält 116 Oktavseiten Tatsachen, Ziffern und Daten, mit einen Landkarte. Objektiv gehalten. Erhältlich in der Administration der „Wahrheit". IL. Heinestraße 13. Preis (exklus. Versandspesen) S 4—. Der jüdische Dozent an der Government Law School, Mani, hat den Auftrag, in einer arabischjüdischen Klasse über internationales Recht zu lesen. Anläßlich seiner ersten Vorlesung am 1. Juni blieben die arabischen Studenten demonstrativ dem Kolleg fern. * Das Colonial Office gibt bekannt, daß Herr John H a t h o r n, bisher Abteilungsleiter im Colonial Office, zum Chefsekretär der Palästina- Regierung ernannt worden ist. Er wird im August in Palästina eintreffen, um sein neues Amt anzutreten. Der bisherige Chefsekretär Herr M. A. Young ist zum Gouverneur von Barbados ernannt worden. * Eine jüdische Delegation sprach heute bei dem stellvertretenden High Commissioner für Palästina vor und ersuchte ihn, dahin zu wirken, daß der neue Munizipal-Gesetzentwurf so abgeändert werde, daß die Juden in Städten mit gemischter Bevölkerung autonome Stadtgemeraden bilden können. „Tag des jüdischen Sportes." Am 18. d. M. wird auf dem Hakoah-Platz in der Krieau vom Makkabiweltverband, der Hakoah, dem Bunde jüdischer Frontsoldaten und der Wiener Makkabi ein großes jüdisches Sportfest veranstaltet, bei welcher Veranstaltung auch auswärtige Athleten, Hagibor-Prag. Makkabi-Brünn usw. sich beteiligen werden. Die Vorführungen werden folgende Sportzweige umfassen: Leichtathletik, Fußball, Wehrsport, Ringen und Fechten. Ein Aufmarsch der wehrhaften jüdischen Jugend und der Sportler wird. dieses gewiß interessante Sportfest beschließen. FLIEGER GARTEN KINO KÖRNER & CO. IX. LIECHTENSTEINSTRASSE 37 Wiens einziges Freiluftkino eröffnet Telephon A 18-1-52 Wo bleibt der Dank? Der Verfasser des folgenden Gedichtes lebta in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Hamburg. Das Gedicht bezieht sich auf die Schlacht bei Beile- All i a n c e. einem Meierhof bei Waterloo. Dort schlug am 18. Juni 1815 Wellington im Verein mit Blücher Napoleon. Deutschland war damit endgültig von französischer Herrschaft befreit Im Jahre 1S1& gab es noch keine allgemeine Wehrpflicht. Viele Juden, erfüllt von Begeisterung und Liebe für das deutsche Vaterland, meldeten sich freiwillig zum Kampfe. Ihr Mut und ihre Tapferkeit wurden anerkannt, viele zu Offizieren ernannt. 55 erlitten in der Schlacht bei Waterloo den Heldentod. Während' des Krieges wurde den Juden als Dank für ihr Verhalten die Gleichberechtigung versprochen. Dieses Versprechen wurde aber nicht eingehalten. Erst im Jahre 1848 erhielten die deutschein Juden die- Gleichberechtigung. Ereignisse ähnlicher Art wiederholen sich jetzt ein zweites Mal nach dem Weltkriege, in dem 12.000 deutsche Juden für ihr Vaterland starben. Aus dem ersten geschichtlichen Ereignisse können wir die sichere Hoffnun« schöpfen, daß wieder eirr Tag kommen wird, an dem den deutschen Juden die volle Gleichberechtigung eingeräumt wird. Dr. E. W. Am Jahrestag der Schlacht bei Belle-Alllance. Von M. M. Haarbleichen Oeffnet die geweihten Hallen, stimmt zur Andacht eure Herzen, Lasset von der Lade flammen fünfundzwanzig Jahrzeitskerzen; Hunderttausendstimmig steige laut ein Kadisch heuf' empor, Schmetternd an der niedern Menschen, an der* hohen- Gottheit Ohr. Denn ein Jahrzeitstag ist heute, wie wir selten ihn gefeiert, Wir, die Greise der Geschichte, die wir ihren Strom durchsteuert Unsre besten, schönsten, stärksten, kühnsten Brüder fielen heut, Opfer Hntergang'ner Treue, argbelohnter Redlichkeit Wie ein Adler los sich schwingend aus den Netzen gier'ger Feinde. Rief einst Preußens edle Stimme seiner Israelgemeinder ..Söhne eines Vaterlandes, Dulder einer gleichen Not, Kommt, erringt in unser'n Reihen Ruhm und Freiheit oder Tod!" „Vaterland und Freiheit!" mächtig widerhallten diese- Töne, Und zum ernsten Waffengange drängten schnell sich uns're Söhne, Und der Reiche gab sein Silber und die Jungfrau ihren- Schmuck. Abzutun in einem Kampfe Feindes, ach, und Freundes Druck. Immer in den ersten Reihen, freudig im Gewühl der Schlachten, Sah man uns're jungen Helden Tod und Wundenschmerz verachten, Volk und Heer und Führer staunten ob des Mut's, dessie entbrannt. Und zu Obern wurden viele mitten im Gefecht ernannt Unterdessen war vom König allen Juden angelobet Weil er ihre heiße Liebe zu dem Lande nun erprobet. Daß der Fesseln letzte Ringe, alter Knechtschaft letzte- Pein, Ihrem kraftbewährten Arme abgenommen solle sein. Manchen hocherkauften Sieg noch teilten sie in Preußens Heeren. Unter hohen Kriegesfürsten, deren Taten wir verehren. Und bei Belle-Alliance, wo Scharen fraß des Krieges Flammenzahn, Blieben ihrer fünfundfünfzig Offiziere auf dem Plan. Treu dem Land und seinem Fürsten starben uns'retapfren Brüder, Und kein Stein nennt ihre Namen und kein Griffel schrieb sie nieder, Wunden zierten ihren Busen, Spalten kränzten dort ihr Haupt: Doch im Frieden ward der Sold uns ihres Blutes noch geraubt. Ach. sie fielen wie Urias. den das Schwert der Feinde fällte. Da den biedern Helden David schutzlos an die Vorwacht stellte. Denn es ließ sich nach dem Siege gleißnerisch der Ausspruch hören: Wer von Israels Geschlechtern will zu andern Göttern schwören? Ehr' und Lohn ihm, doch wer starri£ an dem alten Glauben hängt. Von den Ehren, von dem Lohne sei von heut' an er verdrängt.

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